Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 30

Samstag – 29. Juni 2019 – Versuch eines Fazits

Und? Wie wars? Das war die „Frequently Asked Question“ – die häufigste gestellte Frage. Tsja, was soll man darauf antworten? Ich habe darauf keine schnelle Antwort. „Unbeschreiblich!“ Das habe ich meist als Erstes gesagt. Direkt nach unserer Rückkehr habe ich kein ganzes Bild vom Erlebnis Camino vor Augen gehabt. Auch heute sehe ich den Jakobsweg noch nicht als eine einzige Erinnerung. Jeder Tag, jede Etappe und jede Stadt … manchmal sogar nur eine Kurve, ist eine Erinnerung für sich. Ich glaube das ist nie möglich, alles zu verarbeiten. Mit Hilfe meines Tagebuchs (was du eben gelesen hast) und unseren tausenden Fotos kann ich den Weg langsam nachzeichnen. Aber nur anhand der Daten. Meine Erinnerungen sind noch viel, viel größer. Ich bekomme immernoch Gänsehaut beim Lesen der Ankunft in Santiago. In einem „normalen“ Jahresurlaub ist man in einer oder in zwei Unterkünften. Diese bleiben immer die gleichen. Die Abläufe dort kennt man nach der zweiten Nacht und beginnt auch im Urlaub, alles automatisch zu machen. Wenn man sich dort auch jeden Tag etwas Anderes ansehen würde, hast du während diesem Urlaub 2 Unterkünfte und 14 Orte gesehen. Das entspricht auf dem Jakobsweg die Empfindungen von einem Tag. Die ersten drei Tage nach unserem Start in Burgos bekomme ich noch zusammen. Danach verschwimmen Orte, Bilder und Erlebnisse von Tag zu Tag mehr. Santiago als großes Zwischenziel ist dann wieder greifbar. Die 20 fehlenden Tage davor und die Tage danach gehen nur anhand meiner Aufzeichnungen in meinen Kopf. Zahllose Kleinigkeiten die plötzlich so wichtig und interessant werden. Mein Chef in Stollberg und ein paar andre haben nur mit einer Höflichkeitsfloskel nachgefragt. „Und, hast du Blasen gehabt?“ Mehr Interesse kam aus Stollberg nicht. Vermutlich sind manche immernoch der Meinung wir wären nochmal über die Alpen. Frage > Antwort: „Tatsächlich eine.“ Man kann also auch in zwei Worten sagen wie ein Monat Jakobsweg war. Andere fragen so interessiert nach, dass die Zeit verfliegt und man gar nicht alles erzählen kann. Wenn ich versuch es ehrlich und kurz zu sagen ist „unbeschreiblich – unvergleichbar – einzigartig“ am treffendsten.

Andere Pilger. Anfangs war ich etwas traurig, keine Deutschen unterwegs zu treffen. Ja OK, wäre sicher auch lustig gewesen. Das was das Pilgern ausmacht, haben wir auch mit Engländern, Italienern oder Asiaten erlebt. Der Camino ist europäisch. Mindestens! International und Multikulti, was mir so gefällt. Camino Freunde fürs Leben habe ich keine mitgebracht. Bei manchen ist es aber traurig, dass man danach keinen Kontakt hat. Man hat immer eine Person, einen Pilger vor sich. Du siehst nicht ob er Banker, Doktor oder Bauer ist. Alle erleben das gleiche. Alle haben die gleichen Probleme mit dem Weg. Alle sind trotzdem gut gelaunt. Ich erinnere mich an eine Pilgerin die anfangs flott unterwegs war. Tage später trafen wir sie humpelnd wieder. In Sarria lief sie vor uns ohne Gepäck und langsam wie eine Schnecke. Sie fuhr da die Etappen schon mit dem Bus, traf unterwegs ihren Mann, der den Weg noch pilgerte, und fuhr dann weiter zur nächsten Herberge. Ich sah sie dann erst in Santiago wieder. Auf dem Platz vor der Kathedrale. Mit zwei Krücken und einem dick verbundenen Fuß. Aber sie lachte breit übers ganze Gesicht. Der Jakobsweg scheint irgendwie alle glücklich zu machen. Jeder bekommt vom Camino genau das was er braucht. Es gibt … auffällige Pilger wie unsere Schnabbel oder den Chanel-Pilger. Diese beachtet man natürlich mehr. Gleiches gilt aber auch für andere. Die zum Beispiel besonders gut singen können oder einfach nur super nett sind. Einen unfreundlichen oder gar aggressiven Pilger habe ich nie gesehen. Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft in einem auffällig, ungewöhnlich großem Maß. Wäre die ganze Welt ein Camino und wären wir alle Pilger, wir bräuchten keine Kriege, Grenzen oder Armeen mehr. Standartsprache untereinander ist Englisch. Zur Höflichkeit (fanden wir) gehört es in Bars, Geschäften oder Herbergen, wenigstens ein paar Sätze spanisch zu können. … was aber kein muss ist!

Schnarcher. Klar. Die gibt es fast jeden Abend. Wenn du aber auf den Jakobsweg gehst ohne Ohropax im Gepäck … dumm gelaufen. Aber selbst dann hast du unterwegs ganze Automaten voller Pilgerbedarf. Ähnlich der Getränkeautomaten bei uns, findest du unterwegs Automaten mit Blasenpflaster, Voltaren, Kniebandage und eben auch Ohropax. In manchen Städten sind ganze Läden nur mit diesen Automaten eingerichtet.

Das Wetter. Naja. Was packt man ein wenn man nach Spanien fliegt? Sonnencreme? Hatten wir. Kurze Hosen, T-Shirt und Sandalen? Hatten wir. Mit Schnee hatte ich allerdings nicht gerechnet. Ich hätte es mir anfangs wärmer gewünscht. Am Ende war aber alles gut so wie es war. No pain – no Story.

Unser Gepäck. Ansich habe ich alles dabei gehabt was ich brauchte. Abgesehen von den Handschuhen die mir Antje organisierte. Jedes Gepäckstück habe ich gebraucht und benutzt. Einzig etwas unnütz war unser Flachmann. Als letzter Mutmacher an nicht enden wollenden Lauftagen sollte er eingesetzt werden. Was in Deutschland problemlos möglich ist, eine kleine Flasche Wodka, Korn o.ä. zum Nachfüllen zu kaufen, ist in Spanien nicht möglich. Kleine Flaschen Alkohol sind Fehlanzeige. Aus der Verzweiflung haben wir den Flachmann einmal in Leon (mit einem zuckersüßen Likör) und einmal später mit einem Anislikör aufgefüllt. Ekelhaft süß. Den werde ich beim nächsten Camino zu Hause lassen.

Die Spanier. Von denen sollten wir lernen. Die sehen alles nicht so eng hatte ich das Gefühl. Ist die Brücke etwas eingestürzt? Leg ein Absperrgitter über das Loch und weiter geht’s. Stromkabel? Muss man nicht unbedingt durchsehen welches wohin führt. Ladenöffnungszeiten? Wenn offen ist – ist offen. Alle sind entspannt. Mittags in der Bar sitzen und ein/zwei Gläser Wein trinken? Das müsstest du dir als deutscher Angestellter mal erlauben. Es muss nicht immer alles überbewertet werden. „Geht schon so“ tut es öfters auch. Einmal pro Jahr werden die Ergebnisse einer europaweiten Befragung veröffentlicht. In welchem Land leben die zufriedensten Menschen? Die Spanier sind seit Jahren auf Platz 1! Wobei wir in Deutschland die viertletzten im Ranking waren. Wir saßen einmal vor unserer Herberge und schrieben Tagebuch. Ein Bauer kam gelaufen, legte sich auf die Mauer vor der Herberge und machte einen Mittagsschlaf. Die Hospitalera in dieser Albergue verabschiedete sich zum Essen und blieb über Stunden verschwunden. Allen ankommenden Pilgern haben WIR die Räumlichkeiten gezeigt und sie haben sich eingerichtet. „Geht schon so.“ Ja, das geht es! Ich liebe dieses Spanien.

Das Essen. In den Herbergen meist einfache Gerichte mit einem Wow-Effekt. Mit Kreativität aus einfachen Sachen etwas Besonderes gemacht. Lokale Spezialitäten sind meist Süßspeisen die oberlecker sind! Vegetarisch ist auf dem Camino nicht immer möglich. Es gibt vegetarische Bars und Herbergen unterwegs aber die sind noch nicht sooo häufig. Unterwegs in den Geschäften fehlte uns das dunkle Brot. Helles Brot in jeder Form und ein gemischtes (Integral) was auch nur gefärbt ist. Der Cafe con Leche ist weltklasse. Wir in Sachsen sind ja auch für den hohen Kaffeekonsum bekannt. Der Kaffee in Spanien ist anders aber immer erstklassig. Pizza kommt meist aus der Mikrowelle. Bocadillos (belegte Brötchen) oder Tortilla (Rührei mit Kartoffeln) bekommt man in fast jeder Bar. Zu jedem Bier bekommst du in der Bar Tapas. Kleine Häppchen die immer anders sein können. Von warm bis kalt, von Nüssen bis Pasteten. Zum Pilgermenü kannst du wählen zwischen Wasser und Wein. Gleiche Menge – gleicher Preis. Zum Teil bekamen wir sogar neuen Wein wenn die Flasche am Tisch leer war. Achja, Wasser haben wir nie gewählt. 😉

Die Pilgerherbergen. Wir haben oft nach den öffentlichen Herbergen gesucht. Öffentliche oder auch gern kirchliche. Die Herzlichkeit in den kirchlichen Herbergen war immer am größten. Hätte diese Möglichkeit in jeder Stadt bestanden, hätten wir uns immer nur dafür entschieden. Das gemeinsame Essen bringt auch die Kontakte die den Jakobsweg so besonders machen. Die etwas noblere Variante ist die privat geführte Herberge. Meist ein klein wenig komfortabler und weniger Betten pro Schlafraum. Bettwanzen waren NIE ein Thema (außer die Vorsichtsmaßnahme in Pieros). Seltsam fanden wir die 1A eingerichteten Küchen in den öffentlichen galicischen Herbergen – ohne jegliches Geschirr oder Besteck. Wer schleppt schon Töpfe und Teller mit?

Die Kosten. Zum Pilgern braucht es nicht viel Geld. Wenn man im Vorfeld plant, die kirchlichen und öffentlichen Herbergen zu nutzen, günstig isst und trinkt, kommt man mit 500 Euro pro Monat hin. Wir haben uns ab und zu eine private Herberge gesucht oder sogar Doppelzimmer genommen. Hin und wieder in Bars gegessen und zwei/drei Kaffeepausen am Tag gemacht. So sind wir auf ungefähr 1000 Euro gekommen. Inklusive Eintrittspreise, Nahverkehr, Souvenirs (und die Kosten für Toiletten in Deutschland).

Am Anfang habe ich geschrieben: „Jetzt bin ich gespannt, was der Camino für mich bereithält.“ Was hat mir der Weg gebracht? Erkenntnis?! Ja, ich denke das passt. Abgesehen von unzählbaren touristischen Highlights ist die Zeit zum Nachdenken das, was Erkenntnisse bringen kann. Man läuft täglich mehrere Stunden. Da ist sogar viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe anfangs noch an aktuelle Sachen gedacht. Die Anreise, meine Ferse, wohin laufen wir heute, das Chaos auf dem Flughafen. Danach über mein Leben. Unbewusst habe ich mich an meine Kindheit erinnert. Die Tage vor Weihnachten die immer gleich abliefen. Die Sommerferien als Kind. Die Wohnung meiner Eltern in Mittelbach. Welche Möbel nach und nach ausgetauscht worden sind, wo Steckdosen oder Lichtschalter waren, selbst welche Unordnung ich in welchen Schränken hatte. Auch Kleinigkeiten wie ein Nachtlicht in unserem Flur sind mir eingefallen und waren mir wieder bildlich vor Augen. Selbst kleinste Kindheitserinnerungen kommen wieder zum Vorschein wenn man nur Zeit zum Nachdenken hat. So habe ich mein Leben bis zum heutigen Tag überdenken können. Hier, zu Hause hat man diese Zeit, besser gesagt die Ruhe, nicht! Das meditative Laufen über Stunden ist vermutlich der Schlüssel dazu. Ja und irgendwann hast du dann über alles nachgedacht. Mir hat sich die Frage gestellt, ob ich denn zufrieden bin mit diesem, meinem Leben. Ich habe mich in Spanien regelrecht selbst angeklagt. Ich weiß was meine negativen Eigenschaften sind und was meine Fehler sind. Wenn ich weiß was sich nicht richtig anfühlt, kann ich es auch ändern. Ich habe am Anfang auch die Warnung erwähnt die man Shirley Maclaine sagte: „Dass man „als eine andere Person“ zurückkehren könnte“. Ich glaube das könnte auf einige tatsächlich so wirken. Wenn du dir selbst nicht mehr in die Augen sehen kannst und dann die Gründe beseitigst, bist du keine „andere Person“ – aber dann hast du dich wieder richtig aufgerichtet. Sichtbar bleiben bei mir keine großen Veränderungen. Ich habe ein paar Tage nach unserer Rückkehr meinen Job in Stollberg gekündigt. Unzufrieden und innerlich wütend war ich schon länger über dieses „Verhältnis“. Manchmal war ich aber zu bequem für Konsequenz. Nach einem Monat offline in Spanien ist mir aufgefallen, dass mir Facebook nur Zeit klaut und mich am Ende dann immer wütend zurücklässt. Ich muss nicht wissen, welcher zweifelhafte Patriot blind alles teilt was Hass verbreitet.

Noch eines der Zitate vom Anfang war von Hape Kerkeling. Der sagte, dass seine „Worte nicht ausreichen, um das Gefühl zu beschreiben“. Genau so ist es! Es ist nie und nimmer möglich, alles Erlebte, Gesehene und Gefühlte, mit Worten zu beschreiben. Das sage ich nicht aus Bequemlichkeit weil ich zu faul bin, alles aufzuschreiben. Ich würde mich vor lauter Superlativen im Kreis drehen und du würdest denken, ich spinne. Hape hat einmal sehr treffend auf die Frage geantwortet „Was der Jakobsweg in seinem Leben verändert hat.“ Er hat daraufhin einen Kugelschreiber auf den Schreibtisch gelegt und die Spitze um ein paar Millimeter verschoben. „Wenn der Kugelschreiber, und die gedachte Verlängerung nach vorn, mein Leben vor dem Jakobsweg war – ist die kleine Richtungskorrektur mein Leben nach dem Weg. Im Moment eine klitzekleine Veränderung. In ein paar Jahren aber ein ganz anderes Leben.“

Wenn du einmal mit dem Caminovirus infiziert bist, lässt dich dieser auch nicht mehr los. Es ist schön, dass ich von Antje mit dem Virus infiziert worden bin. Vermutliche der einzige Virus der heilt. Es ist schon ein kleines Wunder, dass wir diesen Weg überhaupt zusammen gehen konnten. Alles voran ging unser Mut. Nichts passiert durch Zufall. Wir sind nicht zum letzten Mal zusammen in Santiago gewesen!

„Angekommen am Punkt, an dem die Füße nicht mehr tragen.

Angekommen am Punkt, an dem kein Weitergehen sich lohnt.

Angekommen am Punkt, wo alles, was du je gesät, angesichts der Größe, in Vergessenheit gerät.

Angekommen am Punkt, an dem sich alle Geister scheiden.

Angekommen am Punkt, an dem der Tatendrang vergeht.

Angekommen am Punkt, wo jede Flucht ihr Ende findet.

Angekommen am Punkt, an dem sich Jagdlust in dir legt.

Angekommen am Punkt, wo jeder ruhelose Träumer sich eingestehen müsste, hier ist Schluss, hier ist die Küste. An diesem Punkt verweil‘ ich einen langen Augenblick,

dann dreh ich um und seh‘ nach vorn, muss weiter, muss zurück!“

Danke Antje!

Danke Mutti & Vati!

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Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 29

Montag – 13. Mai 2019 / Dienstag – 14. Mai 2019

 

Die Bar füllt sich innerhalb von ein paar Minuten. Unser letztes spanisches Frühstück. Frisch gepresster Orangensaft, Cafe con Leche, zwei Tostadas und 4 Churros (frittiertes Teig-Gebäck) – alles zusammen für unter 4 Euro! Kurz nach 6.30 Uhr stehen wir schon wieder an der Straße. Geduld haben können wir gut. Nicht! Eine Haltestelle laufen wir dem Bus sogar noch entgegen. An der Haltestelle treffen wir auch unsere zwei Lieblingskoreaner wieder. Der Bus kommt ein wenig verspätet. Wir ergattern Sitzplätze direkt hinter dem Fahrer. Wir fahren los und nach kurzer Zeit (6.55 Uhr) geht die Sonne auf. Die Fahrt verläuft diesmal problemlos. Der Bus hält wieder am Busbahnhof. Es ist noch nichtmal um 9 und wir sind wieder auf dem Weg zur Kathedrale. Hier trocknen wir erstmal unsere Schlafsäcke in der Sonne. Unser Flug geht heute 16.00 Uhr nach Frankfurt Hahn. 13 Uhr nehmen wir den Bus zum Flughafen. Die verbleibenden 4 Stunden verbringen wir in den Souvenirläden von Santiago. Ein Armband, ein Button, Tarte de Santiago und galicischen Käse als Mitbringsel. Bekannte Gesichter finden wir keine mehr. Ein Pilger fällt uns auf, der vor sich einen Bauchladen trägt, auf dem eine Katze sitzt. Diese schaut sehr interessiert in der Gegend herum. Wir bekommen erklärt, dass dies die erste Katze mit eigener Pilgerurkunde sei und gerade eben in Santiago angekommen wäre. Später zu Hause, finde ich sogar einen Zeitungsbericht über diesen Pilger mit seiner Katze.

Der Bus zum Flughafen und der Check-in verläuft ohne Probleme. Gar kein Vergleich zu dem Durcheinander in Berlin. Der Flug ist dann auch pünktlich in Frankfurt Hahn und wir schaffen es locker zum Shuttlebus. Wir kommen um 22.00 Uhr in Frankfurt Main am Hauptbahnhof an. Schön, dass bisher alles so reibungslos geklappt hat. Trotzdem wären wir beide viel lieber in Spanien geblieben. In Deutschland kostet es plötzlich wieder Geld wenn man auf eine öffentliche Toilette muss. W-Lan gibt es, wenn überhaupt, nur gegen Bezahlung. Alles solche kleinen Dinge die in Spanien einfach nebenher laufen.

Unser ICE nach Leipzig fährt erst morgen Früh 6.00 Uhr. Wir müssen also 8 Stunden irgendwie rumbringen. Erstmal eine Runde durch den Hauptbahnhof und noch was kleines zum Essen gesucht. Einen schönen Wartebereich gibt es hier nicht. Hm. Die Geschäfte und die Gastronomie schließt um 23.00 Uhr. Hm. Wir versuchen uns erst im Wartebereich niederzulassen. Aber es ist kalt in Deutschland. Bei angesagten 6 Grad in dieser Nacht wird das wohl nichts. Außerdem glaube ich fast, dass wir die einzigen Reisenden sind zwischen den schlafenden Obdachlosen. Hm. Antje will es bei der Bahnhofsmission versuchen. Ich bin sehr skeptisch. Trotzdem werden wir eingelassen ohne unsere Begründung vorzutragen. Wenigstens sitzen wir hier im Warmen. Eine andere Frau, deren Zug ebenfalls erst am nächsten Morgen fährt, sitzt auch schon hier. Auch nach uns kommt noch eine gestrandete Reisende. Zwischendurch kommen ab und zu andere Personen die einen Tee trinken und wieder gehen. Deren Geschichten erschließen sich mir nicht. Sie kennen sich sehr gut aus hier. Wer weiß. Die 6 Stunden in der Bahnhofsmission ziehen sich endlos. Wir versuchen im Sitzen zu schlafen, mit dem Kopf auf der Tischplatte. Das geht ungefähr 15 bis 20 Minuten und man ist wach weil einem alles weh tut. Zwischendurch habe ich versucht, auf dem Steinboden liegend zu schlafen. Was auch wesentlich besser gegangen wäre wenn nicht nach 10 Minuten die Kälte durch die Klamotten kommt. Kurz vor 5.00 Uhr müssen wir raus weil die Bahnhofsmission auch schließt. Die eine Stunde schaffen wir nun auch noch. Bei McDonald`s gibt es einen großen Kaffee. EKELHAFT! Verglichen mit dem Kaffee in Spanien hat das hier den Namen Kaffee nicht verdient. Vor 24 Stunden hatten wir für unter 4 Euro ein leckeres Frühstück mit köstlichem Cafe con Leche. Jetzt habe ich für das gleiche Geld schwarzes, bitteres Wasser. Der ICE war noch angenehm leer. Uns gegenüber setzte sich ein Paar aus Spanien. Na was für ein Zufall! Einmal auf der Hinfahrt nach Berlin (mucho complicado) und jetzt auch auf der Heimfahrt. Im Zug habe ich es sogar geschafft, eine Stunde am Stück zu schlafen. In Eisenach kommt eine 5-köpfige Damengruppe und „vertreibt“ uns von unseren Plätzen: „Na da werden jetzt einige Gäste aufstehen müssen denn wir haben Platzkarten.“ Selbstverständlich ziehen wir ohne Kommentar um. Nachdem sie sich noch eine Viertelstunde weiter erbost haben, wie wir so dreist sein konnten, ist schlagartig Ruhe als die Schaffnerin kommt. Die Oberdame hatte ihre Fahrkarte vergessen. Antje und ich sind in Santiago quasi von unseren Sünden freigesprochen worden. Die Schadenfreude hier haben wir uns gegönnt! Nach einer langen Diskussion ruft die Schaffnerin den Zugchef. Die „Story“ der Oberdame wird noch einmal zu Besten gegeben mit dem gleichen Ergebnis. Die Oberdame muss ein Ticken nachkaufen (ohne Rabatte die sie vorher hatte), zuzüglich einer Strafgebühr. Diese wird sie nach ihrer Reise von der Bahn erstattet bekommen wenn sie ihr Ticket vorzeigen kann. Bei dieser „Klärung“ sagt der Zugchef beiläufig, dass die Schaffnerin noch in der Ausbildung ist. Die Oberdame giftet sofort weiter in ihrer überheblichen Art. „Na da haben sie heute ordentlich was gelernt.“ Uns kommt das Kotzen. Solche Menschen haben wir in einem ganzen Monat Spanien nicht gesehen. Leute, die sich allen anderen überlegen fühlen und bei jeder Gelegenheit nach unten treten. Wir sind eben zurück in Deutschland. In Deutschland ist alles schön und glitzert. Macht man den Glitzer aber weg, kommt ein Haufen Scheiße zum Vorschein.

Wir steigen in Leipzig um und fahren mit der S-Bahn bis Gößnitz. Die 13 Kilometer von Gößnitz nach Röhrsdorf wollen wir laufen. Überrascht waren wir, als wir plötzlich einen Jakobsweg Wegweiser auf dem Weg finden. „Via Imperii“. Ein Jakobsweg der von Stettin kommt und in Hof auf den Oberfränkischen Jakobsweg führt. Auch dieser Weg war schon im Mittelalter begangen. Ein Weg nach Santiago de Compostela! Adios Camino! Wir kommen wieder!

Schlafen in der Bahnhofsmission

Pilger mit Katze

 

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 28

Sonntag – 12. Mai 2019

In einem Bett werden wir erst in 3 Tagen wieder liegen. Später mehr. 🙂

Es ist wieder um 7 Uhr als wir loslaufen. Von Lires nach Muxia sind es zwar wieder nur 17 Kilometer, allerdings wollen wir uns in Muxia viel ansehen. Ähnlich wie in Finisterre, ist auch in Muxia zwischen Stadt und Leuchtturm ein Stück zu laufen. Unsere letzte Nacht in Spanien wollen wir am Strand schlafen. Um die perfekte Stelle zu suchen brauchen wir auch noch etwas Zeit.

Heute Morgen geht es von Anfang an bergauf. Zwischen uns und Muxia liegt noch eine letzte Erhebung von fast 300 Metern über dem Meer. Heute kommen uns plötzlich viele Pilger entgegen. Vermutlich gehen viele den Weg „andersherum“ um als Abschluss am Ende der Welt zu sein. Wir treffen auch Juao der uns entgegenkommt. Er hat noch einen Tag in Finisterre, wir in Muxia, dann geht unsere Zeit zu Ende. Vielleicht treffen wir uns ja tatsächlich morgen nochmal in Santiago. Juao bleibt mir in Erinnerung durch seinen Namen. Seine englische Aussprache war für mich schwer zu verstehen. Daher sind wir nie über kurzen Smalltalk hinausgekommen. Es ist wieder ein heißer, sonniger Tag. 2 Kilometer vor Muxia ist der Playa de Lourido. Dort machen wir ein spätes Frühstück. Anschließend eine ausgedehnte Fotosession. 100te Fotos. Wir fragen uns jetzt schon, wann wir das alles bearbeiten wollen. Die Sonnencreme wird heute nochmal sehr strapaziert. In Muxia angekommen, ziehe ich mir vorsichtshalber ein Langarmshirt an, um meine sonnenverbrannten Oberarme etwas abzudecken. Die Stadt ist ohne Stadtplan anfangs etwas verwirrend. Als erstes suchen wir eine Bar um dringendst unsere Wasserflaschen wieder aufzufüllen. Danach suchen wir die Touristinformation, die uns die Muxianal (die Compostela für den Weg zwischen Finisterre und Muxia) ausstellen wird. Diese hat allerdings geschlossen. In der Tür ist ein Hinweis, dass jede Albergue uns diese Urkunde ausstellt. Okay. Eine ist gleich nebenan. Da wir hier aber nicht übernachten wollen, werden wir weiter geschickt. An der zweiten Herberge die gleiche Antwort. „Nur für Gäste.“ … Aber dann … „Oder reist ihr heute mit dem 18.45 Uhr Bus gleich wieder nach Santiago?“ – „Na klar! Si, si.“ Dann eben so. Hauptsache wir haben eine. Nach einer weiteren Pause in einer Bar gehen wir dann aber endlich zur Ortsbegehung. Muxia ist eine malerische Stadt. Eigentlich viel ansehnlicher als Finisterre. Das Ende des Kinofilms „The Way“, mit Martin Sheen, ist hier in Muxia gedreht. Im Film spielt die Szene in Finisterre. Gedreht wurde es aber hier, weil die Stadt schöner ist. Mit diesem Wissen werde ich den Film wohl noch einmal ansehen müssen. Mit “Das Ende der Welt“ kann die Stadt ja nicht werben, darum wirbt Muxia mit „Fin do Camino“. Auch hier steht ein weiterer Kilometer 0 Stein. Die Virxe de Barca ist eine Kirche, die an der Spitze der Halbinsel liegt. Dieser Bau, der fast in den Atlantik reicht, ist ein Nationalheiligtum der galicischen Bewohner. Wie sich diese Kirche der Gewalt des Atlantiks entgegenstellt, ist beeindruckend. An stürmischen Tagen schlagen die Wellen bis an die Kirchentür. Aufgrund der zahlreichen Schiffe, die an der Küste zerbrachen, ist die Costa da Morte, die Todesküste, ein passender Name. Ein aktueller und der bekannteste Fall ist sicher der Öltanker Prestige. Im Jahr 2002 lag der  Tanker vor der Küste und meldete ein Leck im Rumpf. Kurz darauf brach er mit 77.000 Tonnen Schweröl an Bord in zwei Teile. Das Öl klebte sogar an den Straßenlaternen der Fischerstadt. Muxia war quasi vom Öl eingeschlossen. Ein 35 Meter hoher, zweigeteilter Granitblock erinnert heute an diese Katastrophe. Die größte Umweltkatastrophe Spaniens.

Wir vertun uns die Zeit also mit einem Ortsrundgang und enden am Strand. Wir waren zwar mit den Füßen schon ein paar Mal im Atlantik, ganz aber noch nicht. Die Temperatur kann ich schlecht schätzen. 12 – 13 Grad vielleicht? Wie letztes Jahr in den Alpen versuche ich es auch hier mit der „nicht nachdenken Taktik“. Es klappt sogar ganz gut. Ein Stück schwimmen wollte ich aber dann doch nicht. Schnell wieder raus.

Zuvor hatten wir uns Wein, Brot und Oliven im Ort geholt. Nach der Stunde am Strand suchen wir uns einen schattigen Platz und machen Abendbrot. Uns ist noch nach einem Eis als Nachtisch und so gehen wir noch einmal in die Stadt. Außer für ein Eis entscheiden wir uns für eine weitere Flasche Wein und setzen uns wieder ans Meer um den Sonnenuntergang zu sehen. Wie aus einem Reiseprospekt! Nach dem vielen Wein hier, zu jedem Pilgermenü und auch sonst, werden wir wohl erstmal eine Entziehungskur brauchen.

Nachdem es langsam dunkel wird, suchen wir uns einen Platz zum schlafen. Am Strand – denn das steht noch aus. Unsere letzte Nacht am Camino soll auch eine warme Nacht werden. Wenn nicht jetzt – wann dann? Wir bauen uns ein Lager. Nicht im Sand, sondern ein kleines Stück erhöht. Schließlich haben wir gerade Ebbe und wir wissen nicht genau wie hoch das Wasser steigt. Lieber etwas feige als weggespült. J Nach dem vielen Wein schlafe ich schnell ein. Bin aber auch schnell wieder wach. Jedenfalls immer mal wieder. Wir liegen nicht weit von einer Laterne. So ganz sicher fühle ich mich vor der Flut noch nicht. Die Nacht ist zwar nicht kalt, aber trotzdem feucht.

5.30 Uhr klingelt diesmal unser Wecker. Wir sehen aus als hätten wir die Nacht durchgezecht. Kurze Katzenwäsche und dann packen wir unseren klammen Schlafsack zusammen. Um Punkt 6.00 Uhr öffnet die Bar, vor der in 45 Minuten der Bus nach Santiago hält.

Virxe de Barca

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 27

Samstag – 11. Mai 2019

Wir starten heute später als üblich. Der Wecker steht auf 7.00 Uhr. Unsere erste Etappe Richtung Muxia führt heute nur 16 – 17 Kilometer am Atlantik entlang bis nach Lires. Strahlend blauer Himmel von früh an. Der Weg von Finisterre nach Muxia wird nochmal mit einer zusätzlichen Pilgerurkunde belohnt. Es geht zwar immer an der Küstenlinie entlang, trotzdem ist die Strecke aber keineswegs flach. Ein ständiges Auf und Ab. Durch Dörfer und Wälder aber der Atlantik immer in Hörweite. Die einzige Bar am heutigen Tag kommt am Ziel. Wir laufen die 16 Kilometer durch und ich habe schon vor dem Mittag runde Füße. Mein Rucksack ist heute aber auch besonders schwer, da wir für 2 Mahlzeiten Proviant dabei haben. Wir machen am Strand von Lires endlich Pause. Auch wenn wir gleich am Ziel sind. In eine Herberge kommen wir um diese Zeit eh noch nicht. Der Strand ist durch kleine, vorgelagerte Felsen vor der Brandung geschützt. Wie wir es von hier aus sehen, scheint ein breiterer Bach den Strand zu Teilen. Auf der anderen Seite ist ein kilometerlanger Sandstrand mit mächtigen Wellen. „Wenn wir die Sachen in unserer Albergue haben, gehen wir dort rüber und suchen Muscheln.“ Wie man sich täuscht. Der „Bach“ ist dann schon eher 1,5 Meter tief und hat gut Strömung. Um die Kurve herum liegt der Ort Lires. Dort haben ich gehofft eine Brücke zu finden. Die Kurve zieht sich aber einen reichlichen Kilometer, so dass wir den „Bach“ schon gar nicht mehr sehen. Googel bestätigt uns dann, dass es keine Brücke gibt. Egal, gehen wir eben an den kleineren Strand. Der hat sogar ne Strandbar. 😉 Die Kurve endet tatsächlich irgendwann und wir kommen in den Ort. An einem steilen Berg gelegen, schnaufen wir nach oben und trinken einen Kaffee in einer Bar. Dort suchen wir uns eine Herberge aus Antjes selbstausgedruckten Reiseführer aus. Zur perfekten Verwirrung waren heute die Seiten in falscher Reihenfolge zusammengeklammert. Aber wir sind nach Gefühl gelaufen und trotzdem angekommen. Nach dem Kaffee gehen wir zur Herberge. Dort, in der Bar, sitzen plötzlich die beiden Koreanerinnen, die wir in Santiago empfangen hatten. Sie sind ansich auch gar nicht hier. Sie sind für drei Tage in Muxia und machen heute einen Ausflug mit dem Taxi nach Finisterre. Hier in Lires machen sie nur kurz Mittagspause. Das ist wieder typisch Camino. Zufälle, die so gut wie nicht eintreten, passieren hier fast jeden Tag. Leider habe ich wieder versäumt, sie endlich mal nach ihren Namen zu fragen. Vielleicht ja morgen in Muxia. Nach der täglichen Wäsche, die bei 30 Grad und Sonne wohl auch trocken wird, gehen wir zum Strand. Der Playa de Lires ist inzwischen etwas größer. Die Ebbe hat ein paar Meter mehr vom Sandstrand freigegeben. Nach 200 Metern ist aber immernoch der Fluss mit immmernoch starker Strömung. „Unsere Seite“ gibt aber genug Platz zum Entdecken. Die gewaltigen Wellen des Atlantiks können mich „Ostseekind“ ganz schön ehrfürchtig stehen lassen. Die Wucht, mit der die Wellen auf die Felsen schlagen, ist beängstigend. Auf dem Sandstrand aber genial. Wir sitzen lange in der Strandbar und schreiben Tagebuch. 18.30 Uhr gehen wir (wiedermal leicht sonnenverbrannt) zurück in den Ort. Schon von weitem hören wir Musik. Direkt neben dem geschäftigen Hotelrestaurant, neben dem auch unsere Herberge ist, finden Aufführungen verschiedener Folkloregruppen statt. Gar nicht unbedingt für die wenigen Touristen, sondern eher für die Angehörigen der Tänzer und die Einheimischen. „Das Fest“ geht bis kurz nach 8 Uhr. Um was es sich genau gehandelt hat, haben wir nicht herausgefunden. Antje hat auf dem Balkon noch den Sonnenuntergang abgewartet. Ich war zu müde und noch mehr Sonne auf der Haut wollte ich auch nicht mehr. Die Nacht war eine der Besten auf dem ganzen Camino. Große, weiche Matratze, großes Kopfkissen und viel Platz nach oben.

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 26

Freitag – 10. Mai 2019

Wir sind zeitig beim Frühstück und starten sehr früh. Wir suchen den Busbahnhof (Estacion de Autobus) Naja zeitig …?! Um 9.00 Uhr fährt der Bus nach Finisterre. Um ein Ticket zu bekommen soll man besser 45 Minuten vorher da sein. Es nieselt noch immer ein klein wenig. Heute soll es aber dann besser werden und um die 30 Grad warm bleiben. Der Bus fährt etwas „schwungvoll“. Schnelles Anfahren, starkes Abbremsen. Antje verträgt es nicht so gut. Bei mir geht es noch. Obwohl mir bei Reisen nicht übel wird, hätte ich mit diesem Fahrer nicht viel weiter fahren wollen. In Finisterre angekommen, bekommt man von allen Seiten Flyer von Herbergen gereicht. Jedesmal mit den Worten dass DAS die Beste ist. Naja. Wir suchen uns eine Albergue die zentrumsnah ist und unseren Preisen entspricht. Die Öffentliche hat um 11.30 Uhr noch zu, so wird es die nächste in unserem Ranking. Auch wenn es heute kein wirklicher Lauftag war, müssen wir trotzdem waschen. Die Luft ist auch immernoch sehr feucht und so wird auch morgen nicht alles trocken sein. Sowas versaut mir immer die Planung. Wenn ich morgens erst noch die Wäsche vom trocknen zusammensammeln muss. Bei unserem Ortsrundgang sitzen wir nach 100 Metern schon wieder in einer Bar und trinken ein Bier. An einer so geil dekorierten Bar können wir einfach nicht vorbei gehen. Alte Platten, Musikinstrumente, Schreibmaschinen, Fotos, Briefe und Fundsachen aus dem Meer hängen an den Wänden. Wie ein Museum. 16.45 Uhr ist in der Markthalle am Hafen eine Fischauktion für Händler, die man unbedingt gesehen haben müsse. Naja … es hat nix gekostet und dafür war es schon sehenswert. Gegen die Fischauktion in Hamburg aber chancenlos. Es nieselt auch jetzt nochmal kurz. Wir brechen trotzdem auf zum Leuchtturm und zum Kilometer Null. Finisterre war für die Pilger des ersten Pilgerboom um 1100 das „Ende der Welt“ Das Ende der damaligen Welt. Auch wenn Portugal einen noch westlicheren Punkt hat, hier endet die Sternenstraße. Als wir ankommen und ich in 300 – 400 Metern Entfernung den Leuchtturm sehe, reißt tatsächlich zum ersten Mal seit Tagen der Himmel auf. Im Laufe der nächsten 2 bis 3 Stunden wird dann komplett blauer Himmel. Das Kap ist von Touristen gut besucht. Den Großteil machen aber die Pilger aus. Man findet immer irgendwo einen Platz um allein zu sein. Um auf den Atlantik zu blicken und zu wissen, das ist das Ende. Einen Monat sind wir unterwegs. Klar, in erster Linie auf Santiago zu. Aber die alte Straße endet hier und nicht in Santiago. Ich will hier nicht erst anfangen über die Leylinien oder Atlantis zu spekulieren. Für mich ist aber eindeutig HIER das Ende (oder der Anfang) vom Jakobsweg. Ja, der Weg endet hier. Mein Weg nach dem Camino beginnt hier. Also das Ende UND der Anfang! Ich finde diesen Ort sehr wichtig für mich als Abschluss. Die Hinterlassenschaften anderer Pilger zeigen, dass auch viele andere genauso denken. So viele Gründe es gibt, diesen Weg zu gehen, so unterschiedlich sind die „Andenken“ die zurückgelassen werden. Viele verbrennen hier ein Kleidungsstück was durch die Funktionskleidung seltsame Formen an der Steilküste hinterlässt. Fotos, Briefe, Gegenstände, sogar Geschenke – alles Geschichten die hier abgelegt sind. Wir lassen hier nochmal unsere Credential stempeln. Am Ende der Welt. Zum Glück ist unser Weg auch hier noch nicht zu Ende. Aber erstmal machen wir gefühlte 1000 Fotos. Wir sind uns sicher, dass wir hier noch einmal herkommen werden! Irgendwann! Zurück in unserer Albergue ist es mittlerweile recht spät geworden. Fast schon Nachtruhe. Ich habe fast ein wenig Stress meine Sachen für den nächsten Tag vorzubereiten. Kaum im Bett macht der Hospitalero auch schon das Licht aus. Das Kap Finisterre, das Ende der Welt, ist ein magischer Ort!

Eine witzige Geschichte gibt es noch zum Leuchtturm zu erzählen. Es geht um einen Funkspruch zwischen dem Personal im Leuchtturm und einem US-Flugzeugträger. Der Funkspruch wurde in der spanischen Presse abgedruckt und ging dann um die Welt. Wer den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht sorgen. 🙂

Aufgenommen von der Frequenz des spanischen maritimen Notrufs, Canal 106, an der galizischen Küste „Costa De Fisterra“ – am 16. Oktober 1997.

Spanier: Hier spricht A853 zu ihnen, bitte ändern sie ihren Kurs um 15 Grad nach Süden um eine Kollision zu vermeiden … Sie fahren direkt auf uns zu, Entfernung 25 nautische Meilen …

Amerikaner: Wir raten ihnen, ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern um eine Kollision zu vermeiden.

Spanier: Negative Antwort. Wir wiederholen: ändern sie ihren Kurs um 15 Grad nach Süden um eine Kollision zu vermeiden.

Amerikaner: (eine andere amerikanische Stimme) Hier spricht der Kapitän eines Schiffes der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika zu ihnen. Wir beharren darauf: ändern sie sofort ihren Kurs um 15 Grad nach Norden, um eine Kollision zu vermeiden.

Spanier: Dies sehen wir weder als machbar noch erforderlich an, wir empfehlen ihnen ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern um eine Kollision zu vermeiden.

Amerikaner: (stark erregter, befehlerischer Ton) Hier spricht der Kapitän Richard James Howard, Kommandant des Flugzeugträgers „USS Lincoln“ von der Marine der Vereinigten Statten von Amerika, das zweitgrößte Kriegsschiff der nordamerikanischen Flotte. Uns geleiten zwei Panzerkreuzer, sechs Zerstörer, fünf Kreuzschiffe, vier U-Boote und mehrere Schiffe, die uns jederzeit unterstützen können. Wir sind in Kursrichtung persischer Golf, um dort ein Militärmanöver vorzubereiten und im Hinblick auf eine Offensive des Iraq auch durchzuführen. Ich rate Ihnen nicht … ich befehle ihnen Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern!!! Sollten Sie sich nicht daran halten, so sehen wir uns gezwungen die notwendigen Schritte einzuleiten, die notwendig sind um die Sicherheit dieses Flugzeugträgers und auch die dieser militärischen Streitmacht zu garantieren. Sie sind Mitglied eines allierten Staates, Mitglied der NATO und somit dieser militärischen Streitmacht … Bitte gehorchen Sie unverzüglich und gehen Sie uns aus dem Weg!

Spanier: Hier spricht Juan Manuel Salas Alcántara. Wir sind zwei Personen. Uns geleiten unser Hund, unser Essen, zwei Bier und ein Mann von den Kanaren, der gerade schläft. Wir haben die Unterstützung der Sender Cadena Dial von la Coruna und Kanal 106 als Maritimer Notruf. Wir fahren nirgendwo hin, da wir mit ihnen vom Festland aus reden. Wir befinden uns im Leuchtturm A-853 Finisterra an der Küste von Galicien. Wir haben eine Scheißahnung welche Stelle wir im Ranking der spanischen Leuchttürme einnehmen. Und sie können die Schritte einleiten, die sie für notwendig halten und auf die sie geil sind, um die Sicherheit ihres Scheiß-Flugzeugträgers zu garantieren, zumal er gleich gegen die Küstenfelsen Galiciens zerschellen wird, und aus diesem Grund müssen wir darauf beharren und möchten es ihnen nochmals ans Herz legen, dass es das Beste, das Gesündeste und das Klügste für sie und ihre Leute ist, ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern um eine Kollision zu vermeiden.

Amerikaner: … Stille.

Angekommen am Ende der Welt – Kap Finisterre

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 25

Donnerstag – 9. Mai 2019 – Tag 2 Santiago de Compostela

Geschlafen habe ich wieder gut. Zu zweit im Einzelbett ist für uns kein Problem und klappt klasse. Die winzigen spanischen Kopfkissen sind etwas gewöhnungsbedürftig. Ich muss diese immer 1 – 2 Mal falten um den Kopf in der richtigen Höhe zu haben. Hier haben wir zum Glück noch ein Pillow (Running-Gag \ Kissen) aus Antjes Schlafsaal Bett. Nach dem Frühstück im Seminario schreiben wir erstmal Tagebuch nach. Danach starten wir wieder in die Stadt. Wir wollen noch einmal in die Pilgermesse. Heute werden die gestern Angekommenen erwähnt. Ist ja klar, dass diese Daten erst einen Tag danach vorliegen. Und tatsächlich … „Angekommene Pilger mit dem Startort Burgos – aus Deutschland.“ Nur wir zwei sind in Burgos, an jenem Tag gestartet. Wir haben uns nicht die ganze Messe noch einmal angesehen sondern sind nach der Aufzählung, still und heimlich verschwunden. Wir schauen in fast jeden Souvenirladen und merken uns, was wir mit nach Hause nehmen wollen. Erstmal wollen wir ja noch weiter ans Ende der Welt. Ich schreibe diese Zeilen gerade in einem Cafè. Neben uns sitzen zwei ältere Paare aus Deutschland. Alle 4 haben einen MSC Aufkleber an ihren Jacken. Wieder äußerst peinlich die 4, die ebenfalls aus Sachsen sind. Antje und ich sprechen wieder englisch miteinander. Am Nachbartisch wird das Kakaopulver einmal über den Tisch verteilt und notdürftig mit der Handkante aufgeditscht. Eine meckert, dass die abgebildeten Bocadillos größer seien als das was sie bekommen hat. Letztlich schafft sie nur die Hälfte und lässt sich den Rest einpacken. Der Mann, ihr gegenüber, bestellt sein Bocadillo mit „Chorizzo Pikante Hot“ und schimpft wie scharf es doch ist. Was ich auch NUR bei den Deutschen beobachtet habe – Deutsche wollen immer sofort bezahlen damit sie dann gleich wieder abhauen können. Achso, und die nassen Regenponchos der lieben Landsleute hängen über Stühlen eines anderen Tisches. Naja. Das ist ja auch nicht schlimm. Es kann und soll ja jeder Urlaub machen wie er will. Diese Show hier vor unseren Augen macht nur sehr deutlich, wie anders wir im Vergleich zu denen sind. Zurück im Seminario kochen wir uns etwas zum Mittag. Beim Essen und dem Blick zur Uhr fällt uns auf, dass wir den spanischen Rhythmus fast schon aufgenommen haben. Es ist fast 15 Uhr. Es folgt die Siesta bzw. ein Mittagsschlaf, bevor wir 18 Uhr wieder zur Kathedrale gehen. Mit Wein ist auch der Regen gar nicht mehr so schlimm. Trotz des nassen Wetters kommen am Abend die Pilger zum Platz vor der Kathedrale. Zum Feiern und um ankommende Pilger zu empfangen. Wir, besser gesagt Antje, muss auch dauernd Fotos von anderen Pilgern machen. Jetzt treffen wir auch Rob wieder, der mit uns in der Albergue in Rabe de las Calzadas war. „Das Kugelgelenk“ sehen wir auch wieder. Eine Spanierin die mal abends in einer Herberge tanzte als hätte sie ein Kugelgelenk wo andere die Hüfte haben. Selbst mit Fremden kommt man schnell ins Gespräch. Wann angekommen? Welchen Camino? Noch nach Finisterre? Schon in der Kathedrale gewesen? Leider halten wir es nicht ganz so lange aus bis in der Stadt die Nachtbeleuchtung eingeschaltet wird. Sonnenuntergang ist hier erst kurz vor halb 10. Im Vergleich zu Oberwiera fast eine Stunde später.

MSC Gruppe in den Straßen von Santiago

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 24

Mittwoch – 8. Mai 2019 – Tag 1 Santiago de Compostela

Berg der Freude. Von hier ab gingen die Pilger früher barhäuptig und barfuß, Pferde wurden am Zügel geführt. In der aktuellen Pilgerpraxis ist das weitestgehend unüblich. Antje will aber ohne Schuhe in Santiago ankommen. Alles andere würde mich auch verwundern. Wir starten aber erst noch mit Wanderschuhen da es am Morgen wieder recht frisch ist. Die Richtung ist klar. Trotzdem glauben wir schon nach den ersten Metern uns verlaufen zu haben. Wo sind nur die gelben Pfeile? Oder bin ich zu aufgeregt? Denn das bin ich. Wir laufen nun fast einen Monat, Tag für Tag, mit dem Ziel Santiago. Ja man sagt der Weg ist das Ziel. Das stimmt ja auch. Ich bin mir trotzdem nicht sicher ob es noch genauso ist, wenn wir weitergehen nach Finisterre. Das Große was in Erinnerung bleibt, ist doch Santiago. Die Stadt die man mit dem Jakobsweg verbindet. Die Stadt über die man fast täglich nachdenkt unterwegs. Die Stadt zu der ich „hin gehe“ um das zu sehen was mich erwartet. Was genau? Ja, ich sagte doch … ich bin aufgeregt – was es sein wird. Noch 4 Kilometer. Wir kommen an die Stadtgrenze und das erste Bild ist eine 8-spurige Autobahn und Gewerbegebiete. Dann kommen wir zum Ortseingangsschild. Hier zieht Antje ihre Schuhe aus und geht barfuß weiter. Mir Mimose ist es zu kalt und ich bin zu feige. Noch 3 Kilometer. Kaum sind die Schuhe aus, zieht ein Regenschauer durch. Mist wo kommt der denn bitte her? Kurz. Nur 10 Minuten aber so reichlich, dass alles wieder klatschnass ist. Wir warten unter einem kleinen Vordach bis der Regen weg ist und gehen weiter. Noch 2 Kilometer. Die ersten Bars und Geschäfte. Leute die zur Arbeit aufbrechen oder auf den Bus warten. Ein Wegweiser sagt: noch 800 Meter bis zum Seminario Menor (unsere ausgesuchte Albergue). Von da aus sind es ebenfalls nochmal 800 Meter bis zur Kathedrale. Noch 1 Kilometer. Nach einer Linkskurve sehe ich zum ersten Mal die Türme der Kathedrale aus kurzer Distanz. Ich erschrecke fast wie nah wir schon sind. Es ist nicht mehr weit! Plötzlich sind auch viele Pilger unterwegs. Bis hierher habe ich geglaubt ich bin mit Antje allein unterwegs. Der letzte Fußgängerüberweg und wir kommen in die Altstadt. Enge Gassen versperren jetzt die weite Sicht. Autos dürfen hier nicht fahren. Die Gassen sind noch nass und die Geschäfte und Bars sind alle … geschlossen! Ich bin etwas verwirrt. Soll Santiago auch so ausgekehrt sein wie alle anderen Städte bisher? Aus lauter Aufregung biege ich sogar nochmal falsch ab. Andere Pilger bemerken das sofort und fragen wo wir hin wollen. „Zur Kathedrale?! – Da lang? – Oh ja danke!“ Wir gehen durch den bekannten Torbogen und stehen auf dem Platz vor der Kathedrale. Es ist geschafft! Als erstes bin ich überwältigt von dem beeindruckenden Bauwerk. Dann schaue ich über den Vorplatz der Kathedrale, den Praza do Obradoiro. Eingerahmt vom Amtsgebäude mit dem Polizeipräsidium und vom Parador, der ehemaligen Pilgerherberge und heutigem Nobelhotel. Etwas windig und noch nicht so richtig hell machen wir die ersten Fotos von uns und der Kathedrale. Das „wir waren hier Foto“ ist mir persönlich hier besonders wichtig. Es werden an diesem Tag noch hunderte folgen. J Wie nun weiter? Was tun wir als Erstes? Pilgerbüro? Albergue? Kathedrale? Stadtrundgang? Frühstück? Einen brauchbaren Plan können wir beide gerade nicht aufstellen. Okay, wir stehen vor der Kathedrale also gehen wir zuerst da rein. Am Eingang steht ein Schild „no backpack!“. Stimmt. Das haben wir gewusst, nur nicht daran gedacht. Es beginnt wieder zu regnen. Nein es schüttet nochmal aus Eimern. Also vernünftigerweise erstmal Frühstück. Dabei können wir in Ruhe planen. Zu dem bekommen wir hier zufällig, von einem Pilger der heute abreist, einen Stadtplan geschenkt. Eine große Hilfe! Nach dem Frühstück gehen wir ins Pilgerbüro unsere Compostela holen. Außerdem kann man im Pilgerbüro seine Rucksäcke abgeben. Etwa 3-4 Pilger stehen vor uns in der Schlange. Wir haben gerade so viel Zeit um zu verstehen wie es weiter abläuft. Ein Bildschirm zeigt eine Nummer. Dies ist die Schalternummer des Bearbeiters zu dem ich jetzt gehen muss. „Hello! Congratulation. Where do you start?“ – „Ähm – äh in Burgos.” Danach schaut sich der Herr alle Stempel und vor allem die Daten in der Credential an. Es ist natürlich lückenlos. Trotzdem bin ich angespannt wie bei einer Prüfung. „Which day you start in Burgos?“ Der Stempel aus Santander scheint ihn zu verwirren. „At the 17th of April“ – „Ah Okay, thanks.“ Das Datum brauchte er nur für die Pilgerurkunde. Und dann lag sie gleich vor mit. Die Urkunde der Pilgerschaft von Ronaldum Schwabe. Die Compostela ist traditionsgemäß in Latein. So habe ich meinen Namen auch noch nie gesehen. Wir packen uns ein „kleines Gepäck“ und gehen mit einem Sicherheitsmann in einen Raum wo die Rucksäcke eingeschlossen werden. Stolz und glücklich gehen wir wieder zur Kathedrale. Ich bin immernoch aufgeregt und wieder dankbar. Antje hat es möglich gemacht, dass wir den Camino gehen konnten. Sie zeigt mir all die besonderen Plätze, die sie schon kennt. All das was sooo Besonders ist. Wir hätten an vielen Orten „spektakulär“ wandern können aber das HIER ist fürs Herz. Das öffnet die Augen und verändert das Denken. Das ist Lebenserfahrung die man niemals ergoogeln kann. Ich bin so dankbar, dass ich dies mit Antje erleben darf. Da ist wieder dieses Glück! Ich bin jetzt der Meinung, dass wir in unserer Zeit, in unseren Leben, nie echtes Glück empfinden. Wir können alles haben, können alles kaufen und können überall hinfahren wo wir wollen. Was wir für Glück halten ist das, was uns unsere Konsumgesellschaft als Glück verkauft. Scheiße verpackt mit Schleife und einem falschen Lächeln. Hier auf diesem Weg war ich jetzt schon öfters plötzlich glücklich. Ohne einen festen Grund. Weil das Wetter so schön ist oder weil ich genau jetzt hier bin. Hier haben alle die gleichen Sachen in ihren Rucksäcken (nur das nötigste). Alle essen und trinken annähernd dieselben Dinge (meist einfach und unkompliziert). Dennoch (oder gerade deswegen) sind fast alle glücklich hier! Ich hoffe den Blick dieses Glück sehen zu können, mit nach Hause nehmen zu können.

Auf dem Weg zur Kathedrale sehen wir mehrere MSC-Reisegruppen in verschiedenen Sprachen durch die Stadt ziehen. Das Durchschnittsalter liegt um die 70 Jahre. Als Gruppe laufend stehen sie überall im Weg und drängeln sich vor. Diese Gruppen verstopfen meist um die Mittagszeit die Stadt. Sie werden vom Schiff in den Bus gesetzt, durch Santiago getrieben und dann aber schnell zurück zum Schiff. Täglich aufs Neue und ca 14.00 Uhr ist der Spuk immer vorbei. Danach gehört die Stadt wieder den ankommenden Pilgern. Besonders unangenehm sind uns hier wieder die Deutschen aufgefallen. Die selbstbewussten Damen und Herren aus Deutschland geben sich meist große Mühe, auch die letzten, peinlichen Vorurteile zu bestätigen. Auch hier unterhalte ich mich das eine oder andere Mal auf Englisch mit Antje, um nicht als Deutscher aufzufallen.

Vor der Kathedrale stehen wir nur kurz an. Im Inneren stehen große Baugerüste, so dass es mir nicht möglich ist, ein wirkliches Bild vom gesamten Innenraum zu bekommen. Auch einen ungehinderten Blick zum Altar hat man nicht. Die Kathedrale wird das ganze Jahr 2019 über im Inneren restauriert. Immer wenn der Namenstag des Apostels Jakobus, am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, feiern die Spanier ein Heiliges Jahr. Das nächste ist 2021 und dann soll alles wieder hübsch sein. Leider werde ich dadurch auch den berühmten Botafumeiro, den 80 kg schweren Weihrauchkessel, nicht fliegen sehen. Ich muss wohl irgendwann zurückkommen! Zum Glück ist aber der Zugang zum Apostel frei. Wir gehen in mitten einer MSC Gruppe die Stufen hinter dem Altar hoch. Die MSC Lemminge gehen einfach an der Statue vorbei und drüben wieder runter. Häh?? Wissen die gar nicht … egal! … so hat erst Antje, danach ich, ausreichend Zeit die Jakobusstatue im Altar zu umarmen. Wie es seit jeher Brauch ist, halte ich kurz inne während ich die lebensgroße Figur umarme. Es ist ein besonderes Gefühl was ich nicht beschreiben kann. Ich fühle mich gut. Sehr gut! Der Apostel fühlt sich irgendwie … wohlig an. Obwohl die Oberfläche des Mantels mit Metall und kleinen Perlen verziert ist, habe ich den Eindruck, dass die Statue „weich“ ist. Ja. Klingt blöd. Aber wie gesagt – ich kann es nicht anders beschreiben. Danach geht es die Stufen auf der anderen Seite wieder hinab. Ein paar Schritte weiter und danach nochmals unter dem Altar hindurch. Hier geht es vorbei an dem goldenen Sarkophag, in dem die Gebeine des Apostels liegen sollen. Auch hier haben wir wieder ausreichend Zeit, da die MSC Senioren einfach vorbeigehen. Wir haben sogar genug Ruhe um eines unserer grünen Bänder, durch die Absperrgitter, in Richtung Sarkophag zu werfen. Danach können wie die Kathedrale verlassen. Wenn das Ziel unseres Weges auch das Ende der Welt in Finisterre ist, so ist das Ziel des Pilgerweges ja das Grab des Jakobus. So viele verschiedene Gefühle die es erst noch zu verarbeiten gibt. Und schonmal vorgegriffen, bin ich auch 2 Monate später noch mitten drin.

Als nächstes wollen wir um 12.00 Uhr zu unserer Pilgermesse, bei der alle an diesem Tag angekommenen Pilger begrüßt werden. Aufgrund der Bauarbeiten findet auch die Messe nicht in der Kathedrale statt, sondern in der Iglesia St. Francisco. Auf dem Weg dorthin treffen wir Gerhard. Dessen Flug wurde abgesagt und er muss nun umplanen. Wir zeigen ihm kurz den Weg zum Pilgerbüro und zur Kirche und verabschieden uns erstmal. Er wollte vermutlich noch an diesem Tag mit dem Zug nach Madrid fahren.

Die Kirche ist zur Pilgermesse reichlich voll. Nur Pilger und keine Touristen. Wenn auch ein paar Touristen-Pilger, die erst in Sarria gestartet sind, mit hier sitzen. Plötzlich, so habe ich das Gefühl, hört man nur noch deutsche Stimmen. Wo waren die alle bisher? Sind die alle erst in Sarria gestartet? Die Messe war wirklich für Pilger gemacht und die Atmosphäre außergewöhnlich. An die glasklare Stimme der singenden Nonne werde ich mich immer zurückerinnern.

Nach der Messe holen wir unsere Rucksäcke wieder ab. Wir staunen, wie viele Pilger jetzt im Pilgerbüro anstehen. Wir hören später, dass man jetzt 2 Stunden Wartezeit in Kauf nehmen muss. Meine Fresse hatten wir da Glück! 1120 Pilger werden heute hier ankommen. Wir gehen Richtung Seminario Menor (die größte Albergue in der Stadt) mit einem Plan. In Santiago darf man ausnahmsweise mehrere Nächte in den Herbergen verbringen. Ich bestelle mir ein Einzelzimmer für 2 Nächte. (Una Habitacion de una Persona para dos Noches por favor.) Und als ich raus bin geht Antje sich ein Bett im Schlafsaal bestellen. So können wir etwas preiswerter im Zimmer schlafen. 😉 Der Plan geht auf und wir beziehen unser Bett mit dem gewohnten Einwegbezug. Wir packen wieder unser „kleines Gepäck“ und gehen wieder in die Stadt. Es ist gleich 15.00 Uhr und wir haben langsam Hunger. Eine leckere Pizza vom Italiener hilft. Danach durchstreifen wir die Gassen und ein paar Souvenirläden. Am Platz vor der Kathedrale wird es voll. Die Kreuzfahrer sind weg und überall liegen Pilger auf dem Boden. Die Sonne scheint und wir machen es uns mit einer Flasche Wein und Keksen gemütlich. Jetzt bei Sonnenschein macht das „Angekommenfoto“ nochmal mehr Spaß. Wir treffen auch Bekannte wieder, die gerade ankommen. Auch die Koreaner (Mutter und Tochter) fallen uns quasi vor die Füße. Plötzlich wirft jemand seinen Rucksack, direkt vor uns, auf den Kathedralsplatz. Die ältere Koreanerin legt sich daneben, Arme und Beine von sich, und bleibt regungslos liegen. Die Tochter erklärt, dass ihre Mutter wütend sei, da sie 2 Stunden im Pilgerbüro anstehen musste. So sieht es also aus wenn man in Korea wütend ist. Davon können wir alle lernen. 😉 Wir schwatzen kurz und machen gemeinsame Erinnerungsfotos. Wer weiß ob man sich nochmal über den Weg läuft. Einige gehen morgen schon weiter nach Finisterre, andere fliegen nach Hause. Wir bleiben noch einen Tag in Santiago und wollen morgen noch einmal schauen wer noch ankommt. Außerdem soll es regnerisch werden und das sitzen wir hier lieber aus. Abendessen gibt es aus dem Supermarkt in unserem Zimmer.

Vor der Kathedrale

Gerhard 😆

Unsere „Lieblingskoreaner“ 😆