Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 14

Sonntag 28. April 2019

 

Das Bett und die Nacht waren eigentlich bestens. Trotzdem bin ich am Morgen noch hundemüde. Müde, Kopfschmerzen und ist da ein Kratzen im Hals???

Beim Frühstück waren wir, wie so oft, die Ersten. Auch die Ausgangstür wurde gerade erst aufgeschlossen als wir starten. Nach Kaffee und Brot geht es pünktlich 7.00 Uhr los. Kurz vor Sonnenaufgang (7.15 Uhr) und wieder wolkenlosen Himmel in Richtung Foncebadon. Vor dem Ort zog kurzzeitig Nebel auf. Das macht den mystischen Ort noch geheimnisvoller. Den Meisten wird Foncebadon durch das Buch von Hape Kerkeling bekannt vorkommen. Ein Ruinendorf wo es wilde Hunde geben soll. Im Vergleich zu Antjes Fotos von vor 10 Jahren hat sich der Ort aber ziemlich verändert. Die Straße in den Ort ist plötzlich asphaltiert. Recht viele Gebäude sind mittlerweile restauriert und wieder aufgebaut. Viele Pilgerherbergen und Bars. Der sagenumwobene Ort Foncebadon hat etwas von seinem Zauber verloren. Es ist eigentlich ja gar nicht schlimm wenn ein verlassenes Dorf wiederbelebt werden kann. Der markante Wegpunkt am Camino verliert aber langsam seine „Sonderstellung“. In den verbleibenden Ruinen ist das Geheimnisvolle von Foncebadon aber noch am Leben. Hier im Ort sehe ich auch zum ersten Mal die Touristenpilger. Sie werden mit einem Kleinbus an die letzte mögliche Stelle gebracht um von dort loszulaufen. Binden sich gegenseitig aber noch Jakobsmuscheln an ihre Minirucksäcke die zeigen sollen, dass sie pilgern. Im Stechschritt geht es dann in der Gruppe los. Ich weiß nicht wie weit sie an diesem Tag laufen werden. Vermutlich nur übers Cruz de Ferro und nach El Acebo, wo die Busse wieder halten können. Egal! Wir erreichen kurz nach Foncebadon das Eisenkreuz, ohne irgendeinen Hund gesehen zu haben. Der 4 Meter hohe Steinhaufen am Fuße des Kreuzes ist noch fast ohne Pilger. Wir treffen hier Tim, der aus Berlin kommt und einen 3 monatigen Urlaub zum Pilgern nutzt. Er kam über den Via de la Plata aus dem Süden Spaniens, geht jetzt den Frances und ab Santiago den Portugues dann rückwärts. Ihm geben wir Kamera und Handy um ein Foto von uns beiden zu bekommen. Dann nehme ich mir Zeit für das Ablegen meiner Steine. Ich habe mir vor dem Jakobsweg viele Gedanken gemacht. Was will ich an Sorgen hier abladen? Der Brauch ist, dass jeder Pilger einen Stein, symbolisch für die Last die er mit sich herumträgt, hier ablegt. Im Mittelalter sollte die Last des Steins die Wage beim jüngsten Gericht zu Gunsten des Pilgers beeinflussen. Mein Leben hat sich in den letzten Jahren schon recht auffällig verändert. Wo wäre ich jetzt, wenn mein Schicksal ein ganz klein wenig anders gelaufen wäre. Hätte ich aufgehört zu rauchen wenn ich nicht mit meiner Schwester gewettet hätte? Wäre ich dann auch zum Laufsport gekommen? Wäre ich einen Marathon gelaufen? Geheiratet? Umgezogen? Zu Fuß über die Alpen? Mein Leben gefällt mir! Wie es sich zufällig entwickelt hat oder irgendwo schon fest vorgezeichnet ist. So sollte auch mein ganzes Leben mit auf diese Reise kommen. Ich habe einen Stein aus Oberlungwitz geholt. Die erste Wohnung an die ich mich erinnern kann. Ich war dort an diesem Ort und habe einen Stein mitgenommen der vielleicht vor 40 Jahren schon dort war und über den ich als kleines Kind schon gegangen bin. Stein Nummer 2 ist aus Mittelbach – Hofer Straße 38. Der zweite Ort den ich von Herzen als Zuhause bezeichnet habe. Kindheit, Lehrzeit und „Erwachsenwerden“. Alle Kindergarten und Schulfreunde habe ich hier kennengelernt und deswegen bezeichne ich mich als „Mittelbacher“ – egal wo ich wohne. Der nächste Ort und Stein Nummer 3 ist Grüna – Bergstraße 3. Wirklich gewohnt habe ich dort nur kurz als Übergangslösung. Aber meine Eltern wohnen hier und ich weiß, mir wird hier immer geholfen wenn es notwendig wäre. Stein Nummer 4 ist wieder aus Mittelbach – Hofer Straße 99. Eigentlich der Stein aus dem Lebensabschnitt, den ich eben erst abgelegt habe und somit vielleicht der Wichtigste. Ich habe auch noch einen fünften Stein im Gepäck, den ich aber hier nicht ablegen werde. Ein Stein aus Oberwiera. Am Cruz de Ferro bleiben also nur Steine aus meinem ganzen vergangenen Leben. Jeder beschriftet mit einer ungeliebten Eigenschaft von mir. Ich habe mir Zeit gelassen einen Platz für meine „Last“ zu finden. Ich habe sie abgelegt und noch einmal an all das gedacht.  Danach habe ich mir die beschrifteten Steine der anderen Pilger angesehen. Gänsehautfeeling wenn man diesen 4 Meter hohen Berg an „Lasten“ sieht. Lasten, Trauer, Wünsche, Gedanken – jeder Stein Schicksal – jeder Stein eine Geschichte. Auf meine eigenen Gedanken an diesem Ort möchte ich hier im Blog nicht näher eingehen. Der persönlichste Ort auf jedem Fall! Was ich mir hier vornehme, werde ich als erstes in Angriff nehmen sobald wir wieder zu Hause sind.

Der Rest des Tages geht nur noch bergab. Zuerst recht angenehm bis Manjarin, was fast genauso viele verlassene Ruinen hat wie Foncebadon. Tomás, der sich in der Nachfolge der Tempelritter sieht, gründete in Manjarín in den 90er Jahren eine einfache Pilgerherberge, die mit der Fahne der Tempelritter beflaggt ist und zu den sehr besonderen Unterkünften am Jakobswegs zählt. Danach wird der Weg steiler. Es erinnert mich an die Alpenabstiege vom letzten Jahr. Die schneebedeckten Berge ringsum machen das Bild perfekt. Nach reichlichen 7 Kilometern ist El Acebo erreicht. Zeit für eine Stärkung. Am Ortsausgang erinnert ein modernes Denkmal aus Bewehrungsstahl an den Tod des deutschen Fahrradpilgers Heinrich Krause, der hier am 13. August 1987 zu Tode kam. Am Wegesrand stehen so einige Kreuze von hier verstorbenen Pilgern. Man vergisst schnell, dass es auch Strapazen für den Körper sind. Tag für Tag bei Regen, Schnee oder wie heute bei Hitze. Bis zu unserem Etappenziel in Molinaseca wird es nicht mehr flach. Stetig und steil bergab. Treppensteigend gleichend. Heute waren es somit 26 Kilometer. Wer Hapes Buch „Ich bin dann mal weg“ kennt, kennt auch Schnabbel. Wir haben seit gestern auch eine Schnabbel. Gestern, als wir in Rabanal vor der Herberge warteten kamen 2 Deutsche Frauen mit quiekend lauten Stimmen an uns vorbei und suchten den kleinen Laden dort im Ort. Wir waren erst froh, endlich Deutsche zu treffen. Die nervige Art und Weise und das laute unterhalten der beiden, hat uns dort schweigen lassen. Heute am Cruz de Ferro kam der zweite Auftritt der beiden Sirenen als wir mit Tim sprachen. Auf dem weiteren Weg haben wir sie dann überholt. Nur schnell weg! Gehört haben wir die beiden noch eine Weile hinter uns. Nach dem Wäsche waschen, sitzen wir jetzt im Garten unserer Albergue und wen hören wir einchecken? Die beiden lautesten Rheinländerinnen, Sylvia und Maria. Kurz vor den beiden angekommen sind Heidrun und Margret aus Thüringen. Heidrun lässt sich nach dem duschen vom Hospitalero einen Fön geben. Sylvia entgeht dies nicht und schreit durch das Treppenhaus ihre Freundin in der 1. Etage an: „Mariiaaahh die haben hier nen Haaaaartrockner!“ Maria von oben: „Waaaas??“ Sylvia:“Nen Haaaaartrockner!“ Heidrun aus Thüringen kann das natürlich nicht überhört haben und schaut mich mit einem allessagenden Blick an. Wir verstehen uns stumm. 🙂

Die Thüringerinnen, beide Rentner, sind seit Pamplona auf dem Camino. Das ausgewiesene Menü del Dia (Tagesmenü für Pilger) findet nicht statt, weil der Hospitalero wohl den Koch nicht telefonisch erreichen kann. Was er uns aber macht ist eine Pizza. Selbstgemacht und mal nicht aus der Mikrowelle. Der Schlafraum hat 10 Betten. Wir beide, die zwei Koreanerinnen von gestern, zwei Niederländer, ein Südafrikaner und der Rest Spanier. Einer davon im Anzug und Stoffschuhen. Wie wir später erfahren ist er nach der Arbeit einfach losgelaufen um sich klar zu werden was er in Zukunft tun möchte. Respekt! Klasse Schritt! Mutig! Er wird mir in Nachgang ein Vorbild sein. Aber dazu später mehr.

Das Kratzen im Hals ist noch da. Ich hoffe mal auf ein Wunder. Ein Zweites.

Cruz de Ferro

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 13

Samstag – 27. April 2019

Und die entspannte Nacht hatten wir dann auch! Alle in unserem Zimmer waren kurz vor 6.00 Uhr wach. Unser Wecker war erst für halb 7 gestellt. Wir sind trotzdem raus und waren somit die Ersten in der Bar beim Frühstück. Kurz nach uns kam das asiatische Paar was wir nun schon seit mehreren Tagen immer und überall wiedersehen. Ich schätze die beiden etwa in meinem Alter obwohl Asiaten schwer zu schätzen sind wie ich finde. Vermutlich können die beiden aber kein Englisch oder Spanisch. Sie zeigen immer alles was sie wollen und sprechen nur mit einander. Aber immer grüßend und freundlich. Wir starten mit unserer Tagesetappe kurz vor 7 Uhr. Auf dem Höhenprofil geht es heute den ganzen Tag bergauf – wenn auch nur leicht. Es geht heute nach Rabanal del Camino. Mit 20 Kilometer ein regelrechter Ruhetag UND unser Halbzeittag. ❤️ In Rabanal haben wir die Hälfte des Weges nach Santiago hinter uns. Wir durchqueren heute kleine Dörfer und aufgrund der kurzen Distanz, machen wir bei jeder Gelegenheit eine Pause. Für einen frisch gepressten Orangensaft, einen Cafe con Leche oder zum Picknick am Wegesrand. Es wird auch schnell wärmer, so dass wir bald schon kurz/kurz unterwegs sind. 3 Kilometer nach El Ganso hat ein Ritter sein Lager aufgeschlagen. Er stempelt unsere Pilgerausweise und man kann sich mit ihm oder seinem Falken fotografieren. Alles für eine Spende. In einem deutschen Tierpark würde ein Foto mit einem Falken auf dem Arm ruckzuck 5 Euro kosten. Zuletzt empfiehlt er uns noch eine Herberge in Rabanal. Ähnlich wie gestern hatten wir uns auch diese schon als Favorit ausgesucht. Eine von Engländern geführte, kirchliche Herberge. Auch Breath und Walther wollten in dieser Herberge übernachten. Wir hoffen immernoch ein wenig, sie hier wiederzutreffen. Kurz vor Rabanal del Camino ist plötzlich an einer Kreuzung die Straße gesperrt. Ein Motorrad mit einer roten Flagge … einheimische Radfahrer die mit Handy in der Hand fotobereit warten … das kommt mir sehr bekannt vor. Wir kommen exakt zu dieser Minute an diese 200 Meter des Camino, wo gleich die Vuelta a Castilla y León vorbeikommt! Das Rennen gehört immerhin zur UCI Europe Tour und ist mit Kategorie 2.1 auch entsprechend hoch eingestuft. Ich entdecke auf die Schnelle Profiteams wie MOVISTAR (Daniele Benati, Carlos Barbedo) oder CAJA RURAL – SEGUROS. Mit Björn Thurau finde ich später sogar einen bekannten Deutschen in der Startliste. Die Rennfahrer kommen lehrbuchmäßig an uns vorbei. Spitzengruppe, Verfolger, Hauptfeld. Venga! Venga! Venga! Venga! Was für ein perfektes Timing genau diese Minute hier abgepasst zu haben. That`s the Camino! An unserer Herberge sind wir 30 Minuten zu früh. 12.30 Uhr ist es. Um die Ecke ist ein kleiner Laden und mit einem Eis und einem kühlen Bier lässt sich die Zeit gut überbrücken. Eine ältere Dame (fast 70 wie wir später erfahren) tut es uns nach und knackt zwischen Kirche und Refugio Gaucelmo erstmal eine Dose Estrella Galicia. Beim Check-in sind wir Nummer 1 & 2 auf der Liste. Diese Herberge ist wieder komplett auf Spendenbasis. Die beiden sehr netten Engländerinnen zeigen uns das ganze Haus und heißen uns willkommen. Wir machen erstmal großen Waschtag bevor wir im Garten die Sonne genießen. Im Shop um die Ecke haben wir dann noch einmal Pasta, passierte Tomaten, Käse und Wein geholt und in der sehr gut ausgestatteten Küche zubereitet. Im Kräutergarten konnten wir uns bedienen, was für die Tomatensoße perfekt war. Übrigens unter größtem Interesse zweier Koreanerinnen die fast jeden Handgriff mit einem Ohhh! oder Ahhh! kommentierten. Diese beiden (Mutter und Tochter) treffen wir ab heute, bis zu unserem letzten Tag in Spanien, fast täglich. Nach dem Essen holte uns Gerhard, ein Brite und ebenfalls Pilger, zur Tea Time in den Garten. Alle Pilger an einem Tisch. In der Runde sitzend kamen noch zwei Mönche vom Benediktinerorden dazu. Wie sich im Gespräch zeigte, waren beide ebenfalls aus Deutschland. Sie haben Antje dann dazu überredet, zur Messe schon wieder etwas in Deutsch zu lesen. In der Messe waren es dann 4 Mönche. Sie wurde komplett in lateinisch gehalten und es klang mehr wie ein Gesang als nach einer Predigt. Antje musste mit den Mönchen vorn, im Chorgestühl sitzen. Die Mönche, eine Spanierin, ein Engländer und Antje für den deutschen Text. Die alte Kirche aus dem 12. Jahrhundert war mit 40 – 50 Personen voll besetzt. Antjes „Vorlesen“ war dann doch etwas … mehr als gestern in Astorga. Außerdem NICHT in ihrer Bank sitzend sondern vorn, vom Pult aus. Ohje … RESPEKT!! Antje wird noch Tage später angesprochen mit „Warst du nicht die aus der Messe in Rabanal?“

Heute war der erste Tag mit sommerlicher Hitze und ich habe gleich etwas viel Sonne abbekommen. Mit einem leichten Sonnenbrand, vor allem an den Waden, gehe ich ins Bett. Morgen geht es zum höchsten Punkt des Jakobsweges. Wir übernachten heute auf 1150 Metern über Null. Morgen kommen wir zum Cruz de Ferro, einem spirituell wichtigen Punkt am Weg. Meine Steine, die ich da ablegen will, liegen griffbereit. Beim Einschlafen denke ich noch einmal an den bisherigen Weg, mein Leben und das, was ich symbolisch am Eisenkreuz ablegen will.

Vuelta a Castilla y León

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 12

Freitag – 26. April 2019

Der Influenza Lutz war der Erste der wach war. Die beiden Asiaten und wir sind dafür die Ersten die aufbrechen. Ein Frühstück mit getoastetem Brot und aufgewärmten Kaffee vom Vortag sind besser als nix. 7.00 Uhr laufen wir wieder Richtung Westen. 6 Kilometer geht es nochmal entlang der Schnellstraße, bis der Weg endlich wieder sehenswert wird. Und wie! Wir kommen nach einem Tag Großstadt und 2 Tagen Schnellstraße nach Hospital de Orbigo. Bekannt wurde die mittelalterliche Stadt im Jahr 1434. Über den Rio Orbigo führt eine lange Brücke. Der sogenannten Paso Honroso des Ritters Suero de Quinones. Dieser soll zwischen dem 10. Juli und dem 9. August 1434 auf der Brücke von Hospital de Orbigo alle nach Santiago de Compostela pilgernden Ritter herausfordert haben. Es heißt, Don Suero habe 300 Lanzen gebrochen und keinen Zweikampf verloren. Nach Abschluss des Turniers sollen Herausforderer und Gegner gemeinsam nach Santiago de Compostela zum Schrein des Apostels Jakobus gezogen sein. Diese Brücke machte mächtig Eindruck auf mich. Wir waren sehr früh dort und wir hatten die ganze Brücke für uns allein. Das 350 Meter lange Bauwerk führt nicht gerade über den Fluss und auch nicht in einer Höhe. In einem leichen Linksbogen und mehreren auf und ab überquert man am Ende den eigentlich recht schmalen Rio Orbigo. Im Licht der aufgehenden Sonne ist die Brücke uns ein tolles Fotomotiv. Ansich wollten wir hier eine Kaffeepause machen. Abgesehen von den 3-4 Pilgern, die sich auf den Weg machten, schlief die Stadt noch. Kein Bäcker und keine Bar. Der Mikrowellenkaffee von heute Morgen war geschmacklich abscheulich und von der Konsistenz her eher ein Kaffeekonzentrat. 3 Kilometer weiter konnten wir unsere Kaffeepause aber dann schon nachholen, Um es landschaftlich etwas uriger zu haben sind wir ab Villares de Orbigo eine Camino Alternative gegangen. Durch kleine Dörfer führte der Weg wo jetzt mehr und mehr Tierhaltung zu finden ist. Jetzt wo wir die Meseta verlassen haben, wird der Boden immer karger und steiniger. Die Erde sieht aus wie Ton mit Unmengen kleiner Steine. Es geht auch mittlerweile wieder etwas hügeliger zu. Unterwegs denke ich an Shirley Maclaine, die diese Region beschreibt und sich hier irgendwo zum Schlafen unter einen Baum gelegt hat. Die flachen Bäume laden auch dazu ein und ich kann mir diese Szene sehr gut bildlich vorstellen. Leider ist es für einen Mittagsschlaf ein wenig zu kalt. Eine Mittagspause mit Käse, Brot und Oliven ist aber allemal drin. Auf einem Berg, 5 Kilometer vor Astorga, sitzt ein Mann mit einer Gitarre und spielt für jeden Pilger ein Lied. Er empfiehlt uns die Albergue Municipal St. Maria. Eine klasse Werbung wie wir finden! Viel besser als diese Handzettel die unterwegs unter irgendwelchen Steinen liegen. Das ehemalige Kloster haben wir uns aber eh schon vorher ausgesucht. Astorga hat touristisch einiges zu bieten. Einen Bischofspalast der 1887 von Antoni Gaudi gebaut wurde. (Ja, der von dem auch die Sagrada Família in Barcelona ist) Direkt daneben die Kathedrale Santa María die das Stadtbild dominiert. Astorga war zur Zeit der Römer der nördlichste Endpunkt der römischen Straße Via de la Plata. Das Pilgermuseum im Gaudipalast haben wir uns gespart. Mit unseren Pilgerausweisen haben wir in der Kathedrale einen vergünstigten Eintritt bekommen. Statt 5,00 Euro pro Person nur noch 3,50. Die Kathedrale hat mich mehr interessiert als der Bischofspalast. Sie hat (im Vergleich zu Leon) äußerlich mehr mit Jakobus und dem Pilgern zu tun. Dinge, die man auch als Laie findet. Die Herstellung von Schokolade hat in Astorga eine lange Tradition. Zahlreiche Geschäfte und sogar ein Schokoladenmuseum hat die Stadt. Zum Mittag haben wir uns ein Pilgermenü gegönnt und für den Abend den Supermercado genutzt. Inklusive einer weiteren Flasche Wein. Dumm nur, dass direkt danach in unserer kirchlichen Herberge eine Pilgermesse stattfinden sollte. Na endlich, dachten wir. Die Messe war nur für die Pilger. Schonmal gut. „Wenn wir die Einzigen sind, gehen wir aber wieder.“ Sage ich und kurz darauf sind wir die ersten beiden die zur Messe in einem kleinen, sagen wir mal „Wohnzimmer mit 3 Reihen Holzklappstühlen, kommen. Vor uns steht ein ca. 90-jähriger Pfarrer in einem weißen Umhang. Dieser freut sich sichtlich als wir ihn mit „Ola buenos dias“ begrüßen. Wir stellen fest, DASS wir die einzigen sind und ich traue mich trotzdem, oder besser wegen des Opipfarrers, nicht,wieder zu gehen. Zum Glück kommt direkt noch ein Amerikaner dazu. Dann kommt einer nach dem anderen. Zwei Spanier, zwei Asiaten und einer der Spanier, die eigentlich Italiener sind. Der verwirrt wirkende Geistliche versucht jeden ein Textheft in seiner Landessprache zu geben. Manche haben 2 Texthefte, andere keins in ihrer Sprache bekommen. Der Pfarrer kann leider nur Spanisch und gibt sich trotzdem große Mühe, dass jeder etwas versteht. Erst wurde gesungen. Dann musste Antje etwas aus ihrem deutschen Textheft vorlesen. Danach ist eine Kerze entzündet worden. Diese sollte herumgegeben werden und jeder, der die Kerze in Händen hielt, sollte in Gedanken einen Wunsch aussprechen. So hatte ich es verstanden. Ich war Nummer 2 in der Reihe. Meinen Wunsch „Gesund in Santiago anzukommen“ hatte ich in still „gesprochen“. Danach wollte ich die Kerze wieder loswerden bzw. weitergeben. Ich sah den Pfarrer an, er mich auch, und nichts passierte. Er schloss die Augen und ich saß mit meiner Kerze da. Dann hörte ich Antjes Kichern. – Ab hier war es nur sehr schwer möglich einem Lachanfall zu entgehen. In unserer Weinlaune eine kleine Qual. Gefühlte Ewigkeiten hat es gedauert bis ich von dem Pfarrer erlöst wurde und die Kerze an Antje übergeben durfte. Das war allerdings noch keine Lachflashentwarnung. Antje und alle anderen mussten ja noch „wünschen“. Ca.5-6 Minuten oder eine gefühlte Stunde nicht lachen. Ohje! Das war nur mit äußerster Anstrengung zu meistern. Am Ende sind wir für den weiteren Weg gesegnet worden. Der 4. Segen in 48 Stunden – wenn das nichts ist. In Mittelbach war ich, soweit ich mich erinnere, nach der Konfirmation noch ein einziges Mal in der Kirche. Egal. Oder … schließlich sind wir auf dem Jakobsweg. Die Temperaturen sind inzwischen auch fast sommerlich. So sitzen wir noch nach der Messe im Freien und leeren den Rest unserer Weinflasche und lachen bis die Tränen kommen. In der großen Albergue haben wir ein 4 Bett Zimmer. Mit uns im Zimmer ist wieder der Schnellläufer Opi. Schaut also nach einer entspannten Nacht aus. Amen! 🙏

Gaudi Palast

 

Unser „Opi-Pfarrer“ in Astorga

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 11

Donnerstag – 25. April 2019

Da wir im Hostel eine Küche zur Verfügung haben, machen wir uns Frühstück und Kaffee gleich noch hier im Haus. Auch wenn der Kaffee aus der Kapselmaschine nicht annähernd so gut ist wie der Milchkaffee in den spanischen Bars. Kein Regen! Kein Schnee! Wolkiger Himmel und kaum Wind (bisher). Im Vergleich zu gestern früh eine kleine Erleichterung. Die Apotheke vor dem Haus hat eine LED Werbung auf der sich Uhrzeit und Temperatur abwechseln. 7.27 Uhr und 4 Grad. Aber wenigstens KEIN Niederschlag. Nach ein paar 100 Metern waren wir wieder auf dem Camino. Erst noch innenstädtisch mit vielen Geschäften. Danach Banken und Versicherungen und am Stadtrand Autohäuser und Industriegebiete. Es fällt mir auf, dass es wenig (seeeehr wenig) Supermärkte und noch weniger Baumärkte oder Mc D`s gibt. Dafür kommt vermutlich auf jeden Spanier ein Autohaus. Mindestens.

Die erste Ortschaft die auch räumlich von Leon getrennt ist, ist Virgen del Camino. Hier stehen wir vor einer Wahl. Den Camino Frances weiter entlang einer Straße oder eine Alternative über Wiesen und Felder. Haben wir uns letztens noch für die „Abseits der Straße Alternative“ entschieden, gehen wir jetzt entlang der Fernstraße. Nach dem vielen Regen gestern wird der Weg über die Felder recht schlammig sein. Oder nicht? Na jedenfalls wollen wir es nicht herausfinden und wählen die sichere aber definitiv befestigtere Route. Eine Pause mit einem richtigen Cafe con Leche machen wir in San Miguel. Bis hierher war der Weg auf jeden Fall (sehr) gut.

Danach war es dann weniger spektakulär. 14 Kilometer bis Villadangos del Paramo, immer neben der Schnellstraße her. Musik im Ohr und Rückenwind. So sind wir recht früh dran. Kurz nach 12.00 Uhr. Wir haben nur noch 5 Kilometer und machen noch eine Pause. Im TV läuft ein Bericht, dass die beiden vermissten Deutschen in Teneriffa tot in einer Höhle gefunden wurden. Ich staune über mich wieviel ich aus einem spanischen Bericht verstehe mittlerweile. Übrigens auch, dass Prinz Harry ohne Meghan in der Kirche war. 🙂 Ums Schweinefleisch scheint es in Spanien nicht so schlecht zu stehen wie in Deutschland. Kein Wort im Fernsehn! 😀

In der Albergue Municipal in San Martin angekommen sind wir noch unter den Ersten die sich einschreiben. Nummer 5 & 6 auf der Liste. Im Schlafraum mit 23 Betten haben wir noch fast freie Wahl. Wir nehmen ein Stockbett am Rand, neben dem Ofen. Dusche und Küche sind eisig kalt. Eine weitere Decke für das Bett haben wir uns gleich mal gesichert. Der Ort ist wenig sehenswert (an einer Schnellstraße halt) und auch der Wind lädt nicht gerade zum Bummeln ein. Es scheint als ob Leon etwas durcheinandergebracht hat in unserem „Walking Village“. Wir kennen kaum jemanden. Scheinbar haben sich viele einen Extratag in Leon genommen. Die Gruppe Spanier (Italiener) ist hier und ein Asiatisches Paar was wir vom Sehen her schon kennen. Draußen ist es immernoch saukalt. Ein Großteil liegt in den Betten und döst vor sich hin. Am anderen Ende des Ganges liegt jemand in seinem Bett, hustend, keuchend und schniefend was das Zeug hält. Man könnte denken der macht’s nicht mehr lange. Na danke! Jemanden, der mich bei diesem Wetter noch mit seiner Grippe ansteckt, brauche ich unbedingt – NICHT!!1!! Zum Abendessen sitzt mir der „Influencer“ auch noch fast gegenüber. Zudem sieht er einem gewissen Lutz Bachmann wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hat also alles Negative auf sich vereint. Den Namen Lutz hat er nun weg. Lutz ist eigentlich aus Bulgarien. Er wohnt aber seit Jahren in Madrid und spricht dadurch perfektes Spanisch. Wenn wir schon bei Spitznamen sind … 😀 Wir haben auch schon einen Thomas Gottschalk gesehen und in einer Bar ist Louis de Funes an uns vorbeigelaufen. Thomas Gottschalk sieht seinem Namensgeber kein bisschen ähnlich. Es kam hier mehr von seinem Hang zu auffälliger Kleidung. Hautenge, weißblaue Leggings. Stolzierte er mehrfach über den Hof. „Der hat bestimmt eine Wette verloren“ Zack! Thomas Gottschalk.

Das Essen in der Albergue war wieder frisch gekocht und lecker. Morgen soll es dann endlich etwas wärmer werden. Wir sind morgen dann auch endgültig aus der Meseta raus und der Jakobsweg wird auch touristisch wieder interessanter. Die Nacht war recht angenehm. Das übliche Schnarchkonzert, was die Ohropax aber klasse ausblenden. Angenehm warm trotz der Kälte draußen. Das heißt aber auch, dass wieder kein Fenster offen war. Bei 23 Personen zwar warm, die Luft war aber zum schneiden.

Thomas Gottschalk

„Influencer“ Lutz

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 10

Mittwoch – 24. April 2019

Für 20 Personen gibt es nur einen Raum mit Waschbecken und Toilette. Abschließbar. Da möchte ich nicht wissen, zu welchen Staus es heute hier kommt. Wir sind als Nummer 3 und 4 noch relativ problemlos durch. Es ist heute kalt, stürmisch und es regnet. Aufhören soll es erst 15.00 Uhr. Aussitzen ist also keine Option. In voller Regenmontur geht es raus. Unterwegs wird es sogar so kalt dass aus dem Regen Schneefall wird. Wir waren für den Weg durch Spanien auf viel vorbereitet, auf Schneefall aber nicht. In Deutschland sind seit 10 Tagen Temperaturen bis 25 Grad. Wir freuen uns heute über 5 Grad. Nach 4 Kilometern trinken wir einen Kaffee in einer Bar. Noch 14 bis Leon. Um an einem Rastplatz halt zu machen ist es heute viel zu kalt. Überhaupt ist uns nicht nach Pause machen. Im Schneefall werden wir die restlichen Kilometer wohl durchziehen, denn gefühlt sind wir nass bis auf die Haut. Um 11.30 Uhr in Leon angekommen (WOW!) staune ich, dass ich doch relativ trocken bin. Selbst die Hosen unter den Regenhosen sind nicht nass. Unser Zimmer ist am Plaza de Santa Domingo und nur wenige 100 Meter von der Kathedrale entfernt. Wir haben keinen langen Weg in die Innenstadt. Die öffentliche Herberge in Leon ist wohl auch eine der schlimmsten. Das sagen unser Führer und die Berichte aus dem Internet. An sich schon wieder ein Grund es zu wagen 🙂 vielleicht auf dem nächsten Camino. Ein paar Pilger gehen mit einem Mal durch Leon durch um den vielen Menschen und dem Verkehr in der Stadt zu entgehen. Nach einer reichlichen Woche Einsamkeit in der Meseta, kann man das sogar verstehen.

Nach einem kurzen Mittagsschlaf (schließlich war fast unsere gesamte Wäsche im Trockner) haben wir die Stadt in Angriff genommen. Der Regen hatte aufgehört und das Thermometer vor der Apotheke stand schon wieder auf 15 Grad. Wir hatten ein paar Wege auf unserer To-do-Liste. Aus der Apotheke eine Zahnpasta gegen empfindliche Zähne. Aus der Drogerie Taschentücher, neue Seife und eine Nagelschere. Briefmarken für die Postkarten die wir schon eine Woche herumtragen und ein Ladekabel für Antjes Kamera. Ach und endlich eine Flasche Schnaps um unseren Flachmann zu füllen. Der sollte immer dann zum Einsatz kommen, wenn wir mal gar nicht weiter laufen wollen. Ein Notfall Stimmungsaufheller.  Gelegenheiten hätte es schon eine oder zwei gegeben. Den Flachmann tragen wir aber leer durch Spanien. Wenn es Schnaps gibt, dann nur in großen Flaschen. Zu groß für unsere kleine Flasche.

Bisher waren unsere Tagesabläufe immer ähnlich. Zeitiges Frühstück, zwischendurch mal einen Snack oder gar ein zweites Frühstück. Mal ein Cafe con Leche oder einen Orangensaft. Am späten Nachmittag dann Mittag und Abendessen in einem. In Leon haben wir eine kleine Brauerei gefunden mit einer coolen Auswahl an Speisen. Übrigens wer denkt die Spanier könnten kein Bier brauen, irrt gewaltig!

Nach unserem Mittag/Abendbrot um 16.30 Uhr sind wir zur Kathedrale. Ein imposantes Bauwerk! Die bunten Fenster und das Licht was dadurch ins Innere fällt, sind einzigartig. Ein riesiger Bau den man leider gar nicht mit einem Mal erfassen kann. Nicht von außen und erst recht nicht von innen. € 6,00 Eintritt pro Person ist viel, aber hier finde ich es gerechtfertigt. Mit dem Audioguide kann man hier Stunden zubringen! Solange bis man nicht mehr aufnahmefähig ist. Eine unfassbare Menge kleiner Verzierungen. Jedes Bild vermutlich eine Geschichte. Die 18.00 Uhr Messe in der Kathedrale stellte sich als Suchspiel heraus. Eine richtige Pilgermesse haben wir nämlich noch nicht erlebt. Hier in Leon wird das wohl mal klappen, oder?! Der Eingang zur Kapelle, wo die Messe stattfindet, ist im Klostergarten. Raus aus der Kathedrale und im Uhrzeigersinn herum. Als erstes kam das Museum. Weiter und weiter und wir standen wieder vor dem Haupteingang. Klostergarten Fehlanzeige. Antje vornweg im Laufschritt. Hat nicht lange gedauert bis ich sie verloren hatte. SMS von Antje: „Museum durch und rechts.“ Ich zur Museumskasse und zeige meine Eintrittskarte aus der Kathedrale. Neiiiin! Damit geht es hier nicht rein. Bitte nochmal 6,00 Euro. Nein, dafür nicht. „De nada“ Antje kommt nach ein paar Minuten und nimmt mich mit rein. Geht wohl auch ohne Eintritt … wenn man nicht fragt. Blöd!

Eine Pilgermesse war auch das nicht. Fast eine wörtliche Kopie der Messe von gestern Abend. Am Ende wieder ein Abendmahl – heute mit Antje. Aber ich frage mich schon, warum hier am Jakobsweg die Pilgermessen so sehr versteckt und unmöglich zufällig zu finden sind. Antje ist daraufhin zur Pilgerinformation. Von ihren Caminos kennt sie das nämlich anders. Zum einen brauchen wir noch einen Stempel in unserer Credential, zum zweiten fragen, wo denn nun mal eine Pilgermesse in der Stadt ist. „Iglesia de San Francisco de Asís“ um 19.30 Uhr. Wir machen uns auf den Weg und wer läuft uns über den Weg? Breathe und Walther. Auch die beiden hasten zu einer Kirche … dort sollen Nonnen singen. Irgendwie scheinen alle eine Messe für Pilger zu suchen. Angekommen in der Kirche des Franz von Assisi (einer der ersten Jakobspilger) sitzt ein ähnliches Publikum wie eben in der Kathedrale oder gestern in Mansilla de las Mulas. Auch diese Messe war wieder exakt wie die schon erlebten. Nach dem „normalen“ Segen war nur noch einmal eine spezielle Segnung der Pilger. Alle Jakobspilger sollten nach vorn kommen und wurden mit Weihwasser bespritzt. Ein Tropfen landete genau auf meinem rechten Fuß. Ich nehme das mal als Zeichen dass meine Ferse bis nach Muxia durchhalten soll. Wir haben nach dieser Messe beschlossen nur noch zu Messen zu gehen wenn diese speziell für Pilger sind. Das war trotzdem noch nicht das Ende unserer Suche nach göttlicher Unterstützung. Die wirklich … besonderen … „Dinger“ sollten erst noch kommen. Geschlafen haben wir perfekt! Doppelzimmer, kein Lärm und frisch gewaschene Wäsche aus der Waschmaschine. Alles was eigentlich in den Rucksack gehört, lag im Zimmer herum. Die Entscheidung für ein Hostel in Leon war richtig!

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 9

Dienstag – 23. April 2019 – Unser Hochzeitstag

Beim Frühstück hat es noch geregnet. Der Einklatscher aus Asien startet mit Poncho. Darum bin auch ich in voller Regenkleidung vor die Tür. Gerade in diesem Augenblick scheint es aufzuhören. Noch 300 – 400 Meter Nieselregen, ab da wird mein Poncho heute nicht mehr nass. Es weht ein kräftiger Wind darum behalte ich alles noch an. Es schützt auch gut gegen kalten Wind. Viel passiert heute nicht. Wir sind seit einer Woche in der Meseta unterwegs also ist immer noch alles flach. Viele Orte passieren wir heute auch nicht. Von Calzada del Coto sind es 9 Kilometer bis nach El Burgo. Es ist noch vor 9.00 Uhr und da wir ja schon gefrühstückt haben, gehen wir weiter. Bis Reliegos sind es 12,5 Kilometer. Unterwegs haben wir windgeschützt gerastet und ich habe endlich meine Regenklamotten weggepackt. 11.30 Uhr kommen wir in Reliegos an. Die Bar Elvis (müsste man eigentlich gesehen haben) hatte leider geschlossen. Die irrste Bar vom irrsten Typ am Camino. (alles positiv gemeint) Habe ich vorher darüber gelesen. Wir brauchen dringend eine Pause zum Aufwärmen. Es ist noch zu früh um für heute Schluss zu machen. Wir gehen also noch nach Mansilla de las Mulas. Das sind noch 6,5 km und die Lust zu laufen fehlt etwas. Aber um diese Zeit bekommen wir noch keine Unterkunft. Vor 13 Uhr geht da nix und das ist auch gut so. Der ganze Tag verläuft entlang einer Straße. Viel Verkehr ist hier nicht, trotzdem viel Langeweile. So zieht sich die letzte Strecke des Tages und wir fallen in den Pilgerkoller. „Alberguo und Camino Power mit ihrem Hit Municipal (Felicita)“ 🙂

Die Städtische Herberge erreicht bekommen wir unsere Betten in einem 6 Bett Zimmer. In Mansilla de las Mulas wäre heute ein Fest. „DAS“ Fest! Darum würde auch der Markt in der Stadt und die Geschäfte dann schließen. Wir sind gespannt! Beim Ortsrundgang hatte endlich mal eine Kirche geöffnet. Im Inneren standen noch alle Requisiten der Osterprozession. Oder für „DAS Fest“?!

Ein Pilgermenü haben wir uns in einem Mittelalterrestaurant gegönnt. Sehr nobel! Es ist noch nichtmal 16.00 Uhr und außer uns sind nur 3 andere Pilger zum Essen hier. Die Spanier haben Siesta und in Deutschland würden wir gerade Kaffee trinken. Der Tagesablauf als Pilger ist eben anders. Morgen haben wir bis Leon nur noch 18 Kilometer. Um noch genug von der Stadt sehen zu können, ist es gut so zeitig wie möglich anzukommen. Im einzigen noch offenen Laden haben wir eingekauft und unseren Proviant aufgefüllt. Die Siesta war vorbei und die Stadt war leer. Ja, hatte der Hospitalero ja angedroht wegen „DAS Fest“. Der Abend in Mansilla de las Mulas kam mir wie Zeit vertreiben vor. Ein Fest war nirgends zu sehen oder zu hören. Wir entschlossen uns nochmal für die Bar gegenüber unserer Albergue. Hier liefen 2 Fernseher. Einmal mit einem Fußballspiel, im anderen eine Soap. Beides natürlich mit Ton und um das Rummelplatzfeeling noch perfekt zu machen, lief auch noch das Radio. Nach Wein und Bier haben wir für Leon ein Doppelzimmer vorgebucht. Das einzige mal in 4 Wochen Camino haben wir reserviert. Um in der Großstadt nicht nach der Albergue suchen zu müssen und um so zentrumsnah wie möglich zu sein. Danach war es plötzlich schon kurz vor 20.00 Uhr. Da ist laut Aushang in der Kirche eine Messe. Mit guter Bierlaune ging es nochmal die 100 Meter rüber zur Kirche. Als wir ankamen waren da ca. 10 Einheimische und keine Pilger. Antje versteht es, mir vor Lachen die Tränen in die Augen zu treiben. „Schweinefleisch“ oder „Einen Fuffie wenn …“ reicht da schon. Ein paar Omis setzten sich direkt vor uns in die Reihe und auch 2 weitere Pilger verirrten sich noch auf der Suche nach „DAS Fest“. Insgesamt waren jetzt 40 Leute in der Messe. Es kann sehr gut sein, dass ich reichlich 25 Jahre nicht bei einem normalen Gottesdienst war. Taufe oder die Hochzeit meiner Schwester klammer ich da mal aus. Die Kirchgänger in Mittelbach waren für mich alles andere als aufrichtig. Ich würde einen Teil sogar als Verräter an den christlichen Werten betiteln. In der CDU gewesen und besonders fleißig in der Kirche – dann aber AfD-Parolen auf das eigene Auto kleben. Nächstenliebe habe ich nicht als herkunftsabhängig verstanden. Das soll aber jetzt kein politischer Vortrag werden. Gott und den Glauben an Gott will ich auf keinen Fall werten! Für mich ist spirituell alles denkbar. Ein Gott ist denkbarer als ein Abstammen des Menschen von einem Wesen was aus dem Meer gekrochen ist.

Zurück in die Kirche! Trinke jedenfalls niemals wenn du danach noch in eine Messe gehst und du die Sprache nicht verstehst. Aber diesen „Fehler“ werden wir noch einmal begehen. Wenn du nicht lachen darfst …oh-oh.

Ich bilde mir ein, die Segnung, das Vaterunser usw. auch auf Spanisch erkannt zu haben. Zum Abendmahl gehe ich mutig mit nach vorn. Als letzter in der Reihe. Nach 25 Jahren. Antje wusste nicht ob sie mit vorkommen soll zum Abendmahl. Eigentlich ja nicht aber warum denn eigentlich nicht? Wer sagt denn das? Die Taufe? Kommunion? Konfirmation? Wenn wir uns auch nicht als Gläubige bezeichnen, dann doch als Suchende. Wenn ich suchend bin, will ich nicht ausgeschlossen werden. Scheiß auf einen rituellen Zwang. Gerade hier am Jakobsweg. Morgen in Leon will sie mitkommen. Abends im Bett war wieder dieses dankbare Gefühl was ich kurz vor Sahagun schon einmal hatte. Dankbar das alles von Antje gezeigt zu bekommen. Dankbar das erleben zu dürfen. Dankbar hier zu sein. Dankbar für die Möglichkeit und diese genutzt zu haben!

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 8

Montag – 22. April 2019 – Ostermontag

In Spanien ist heute kein Feiertag. Der Wecker klingelt wie immer pünktlich 6.30 Uhr. Ziemlich genau 7.00 Uhr starten wir. Mit 27 Kilometern wieder ein etwas längerer Tag. Obwohl ich gemerkt habe, dass die Entfernung oder besser die Anstrengung, tagesformabhängig ist. Ich kann nach 20 Kilometern schon fix und fertig sein oder nach 26 Kilometern verwundert sein, dass wir schon am Ziel sind. Es sind andere Einflüsse die einen Tag kurz oder lang erscheinen lassen.

Erst kühl, dann Sonnenschein und am Nachmittag in Bercianos del Real Camino, stürmischer Wind und Wolken. Ein weiter Weg aber durch viele kleinen Ortschaften unterbrochen. Ich fühle mich heute super! In Terradillos de los Templarios ist es hell geworden. In der Albergue Jacques de Molay (den letzten  Anführer des Templerordens – später mehr) frühstückten wir. Zwei uns schon bekannte Australier und ein asiatisches Paar haben hier übernachtet und starten gerade. Danach durchqueren wir Moratinos. Der Ort fällt mir durch die vielen kleinen Erdwohnungen auf. Noch in den 80ern als Wohnungen genutzt, dienen sie mittlerweile nur noch als Lagerräume. Man könnte von weitem denken hier wohnen die Hobbits. Vor San Nicolas wirbt dann ein Schild mit: „I know that i know nothing … but the 2nd Bar is cool!!! >>Socrates<<“ Diese kreative Werbung hat die Bar vermutlich auch nötig, denn das erste Haus von San Nicolas ist eine Bar mit einer sehr einladenden Terrasse. Die Werbetafel ist aber witzig und wir suchen die 2nd Bar. Nach ein paar Metern dann ein Wegweiser:  „Real Food!“ Was vermuten lässt, dass Bar #1 nur aus Mikrowelle und Fritteuse serviert. In der Bar von Socrates gab es für uns einen großen Milchkaffee und einen frisch gepressten Orangensaft. Schade, dass wir keinen Hunger hatten. Die Auswahl liest sich sehr lecker.

Weiter ging es nach Sahagun. Mit der Sonne im Rücken habe ich mich meiner Jacke entledigt. Dann überkommt mich ein riesiges Glücksgefühl als ich auf die Uhr schaue. Kurz vor 10.00 Uhr. Um diese Zeit fange ich in Deutschland an zu arbeiten. Jetzt und hier in Spanien ist alles sooo sorgenfrei. Das wird mir hier plötzlich bewusst. Ich bin glücklich und dankbar hier zu sein! Sahagun sieht aus der Ferne bedrohlich groß aus. Angekommen oder besser gesagt, nähergekommen ist es aber okay. Die spanischen Städte sind scheinbar (im Bezug Fläche zu den Einwohnerzahlen) kompakter als deutsche Städte. Wir sind trotz kurzer Sightseeingrunde schnell durch und rasten am Ortsausgang bei Käse und Brot. In Sahagun kann man noch Bauwerke maurischer Architektur sehen. Die spannende Geschichte der Mauren in Spanien ist hier noch sichtbar. Am Ortsausgang überqueren wir den Rio Cea auf einer Brücke aus dem Jahr 1085! An dieser Stelle soll schon Karl der Große gestanden haben und seine Truppen bei einer Schlacht gegen die Mauren angeleitet haben. Die Lanzen der Gefallenen sollen sich an dieser Stelle wieder begrünt haben. Heute wird die Wiese der 40.000 Lanzen natürlich gern für den Tourismus genutzt. Bis Calzada del Coto ist es eine Stunde. Dort hatte Antje bei ihrem 1. Camino vor 10 Jahren übernachtet. Für uns sind es heute noch (die obligatorischen) 6 Kilometer. Wir feiern diese mit einem Bier und machen uns auf den Weg nach Bercianos del Real Camino. Nach der üblichen Prozedur in der Albergue Municipal ging es zum Stadtrundgang … zur Dorfrunde. Der Ort ist wie ausgekehrt. Zwar ist gerade Siesta, trotzdem ist jedes 2. Haus eine Ruine. Für einen Fremden ist der Ort auch sehr unübersichtlich. Wir laufen durch einen Irrgarten aus Straßen und Wegen und finden die „Hauptstraße“ nicht wieder. Am Ende landen wir in der gruseligsten Bar von Bercianos. Augen zu und durch – bzw einen Cafe con Leche und wieder weg. Als wir uns im Ort wieder orientieren konnten, versuchten wir Bar Nummer 2. Hier lief Britpop und The Cure. Eine große Bierauswahl aber da immer noch Siesta ist, auch hier nix zu essen. Endlich mal kein Nachrichtensender in Maximallautstärke sondern coole Musik! Um dann noch den Supermercado „Jesus“ zu finden, mussten wir uns mit Google navigieren lassen. Oh man! Endlich gefunden, waren wir pünktlich um 17.00 Uhr da. So wie auch 5 weitere Pilger aus den Herbergen im Ort. Nur der Inhaber hatte noch keine richtige Lust. Dort ist mir eingefallen, wie bösartig manche Menschen bei uns vor dem Laden stehen und selbst vor Ladenöffnung vorwurfsvoll auf die Uhr blicken. Manch eine Oma quetschte sich schon in akrobatischer Meisterleistung durch die kleinste Öffnung. „Sie haben wohl heute gar nicht auf?“ Wir Deutschen sind einfach nicht entspannt genug. Auch ich bin nicht mit viel Geduld gesegnet, im Supermarkt nach einer 2. Kasse schreien geht aber gar nicht!! Viele werden sicher nie entspannt sein. 17.15 Uhr geht dann die Tür auf und wir versorgen uns mit Proviant für den nächsten Tag. Kekse, Käse, Wurst oder Fisch, Oliven, Äpfel und Brot. Eigentlich fast immer das gleiche. Obwohl Brot mal wieder nur süßes Weißbrot in Form von Brötchen sind. Essen gibt es bei uns in der Herberge. Wieder eine kirchliche auf Spendenbasis. Abendessen für alle um 19.00 Uhr. Ähnlich wie in Carrion de los Condes, nur dass hier niemand etwas einkaufen sollte. Wieder sind es 12 Betten im Raum die auch alle belegt sind. Es gibt noch einen weiteren Raum der auch mit 12 Betten ausgestattet ist und sich langsam füllt. Wir hatten heute Sonnenschein und über 20 Grad. Für morgen ist laut Wetterbericht sogar mit Schnee zu rechnen. Na mal schauen. Wir planen morgen bis Reliegos und übermorgen Leon. Die eintönige Meseta haben wir fast durchlaufen.

Das Abendessen war wieder ein Genuss. Was aus einfachen Mitteln für ein Menü gezaubert werden kann… WOW! Gang eins war eine Kürbissuppe die fast an die von Antje herankommt. Wie gesagt, fast. 🙂 Gang zwei war Pasta mit Paprika-Tomatensoße. Gang drei waren Toritos. Kein frittierter Grießbrei wie angenommen, sondern Weißbrot mit Milch, Zucker, Zimt und Vanille eingeweicht. In einem Ei geschwenkt und dann frittiert. SAULECKER! Und sehr simpel. Dazu Rioja Rotwein auf den 2 langen Tischen. Auf 2 Tische aufgeteilt kommt man ins quatschen und lernt sich kennen. Uns gegenüber sitzen zwei Iren, Breath und Walther. Neben den beiden die Hospitalera Jenny aus Brasilien. Andere Tischseite wir beide, Joau aus Portugal und noch zwei weitere Portugiesen. Es sind die üblichen Camino Gespräche: Woher? Wo gestartet? Wohin morgen? Das „dem anderen die Heimatstadt erklären“ ist aber immer witzig. Achso – vor dem Essen hörten wir plötzlich Musik von draußen. Eine Spanierin (dachten wir da noch, denn sie ist aus Italien) hat eine Gitarre und spielt. Daneben ein Pilger aus einer anderen Herberge mit einer Ukulele und er stimmt mit ein. Bis er die Runde der Zuhörer herumfragt woher man kommt. Für jede Nationalität hat er ein Lied samt Text auf Lager und spielt. Selbst ein japanisches Lied hat er drauf und der mitklatschende Asiate in der Runde freut sich wie ein Kind zu Weihnachten. Als deutsches Lied spielte er „Heute hier, morgen dort“. Er kannte den Text – wir nicht. Peinlich. Sehr coole Stimmung vor dem Haus. Viele vom heutigen Abend werden wir noch bis Santiago und sogar bis Muxia wiedersehen. Der Schnellläufer Opi und eine Gruppe Spanier (auch die sind aus Italien) kannten wir ja schon. Morgen früh gibt es noch ein Frühstück für jeden der will. Wie gesagt, alles auf Spendenbasis! Gruppenfeeling inklusive. Die Nacht war sehr kalt. Ich habe trotz einer zusätzlichen Decke gefroren.  Akustisch dafür eher still. Das Wecken war hier ein Konzert der unterschiedlichsten Wecktöne. Meistens dann so, dass der Nachbar des weckerklingelnden Schläfers den Schlafenden weckte, damit dieser seinen Wecker ausschalten konnte. Trotz Gehörschutz haben 2 Wecker endlos gedudelt. In einem Fall hat dann die Erwachte den Wecker ausgeschaltet und weitergeschlafen. Naja … Hauptsache die anderen sind wach. Das Frühstück war, typisch spanisch, ausschließlich süß.