Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 28

Sonntag – 12. Mai 2019

In einem Bett werden wir erst in 3 Tagen wieder liegen. Später mehr. 🙂

Es ist wieder um 7 Uhr als wir loslaufen. Von Lires nach Muxia sind es zwar wieder nur 17 Kilometer, allerdings wollen wir uns in Muxia viel ansehen. Ähnlich wie in Finisterre, ist auch in Muxia zwischen Stadt und Leuchtturm ein Stück zu laufen. Unsere letzte Nacht in Spanien wollen wir am Strand schlafen. Um die perfekte Stelle zu suchen brauchen wir auch noch etwas Zeit.

Heute Morgen geht es von Anfang an bergauf. Zwischen uns und Muxia liegt noch eine letzte Erhebung von fast 300 Metern über dem Meer. Heute kommen uns plötzlich viele Pilger entgegen. Vermutlich gehen viele den Weg „andersherum“ um als Abschluss am Ende der Welt zu sein. Wir treffen auch Juao der uns entgegenkommt. Er hat noch einen Tag in Finisterre, wir in Muxia, dann geht unsere Zeit zu Ende. Vielleicht treffen wir uns ja tatsächlich morgen nochmal in Santiago. Juao bleibt mir in Erinnerung durch seinen Namen. Seine englische Aussprache war für mich schwer zu verstehen. Daher sind wir nie über kurzen Smalltalk hinausgekommen. Es ist wieder ein heißer, sonniger Tag. 2 Kilometer vor Muxia ist der Playa de Lourido. Dort machen wir ein spätes Frühstück. Anschließend eine ausgedehnte Fotosession. 100te Fotos. Wir fragen uns jetzt schon, wann wir das alles bearbeiten wollen. Die Sonnencreme wird heute nochmal sehr strapaziert. In Muxia angekommen, ziehe ich mir vorsichtshalber ein Langarmshirt an, um meine sonnenverbrannten Oberarme etwas abzudecken. Die Stadt ist ohne Stadtplan anfangs etwas verwirrend. Als erstes suchen wir eine Bar um dringendst unsere Wasserflaschen wieder aufzufüllen. Danach suchen wir die Touristinformation, die uns die Muxianal (die Compostela für den Weg zwischen Finisterre und Muxia) ausstellen wird. Diese hat allerdings geschlossen. In der Tür ist ein Hinweis, dass jede Albergue uns diese Urkunde ausstellt. Okay. Eine ist gleich nebenan. Da wir hier aber nicht übernachten wollen, werden wir weiter geschickt. An der zweiten Herberge die gleiche Antwort. „Nur für Gäste.“ … Aber dann … „Oder reist ihr heute mit dem 18.45 Uhr Bus gleich wieder nach Santiago?“ – „Na klar! Si, si.“ Dann eben so. Hauptsache wir haben eine. Nach einer weiteren Pause in einer Bar gehen wir dann aber endlich zur Ortsbegehung. Muxia ist eine malerische Stadt. Eigentlich viel ansehnlicher als Finisterre. Das Ende des Kinofilms „The Way“, mit Martin Sheen, ist hier in Muxia gedreht. Im Film spielt die Szene in Finisterre. Gedreht wurde es aber hier, weil die Stadt schöner ist. Mit diesem Wissen werde ich den Film wohl noch einmal ansehen müssen. Mit “Das Ende der Welt“ kann die Stadt ja nicht werben, darum wirbt Muxia mit „Fin do Camino“. Auch hier steht ein weiterer Kilometer 0 Stein. Die Virxe de Barca ist eine Kirche, die an der Spitze der Halbinsel liegt. Dieser Bau, der fast in den Atlantik reicht, ist ein Nationalheiligtum der galicischen Bewohner. Wie sich diese Kirche der Gewalt des Atlantiks entgegenstellt, ist beeindruckend. An stürmischen Tagen schlagen die Wellen bis an die Kirchentür. Aufgrund der zahlreichen Schiffe, die an der Küste zerbrachen, ist die Costa da Morte, die Todesküste, ein passender Name. Ein aktueller und der bekannteste Fall ist sicher der Öltanker Prestige. Im Jahr 2002 lag der  Tanker vor der Küste und meldete ein Leck im Rumpf. Kurz darauf brach er mit 77.000 Tonnen Schweröl an Bord in zwei Teile. Das Öl klebte sogar an den Straßenlaternen der Fischerstadt. Muxia war quasi vom Öl eingeschlossen. Ein 35 Meter hoher, zweigeteilter Granitblock erinnert heute an diese Katastrophe. Die größte Umweltkatastrophe Spaniens.

Wir vertun uns die Zeit also mit einem Ortsrundgang und enden am Strand. Wir waren zwar mit den Füßen schon ein paar Mal im Atlantik, ganz aber noch nicht. Die Temperatur kann ich schlecht schätzen. 12 – 13 Grad vielleicht? Wie letztes Jahr in den Alpen versuche ich es auch hier mit der „nicht nachdenken Taktik“. Es klappt sogar ganz gut. Ein Stück schwimmen wollte ich aber dann doch nicht. Schnell wieder raus.

Zuvor hatten wir uns Wein, Brot und Oliven im Ort geholt. Nach der Stunde am Strand suchen wir uns einen schattigen Platz und machen Abendbrot. Uns ist noch nach einem Eis als Nachtisch und so gehen wir noch einmal in die Stadt. Außer für ein Eis entscheiden wir uns für eine weitere Flasche Wein und setzen uns wieder ans Meer um den Sonnenuntergang zu sehen. Wie aus einem Reiseprospekt! Nach dem vielen Wein hier, zu jedem Pilgermenü und auch sonst, werden wir wohl erstmal eine Entziehungskur brauchen.

Nachdem es langsam dunkel wird, suchen wir uns einen Platz zum schlafen. Am Strand – denn das steht noch aus. Unsere letzte Nacht am Camino soll auch eine warme Nacht werden. Wenn nicht jetzt – wann dann? Wir bauen uns ein Lager. Nicht im Sand, sondern ein kleines Stück erhöht. Schließlich haben wir gerade Ebbe und wir wissen nicht genau wie hoch das Wasser steigt. Lieber etwas feige als weggespült. J Nach dem vielen Wein schlafe ich schnell ein. Bin aber auch schnell wieder wach. Jedenfalls immer mal wieder. Wir liegen nicht weit von einer Laterne. So ganz sicher fühle ich mich vor der Flut noch nicht. Die Nacht ist zwar nicht kalt, aber trotzdem feucht.

5.30 Uhr klingelt diesmal unser Wecker. Wir sehen aus als hätten wir die Nacht durchgezecht. Kurze Katzenwäsche und dann packen wir unseren klammen Schlafsack zusammen. Um Punkt 6.00 Uhr öffnet die Bar, vor der in 45 Minuten der Bus nach Santiago hält.

Virxe de Barca