Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 19

Freitag – 3. Mai 2019

Die Nacht war kühl aber ich habe nicht gefroren. Voll eingekleidet im Schlafsack. Ja, ich lerne. 🙂 Wir sind die Ersten die unsere Herberge im Kloster verlassen. Vor Sonnenaufgang ist es wieder kalt. Aber seit gestern habe ich Handschuhe! Antje hat in Fonfria, in der Lost & Found Kiste, Handschuhe für mich gefunden. Der erste Tagesabschnitt heute führt von Samos nach Sarria. Dort treffen wir nach 11 Kilometern wieder auf den Camino Frances, den wir gestern in Triacastela verlassen haben. Torben und Gerhard sind mit Sicherheit schon durch. Ansich soll Sarria ja sehr touristisch sein. Viel habe ich davon aber nicht bemerkt. Wir sind kurz vor 10 Uhr in der Stadt und fast alles hat geschlossen. Na wer weiß. Auf einem Straßenschild hat jemand geschrieben: „Never start your Camino at Sarria!“ Ich muss lachen. Auf den nächsten Kilometern hinter Sarria können wir sie dann selbst sehen. Touristenpilger die erst hier starten und deren Gepäck schon im nächsten Hotel wartet. Unübersehbar mit ihren kleinen Stoffbeutelrucksäcken. Das schwerste Gepäckstück ist die Trinkflasche. Auf 10 Leichtgewichtpilger kommt ein „richtiger“. Zum Teil sind wir mit unseren Trekkingrucksäcken trotzdem noch schneller. In der Iglesia de San Salvador werden wir nochmals ausdrücklich auf die 2 Stempel Regel hingewiesen. Die Kilometer hinter Sarria gefallen mir Landschaftlich bisher am besten. Alte Hohlwege oder Waldwege die mit Natursteinen eingefasst sind. Wie lange es gedauert hat diese langen Mauern aufzustapeln. Wow! Zum Teil laufen wir hier sogar noch auf den alten Römerstraßen. Seit 1000 Jahren gehen die Jakobspilger hier über diese Steine, auf diesem Weg durch Galicien. Wenn diese Steine sprechen könnten … Am Wegesrand stehen bis zu 800 Jahre alte Bäume. Was diese Bäume schon gesehen haben obwohl sie immer nur am gleichen Platz stehen. So viele Pilger, die vor 1000 Jahren aus ganz anderen Gründen wie wir nach Santiago aufgebrochen sind und Jahre unterwegs gewesen sind. Beim Grab des Apostels, oder am Ende der Welt angekommen, konnten sie sich nicht in ein Flugzeug setzen und nach Hause fliegen. Der Heimweg führte über dieselben beschwerlichen Straßen zurück in die Heimat. Soviel Geschichte und so viele Geschichten sind hier regelrecht greifbar. Die Landschaft ist leicht hügelig. Vorwiegend – nein fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt. Schafe, Ziegen und Rinder. Ohne die alten Mauern und Bäume könnte man meinen, man sei im Bayrischen Wald unterwegs. Unser Tagesziel Ferreiros erreichen wir exakt 14.00 Uhr. Punktlandung! Bars und Geschäfte waren seit Sarria spärlich gesät. Selbst Trinkwasserbrunnen habe ich keinen gefunden. Meine Trinkflaschen habe ich mir an den Wäschebecken einer Herberge füllen müssen. In Ferreiros mache ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer offiziellen galicischen Einheitsherberge. Sie sind recht schick. Sie haben viel Ähnlichkeiten mit den modernen Jugendherbergen bei uns in Deutschland. Sehr gut ausgestattet mit Waschmaschine und Trockner. (Handwäschebecken natürlich auch) Im Vergleich zur letzten Nacht in Samos fast ein wenig Luxus. Eine Top Küche ist in jeder Herberge, aber NULL Geschirr! Kein Teller, Topf und nichtmal ein Löffel. Der Ort Ferreiros ist recht klein. 1-2 Bauern, eine Kirche, 2 Bars und 2 Herbergen. Mehr gab es beim Ortsrundgang nicht zu entdecken. Oh halt … relativ große, grüne Eidechsen. Hoffentlich schaffe ich es, die nochmal auf ein Foto zu bekommen. Auf ein Foto bekommen würde ich auch gern mal noch die Gruppe Spanier (Italiener) die wir schon länger kennen. Beim Abendessen kam auch Gerhard mit dazu. Wir hatten ihn heute tagsüber schon einmal getroffen. Ein schönes Gespräch in der Bar über die nächsten Tage und Etappen. Schön zu sehen, dass ich mit meinem Schulenglisch so gut mit einem Engländer plaudern kann, und wir sogar gemeinsam über Witze lachen. (Danke Herr Kunz! 🙂 ) Morgen passieren wir auf den ersten Metern den magischen 100 KM Stein. Freudig und stolz aus das Geschaffte, traurig über das nahende Ende durch das Starten des Countdowns. Seit wir in Galicien sind, wird die Distanz nach Santiago auf jeder Wegmarke mit angezeigt. Meine Erkältung ist so gut wie überstanden. Beim Abendessen mit Gerhard ist uns wieder klar geworden, dass in Spanien eine Flasche Wasser wertlich das gleiche ist, wie eine Flasche Wein. Zum Pilgermenü ist immer dieselbe Frage. Wasser oder Wein? Egal ob wir 1 Liter Wasser oder 1 Liter Wein bekommen – der Preis ist der gleiche. Einheimische trinken ihre Flasche nichtmal leer. Salute!

Touristenpilger mit kleinem Gepäck

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 18

Donnerstag – 2. Mai 2019

Heute wird ein kurzer Tag. Wir gehen von Fonfria nach Samos. Die ersten 5 Kilometer des Tages laufen wir zusammen mit Torben. Über das Kloster Samos ist eine alternative Strecke und nicht der direkte Weg nach Santiago. Beide Wege sind mit der Muschel und mit gelben Pfeilen markiert. Torben will den direkten Weg nehmen und wir die längere Route über Samos. Antje und ich nehmen die erste Bar zum Frühstück, unser Begleiter will erstmal schnell vorankommen und so verabschieden wir uns auf hoffentlich später. Das weiß man ja nie auf dem Jakobsweg. Jeder Abschied könnte für immer sein – oder nur für ein paar Minuten. Torben haben wir leider nie wieder gesehen. In Triacastela haben wir uns einen Leimstift gekauft. 😅 In unseren Pilgerausweisen sind keine weißen Seiten mehr für Stempel. Jeden Tag muss mindestens ein Stempel in die Credential kommen um nachzuweisen, dass man auch tatsächlich die ganze Strecke unterwegs war. Sonst könnte man ja vom Startort aus mit dem Bus nach Santiago und sich die Compostela ausstellen lassen. Ab Sarria morgen müssen es sogar 2 Stempel am Tag sein. Sarria ist der letzte große Ort bevor die letzten 100 Kilometer beginnen. Hier zu starten ist die letzte Möglichkeit die Pilgerurkunde zu bekommen. Da die Touristenpilger, die nur die letzten 100 Kilometer zu Fuß gehen, meist mit dem Bus in Hotels gebracht werden, wurde die 2-Stempel Regel eingeführt. Ich hätte einfach die Distanz auf mindestens 250 Kilometer erhöht. Ich würde auch alle Rucksacktransporte für gesunde Pilger verbieten. Diese Transporte werden reichlich genutzt. So buhlen in jeder Albergue die verschiedenen Anbieter um Kunden. Die ausliegenden Umschläge werden mit der nächsten Wunschherberge und den eigenen Daten beschriftet, mit 5 Euro gefüllt und am Rucksack angebracht. Schon kann man frei von jeder Last losspazieren wie ein junges Reh. In Triacastela besorgen wir uns also Leim um ein paar neue, weiße Seiten einzukleben. Zwar kann man auch einen zweiten Ausweis nachkaufen aber wir hätten lieber alle Stempel in einem. Die Jakobskirche in Triacastela ist offen! Dass es sogar in der Kirche einen Stempel gibt, ist mir die Erwähnung wert. Am Ortsausgang folgen wir den Ausschilderungen Richtung Samos. Erst ein paar Kilometer entlang einer Straße, dann durch herrlich grüne Wälder und Wiesen. Die Landschaft hat sich verändert und auch die kleinen Ortschaften sehen anders aus. Das Kloster Samos ist schon zur Mittagszeit erreicht. Wir entspannen in der Sonne und schreiben Tagebuch nach. Man vergisst sehr schnell. Orte gehen vergessen wenn ich nicht alles aufschreibe. Ich weiß immer welche Orte wir heute durchlaufen haben, wo wir vor 2 Tagen geschlafen haben ist dagegen wie ausradiert. Erst beim Nachlesen wird es wieder klar. Unsere Albergue im Kloster Samos ist einfach. Sie ist eine „Donativo“, also auf Spendenbasis. Hinter den dicken Mauern ist es recht kalt. Eine Küche zum kochen gibt es keine. Da das Wetter aber wieder schön sommerlich ist, haben wir im angrenzenden Park unsere Einkäufe aus dem Supermarkt verspeist. Hier im Park direkt vor uns steht eine kleine Kapelle aus dem 9. Jahrhundert. Daneben steht eine spektakuläre Zypresse, die der Kapelle ihren Namen gab und deren Höhe überraschend ist. Es wird gesagt, dass sie ungefähr 1000 Jahre alt sein soll. Der Guide aus der Kapelle ist nämlich auch unser Hospitalero den wir nur durch Zufall hier gefunden haben. 19.30 Uhr waren wir noch zur Pilgermesse im Kloster. Die Messe wurde von 5 Mönchen gehalten. Jeder durfte einmal ans Mikro. Wir waren 12 Pilger, darunter auch das Bonner Geschwisterpaar. Gestern Abend Pilger Party – heute Pilger Messe.