Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 20

Samstag – 4. Mai 2019

Im Zimmer ist schon sehr früh Unruhe. Toilettengänge. Ein Spanier, der den gesamten Inhalt seines Rucksacks mit dem Handylicht durchsucht. Die meiste Unruhe verbreitet aber eine junge Asiatin. Sie liegt im Stockbett gegenüber neben mir. Nachts sehe ich sie mehrmals im Bett sitzend mit ihrem Handy. Zwischen 5.00 – 5.30 Uhr beginnt sie damit ihre Wäsche vom Vortag zu sammeln und verlässt das Zimmer. (Vermutlich um die Waschmaschine zu befüllen) Sie kommt zurück und spielt weiter an ihrem Handy. Später verschwindet sie erst im Bad, kommt zurück und verlässt wieder den Schlafraum. Vermutlich war die Waschmaschine fertig und sie hat alles in den Trockner umgeladen. Zurück im Zimmer beginnt sie auf dem Bett sitzend ihren Schlafsack einzurollen. Jetzt verlässt der im Rucksack suchende Spanier, mit all seinen Sachen, den Schlafraum. Wir liegen direkt neben der Tür und schauen uns genervt an und tun das gleiche. Mit schlafen wird das hier eh nix mehr. Bis zu unserem Wecker wäre noch eine dreiviertel Stunde gewesen. Was solls, da können wir auch gleich starten. Als wir uns im Aufenthaltsraum fertig machen, kommt die Asiatin erneut und räumt den Wäschetrockner leer. Also okay, sie kam sehr spät hier an. ICH hätte an ihrer Stelle aber lieber um 20.00 Uhr noch schnell gewaschen als hier ALLE wach zu machen! Gleiches gilt für den Spanier. WENN ich mir schon jedes Kleidungsstück einzeln in eine Folietüte wickeln muss, suche ich mir aber am ABEND noch zusammen was ich für den nächsten Tag brauche. Sind die alle in Sarria gestartet oder wo kommen plötzlich solche Pilger her? Ja – ich bin genervt.

Wir starten also etwas früher als üblich. Frühstück wird es erst 1 – 2 Orte weiter geben. Die spanischen Bars öffnen zeitig – soo zeitig aber nun auch nicht. Nach 800 Metern sind wir am 100 Kilometer Stein. Zeitiges Kommen sichert gute Plätze. 😉 Wir müssen nicht anstehen für das Foto mit dem Stein. Weiter geht’s und es wird nebliger. Nach einer reichlichen Stunde gibt es dann Frühstück. Bis Portomarin ist es nicht mehr weit. Portomarin ist eine „umgezogene“ Stadt. Ursprünglich lag sie etwa 200 – 300 Meter tiefer. Bei der Anlage des Belesar-Stausees 1956 wurde der Ort weiter oben am Hang neu errichtet. Die Staumauer des Sees ist 40 Kilometer entfernt und trotzdem wurde der Ort überflutet. Die Kirche, die das heutige Stadtzentrum markiert, wurde Stein für Stein abgetragen und hier wieder aufgebaut. Man sieht an den einzelnen Steinblöcken sogar noch die Nummerierungen. Abgesehen von den Touristenpilgern die gerade aus ihren Hotels strömen, ist aber auch Portomarin wie ausgekehrt. Kein Markt oder Bäcker hat offen. Nix vom touristischen Trubel zu spüren. Im letzten Jahr war der Wasserstand der Talsperre so weit gesunken, dass die alte Brücke und weitere alte Gebäude von Portomarin zum Vorschein kamen. Ein gruseliges Bild was ich im Internet gesehen hatte und jetzt im Kopf habe als wir über die neue Brücke laufen. Das ruhige schwarze Wasser unter uns und das Wissen, dass etwa 20 Meter unter der Wasseroberfläche noch eine Brücke ist. Uhhhnheimlich!!!

Wir verlassen die Stadt ohne größeren Stop. Nach dem Ortsausgang geht es von 380 Metern über NN wieder hoch auf reichlich 700. Auf dieser Strecke werden unsere Nerven schon wieder auf die Probe gestellt. Gefühlte 100 Touristenpilger laufen vor uns. Wir sehen so gut wie keine anderen Pilger mehr. Das ‚Buen Camino‘ wird, wenn überhaupt, nur noch halbherzig hingeschmettert. Gern auch mal eine halbe Minute später, weil man ja erstmal sein Gespräch weiter führen will. Na wenn das so weiter geht …

Vermutlich ist schon mehreren hier der Kragen geplatzt. Viele zynische Kommentare am Wegesrand die uns etwas aufheitern. „Buen Camino Tourigrino!“ oder „Jesus dont use Jacotrans“. Gut war auch: „Where is your Backpack Tourigrino?” 🙂 Es kam auch heute den ganzen Tag über kein Trinkwasserbrunnen am Weg. In die erste Bar, 8 Km nach Portomarin, sind natürlich dann fast alle eingefallen. Die Spanier (aus Italien) saßen auch schon. Endlich bekannte Gesichter und große Rucksäcke. Für uns gab es ein Bocadillo (belegtes Brötchen) und einen Cafe con Leche. Nach weiteren 4 Kilometern sind wir schon an unserem geplanten Ziel. …kurz nach 12.00 Uhr. Wir motivieren uns mit einem Bier und gehen weiter. Bis Palas del Rei ist es definitiv zu weit. 7 Kilometer bis Eirexe sind aber noch drin. Dort kommen wir 14.30 Uhr an. Öffentliche galicische Herberge mit einer Bar gegenüber – Passt!

Noch 100 Kilometer bis Santiago

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 19

Freitag – 3. Mai 2019

Die Nacht war kühl aber ich habe nicht gefroren. Voll eingekleidet im Schlafsack. Ja, ich lerne. 🙂 Wir sind die Ersten die unsere Herberge im Kloster verlassen. Vor Sonnenaufgang ist es wieder kalt. Aber seit gestern habe ich Handschuhe! Antje hat in Fonfria, in der Lost & Found Kiste, Handschuhe für mich gefunden. Der erste Tagesabschnitt heute führt von Samos nach Sarria. Dort treffen wir nach 11 Kilometern wieder auf den Camino Frances, den wir gestern in Triacastela verlassen haben. Torben und Gerhard sind mit Sicherheit schon durch. Ansich soll Sarria ja sehr touristisch sein. Viel habe ich davon aber nicht bemerkt. Wir sind kurz vor 10 Uhr in der Stadt und fast alles hat geschlossen. Na wer weiß. Auf einem Straßenschild hat jemand geschrieben: „Never start your Camino at Sarria!“ Ich muss lachen. Auf den nächsten Kilometern hinter Sarria können wir sie dann selbst sehen. Touristenpilger die erst hier starten und deren Gepäck schon im nächsten Hotel wartet. Unübersehbar mit ihren kleinen Stoffbeutelrucksäcken. Das schwerste Gepäckstück ist die Trinkflasche. Auf 10 Leichtgewichtpilger kommt ein „richtiger“. Zum Teil sind wir mit unseren Trekkingrucksäcken trotzdem noch schneller. In der Iglesia de San Salvador werden wir nochmals ausdrücklich auf die 2 Stempel Regel hingewiesen. Die Kilometer hinter Sarria gefallen mir Landschaftlich bisher am besten. Alte Hohlwege oder Waldwege die mit Natursteinen eingefasst sind. Wie lange es gedauert hat diese langen Mauern aufzustapeln. Wow! Zum Teil laufen wir hier sogar noch auf den alten Römerstraßen. Seit 1000 Jahren gehen die Jakobspilger hier über diese Steine, auf diesem Weg durch Galicien. Wenn diese Steine sprechen könnten … Am Wegesrand stehen bis zu 800 Jahre alte Bäume. Was diese Bäume schon gesehen haben obwohl sie immer nur am gleichen Platz stehen. So viele Pilger, die vor 1000 Jahren aus ganz anderen Gründen wie wir nach Santiago aufgebrochen sind und Jahre unterwegs gewesen sind. Beim Grab des Apostels, oder am Ende der Welt angekommen, konnten sie sich nicht in ein Flugzeug setzen und nach Hause fliegen. Der Heimweg führte über dieselben beschwerlichen Straßen zurück in die Heimat. Soviel Geschichte und so viele Geschichten sind hier regelrecht greifbar. Die Landschaft ist leicht hügelig. Vorwiegend – nein fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt. Schafe, Ziegen und Rinder. Ohne die alten Mauern und Bäume könnte man meinen, man sei im Bayrischen Wald unterwegs. Unser Tagesziel Ferreiros erreichen wir exakt 14.00 Uhr. Punktlandung! Bars und Geschäfte waren seit Sarria spärlich gesät. Selbst Trinkwasserbrunnen habe ich keinen gefunden. Meine Trinkflaschen habe ich mir an den Wäschebecken einer Herberge füllen müssen. In Ferreiros mache ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer offiziellen galicischen Einheitsherberge. Sie sind recht schick. Sie haben viel Ähnlichkeiten mit den modernen Jugendherbergen bei uns in Deutschland. Sehr gut ausgestattet mit Waschmaschine und Trockner. (Handwäschebecken natürlich auch) Im Vergleich zur letzten Nacht in Samos fast ein wenig Luxus. Eine Top Küche ist in jeder Herberge, aber NULL Geschirr! Kein Teller, Topf und nichtmal ein Löffel. Der Ort Ferreiros ist recht klein. 1-2 Bauern, eine Kirche, 2 Bars und 2 Herbergen. Mehr gab es beim Ortsrundgang nicht zu entdecken. Oh halt … relativ große, grüne Eidechsen. Hoffentlich schaffe ich es, die nochmal auf ein Foto zu bekommen. Auf ein Foto bekommen würde ich auch gern mal noch die Gruppe Spanier (Italiener) die wir schon länger kennen. Beim Abendessen kam auch Gerhard mit dazu. Wir hatten ihn heute tagsüber schon einmal getroffen. Ein schönes Gespräch in der Bar über die nächsten Tage und Etappen. Schön zu sehen, dass ich mit meinem Schulenglisch so gut mit einem Engländer plaudern kann, und wir sogar gemeinsam über Witze lachen. (Danke Herr Kunz! 🙂 ) Morgen passieren wir auf den ersten Metern den magischen 100 KM Stein. Freudig und stolz aus das Geschaffte, traurig über das nahende Ende durch das Starten des Countdowns. Seit wir in Galicien sind, wird die Distanz nach Santiago auf jeder Wegmarke mit angezeigt. Meine Erkältung ist so gut wie überstanden. Beim Abendessen mit Gerhard ist uns wieder klar geworden, dass in Spanien eine Flasche Wasser wertlich das gleiche ist, wie eine Flasche Wein. Zum Pilgermenü ist immer dieselbe Frage. Wasser oder Wein? Egal ob wir 1 Liter Wasser oder 1 Liter Wein bekommen – der Preis ist der gleiche. Einheimische trinken ihre Flasche nichtmal leer. Salute!

Touristenpilger mit kleinem Gepäck

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 18

Donnerstag – 2. Mai 2019

Heute wird ein kurzer Tag. Wir gehen von Fonfria nach Samos. Die ersten 5 Kilometer des Tages laufen wir zusammen mit Torben. Über das Kloster Samos ist eine alternative Strecke und nicht der direkte Weg nach Santiago. Beide Wege sind mit der Muschel und mit gelben Pfeilen markiert. Torben will den direkten Weg nehmen und wir die längere Route über Samos. Antje und ich nehmen die erste Bar zum Frühstück, unser Begleiter will erstmal schnell vorankommen und so verabschieden wir uns auf hoffentlich später. Das weiß man ja nie auf dem Jakobsweg. Jeder Abschied könnte für immer sein – oder nur für ein paar Minuten. Torben haben wir leider nie wieder gesehen. In Triacastela haben wir uns einen Leimstift gekauft. 😅 In unseren Pilgerausweisen sind keine weißen Seiten mehr für Stempel. Jeden Tag muss mindestens ein Stempel in die Credential kommen um nachzuweisen, dass man auch tatsächlich die ganze Strecke unterwegs war. Sonst könnte man ja vom Startort aus mit dem Bus nach Santiago und sich die Compostela ausstellen lassen. Ab Sarria morgen müssen es sogar 2 Stempel am Tag sein. Sarria ist der letzte große Ort bevor die letzten 100 Kilometer beginnen. Hier zu starten ist die letzte Möglichkeit die Pilgerurkunde zu bekommen. Da die Touristenpilger, die nur die letzten 100 Kilometer zu Fuß gehen, meist mit dem Bus in Hotels gebracht werden, wurde die 2-Stempel Regel eingeführt. Ich hätte einfach die Distanz auf mindestens 250 Kilometer erhöht. Ich würde auch alle Rucksacktransporte für gesunde Pilger verbieten. Diese Transporte werden reichlich genutzt. So buhlen in jeder Albergue die verschiedenen Anbieter um Kunden. Die ausliegenden Umschläge werden mit der nächsten Wunschherberge und den eigenen Daten beschriftet, mit 5 Euro gefüllt und am Rucksack angebracht. Schon kann man frei von jeder Last losspazieren wie ein junges Reh. In Triacastela besorgen wir uns also Leim um ein paar neue, weiße Seiten einzukleben. Zwar kann man auch einen zweiten Ausweis nachkaufen aber wir hätten lieber alle Stempel in einem. Die Jakobskirche in Triacastela ist offen! Dass es sogar in der Kirche einen Stempel gibt, ist mir die Erwähnung wert. Am Ortsausgang folgen wir den Ausschilderungen Richtung Samos. Erst ein paar Kilometer entlang einer Straße, dann durch herrlich grüne Wälder und Wiesen. Die Landschaft hat sich verändert und auch die kleinen Ortschaften sehen anders aus. Das Kloster Samos ist schon zur Mittagszeit erreicht. Wir entspannen in der Sonne und schreiben Tagebuch nach. Man vergisst sehr schnell. Orte gehen vergessen wenn ich nicht alles aufschreibe. Ich weiß immer welche Orte wir heute durchlaufen haben, wo wir vor 2 Tagen geschlafen haben ist dagegen wie ausradiert. Erst beim Nachlesen wird es wieder klar. Unsere Albergue im Kloster Samos ist einfach. Sie ist eine „Donativo“, also auf Spendenbasis. Hinter den dicken Mauern ist es recht kalt. Eine Küche zum kochen gibt es keine. Da das Wetter aber wieder schön sommerlich ist, haben wir im angrenzenden Park unsere Einkäufe aus dem Supermarkt verspeist. Hier im Park direkt vor uns steht eine kleine Kapelle aus dem 9. Jahrhundert. Daneben steht eine spektakuläre Zypresse, die der Kapelle ihren Namen gab und deren Höhe überraschend ist. Es wird gesagt, dass sie ungefähr 1000 Jahre alt sein soll. Der Guide aus der Kapelle ist nämlich auch unser Hospitalero den wir nur durch Zufall hier gefunden haben. 19.30 Uhr waren wir noch zur Pilgermesse im Kloster. Die Messe wurde von 5 Mönchen gehalten. Jeder durfte einmal ans Mikro. Wir waren 12 Pilger, darunter auch das Bonner Geschwisterpaar. Gestern Abend Pilger Party – heute Pilger Messe.

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 17

Mittwoch – 1. Mai 2019

Gute Nacht = gut erholt. Wie es aussieht wird es heute wieder heiß. Wir starten wieder vor dem Sonnenaufgang in Ambasmestas. Fürs Frühstück ausgesucht hatten wir uns Vega de Valcarce nach nur 2 Kilometern. Eine Paneteria (Bäckerei) war schon offen und sah sehr einladend aus. Der Bäcker grüßte aus der Backstube und kurz darauf stand seine Frau im Laden. Habe ich schon geschrieben dass der Cafe con Leche in Spanien exzellent ist? 🙂 Ja? Nein? 🙂 Ist er! Ich muss wirklich aufpassen, dass ich mir das nicht angewöhne. Dazu hatten wir 1x Tarta de Queso (Käsekuchen) und 1x Tarta de …hm … einen leckeren Kuchen der nach Karamell schmeckt. Allerfeinste Sahne! Saulecker! Danach geht es Richtung O Cebreiro, wo die älteste Kirche am Jakobsweg auf uns wartet. 5 Kilometer waren noch flach, dann ging es bergauf. Im letzten Dorf vor dem Berg war am Wegesrand ein Baum mit tausenden kleinen Papierröllchen an den Zweigen. Nanu?! Als wir näher kommen steht unter dem Baum ein Tisch mit Stiften und Zetteln. Man sollte seine Wünsche niederschreiben und mit am Wunschbaum aufhängen. Die Sonne stieg höher und nachdem auch wir die ersten Höhenmeter machen, musste ich mich meiner Hosenbeine und der Jacke entledigen. Sonnencreme natürlich noch drauf und weiter. La Faba ist noch nicht ganz der halbe Weg zum Gipfel aber eine coole Bar mit Smoothies und frisch gepressten Orangensaft war zu einladend um weiter zu gehen. Auf den nächsten Kilometern sahen wir, dass wir den Gipfel …nicht sahen. Nebel! Als Antje vor 10 Jahren hier war, ist es wohl ganz genauso gewesen. Ihre Fotos von hier sind alle im Nebel aufgenommen. In Laguna de Castilla sehen wir einen sehr noblen Pilger mit weißem Hemd, als würde er in der Bank arbeiten, und eingehüllt in eine undurchdringliche Parfümwolke. Er bekommt später den Spitznamen Chanel Pilger oder Unglückspilger. Unglückspilger weil er in diesem Moment, als wir ihn überholen, ein Taxi anhält und mit dem Fahrer spricht. Wir sind keine 30 Meter an denen vorbei, hören wir ein ungutes knallen und scheppern. Die Geräusche eines Autounfalls hört man selten (zum Glück) weiß aber sofort, dass es Klänge eines Unfalls sind. Wir drehen uns um und plötzlich liegt an der Stelle an der eben noch das Taxi stand ein anderer  PKW auf dem Dach. Einer dieser Momente wo man seinen Augen nicht traut. Eine Straße, die gerade so breit ist das ein Auto fahren kann. Selbst ein aneinander Vorbeifahren wäre hier nicht möglich gewesen. Wo der wirklich herkam können wir nur vermuten. >>Der Chanel Pilger stoppt das Taxi und fragt nach irgendwas. Ein PKW kommt entgegen und sieht die versperrte Straße. Aus Eile versucht er über den Hang um das Taxi herumzufahren was damit endet dass der Hang zu steil wird und der PKW eine Rolle zur Seite macht.<< Wir eilen mit hin. Der Chanel Pilger spricht mit dem Fahrer der zwar scheinbar unverletzt, aber trotzdem eingesperrt scheint. Die Beifahrertür lässt sich nur mit Gewalt öffnen. Der betagte Fahrer ist zu eingeklemmt um nach draußen zu kriechen. Der Chanel Pilger zieht und ich versuche den Fahrer von der Hintertür aus zu schieben. Das gelingt und die Spanier kümmern sich. Im Gehen gibt mir jemand zu verstehen, dass der Motor noch läuft. Ich will den Motor also noch abstellen doch mittlerweile sind so viele Helfer um das Auto, dass man nicht mehr ran kommt. Der Motor geht auch gerade aus. „Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gekriegt.“ Hätte der Chanel Pilger das Taxi nicht angehalten, wäre der ältere Herr nicht auf dem Dach gelandet. Unglückspilger ist nun wohl verständlich was?!

Kurz hinter Laguna de Castilla war es dann aus. Zu kalt für Kurzarm. Das war aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Noch vor Cebreiro war der Nebel so dicht, dass es begann von den Bäumen zu tropfen. Ein riesiger Wegstein zeigt uns an, dass wir Galicien erreicht haben. Eine autonome Gemeinschaft die aus einer Gruppe keltisch beeinflusster Völker entstand. Und tatsächlich sehen die galicischen Dörfer ganz anders aus als die spanischen bis jetzt. Ich habe mir mittlerweile meine Windjacke wieder übergezogen. Schonmal 5 Kilometer vorgegriffen habe ich dann auch meine Hosenbeine wieder verlängert und meinen Kopf eingepackt wie im Winter. Von 25 Grad und Sonne zu 7 Grad und Winter. Unfassbar. Aber nochman kurz zu O Cebreiro. Der keltische Ort ist sehr touristisch. In der ältesten Kirche am Camino wird der Heilige Grahl von Galicien aufbewahrt. Es soll im 13. Jahrhundert ein frommer Bauer trotz Sturm den Berg hinauf gekommen sein zur heiligen Messe, die ein an Gott zweifelnder Mönch zelebriert. Er macht sich insgeheim lustig über den Bauern. Während der Messe wandelt sich jedoch tatsächlich Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi. In der Kirche kann man den Kelch mit dem eingetrockneten Blut und den Hostienteller mit dem Fleich (das bisschen was halt noch übrig ist) besichtigen. Das „Wunder von O Cebreiro“ ist ein durch die katholische Kirche offiziell anerkanntes Hostienwunder. Der Ort selbst macht auch einiges her. Wäre das Wetter besser gewesen, hätten wir ihn sicher noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Bis zum Alto de San Roque geht es weiter durch den Nebel. Die Pilgerstatue, die den höchsten Punkt markiert, taucht wie aus dem Nichts vor uns auf. Sichtweite unter 100 Meter würde bei uns im Verkehrsfunk gemeldet werden. Kurze Zeit später erreichen wir den Alto di Pojo. Ansich wollten wir hier übernachten. Bei Tortillas und Bier beschließen wir noch einen Ort weiter zu gehen. Morgen verlassen wir die Nebelsuppe und sind dann eben etwas zeitiger in Samos. Bei sommerlichen Temperaturen. J So unser Plan. Die Albergue in Fonfria ist neu und sehr modern. Ein Holzbau mit großem Relaxbereich und vielen bequemen Sofas. Wir haben uns etwas spät(er), nach dem Check in, überlegt doch noch am Pilgermenü teilzunehmen. Ich bin zur Anmeldung mit „Por favor dos Personas para 19.00 Uhr Dinner.“ Daraufhin bekam ich 2 Essenmarken rübergeschoben. Ich habe mir noch den Weg erklären lassen, denn das Dinner war in einem Nachbargebäude. Geld wollte er keins. Nanu?? Vielleicht am Abend. Kurz vor 19.00 Uhr kommen wir zu dem runden Holzbau. Eine kleine Bar am Eingang und fast mittig ein Kamin. Die Chefin kommt tanzend aus der Küche, fordert uns auf mitzutanzen aber bittet uns dann doch, am Tisch Platz zunehmen. Eine lange Tafel für über 40 Personen gedeckt. Kommen echt so viele zum Essen? Mir gegenüber sitzt Torben aus Deutschland. Neben ihm (von mir gesehen rechts) sitzt John aus England. Er war schon letzte Nacht mit in Ambasmestas und er hat uns heute wiedererkannt. Von mir aus gesehen links neben Torben sitzt das Bonner Geschwisterpaar. Links neben mir Antje. Neben ihr Gustav aus Schweden und dann Gerhard aus England, den wir nun schon länger kennen. Das ist so die Gesprächsrunde die sich bildet. Die Vorspeise war ein galicischer Gemüseeintopf. Als wir die große Schüssel vor uns geleert haben, kommt prompt ein neuer Topf auf den Tisch. Bei der Hauptspeise lesen Antje und Torben aus unserem Reiseführer vor, dass hier ab 10 interessierten Personen nach dem Essen eine Queimada kostenlos geboten wird. Eine Queimada ist ein Brauch um ein alkoholisches Heißgetränk der galicischen Küche. Dem Ritual werden heilende Kräfte und der Schutz vor bösen Geistern zugeschrieben. Als Nachtisch gab es Mandelkuchen und wir hatten bis dahin schon mehrere Flaschen Wein geleert. Der Bonner schenkte allen kräftig nach. „Komm min Jung, ich schütt dir noma einen ein.“ Die Gespräche und die Party kam ins laufen. War eine Flasche Wein leer, kam eine neue nach. Torben wollte letztendlich die Chefin nach der Queimada fragen, doch beim Aufklappen des Outdoor-Führers wusste sie sofort Bescheid und winkte eigentlich lachend ab „Es sei heute kein Feuer da“. Nachdem immer mehr Wein getrunken und alle fertig gegessen hatten, ging die Show dann dennoch los. Ein großer Kessel wurde aufgebaut und mit mehreren Flaschen Hochprozentigem gefüllt. Dazu kamen eine große Hand voll Kaffeebohnen, eine Orangenschale sowie ein Apfel in Streifen geschnitten und Zucker. Dann wurde der Kessel angezündet. Unter rühren und schöpfen des brennenden Alkohols wurden gute Geister beschworen. „Mouchos! Coruxas! Sapos e bruxas!  E Lume!“ Ein Spektakel! Ein paar von uns sollten nach vorn kommen und selbst rühren. Dabei sollte laut gesagt werden was man gern verbrennen würde. Torben wollte alle schlechten Gedanken verbrennen „E Lume!“  und Gerhard den Brexit „E Lume!“. Plötzlich war noch ein Spanier am Kessel der mit einer kräftigen Opernstimme ein Lied zum Besten gab. Wahnsinn! Ich war noch nie in der Oper. So eine Stimme aus zwei/drei Metern Entfernung zu hören ist unglaublich. So viel Kraft. Es gab zu recht jubelnden Applaus. Nach 10 Minuten wurde das Feuer gelöscht. Alkohol war trotzdem noch reichlich vorhanden. Es schmeckte süßlich, fruchtig und vor allem nach Kaffee. Das für 19.00 Uhr angesetzte Dinner hat so mal kurz bis 22.00 Uhr gedauert. Laute spanische Musik und die Hälfte tanzte. Was für ein Abend! Das Geld für das Essen wollte übrigens auch am Abend keiner. „E Lume!“

 

 

Torben mit der Queimada

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 16

Dienstag – 30. April 2019 Hexenabend

 

… Obwohl man gerade hier in Spanien vielleicht vorsichtig sein sollte mit dieser Bezeichnung. :)) Wir machen heute einen kurzen Tag. Gestern sind wir 2 km weiter gegangen und heute machen wir 2 km kürzer als geplant. So ist unser Tagesabschnitt nur 20 Kilometer lang. Start war kurz vor 7 Uhr. Bis Villafranca del Bierzo ging es feldwegähnlich dahin. Überall am Wegesrand waren kleine Hasen. Klein, neugierig und frech. Erst einmal auf Abstand haben sie auch gefällig für Fotos posiert. Villafranca d.B. sieht nach einer sehr interessanten Kleinstadt aus. Schade, dass wir hier so früh durch sind und alles noch geschlossen hatte. So auch die Iglesia de Santiago. In dieser Kirche haben, während des ersten Pilgerbooms im Mittelalter, kranke Jakobspilger denselben Ablass erhalten wie in Santiago. Diese Sondergenehmigung war einmalig und nur dieser Kirche erteilt worden. Leider war auch diese Jakobskirche verschlossen wie schon sooo viele. Überhaupt scheint auf dem Camino zur Zeit noch Winterschlaf zu sein. Andere Pilger berichten vom gleichen Eindruck. Der Brunnen, aus dem Wein fließt, war abgestellt. In der Kirche des „Hühnerwunders“ in Santo Domingo de la Calzada war der Käfig mit den Hühnern leer. Pilgermessen Fehlanzeige. Tomas, der Templer von Manjarin der ansich schon aus der Ferne jeden Pilger mit einem Glockenschlag begrüßt, war gar nicht da. Aber der Jakobsweg das sind ja nicht nur die Show Akts sondern viel mehr. Darum will ich nicht weiter meckern sondern nur festhalten. 😉

In Villafranca del Bierzo stehen wir wieder einmal vor der Wahl. Eine alternative Route über die Berge oder den Camino entlang einer Straße. Genau diese Straße über die sich Shirley Maclaine und Hape Kerkeling in ihren Büchern so ausgekotzt haben. Die wollte ich nun mit eigenen Augen sehen. Außerdem ist Antje diesen Weg bei ihrem ersten Camino schon gegangen und wir wollten ein paar Orte davon erneut aufsuchen. Der Verkehr hier hielt sich aber sehr in Grenzen. Mittlerweile wurde durch das Tal des Rio Valcarce eine Autobahn gebaut. Diese verläuft fast durchweg parallel und ist auch viel befahren. Der Durchgangsverkehr auf besagter Fernstraße (speziell die LKWs) hat dadurch sehr nachgelassen. Ich würde es fast als dörflich bezeichnen was hier noch durchfährt. Unsere gewählte Albergue „Casa del Pescador“ hatte für uns noch ein Doppelzimmer frei. Vor den Holzhütten, in denen die Pilger untergebracht sind, ist ein angelegter Teich mit Hängematten am Ufer. Ideal für eine Mittagsruhe und zum Nachtragen des Tagebuchs. Wir sind noch einmal zu einer kleinen Dorfrunde durch Ambasmestas aufgebrochen. Bei nichtmal 50 Einwohnern gab es nicht viel. Der kleine Dorfladen hatte Preise wie ein EDEKA in Berlin Mitte. Trotzdem die günstigste Art für das Abendessen. Auch in unserer Herberge haben wir für EIN kleines Bier € 2,50 bezahlt. Vor ein paar Tagen haben wir für 2,50 noch ZWEI große bekommen. Wir kommen Santiago wohl näher. Meine Erkältung ist inzwischen ein handfester Schnupfen. Ich fühle mich aber immernoch gut und habe keine Beeinträchtigung. Auch meine Ferse ist seit Tagen vollkommen schmerzfrei.

Fernverkehrsstraße durch das Tal des Rio Valcarce

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 15

Montag – 29. April 2019

Nein. Kein zweites Wunder. Es wird ein Schnupfen. Es ist ein Schnupfen. Trotzdem habe ich vermutlich Glück, dass es nicht allzu schlimm wird. Meine Laune an diesem Morgen ist trotzdem gut und wir sind überpünktlich am Frühstückstisch. Der Hospitalero macht uns die Brotscheiben auf der heißen Herdplatte warm. Kein „Zwieback“ bei dem man sich fast den Gaumen aufschneidet wie sonst. Durch das späte Frühstück starten wir erst halb 8. Heute bleibt der Weg überwiegend flach. Dass wir nicht mehr in der Hochebene sind, merkt man sofort an der Vegetation. Das Gras steht fast Hüfthoch … was es hier darf … und die Bäume tragen so viele Blätter, dass man sie als Schattenspender nutzen kann. Dies nehmen wir seit gestern auch rege in Anspruch. Ab dem Mittag sind immer um die 25 Grad. Endlich Temperaturen wie ich es von Spanien erwartet und auch gepackt habe. Wir sind sehr schnell in Ponferrada. Die alte Templerburg hat leider montags geschlossen. Ein geschichtsträchtiges Bauwerk was eine Menge zu erzählen hätte. Diese Mauern strahlen die Dramatik des Templerordens regelrecht aus. Viele Bauwerke der Templer haben die Zeiten nicht überstanden. Außer Worms sind mir nur ein paar Burgen in Spanien und Portugal bekannt. Ja okay und eine kleine Kapelle bei Halle. 1307 wurden alle Mitglieder des Ordens angeklagt. Das mehrmalige Gestehen und spätere Widerrufen des letzte Großmeister des Templerordens, Jacques de Molay, macht den Templerorden und dessen „verschwinden“ mysteriös. Am 18. März 1314 wurde Jacques de Molay als rückfälliger Ketzer verbrannt. Zum Teil wird vom „ungeheuersten Justizmord der Geschichte“ gesprochen. Nach der Auflösung des Ordens ging der meiste Besitz an den Johanniterorden über. Auch heute gibt es noch Orden, die sich als Nachfolger der Templer sehen. Alte Schätze, oder der Heilige Grahl, der im Besitz der Templer gewesen sein soll, blieben verschwunden. Ein Orden benötigt keine Anerkennung durch eine gesetzliche oder religiöse Institution. Somit kann sich jede Personenvereinigung „Ritterorden“ oder „Orden“ nennen. Das macht die Geschichte nicht gerade überschaubarer.

„Run as you are“, als Anspielung auf Nirvanas „Come as you are“, lese ich vor mir auf einem Rucksack. Ein Slogan des Bonn Marathon. Ich dränge der Dame ein kurzes Gespräch auf, dass ich den Spruch cool finde. Ich vermute aber sie kennt die Anspielung auf den Nirvana Song nicht. Sie, die Dame und der Herr aus Bonn, sind Geschwister und wir sehen uns heute alle paar Meter wieder. Ja nachdem wer gerade eine Pause gemacht hat. Und die machen wir heute reichlich. Trotzdem kommen wir fix voran. Bei einer Weinprobe (wir sind jetzt in der Bierzo Weingegend und der schmeckt verdammt gut) haben wir einen Pilger wiedergetroffen, den wir seit Castrojeriz immer mal wieder gesehen haben. Eine sehr markante Brille und sein Spitzbart machen ihn unverkennbar. Er spricht ein sauberes Englisch und ist aus Südafrika, wie wir hier erfahren. Somit haben wir mit allen Kontinenten Kontakt auf dem Camino. Unsere ausgesuchte Herberge in Cacabelos hat leider noch geschlossen. (Offen ab 1. Mai) Mehr zahlen in einer Pension wollten wir aber auch nicht. Nach 1,5 Kilometer kommt Pieros. Gleich am Ortseingang lockt eine vegetarische Albergue für das gleiche Geld. Gesagt – getan – Check in. Beim Aussuchen unseres Bettes bekommen wir einen großen, schwarzen Müllsack in den wir unsere Rucksäcke stellen sollen. Wenn wir etwas daraus brauchen kommen wir von oben hinein um im Rucksack zu suchen. Es soll so vermieden werden, dass aus anderen Unterkünften Bettwanzen eingeschleppt werden. Vielleicht eine ganz sinnvolle Überlegung. Im Sommer kommt es ab und zu vor. Man liest immer mal wieder von Bettwanzen in Herbergen. Durch den Winter, wo die meisten Herbergen geschlossen haben, sind die Blutsauger so gut wie ausgerottet bis sie wieder von den Gästen/Pilgern eingeschleppt und herumgetragen werden. Auch in dieser Albergue war wieder alles sehr herzlich. Eine Schweizerin hilft hier aus und so hatten wir einen deutschsprachigen Ansprechpartner. Das Essen am Abend war ausgesprochen gut! Auch das hier hat die Bezeichnung „Real Food“ verdient. Nach dem Essen ergab sich ein tolles, internationales Gespräch. Es ging über Vorurteile und was wer über welches Land denkt. Auch Europa war Thema. Gerhard aus England hielt sich hier aus diesem Thema noch heraus. Seine Brexit Meinung kommt erst noch. 🙂 Die Nacht war OK und das Frühstück nur Mittelmaß. Sehr klein geschnittenes Brot und Kaffee aus der Thermoskanne vom Vorabend. Aber das hat man wohl davon wenn man schon so zeitig starten will. Gerhard hat sich über den Toaster amüsiert, der eher einem kleinen Tischgrill ähnelte als einem Toaster. Die Mühe bzw das Warten haben wir uns gespart.

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 14

Sonntag 28. April 2019

 

Das Bett und die Nacht waren eigentlich bestens. Trotzdem bin ich am Morgen noch hundemüde. Müde, Kopfschmerzen und ist da ein Kratzen im Hals???

Beim Frühstück waren wir, wie so oft, die Ersten. Auch die Ausgangstür wurde gerade erst aufgeschlossen als wir starten. Nach Kaffee und Brot geht es pünktlich 7.00 Uhr los. Kurz vor Sonnenaufgang (7.15 Uhr) und wieder wolkenlosen Himmel in Richtung Foncebadon. Vor dem Ort zog kurzzeitig Nebel auf. Das macht den mystischen Ort noch geheimnisvoller. Den Meisten wird Foncebadon durch das Buch von Hape Kerkeling bekannt vorkommen. Ein Ruinendorf wo es wilde Hunde geben soll. Im Vergleich zu Antjes Fotos von vor 10 Jahren hat sich der Ort aber ziemlich verändert. Die Straße in den Ort ist plötzlich asphaltiert. Recht viele Gebäude sind mittlerweile restauriert und wieder aufgebaut. Viele Pilgerherbergen und Bars. Der sagenumwobene Ort Foncebadon hat etwas von seinem Zauber verloren. Es ist eigentlich ja gar nicht schlimm wenn ein verlassenes Dorf wiederbelebt werden kann. Der markante Wegpunkt am Camino verliert aber langsam seine „Sonderstellung“. In den verbleibenden Ruinen ist das Geheimnisvolle von Foncebadon aber noch am Leben. Hier im Ort sehe ich auch zum ersten Mal die Touristenpilger. Sie werden mit einem Kleinbus an die letzte mögliche Stelle gebracht um von dort loszulaufen. Binden sich gegenseitig aber noch Jakobsmuscheln an ihre Minirucksäcke die zeigen sollen, dass sie pilgern. Im Stechschritt geht es dann in der Gruppe los. Ich weiß nicht wie weit sie an diesem Tag laufen werden. Vermutlich nur übers Cruz de Ferro und nach El Acebo, wo die Busse wieder halten können. Egal! Wir erreichen kurz nach Foncebadon das Eisenkreuz, ohne irgendeinen Hund gesehen zu haben. Der 4 Meter hohe Steinhaufen am Fuße des Kreuzes ist noch fast ohne Pilger. Wir treffen hier Tim, der aus Berlin kommt und einen 3 monatigen Urlaub zum Pilgern nutzt. Er kam über den Via de la Plata aus dem Süden Spaniens, geht jetzt den Frances und ab Santiago den Portugues dann rückwärts. Ihm geben wir Kamera und Handy um ein Foto von uns beiden zu bekommen. Dann nehme ich mir Zeit für das Ablegen meiner Steine. Ich habe mir vor dem Jakobsweg viele Gedanken gemacht. Was will ich an Sorgen hier abladen? Der Brauch ist, dass jeder Pilger einen Stein, symbolisch für die Last die er mit sich herumträgt, hier ablegt. Im Mittelalter sollte die Last des Steins die Wage beim jüngsten Gericht zu Gunsten des Pilgers beeinflussen. Mein Leben hat sich in den letzten Jahren schon recht auffällig verändert. Wo wäre ich jetzt, wenn mein Schicksal ein ganz klein wenig anders gelaufen wäre. Hätte ich aufgehört zu rauchen wenn ich nicht mit meiner Schwester gewettet hätte? Wäre ich dann auch zum Laufsport gekommen? Wäre ich einen Marathon gelaufen? Geheiratet? Umgezogen? Zu Fuß über die Alpen? Mein Leben gefällt mir! Wie es sich zufällig entwickelt hat oder irgendwo schon fest vorgezeichnet ist. So sollte auch mein ganzes Leben mit auf diese Reise kommen. Ich habe einen Stein aus Oberlungwitz geholt. Die erste Wohnung an die ich mich erinnern kann. Ich war dort an diesem Ort und habe einen Stein mitgenommen der vielleicht vor 40 Jahren schon dort war und über den ich als kleines Kind schon gegangen bin. Stein Nummer 2 ist aus Mittelbach – Hofer Straße 38. Der zweite Ort den ich von Herzen als Zuhause bezeichnet habe. Kindheit, Lehrzeit und „Erwachsenwerden“. Alle Kindergarten und Schulfreunde habe ich hier kennengelernt und deswegen bezeichne ich mich als „Mittelbacher“ – egal wo ich wohne. Der nächste Ort und Stein Nummer 3 ist Grüna – Bergstraße 3. Wirklich gewohnt habe ich dort nur kurz als Übergangslösung. Aber meine Eltern wohnen hier und ich weiß, mir wird hier immer geholfen wenn es notwendig wäre. Stein Nummer 4 ist wieder aus Mittelbach – Hofer Straße 99. Eigentlich der Stein aus dem Lebensabschnitt, den ich eben erst abgelegt habe und somit vielleicht der Wichtigste. Ich habe auch noch einen fünften Stein im Gepäck, den ich aber hier nicht ablegen werde. Ein Stein aus Oberwiera. Am Cruz de Ferro bleiben also nur Steine aus meinem ganzen vergangenen Leben. Jeder beschriftet mit einer ungeliebten Eigenschaft von mir. Ich habe mir Zeit gelassen einen Platz für meine „Last“ zu finden. Ich habe sie abgelegt und noch einmal an all das gedacht.  Danach habe ich mir die beschrifteten Steine der anderen Pilger angesehen. Gänsehautfeeling wenn man diesen 4 Meter hohen Berg an „Lasten“ sieht. Lasten, Trauer, Wünsche, Gedanken – jeder Stein Schicksal – jeder Stein eine Geschichte. Auf meine eigenen Gedanken an diesem Ort möchte ich hier im Blog nicht näher eingehen. Der persönlichste Ort auf jedem Fall! Was ich mir hier vornehme, werde ich als erstes in Angriff nehmen sobald wir wieder zu Hause sind.

Der Rest des Tages geht nur noch bergab. Zuerst recht angenehm bis Manjarin, was fast genauso viele verlassene Ruinen hat wie Foncebadon. Tomás, der sich in der Nachfolge der Tempelritter sieht, gründete in Manjarín in den 90er Jahren eine einfache Pilgerherberge, die mit der Fahne der Tempelritter beflaggt ist und zu den sehr besonderen Unterkünften am Jakobswegs zählt. Danach wird der Weg steiler. Es erinnert mich an die Alpenabstiege vom letzten Jahr. Die schneebedeckten Berge ringsum machen das Bild perfekt. Nach reichlichen 7 Kilometern ist El Acebo erreicht. Zeit für eine Stärkung. Am Ortsausgang erinnert ein modernes Denkmal aus Bewehrungsstahl an den Tod des deutschen Fahrradpilgers Heinrich Krause, der hier am 13. August 1987 zu Tode kam. Am Wegesrand stehen so einige Kreuze von hier verstorbenen Pilgern. Man vergisst schnell, dass es auch Strapazen für den Körper sind. Tag für Tag bei Regen, Schnee oder wie heute bei Hitze. Bis zu unserem Etappenziel in Molinaseca wird es nicht mehr flach. Stetig und steil bergab. Treppensteigend gleichend. Heute waren es somit 26 Kilometer. Wer Hapes Buch „Ich bin dann mal weg“ kennt, kennt auch Schnabbel. Wir haben seit gestern auch eine Schnabbel. Gestern, als wir in Rabanal vor der Herberge warteten kamen 2 Deutsche Frauen mit quiekend lauten Stimmen an uns vorbei und suchten den kleinen Laden dort im Ort. Wir waren erst froh, endlich Deutsche zu treffen. Die nervige Art und Weise und das laute unterhalten der beiden, hat uns dort schweigen lassen. Heute am Cruz de Ferro kam der zweite Auftritt der beiden Sirenen als wir mit Tim sprachen. Auf dem weiteren Weg haben wir sie dann überholt. Nur schnell weg! Gehört haben wir die beiden noch eine Weile hinter uns. Nach dem Wäsche waschen, sitzen wir jetzt im Garten unserer Albergue und wen hören wir einchecken? Die beiden lautesten Rheinländerinnen, Sylvia und Maria. Kurz vor den beiden angekommen sind Heidrun und Margret aus Thüringen. Heidrun lässt sich nach dem duschen vom Hospitalero einen Fön geben. Sylvia entgeht dies nicht und schreit durch das Treppenhaus ihre Freundin in der 1. Etage an: „Mariiaaahh die haben hier nen Haaaaartrockner!“ Maria von oben: „Waaaas??“ Sylvia:“Nen Haaaaartrockner!“ Heidrun aus Thüringen kann das natürlich nicht überhört haben und schaut mich mit einem allessagenden Blick an. Wir verstehen uns stumm. 🙂

Die Thüringerinnen, beide Rentner, sind seit Pamplona auf dem Camino. Das ausgewiesene Menü del Dia (Tagesmenü für Pilger) findet nicht statt, weil der Hospitalero wohl den Koch nicht telefonisch erreichen kann. Was er uns aber macht ist eine Pizza. Selbstgemacht und mal nicht aus der Mikrowelle. Der Schlafraum hat 10 Betten. Wir beide, die zwei Koreanerinnen von gestern, zwei Niederländer, ein Südafrikaner und der Rest Spanier. Einer davon im Anzug und Stoffschuhen. Wie wir später erfahren ist er nach der Arbeit einfach losgelaufen um sich klar zu werden was er in Zukunft tun möchte. Respekt! Klasse Schritt! Mutig! Er wird mir in Nachgang ein Vorbild sein. Aber dazu später mehr.

Das Kratzen im Hals ist noch da. Ich hoffe mal auf ein Wunder. Ein Zweites.

Cruz de Ferro

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 13

Samstag – 27. April 2019

Und die entspannte Nacht hatten wir dann auch! Alle in unserem Zimmer waren kurz vor 6.00 Uhr wach. Unser Wecker war erst für halb 7 gestellt. Wir sind trotzdem raus und waren somit die Ersten in der Bar beim Frühstück. Kurz nach uns kam das asiatische Paar was wir nun schon seit mehreren Tagen immer und überall wiedersehen. Ich schätze die beiden etwa in meinem Alter obwohl Asiaten schwer zu schätzen sind wie ich finde. Vermutlich können die beiden aber kein Englisch oder Spanisch. Sie zeigen immer alles was sie wollen und sprechen nur mit einander. Aber immer grüßend und freundlich. Wir starten mit unserer Tagesetappe kurz vor 7 Uhr. Auf dem Höhenprofil geht es heute den ganzen Tag bergauf – wenn auch nur leicht. Es geht heute nach Rabanal del Camino. Mit 20 Kilometer ein regelrechter Ruhetag UND unser Halbzeittag. ❤️ In Rabanal haben wir die Hälfte des Weges nach Santiago hinter uns. Wir durchqueren heute kleine Dörfer und aufgrund der kurzen Distanz, machen wir bei jeder Gelegenheit eine Pause. Für einen frisch gepressten Orangensaft, einen Cafe con Leche oder zum Picknick am Wegesrand. Es wird auch schnell wärmer, so dass wir bald schon kurz/kurz unterwegs sind. 3 Kilometer nach El Ganso hat ein Ritter sein Lager aufgeschlagen. Er stempelt unsere Pilgerausweise und man kann sich mit ihm oder seinem Falken fotografieren. Alles für eine Spende. In einem deutschen Tierpark würde ein Foto mit einem Falken auf dem Arm ruckzuck 5 Euro kosten. Zuletzt empfiehlt er uns noch eine Herberge in Rabanal. Ähnlich wie gestern hatten wir uns auch diese schon als Favorit ausgesucht. Eine von Engländern geführte, kirchliche Herberge. Auch Breath und Walther wollten in dieser Herberge übernachten. Wir hoffen immernoch ein wenig, sie hier wiederzutreffen. Kurz vor Rabanal del Camino ist plötzlich an einer Kreuzung die Straße gesperrt. Ein Motorrad mit einer roten Flagge … einheimische Radfahrer die mit Handy in der Hand fotobereit warten … das kommt mir sehr bekannt vor. Wir kommen exakt zu dieser Minute an diese 200 Meter des Camino, wo gleich die Vuelta a Castilla y León vorbeikommt! Das Rennen gehört immerhin zur UCI Europe Tour und ist mit Kategorie 2.1 auch entsprechend hoch eingestuft. Ich entdecke auf die Schnelle Profiteams wie MOVISTAR (Daniele Benati, Carlos Barbedo) oder CAJA RURAL – SEGUROS. Mit Björn Thurau finde ich später sogar einen bekannten Deutschen in der Startliste. Die Rennfahrer kommen lehrbuchmäßig an uns vorbei. Spitzengruppe, Verfolger, Hauptfeld. Venga! Venga! Venga! Venga! Was für ein perfektes Timing genau diese Minute hier abgepasst zu haben. That`s the Camino! An unserer Herberge sind wir 30 Minuten zu früh. 12.30 Uhr ist es. Um die Ecke ist ein kleiner Laden und mit einem Eis und einem kühlen Bier lässt sich die Zeit gut überbrücken. Eine ältere Dame (fast 70 wie wir später erfahren) tut es uns nach und knackt zwischen Kirche und Refugio Gaucelmo erstmal eine Dose Estrella Galicia. Beim Check-in sind wir Nummer 1 & 2 auf der Liste. Diese Herberge ist wieder komplett auf Spendenbasis. Die beiden sehr netten Engländerinnen zeigen uns das ganze Haus und heißen uns willkommen. Wir machen erstmal großen Waschtag bevor wir im Garten die Sonne genießen. Im Shop um die Ecke haben wir dann noch einmal Pasta, passierte Tomaten, Käse und Wein geholt und in der sehr gut ausgestatteten Küche zubereitet. Im Kräutergarten konnten wir uns bedienen, was für die Tomatensoße perfekt war. Übrigens unter größtem Interesse zweier Koreanerinnen die fast jeden Handgriff mit einem Ohhh! oder Ahhh! kommentierten. Diese beiden (Mutter und Tochter) treffen wir ab heute, bis zu unserem letzten Tag in Spanien, fast täglich. Nach dem Essen holte uns Gerhard, ein Brite und ebenfalls Pilger, zur Tea Time in den Garten. Alle Pilger an einem Tisch. In der Runde sitzend kamen noch zwei Mönche vom Benediktinerorden dazu. Wie sich im Gespräch zeigte, waren beide ebenfalls aus Deutschland. Sie haben Antje dann dazu überredet, zur Messe schon wieder etwas in Deutsch zu lesen. In der Messe waren es dann 4 Mönche. Sie wurde komplett in lateinisch gehalten und es klang mehr wie ein Gesang als nach einer Predigt. Antje musste mit den Mönchen vorn, im Chorgestühl sitzen. Die Mönche, eine Spanierin, ein Engländer und Antje für den deutschen Text. Die alte Kirche aus dem 12. Jahrhundert war mit 40 – 50 Personen voll besetzt. Antjes „Vorlesen“ war dann doch etwas … mehr als gestern in Astorga. Außerdem NICHT in ihrer Bank sitzend sondern vorn, vom Pult aus. Ohje … RESPEKT!! Antje wird noch Tage später angesprochen mit „Warst du nicht die aus der Messe in Rabanal?“

Heute war der erste Tag mit sommerlicher Hitze und ich habe gleich etwas viel Sonne abbekommen. Mit einem leichten Sonnenbrand, vor allem an den Waden, gehe ich ins Bett. Morgen geht es zum höchsten Punkt des Jakobsweges. Wir übernachten heute auf 1150 Metern über Null. Morgen kommen wir zum Cruz de Ferro, einem spirituell wichtigen Punkt am Weg. Meine Steine, die ich da ablegen will, liegen griffbereit. Beim Einschlafen denke ich noch einmal an den bisherigen Weg, mein Leben und das, was ich symbolisch am Eisenkreuz ablegen will.

Vuelta a Castilla y León

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 12

Freitag – 26. April 2019

Der Influenza Lutz war der Erste der wach war. Die beiden Asiaten und wir sind dafür die Ersten die aufbrechen. Ein Frühstück mit getoastetem Brot und aufgewärmten Kaffee vom Vortag sind besser als nix. 7.00 Uhr laufen wir wieder Richtung Westen. 6 Kilometer geht es nochmal entlang der Schnellstraße, bis der Weg endlich wieder sehenswert wird. Und wie! Wir kommen nach einem Tag Großstadt und 2 Tagen Schnellstraße nach Hospital de Orbigo. Bekannt wurde die mittelalterliche Stadt im Jahr 1434. Über den Rio Orbigo führt eine lange Brücke. Der sogenannten Paso Honroso des Ritters Suero de Quinones. Dieser soll zwischen dem 10. Juli und dem 9. August 1434 auf der Brücke von Hospital de Orbigo alle nach Santiago de Compostela pilgernden Ritter herausfordert haben. Es heißt, Don Suero habe 300 Lanzen gebrochen und keinen Zweikampf verloren. Nach Abschluss des Turniers sollen Herausforderer und Gegner gemeinsam nach Santiago de Compostela zum Schrein des Apostels Jakobus gezogen sein. Diese Brücke machte mächtig Eindruck auf mich. Wir waren sehr früh dort und wir hatten die ganze Brücke für uns allein. Das 350 Meter lange Bauwerk führt nicht gerade über den Fluss und auch nicht in einer Höhe. In einem leichen Linksbogen und mehreren auf und ab überquert man am Ende den eigentlich recht schmalen Rio Orbigo. Im Licht der aufgehenden Sonne ist die Brücke uns ein tolles Fotomotiv. Ansich wollten wir hier eine Kaffeepause machen. Abgesehen von den 3-4 Pilgern, die sich auf den Weg machten, schlief die Stadt noch. Kein Bäcker und keine Bar. Der Mikrowellenkaffee von heute Morgen war geschmacklich abscheulich und von der Konsistenz her eher ein Kaffeekonzentrat. 3 Kilometer weiter konnten wir unsere Kaffeepause aber dann schon nachholen, Um es landschaftlich etwas uriger zu haben sind wir ab Villares de Orbigo eine Camino Alternative gegangen. Durch kleine Dörfer führte der Weg wo jetzt mehr und mehr Tierhaltung zu finden ist. Jetzt wo wir die Meseta verlassen haben, wird der Boden immer karger und steiniger. Die Erde sieht aus wie Ton mit Unmengen kleiner Steine. Es geht auch mittlerweile wieder etwas hügeliger zu. Unterwegs denke ich an Shirley Maclaine, die diese Region beschreibt und sich hier irgendwo zum Schlafen unter einen Baum gelegt hat. Die flachen Bäume laden auch dazu ein und ich kann mir diese Szene sehr gut bildlich vorstellen. Leider ist es für einen Mittagsschlaf ein wenig zu kalt. Eine Mittagspause mit Käse, Brot und Oliven ist aber allemal drin. Auf einem Berg, 5 Kilometer vor Astorga, sitzt ein Mann mit einer Gitarre und spielt für jeden Pilger ein Lied. Er empfiehlt uns die Albergue Municipal St. Maria. Eine klasse Werbung wie wir finden! Viel besser als diese Handzettel die unterwegs unter irgendwelchen Steinen liegen. Das ehemalige Kloster haben wir uns aber eh schon vorher ausgesucht. Astorga hat touristisch einiges zu bieten. Einen Bischofspalast der 1887 von Antoni Gaudi gebaut wurde. (Ja, der von dem auch die Sagrada Família in Barcelona ist) Direkt daneben die Kathedrale Santa María die das Stadtbild dominiert. Astorga war zur Zeit der Römer der nördlichste Endpunkt der römischen Straße Via de la Plata. Das Pilgermuseum im Gaudipalast haben wir uns gespart. Mit unseren Pilgerausweisen haben wir in der Kathedrale einen vergünstigten Eintritt bekommen. Statt 5,00 Euro pro Person nur noch 3,50. Die Kathedrale hat mich mehr interessiert als der Bischofspalast. Sie hat (im Vergleich zu Leon) äußerlich mehr mit Jakobus und dem Pilgern zu tun. Dinge, die man auch als Laie findet. Die Herstellung von Schokolade hat in Astorga eine lange Tradition. Zahlreiche Geschäfte und sogar ein Schokoladenmuseum hat die Stadt. Zum Mittag haben wir uns ein Pilgermenü gegönnt und für den Abend den Supermercado genutzt. Inklusive einer weiteren Flasche Wein. Dumm nur, dass direkt danach in unserer kirchlichen Herberge eine Pilgermesse stattfinden sollte. Na endlich, dachten wir. Die Messe war nur für die Pilger. Schonmal gut. „Wenn wir die Einzigen sind, gehen wir aber wieder.“ Sage ich und kurz darauf sind wir die ersten beiden die zur Messe in einem kleinen, sagen wir mal „Wohnzimmer mit 3 Reihen Holzklappstühlen, kommen. Vor uns steht ein ca. 90-jähriger Pfarrer in einem weißen Umhang. Dieser freut sich sichtlich als wir ihn mit „Ola buenos dias“ begrüßen. Wir stellen fest, DASS wir die einzigen sind und ich traue mich trotzdem, oder besser wegen des Opipfarrers, nicht,wieder zu gehen. Zum Glück kommt direkt noch ein Amerikaner dazu. Dann kommt einer nach dem anderen. Zwei Spanier, zwei Asiaten und einer der Spanier, die eigentlich Italiener sind. Der verwirrt wirkende Geistliche versucht jeden ein Textheft in seiner Landessprache zu geben. Manche haben 2 Texthefte, andere keins in ihrer Sprache bekommen. Der Pfarrer kann leider nur Spanisch und gibt sich trotzdem große Mühe, dass jeder etwas versteht. Erst wurde gesungen. Dann musste Antje etwas aus ihrem deutschen Textheft vorlesen. Danach ist eine Kerze entzündet worden. Diese sollte herumgegeben werden und jeder, der die Kerze in Händen hielt, sollte in Gedanken einen Wunsch aussprechen. So hatte ich es verstanden. Ich war Nummer 2 in der Reihe. Meinen Wunsch „Gesund in Santiago anzukommen“ hatte ich in still „gesprochen“. Danach wollte ich die Kerze wieder loswerden bzw. weitergeben. Ich sah den Pfarrer an, er mich auch, und nichts passierte. Er schloss die Augen und ich saß mit meiner Kerze da. Dann hörte ich Antjes Kichern. – Ab hier war es nur sehr schwer möglich einem Lachanfall zu entgehen. In unserer Weinlaune eine kleine Qual. Gefühlte Ewigkeiten hat es gedauert bis ich von dem Pfarrer erlöst wurde und die Kerze an Antje übergeben durfte. Das war allerdings noch keine Lachflashentwarnung. Antje und alle anderen mussten ja noch „wünschen“. Ca.5-6 Minuten oder eine gefühlte Stunde nicht lachen. Ohje! Das war nur mit äußerster Anstrengung zu meistern. Am Ende sind wir für den weiteren Weg gesegnet worden. Der 4. Segen in 48 Stunden – wenn das nichts ist. In Mittelbach war ich, soweit ich mich erinnere, nach der Konfirmation noch ein einziges Mal in der Kirche. Egal. Oder … schließlich sind wir auf dem Jakobsweg. Die Temperaturen sind inzwischen auch fast sommerlich. So sitzen wir noch nach der Messe im Freien und leeren den Rest unserer Weinflasche und lachen bis die Tränen kommen. In der großen Albergue haben wir ein 4 Bett Zimmer. Mit uns im Zimmer ist wieder der Schnellläufer Opi. Schaut also nach einer entspannten Nacht aus. Amen! 🙏

Gaudi Palast

 

Unser „Opi-Pfarrer“ in Astorga

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 11

Donnerstag – 25. April 2019

Da wir im Hostel eine Küche zur Verfügung haben, machen wir uns Frühstück und Kaffee gleich noch hier im Haus. Auch wenn der Kaffee aus der Kapselmaschine nicht annähernd so gut ist wie der Milchkaffee in den spanischen Bars. Kein Regen! Kein Schnee! Wolkiger Himmel und kaum Wind (bisher). Im Vergleich zu gestern früh eine kleine Erleichterung. Die Apotheke vor dem Haus hat eine LED Werbung auf der sich Uhrzeit und Temperatur abwechseln. 7.27 Uhr und 4 Grad. Aber wenigstens KEIN Niederschlag. Nach ein paar 100 Metern waren wir wieder auf dem Camino. Erst noch innenstädtisch mit vielen Geschäften. Danach Banken und Versicherungen und am Stadtrand Autohäuser und Industriegebiete. Es fällt mir auf, dass es wenig (seeeehr wenig) Supermärkte und noch weniger Baumärkte oder Mc D`s gibt. Dafür kommt vermutlich auf jeden Spanier ein Autohaus. Mindestens.

Die erste Ortschaft die auch räumlich von Leon getrennt ist, ist Virgen del Camino. Hier stehen wir vor einer Wahl. Den Camino Frances weiter entlang einer Straße oder eine Alternative über Wiesen und Felder. Haben wir uns letztens noch für die „Abseits der Straße Alternative“ entschieden, gehen wir jetzt entlang der Fernstraße. Nach dem vielen Regen gestern wird der Weg über die Felder recht schlammig sein. Oder nicht? Na jedenfalls wollen wir es nicht herausfinden und wählen die sichere aber definitiv befestigtere Route. Eine Pause mit einem richtigen Cafe con Leche machen wir in San Miguel. Bis hierher war der Weg auf jeden Fall (sehr) gut.

Danach war es dann weniger spektakulär. 14 Kilometer bis Villadangos del Paramo, immer neben der Schnellstraße her. Musik im Ohr und Rückenwind. So sind wir recht früh dran. Kurz nach 12.00 Uhr. Wir haben nur noch 5 Kilometer und machen noch eine Pause. Im TV läuft ein Bericht, dass die beiden vermissten Deutschen in Teneriffa tot in einer Höhle gefunden wurden. Ich staune über mich wieviel ich aus einem spanischen Bericht verstehe mittlerweile. Übrigens auch, dass Prinz Harry ohne Meghan in der Kirche war. 🙂 Ums Schweinefleisch scheint es in Spanien nicht so schlecht zu stehen wie in Deutschland. Kein Wort im Fernsehn! 😀

In der Albergue Municipal in San Martin angekommen sind wir noch unter den Ersten die sich einschreiben. Nummer 5 & 6 auf der Liste. Im Schlafraum mit 23 Betten haben wir noch fast freie Wahl. Wir nehmen ein Stockbett am Rand, neben dem Ofen. Dusche und Küche sind eisig kalt. Eine weitere Decke für das Bett haben wir uns gleich mal gesichert. Der Ort ist wenig sehenswert (an einer Schnellstraße halt) und auch der Wind lädt nicht gerade zum Bummeln ein. Es scheint als ob Leon etwas durcheinandergebracht hat in unserem „Walking Village“. Wir kennen kaum jemanden. Scheinbar haben sich viele einen Extratag in Leon genommen. Die Gruppe Spanier (Italiener) ist hier und ein Asiatisches Paar was wir vom Sehen her schon kennen. Draußen ist es immernoch saukalt. Ein Großteil liegt in den Betten und döst vor sich hin. Am anderen Ende des Ganges liegt jemand in seinem Bett, hustend, keuchend und schniefend was das Zeug hält. Man könnte denken der macht’s nicht mehr lange. Na danke! Jemanden, der mich bei diesem Wetter noch mit seiner Grippe ansteckt, brauche ich unbedingt – NICHT!!1!! Zum Abendessen sitzt mir der „Influencer“ auch noch fast gegenüber. Zudem sieht er einem gewissen Lutz Bachmann wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hat also alles Negative auf sich vereint. Den Namen Lutz hat er nun weg. Lutz ist eigentlich aus Bulgarien. Er wohnt aber seit Jahren in Madrid und spricht dadurch perfektes Spanisch. Wenn wir schon bei Spitznamen sind … 😀 Wir haben auch schon einen Thomas Gottschalk gesehen und in einer Bar ist Louis de Funes an uns vorbeigelaufen. Thomas Gottschalk sieht seinem Namensgeber kein bisschen ähnlich. Es kam hier mehr von seinem Hang zu auffälliger Kleidung. Hautenge, weißblaue Leggings. Stolzierte er mehrfach über den Hof. „Der hat bestimmt eine Wette verloren“ Zack! Thomas Gottschalk.

Das Essen in der Albergue war wieder frisch gekocht und lecker. Morgen soll es dann endlich etwas wärmer werden. Wir sind morgen dann auch endgültig aus der Meseta raus und der Jakobsweg wird auch touristisch wieder interessanter. Die Nacht war recht angenehm. Das übliche Schnarchkonzert, was die Ohropax aber klasse ausblenden. Angenehm warm trotz der Kälte draußen. Das heißt aber auch, dass wieder kein Fenster offen war. Bei 23 Personen zwar warm, die Luft war aber zum schneiden.

Thomas Gottschalk

„Influencer“ Lutz