VEB Stra Cervisia

Im Jahr 1923 gründet sich in dieser Kleinstadt ein Spinnstoffbetrieb. Das Haupterzeugnis lag in der Fertigung von Spinnstoffen aus Kunstseide und Zellwolle. 1946 wird das Unternehmen enteignet und in das Volkseigentum überführt. Der Betrieb wird führend in der textilen Kunststoffverarbeitung – europaweit. Mit der deutschen Wiedervereinigung wird ein Großteil der Belegschaft erst entlassen. Dann gelingt die Umwandlung in eine GmbH und man setzt die Fertigung fort. Das Zurückgewinnen der ehemaligen Belegschaft gelingt nur in wenigen Fällen. Doch 2006 meldet das Unternehmen Insolvenz an und stellt die Fertigung ein. Bei mehreren Zwangsversteigerungen gab es keinen einzigen Interessenten. Keiner bot Geld für das autobahnnahe Areal in bester Lage.

Im Gebäude liegen noch zahlreiche Unterlagen aus allen Zeitabschnitten. Diese Location ist durch das Labor, die Büros, Werkstätten und die verbliebenen Werkstoffe sehr interessant. Beim Besuch des alten VEB ereignete sich noch etwas sehr Mysteriöses. Wir befanden uns im 2. OG, in einem verlassenen Büro. Plötzlich klingelte im Gebäude ein Telefon. Vom Klang her ein sehr altes Exemplar mit Wählscheibe. Nach Rücksprache ereilte auch andere Urbexer dieses Phänomen. Was war da los? Wie kann in einem seit Jahren leerstehenden Gebäude, in dem kein Strom mehr anliegt, ein Telefon klingeln? Da wir zu der Zeit schon wieder auf dem Weg nach unten waren, entschieden wir uns das Gebäude umgehend zu verlassen. Ein Lost Place bei dem man sich durch die vorbeiführenden Straßen eh schon beobachtet vorkommt.

HO-Gaststätte Goldener Kronleuchter

Die HO-Gaststätte „Goldener Kronleuchter“ liegt am grünen Rand einer grauen Stadt. Zu DDR-Zeiten war hier ein Naherholungsgebiet was sogar Urlauber in diese Industriestadt zog. (Dazu später mehr) Der „Goldene Kronleuchter“ wurde im Jahre 1882 errichtet und liegt … ähm … lag sehr zentral zwischen einem künstlichem Stausee, einem Tierpark sowie einem Wildtiergehege und einer Burg. Damals gab es um den Stausee mehrere Zeltplätze, ein Kino und sogar eine Bungalowsiedlung, die bei den Urlaubern sehr begehrt waren. Eines der wenigen Hotels war der „Goldene Kronleuchter“. Nach der Wende blieben zuerst die Urlauber weg. Eine Burg und ein künstlicher Stausee lockt nun niemanden mehr in die graue Stadt. Die Gaststätte, mittlerweile privat geführt, hat das Ausbleiben der Urlauber aber ganz gut weggesteckt. Der Große Saal und das Restaurant waren eine gefragte Location für Tanzstundenbälle, Hochzeiten, Jugendweihen oder sogar Konzerte. Aufgrund von Anwohnerbeschwerden wurde der Tanzsaal Mitte der 90er Jahre geschlossen. Lediglich die Gaststätte wurde bis ins Jahre 2002 weiter betrieben. Bis 2005 war es nur noch der Biergarten der an vereinzelten Tagen geöffnet hatte. Seit 2005 gehört das Gebäude einem bekannten Gastronom der Stadt. Vermutlich ohne Konzept verfällt es seit dem. In den Kreisen der Urbex Gemeinde ist der Gasthof bekannt durch den von der Decke gefallenen und auf dem Boden liegenden goldenen Kronleuchter. Nach dem Kulturpark Plänterwald und dem FDGB Hotel Dunker im Harz, war dies nun schon die dritte Urbex-Location wo ich selbst ein Zeitzeuge bin. 1982, mit 6 Jahren, war ich mit meinen Eltern hier im Urlaub. Erinnerungen habe ich an den „Goldenen Kronleuchter“ leider nicht, dafür aber an die übrigen touristischen Highlights in der Nähe. Im Haus, oder besser gesagt im Büro, liegen noch sämtliche, alte Kalender mit Reservierungen und Buchungen der Räumlichkeit. 1982 war ich als 6jähriger hier im Naherholungsgebiet. Klar, dass ich beim Terminplaner für das 2. Quartal hängen geblieben bin. Darin finde ich zum Beispiel:

  • 2. Mai 1982 – Carl Bobach Oberschule – Jugendweihe – ca. 300 Personen – 11.00 Uhr Einlass – 12.00 Uhr Mittagessen – 15.30 Uhr Kaffee – 18.30 Uhr Abendessen – dazu welche Familien Sonderwünsche hatten wie eine Bowle für Familie Gnaß für 60 Mark – Schichtplan des Bedienpersonals, Küche, Garderobe und Bar
  • 11. Mai 1982 – 1. Turnus Urlauberanreise – 75 Personen im Saal
  • 15. Mai 1982 – Hochzeit Scheffler – inkl. bestellter Speisen und dem Zeitplan von 11.00 bis 0.00 Uhr – Blumendeko wird selbst gebracht – Taxis bezahlt
  • 1. Juni 1982 – Betriebskindergarten ROBOTRON – 10.00 Uhr – 60 Kinderportionen und 10 Erw.-Portionen Eis

Es ist reichlich 5 Jahre her, dass ich zum ersten Mal um den Gasthof geschlichen bin. Danach in regelmäßigen Abständen immer mal wieder und immer umsonst. Kein Weg hinein. Bis jetzt.

Tante Erikas Erbe

„Tante Erikas Erbe“ oder manchmal auch „Oma Erikas Erbe“ ist eine Urbex Location die in den Letzten Wochen und Monaten sehr begehrt war, da dieses Haus noch fast unberührt war bzw ist. Ein Haus welches, wenn man es betritt, eine positive Stimmung ausstrahlt. Tante Erika war wohl eine gute Seele. In der Tat ist das Haus von Tante Erika noch verschont geblieben von Kabeldieben, Sprayern oder hirnlosen Urbexern. Die Wohnräume sind liebevoll dekoriert und (für ein leer stehendes Haus) sauber. Im Vergleich zur Urologen Villa der Anna L. fehlt hier etwas DER Hingucker. Was für Tante Erikas Haus aber keineswegs abwertend gemeint ist! Erika scheint eine lustige Dame gewesen zu sein. An der Toilettentür hing ein Kärtchen mit der Aufschrift: „Bei Gefahr bitte umdrehen!“. Neugier siegt selbstverständlich. 🙂 Auf der anderen Seite der Karte stand: „Bei Gefahr du Esel!“. Leider war Erika vermutlich an Demenz erkrankt, denn über jeder Tür stand was sich dahinter befindet. Die Kalender im Haus sind aus dem Jahr 2011, was vermuten lässt, dass Erika und ihr Mann oder Lebensgefährte das Haus Ende 2011 verlassen haben. Das würde auch den Weihnachtsschmuck erklären. Im Haus fanden wir ein paar selbst verfasste Gedichte von Tante Erika. Ein Gedicht von ihr, wodurch wir erst ihren Namen kennen. Und dies soll ihr Erbe sein:

##### unten letztes Haus, da schaut die Erika heraus. Die Fenster sind nicht groß, sind eher klein, ihr Konterfei passt wunderbar hinein. Wanderer, schau nur etwas genauer hin, du siehst nicht nur ihr schönes Kinn. Doch geh von dannen ich sag es dir, im Garten sitzt der Ralf beim Bier. Wanderer da gibt es nichts zu pennen, da hilft nur eins: rennen … rennen … rennen! 1999

 

Das Haus Elisabeth

Das kleine Fachwerkhaus finden wir in einem ruhigen Dorf am Rand einer Kleinstadt. Bis zur nächsten Großstadt sind es keine 50 Kilometer. Das verlassene Haus ist nicht wirklich versteckt, ohne einen Insider hätten wir es aber vermutlich übersehen. Vermutlich? Definitiv! 7 Jahre lang haben wir nämlich keine Notiz von Elisabeths Haus genommen.

Elisabeth hätte in ihrem Haus sofort wieder wohnen können. Alles war noch so, wie sie es verlassen hat. Das abgewaschene Geschirr ihrer letzten Mahlzeit steht noch an der Spüle. Der Mittagstisch scheint gedeckt und das restliche Geschirr steht wie eh und je in den Schränken. Selbst ein halber Kasten Bier und ein unangetasteter Pack Wasser stehen in der Vorratskammer. Die Terrasse ist unnutzbar zugewuchert. Die Möbel und der Sonnenschirm auf der Terrasse sind auch nur notdürftig abgedeckt. Im Jahr 2013 hat Elisabeth ihr Wohnhaus verlassen und ist in ein Altersheim gezogen. Ihre Kleidung, die persönlichen Unterlagen und Erinnerungen hat sie vermutlich mitgenommen, denn davon ist nichts mehr im Haus. 2014 ist Elisabeth verstorben. Nachfahren oder Erben gibt es keine. Das wissen wir ziemlich genau. Fakt ist auch, dass sich seit 2013 keiner mehr um ihr Haus gekümmert hat. Ihr vormals gepflegter Vorgarten ist vor lauter Gestrüpp kaum noch zu erkennen. Keine Erben Hm etwas ratlos stehen wir allerdings vor einem Kinderbett inklusive Kuscheltier in ihrem Schlafzimmer. Es gibt im Haus auch Window-Color Bilder von einem Kind in den Fenstern. Hat Elisabeth Baby-gesittet für Nachbarn oder Bekannte? Auf dem Altpapierstapel in der Küche liegt auf den lokalen Tageszeitungen von 2013, eine Tageszeitung aus München vom März 2014. Ich gebe den Ort natürlich hier nicht preis, aber München liegt 400 Kilometer entfernt.

 

Der Doggenzüchter (oder ‚Das Haus der Skelette‘)

Es ist bestimmt 2 Jahre her, dass ich im Internet zum ersten Mal auf Urbexfotos von dieser Location gestoßen bin. Auf dem Dachboden aufgehangene … ja was ist das? Skelette? Wirbelsäulen? … für einen Lost Place SO besonders, dass es im Hinterkopf bleibt. Bei einer Location wie dieser dauert es dann auch nicht lang bis man die nächsten Fotos bei einem anderen Urbexer findet. Vermutet hatte ich damals diesen Ort im Ausland. In den Benelux Staaten ist bekanntlich das Urbexparadies. So skurrile Orte findet man in Deutschland wohl nicht. O-Ton Kopf: “ Jaa. Eigentlich müssten wir wieder mal einen Wochenendtrip machen.“ Ich habe ja schon das eine oder andere Mal beschrieben wie ich meine Locations finde. Hier habe ich allerdings noch eine ganz neue Art. Der ZUFALL !!! Eine Unterhaltung zwischen zwei Arbeitskollegen von mir. “ … Freunde … Fotografieren … Hobby … Lost Places … Doggenzüchter … Wirbelsäulen … “ Hat bei mir ein wenig gedauert bis ich begriffen hatte um was es hier ging. O-Ton Kopf: „Wie??? Hier bei uns??“ Vermutlich habe ich das auch ausgesprochen denn Zack! hatte ich den Ortsnamen. Tatsächlich keine 25 Kilometer entfernt. Meine Fresse. Das Gute liegt dann doch so Nah. Die GPS Koordinaten waren dann ein Kinderspiel und im Handumdrehen rückte der Doggenzüchter ganz nach oben auf unserer Liste.

Einige der verbreiteten Fakten zur Geschichte des Ortes konnte ich anhand der im Haus gefundenen Dokumente nachvollziehen. Die Bewohner, ein älteres Ehepaar mit ihrer Tochter, haben nach der Wende ihren ehemaligen Familienbesitz zurückerworben und das ehemalige Rittergut Anfang der 90er wieder bezogen. Zuvor wurde der Hof von der örtlichen LPG genutzt. Vater und Tochter züchteten sehr erfolgreich Deutsche Doggen. Die zahlreichen Pokale und Urkunden zeugen von sehr guten Zuchterfolgen. Beginn der 2000er Jahre leitete die Tochter der Familie (vermutlich mit ihrem Mann) eine Dachdeckerfirma. Anfangs war der Firmensitz mit in diesem alten Rittergut (erstmalig erwähnt im Jahr 1580). Später war der Firmensitz in einer benachbarten Kleinstadt. Viel mehr lässt sich nicht belegen. Aus dem Jahr 2010 gibt es einen Zeitungsartikel über den Doggenzüchter und seine Frau über deren 60 jähriges Hochzeitsjubiläum. Verstorben ist er im Januar 2017, allerdings im Ort in dem er vor der Wende lebte. Den wirklichen Grund warum die Familie hier alles stehen und liegen gelassen hat (der Kühlschrank war noch gefüllt, die Zahnbürsten standen im Bad und die Kleider hingen im Schrank) habe ich nicht herausfinden können. Die Dachdeckerfirma steigerte jährlich ihre Umsätze bis 2016. Die Tochter schließt die Firma 2017 und sie verschwindet Anfang 2018 aus dem Handelsregister. …und die Tochter nach Spanien. Der Vierseitenhof des Doggenzüchters ist ein interessanter Ort der einen mit vielen Fragen wieder nach Hause schickt. Die Skelette auf dem Dachboden der Scheune regen die Phantasie an, auch wenn man anhand der vielen Hundeboxen in den ehemaligen Ställen den Grund zu kennen glaubt. Die Skelette, die Hunde, die Dachdeckerfirma. Außerdem zwei Bäder, Schlafzimmer und Wohnräume, Akten und unzählige Unterlagen der Dachdeckerfirma. Alle Fakten sind klar erkennbar. Der Blick auf die Personen die hier lebten bleibt aber sehr verschwommen. Trotz der großen Anzahl an Fotos und Briefen im Haus. Eigentlich liegt die Geschichte der ehemaligen Bewohner in jedem Raum klar vor einem. Es scheint aber als ob diese mit aller Macht versuchen ihr Schicksal zu verbergen. Die Erklärung, warum die Familie des Doggenzüchters wieder in ihren ehemaligen Wohnort zurückwechselte, liegt mit Sicherheit noch in diesem Haus. Die Fakten sind klar. Die Personen und deren Geschichten nicht. Ich konnte das Rätsel diesmal leider nicht ganz knacken.

 

 

 

VEB Cordalis

Gleich vorweg, hier sind wir zum ersten Mal „erwischt“ worden. Alles gut gegangen denn wir sind „nur“ höflich zum Verlassen aufgefordert worden. Trotzdem war es an diesem Tag nun die zweite Location die nicht ganz geplant verlaufen ist. Es handelt sich um einen riesigen Textilbetrieb der auch nach der Wende seine Hochzeiten hatte. Abgesehen von der großen Produktionshalle stehen hier noch vier kleinere Gebäude die es zu erkunden gab. 2 davon haben wir geschafft bevor „Darf ich Sie mal fragen wie sie hier rein gekommen sind?“ Die Motivausbeute ist deshalb etwas gering. Das was wir dort sehen konnten ist mir trotzdem einen eigenen Beitrag wert.

Die meisten Bilder sind im „Gemeinschaftshaus“ (was auch immer das heißen soll) entstanden. Die Türen sind zwar versperrt, die Fenster sind jedoch eingeschlagen oder stehen teilweise ganz offen. Es ist ein Kinderspiel hinein zu kommen. Es ist demzufolge auch nichts geschützt oder gesichert was sich im inneren befindet. Ich denke dabei an Metalldiebe oder sonstige Vandalen. Was wir in der gesamten unteren Etage finden sind nämlich antike Möbel! Alte Schränke, Kommoden, Kisten und Sofas. Jedes dieser Möbelstücke schien um meine Aufmerksamkeit zu betteln um mir seine Geschichte zu erzählen. Ein blutverschmiertes Biedermeier Sofa mit den Initialen EL hat meine Phantasie besonders gepackt. Ich frage mich wie all diese Wertvollen Stücke hier her gekommen sind. Wenn das Gebäude nach der Schließung des Betriebs noch als Lager vermietet worden ist, wie kommt es das der Besitzer die Möbelstücke dann letztlich hier zurück gelassen hat? Sind sie doch zu restaurationsbedürftig?! Für mich als Laie waren das alles besonders alte Schmankerl die schon sehr viel gesehen haben. Ich bitte in diesem Fall noch einmal besonders darum keine Ortsangaben in den Kommentaren zu hinterlassen! Fragen ist sowieso zwecklos. 😉

Gasthof „Kleiner Keiler“

Manchmal geht auch was schief – beziehungsweise läuft nicht ganz wie geplant beim urbexen. Eine Überraschung inklusive und trotzdem ein Happy-End gab es für uns im Gasthof „Kleiner Keiler“.

Ihr kennt den Spruch vom Fürst im eigenen Land?? Die Location fast vor der Haustür, an der man schon hunderte Male vorbeigefahren ist. „Da müsste man eigentlich“ oder „Ist bestimmt auch interessant“ und „Da muss es doch reingehen“ -sagend. Ich war der einzige der diesen alten Gasthof nicht aus besseren Tagen kannte. Man munkelte dass dieser Gasthof mit Tanzsaal verkauft und neuerdings wieder bewohnt wäre. Aber wie gesagt, der Arbeitsweg führt zwei mal täglich daran vorbei und man müsste doch irgendwie, irgendwo, irgendwann mal jemanden sehen wenn da einer wohnt. Oder?!

Zielsicher geparkt und erstmal ohne Kameras die Türen und Fenster checken, klopfen, sogar rufen. „Hallo???“ – Nix! Auf dem ersten Blick kein reinkommen. Trotzdem muss es einen Weg geben. Bilder anderer Urbexer haben wir schließlich im Internet gefunden. (..die auch keinen Bewohner bemerkt hätten) Unsere Erfahrung hilft uns und wir finden den versteckten Zugang. Eine Scheibe die nur von einem krummen Nagel in der Position gehalten wird. Vorsichtig herausgehoben. Jemand ruft noch ein lautes „Hallo?“ in den Raum … absolute Stille. Ab zum Auto die Kameras holen! Keine 50 Meter steht das Auto entfernt. Kofferraum, Kamera, Kofferraum zu, umgedreht … und plötzlich steht er in der Tür. DER ominöse neue Besitzer. Circa 60 Jahre alt, schwere Schuhe, dunkel gekleidet und eine zugebundene Fliegerhaube die seine Ohren abdeckt. Ich war ziemlich überrascht (O-Ton Gewissen: geschockt!). Gerade noch haben wir seine Scheibe aus dem Rahmen gehoben und nun soll ich ihn davon überzeugen uns hier fotografieren zu lassen?? Mir fällt kein einziger Satz ein, eine halbwegs entspannte Unterhaltung zu beginnen. (O-Ton Mut: Ich bin raus!) Zum Glück war ich nicht allein hier, denn meine beiden Miturbexer klären die Situation im Handumdrehen. „Fotografen? Schon wieder? Da waren doch letztes Jahr erst welche da. Aus Gera oder Jena.“ – „Ja aber wir sind von hier! Wir kennen das von früher.“ Und Zack! Sagt der Typ „Von mir aus könnt ihr Fotos machen.“ Er weicht uns nicht von der Seite und lässt uns nicht überall rein, aber ansich bekommen wir alle Fotos die wir uns erhofft hatten. Der Typ wird mit der Zeit sogar sympathisch. Er erzählt von seinen Plänen und über Reparaturen die er selbst schon durchgeführt hat am Haus. Die anderen beiden gehen voll in Nostalgie auf und erzählen über vergangene Disco und Tanzabende hier in diesem Saal. Fehlt nur noch dass der Bewohner uns Kaffee & Kuchen anbietet. 😀 Irgendwie fast liebenswert. Wir sind völlig Fremde für ihn und er gibt uns eine Führung durch diese, seine Location. Er hat einen Plan, ein Vorhaben für den Gasthof dem er nachgeht. Sicher von vielen belächelt oder als Spinner abgestempelt. Eigentlich aber ein Freidenkertyp dem man nur Glück wünschen muss damit seine Pläne aufgehen. Toi! Toi! Toi! Und vielen Dank!

Der letzte VEB

WOW! Ein Glücksfund! … … Kann man das so sagen?! Geplant war diese Location schon, nur erwartet hatte ich nicht viel. Ein von außen sehr maroder Komplex, mit großen Werkshallen. Ein Urbex-VEB wie es viele gab. Leer geräumt, Metalldiebe haben gewütet und die lokale Sprayerszene ist schon längst wieder ausgezogen. So oder so ähnlich waren meine Erwartungen. 

Wann genau dieser Betrieb geschlossen wurde, darüber habe ich leider keine übereinstimmenden Daten gefunden. Die letzten Kalender über den Werkbänken waren von 1993. In den Büroetagen ist definitiv, auch nach der Stilllegung der Produktion, noch weitere Jahre gearbeitet worden. Die Produktionshallen selbst sind komplett leer. Dafür sind die Werkstätten und die Büros eine Fundgrube. Pläne, Akten, Fotos, Büroausstattung. Es wird mit Sicherheit fast der letzte VEB sein, der so zahlreiche Zeitdokumente bietet. 25 Jahren als „Lost Place“ überleben nicht viele Gebäude so unangetastet. Also öffnen wir die Zeitkapsel:

Ein wenig spooky wird mir das große Eingangstor in Erinnerung bleiben. Als wir ankamen stand eine Seite des Tores weit und einladend offen. Als wir zwei Stunden später das Gelände verlassen wollten war es geschlossen und mit einer schweren (nicht neuen!) Kette verschlossen. 😱

⇑ Fotos gingerfish

⇓Fotos AJ

 

Urbex ohne Kamera

Der Vorteil des UrbanExplorings, den ich immer wieder feststelle, ist die Unabhängigkeit. Egal welche Jahreszeit, Wetter oder welche Location – spannend ist es immer. Aber Urbexen ohne Ausrüstung?! Ohne Kamera, Taschenlampe und Stativ? Nichtmal passende Klamotten? Bock auf einen Urbexausflug hatte ich definitiv wieder einmal. So spontan unvorbereitet allerdings … ?! Später noch einmal mit der richtigen Ausrüstung hinfahren ist keine Alternative. Das ist nicht das selbe. Ich musste wenigstens ein paar Handyfotos machen. Ohne Wissen über die Location war der Ort für mich erstmal leer an Gefühlen oder Geschichten. Wir parkten nichtmal 100 Meter entfernt. Augenscheinlich ein ehemaliger Getreidespeicher an einem Bahnhof. Interessant fand ich schon vor dem Eingangstor die abgestellten Bagger und LKW. Die Fensterscheiben der Gebäude waren noch in Ordnung und auch die Fahrzeuge hinter dem Tor sahen vielversprechend aus. Unser Entdeckerdrang war geweckt, scheiß auf falsche Klamotten und Handyfotos.

Die Bahnlinie habe ich schon erwähnt. Die Strecke gibt es dort seit 1842. Die erste Fabrik auf diesem Gelände war dann 1879 ein Chemiebetrieb. 1880 ist noch ein Sägewerk und später eine Mühle hinzugekommen. Nach 1945 wurden Sägewerk und die Mühlenwerke als VEB weitergeführt. Mit der Wende kam für die Getreidewirtschaft in dieser Größenordnung das Aus. In den 90ern kurzzeitig als Technoclub genutzt, wurde danach das Gelände von einem Containerdienst genutzt. Mehr Fakten oder den Grund warum der Fuhrpark inklusive Container dort zurückblieben, habe ich nicht finden können. Ein bisschen fühlt man sich dort wie bei den Ludolfs und es gibt wahnsinnig viel zu entdecken.

Fotos ⇑ ©gingerfish

Fotos ⇓ ©AJ

Ja was war das denn?

Na los! Ein Ziel schaffen wir noch. Ja aber welches? Die Psychiatrie oder das Altersheim? Anhand der zu erwartenden Fotomotive haben wir das Altersheim gewählt. Der Anblick von außen war gar nicht mal übel. Der Großteil der Fenster war noch OK. Das Dach in Ordnung und die Location ist mitten im Nirgendwo. Leider war die gesamte Location komplett leer geräumt. Nicht ein einziges Überbleibsel einstiger Bewohner. Die langen Flure sind schnell abgeschritten wenn es nichts zu sehen gibt. Leere Räume, Haus für Haus. Am sehenswertesten waren die großen Gemeinschaftsräume, das war schon alles. Schade für das weitläufige Gelände mit vielen einzelnen Gebäuden. Verwaltung, Kiosk, Frisör, Wohngebäude Alles was das Seniorenherz, mitten in der Pampa wünscht. Obwohl Senioren? Die Namen an den Türen und die bunten Glasmalbildchen in den Fenstern deuten eher auf Kinder als auf Rentner hin. Ja was war das denn mal? Kinderheim und Seniorenheim in einer Einrichtung?? Aus Urbexsicht ein unbefriedigendes Ziel. Zu unbedeutend von der Ausbeute um weiter zu forschen. ;) Zurück zum Auto. Weiter geht`s.