Etappe 5: Braunschweiger Hütte – Talhütte Zwieselstein

Daten 5. Etappe

Es war eine unruhige Nacht in der Braunschweiger Hütte (2759 m ü.NN). Wir waren in einem Raum mit nur 7 Lagerplätzen und trotzdem war ich ständig wach. H war mit uns in diesem Raum und die 4er Leipzig/Erfurt Gruppe. Das Einschlafen war, wie immer, nicht schwer. Auch Ohropax habe ich in dieser Nacht keine gebraucht. Trotzdem war ich bei gefühlten 30 Grad Zimmertemperatur und geschlossenem Fenster ständig wach. Unser Plan war wieder, VOR allen anderen zu starten und als erste über`s Pitztaler Jöchl (2996 m) zu gehen. Für das Frühstück hatten wir uns das Gletscherrestaurant am Rettenbachgletscher ausgesucht. In der Nacht musste ich dummerweise auch noch 2 mal zur Toilette. Bei meinem ersten „durch die Hütte wandeln“ habe ich noch etwas ängstlich nach draußen geschaut ob es regnet oder schneit. Gar nix! Zum Glück! Als Erste starten, wenn alle Wegmarkierungen vom Schnee bedeckt sind, sowas hätten wir nicht geschafft. Bei meinem zweiten Gang habe ich sogar die Sterne funkeln sehen. Das hat mich dann noch mehr beruhigt. Mittlerweile sind wir schon geübt im lautlosen Schlaflagerverlassen. Der Besuch im Waschraum war wieder eine Katzenwäsche. Auf der Braunschweiger Hütte sind alle Wasserhähne mit Sparaufsätzen versehen die den Wasserstrahl fein zerstäuben. Es dauert ewig bis man zwei volle Hände mit Wasser aufgefangen hat. :-/
Wir staunen über den Trockenraum. Der hat es tatsächlich über Nacht geschafft, alle regennassen Klamotten aller Hüttengäste zu trocknen. TOP!

Braunschweiger Hütte

Wir starten kurz vor 6.00 Uhr. Die Leipzig/Erfurter gehen als Erste gerade zum Frühstück. Draußen erwartet uns ein blauer Himmel. Sonne sehen wir noch nicht, weil die Braunschweiger Hütte von Bergen eingerahmt ist. Das Panorama und die Gletscher wären sicher auch beim Aufstieg gestern eine gute Ablenkung gewesen. Naja … wenigstens scheint heute wieder die Sonne, auch wenn wir mit Handschuhen aufbrechen. Erstmal geht es noch rund 250 Höhenmeter aufwärts bevor es den Rest vom Tag bergab geht nach Zwieselstein (1472 m ü.NN) etwas südlich von Sölden.

Direkt hinter der Hütte stampfen wir schon das erste Mal durch ein Schneefeld. Durch den Schneeregen und die Kälte in der Nacht sind die Steine über die wir klettern alle mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Nur nicht ausrutschen! – Das hätte mächtig weh getan. Ich hatte wieder die „PRO & CONTRA Stöcke Liste“ im Kopf. Einzig auf den Schneefeldern hatte ich ein Gefühl, dass mir die Wanderstöcke mehr Sicherheit geben – sonst nicht. Die Meter hinauf zum Pitztaler Jöchl und dann hinab zum Gletscherrestaurant sind die letzten, die ich bei dieser Tour mit Stöcken gehe. Ich kann nicht sagen ob ich sie vermisst hätte wenn ich keine dabei gehabt hätte. Bei unserer nächsten Tour in Spanien bleiben sie zu Hause. Fakt!

Der Schnee wird tiefer, der Weg wird felsiger und steiler. Die letzten ca. 300 Meter vor dem Jöchl werden wieder zur Kletterpartie. Wieder fluche ich auf die Stöcke. Ein Joch oder Jöchl ist eine Bezeichnung für den niedrigsten Abschnitt des Kammes zwischen zwei Berggipfeln. Das Pitztaler Jöchl ist mit 2996 Metern über dem Meer nicht ganz auf 3000. Weil dieser Punkt das „Dach“ unserer Tour ist, klettern wir die paar Höhenmeter noch nach oben um die 3000 auf der Uhr zu haben. Wieder sind wir hier oben allein. Um 6.45 Uhr morgens. WIE GEIL!! Wir haben vergessen welcher Wochentag ist und was wir um diese Zeit eigentlich tun. Das hier beeindruckt uns. Dies werden wir nie im Leben vergessen können. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf über 3000 Meter! Es soll an diesem Tag noch sehr heiß werden, noch tragen wir aber Handschuhe. Wir machen kurz Pause und fotografieren einmal rundum und genießen das Panorama. Dann starten wir den Abstieg zum Gletscherrestaurant an der FIS Skiweltcupstrecke von Sölden. Trotz der Steilheit lässt es sich überraschend angenehm laufen. Wir finden einen Bergschuh mit einer daran befestigten Todesanzeige. Aus dem Text geht hervor, dass der Verunglückte im Winter hier abgestürzt ist. Das hält mir schlagartig vor Augen wie gefährlich dieser wunderschöne Ort sein kann. Man, was hatten wir bis jetzt für ein Glück gehabt! Das Wetter hat es immer sehr gut mit uns gemeint! Wir hätten hier auch 20cm Neuschnee haben können wie im August 2017.

Das letzte große Stück vor dem Gletscherrestaurant geht durchgängig über ein Dauerschneefeld. Für mich als Nichtwintersportler spektakulär! Eine Schneeballschlacht im Sommerurlaub. 😀 Serpentinähnlich geht es über den Schnee bergab. Der „Weg“ ist gut gespurt von den E5-lern vom Vortag. Nur ein/zwei cm Neuschnee darüber. Wir sind immernoch die Ersten an diesem Tag. Wenn man nach vorn blickt – ein herrliches Gefühl!

Abkürzung über das Schneefeld

Wie steil ist so ein Hang talwärts? … Keine Ahnung, ich bin ein mieser Schätzer. Gut abschätzen kann ich nur, dass man ordentlich Geschwindigkeit aufnimmt, wenn man hier abrutscht. Ich kann es gar nicht ganz glauben als ich Antje sitzen sehe und mitbekomme, dass sie runterrutschen will. Wie bitte?? Ist das ein Scherz?! … … und schon rutscht sie auf dem Hintern durch den Schnee talwärts. Un-fucking-fassbar! …und hat hörbar Spaß dabei. Geschwindigkeit und Distanz kann ich nicht schätzen. Es ist alles weiss und mir fehlt ein Anhaltspunkt. Vermutliche 400 Meter Luftlinie nach unten kommt sie, zurück auf dem Weg, zum stehen. Hm … und ich? Laufe die 3-4 Kehren oder rutsche in ihrer Spur hinterher? Ich mach SOWAS doch nicht. Das ist so steil – bremsen unmöglich. „Nicht nachdenken“ – „Nicht nachdenken“ sage ich mir mantraartig und eine halbe Minute später bin ich mit unten. Noch 15 Minuten dauert der Weg zur Gletscherstube und wir schauen durch die Fenster. Hier macht heut niemand Frühstück! Mit Sicherheit ist hier an der Skiweltcupstrecke im Winter die Hölle los. Im Sommer eher nicht. Wir nehmen unsere Notfall-Müsliriegel und schauen auf die Karte. Etwa 2-3 Stunden, dann kommt Alm an Alm. Also weiter. Der Zielbereich der Weltcupstrecke ist im Sommer mit das Hässlichste in der Natur was es gibt! Eine derartige Betonwüste mitten in den Alpen wirkt abartig und unwirklich zugleich. Wie sehen zu, hier weg zu kommen. Während wir starten, treffen wir die Leipzig/Erfurt Gruppe, die einen kürzeren Weg gegangen sind. Das heißt, wir treffen zwei davon. Der Rest würde folgen und einer müsse sogar kniebedingt heute abbrechen. Wir verabschieden uns im Glauben, sie wiederzutreffen. Leider nein.

Der Weg ins Tal bleibt so angenehm. Stetig bergab aber nie schmerzhaft. Große Teile entlang von Skipisten und wir passieren zahlreiche Schlepplifte. Kilometer für Kilometer ins Tal wird es auch wärmer. Eben noch in Handschuhen, jetzt kurze Hosen und kurzärmelig. Nur die geschlossenen Almen nerven uns langsam. Im Winter ist da sicher alles brechend voll. Für uns gibt es aber wieder kein Frühstück. Wir laufen durch einen Zirbenwald ohne zu wissen was Zirben sind. Vom Zirbenschnaps erfahren wir erst an diesem Abend. Wie dumm. 😀 10.45 Uhr erreichen wir endlich eine offene Alm zum frühstücken und ich eskaliere. Kässpatzen mit Salatteller und als 2. Portion einen Kaiserschmarrn mit Apfelmus. Die Augen größer als der Magen – ja, ja. Und nein ich hab es bei weitem nicht geschafft! Auch P lächelt amüsiert als die Kellnerin bei uns auftischte. P kam allein, kurze Zeit nach uns und machte hier ebenso eine Pause. C war schon vor uns da und bestellte noch ein Weizen nach als wir hier wieder aufbrachen. C war mir am Abend auf der Braunschweiger Hütte zum ersten Mal aufgefallen. Die 25-Mann-Seilschaft UND die Jojo-Seilschaft überholten uns hier und auch H war ein paar Meter vor uns. Die „Seilschaften“ haben wir hier zum letzten Mal gesehen. Die Bergschulen gehen ab dieser Etappe einen anderen Weg und nichtmehr auf dem E5. Im Ötztal angekommen gehen die letzten Meter parallel zu einer Straße. Obwohl es erst 13.30 Uhr ist, sind wir froh endlich am Ziel zu sein für heute. Auf 19 Kilometer und 7,5 Stunden Gehzeit sind wir dennoch gekommen. Als erstes wollten wir alle unsere Sachen waschen und zum trocknen aufhängen. Die Hütte war jedoch erst ab 15.00 Uhr besetzt. Kurzerhand haben wir im Gebirgsbach neben der Talhütte unsere Klamotten gewaschen. Wie alte Waschweiber, jeder auf einem Stein.

Die Talhütte Zwieselstein ist eine Selbstversorgerhütte des Alpenvereins im Tal. Warmes Duschwasser und Steckdosen sind ein kleiner Luxus. Wir haben ein Vierbettzimmer. Mit uns ist wieder H und P hier sowie C, mit dem wir aber erst morgen ins Gespräch kommen.

Hüttenstempel

Das Selbstversorgen macht uns zu einer 4er Gruppe. Mit dem Bus zum einkaufen nach Sölden, gemeinsam kochen und dann kommt ja noch das Zielbier und der Hüttenschnaps. 😉 An diesem Abend, ohne Seilschaften und ohne Zeitdruck, sitzen wir zum ersten mal entspannt zusammen und erzählen. Für unsere Verhältnisse sogar relativ lang – bei Bier, Schnaps und Voltaren. Unser Zusammentreffen jeden Abend war bisher rein zufällig. H & P laufen allein und ohne Reservierungen in den Hütten. Als Alpenvereinsmitglied hat man den Vorteil nicht abgewiesen zu werden. Anders gesagt: eine Garantie in der Hütte bleiben zu können und wenn es ein Notlager ist. Wir verabreden uns noch zum gemeinsamen Frühstück. Es geht am nächsten Morgen von Zwieselstein (1.472 m ü.NN) hoch zum Timmelsjoch (2.474 m ü.NN) , über die Grenze nach Italien bis nach Moos (1.007 m ü.NN). Mit 25 Kilometern eine längere Etappe.  =Fortsetzung folgt=