Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 8

Montag – 22. April 2019 – Ostermontag

In Spanien ist heute kein Feiertag. Der Wecker klingelt wie immer pünktlich 6.30 Uhr. Ziemlich genau 7.00 Uhr starten wir. Mit 27 Kilometern wieder ein etwas längerer Tag. Obwohl ich gemerkt habe, dass die Entfernung oder besser die Anstrengung, tagesformabhängig ist. Ich kann nach 20 Kilometern schon fix und fertig sein oder nach 26 Kilometern verwundert sein, dass wir schon am Ziel sind. Es sind andere Einflüsse die einen Tag kurz oder lang erscheinen lassen.

Erst kühl, dann Sonnenschein und am Nachmittag in Bercianos del Real Camino, stürmischer Wind und Wolken. Ein weiter Weg aber durch viele kleinen Ortschaften unterbrochen. Ich fühle mich heute super! In Terradillos de los Templarios ist es hell geworden. In der Albergue Jacques de Molay (den letzten  Anführer des Templerordens – später mehr) frühstückten wir. Zwei uns schon bekannte Australier und ein asiatisches Paar haben hier übernachtet und starten gerade. Danach durchqueren wir Moratinos. Der Ort fällt mir durch die vielen kleinen Erdwohnungen auf. Noch in den 80ern als Wohnungen genutzt, dienen sie mittlerweile nur noch als Lagerräume. Man könnte von weitem denken hier wohnen die Hobbits. Vor San Nicolas wirbt dann ein Schild mit: „I know that i know nothing … but the 2nd Bar is cool!!! >>Socrates<<“ Diese kreative Werbung hat die Bar vermutlich auch nötig, denn das erste Haus von San Nicolas ist eine Bar mit einer sehr einladenden Terrasse. Die Werbetafel ist aber witzig und wir suchen die 2nd Bar. Nach ein paar Metern dann ein Wegweiser:  „Real Food!“ Was vermuten lässt, dass Bar #1 nur aus Mikrowelle und Fritteuse serviert. In der Bar von Socrates gab es für uns einen großen Milchkaffee und einen frisch gepressten Orangensaft. Schade, dass wir keinen Hunger hatten. Die Auswahl liest sich sehr lecker.

Weiter ging es nach Sahagun. Mit der Sonne im Rücken habe ich mich meiner Jacke entledigt. Dann überkommt mich ein riesiges Glücksgefühl als ich auf die Uhr schaue. Kurz vor 10.00 Uhr. Um diese Zeit fange ich in Deutschland an zu arbeiten. Jetzt und hier in Spanien ist alles sooo sorgenfrei. Das wird mir hier plötzlich bewusst. Ich bin glücklich und dankbar hier zu sein! Sahagun sieht aus der Ferne bedrohlich groß aus. Angekommen oder besser gesagt, nähergekommen ist es aber okay. Die spanischen Städte sind scheinbar (im Bezug Fläche zu den Einwohnerzahlen) kompakter als deutsche Städte. Wir sind trotz kurzer Sightseeingrunde schnell durch und rasten am Ortsausgang bei Käse und Brot. In Sahagun kann man noch Bauwerke maurischer Architektur sehen. Die spannende Geschichte der Mauren in Spanien ist hier noch sichtbar. Am Ortsausgang überqueren wir den Rio Cea auf einer Brücke aus dem Jahr 1085! An dieser Stelle soll schon Karl der Große gestanden haben und seine Truppen bei einer Schlacht gegen die Mauren angeleitet haben. Die Lanzen der Gefallenen sollen sich an dieser Stelle wieder begrünt haben. Heute wird die Wiese der 40.000 Lanzen natürlich gern für den Tourismus genutzt. Bis Calzada del Coto ist es eine Stunde. Dort hatte Antje bei ihrem 1. Camino vor 10 Jahren übernachtet. Für uns sind es heute noch (die obligatorischen) 6 Kilometer. Wir feiern diese mit einem Bier und machen uns auf den Weg nach Bercianos del Real Camino. Nach der üblichen Prozedur in der Albergue Municipal ging es zum Stadtrundgang … zur Dorfrunde. Der Ort ist wie ausgekehrt. Zwar ist gerade Siesta, trotzdem ist jedes 2. Haus eine Ruine. Für einen Fremden ist der Ort auch sehr unübersichtlich. Wir laufen durch einen Irrgarten aus Straßen und Wegen und finden die „Hauptstraße“ nicht wieder. Am Ende landen wir in der gruseligsten Bar von Bercianos. Augen zu und durch – bzw einen Cafe con Leche und wieder weg. Als wir uns im Ort wieder orientieren konnten, versuchten wir Bar Nummer 2. Hier lief Britpop und The Cure. Eine große Bierauswahl aber da immer noch Siesta ist, auch hier nix zu essen. Endlich mal kein Nachrichtensender in Maximallautstärke sondern coole Musik! Um dann noch den Supermercado „Jesus“ zu finden, mussten wir uns mit Google navigieren lassen. Oh man! Endlich gefunden, waren wir pünktlich um 17.00 Uhr da. So wie auch 5 weitere Pilger aus den Herbergen im Ort. Nur der Inhaber hatte noch keine richtige Lust. Dort ist mir eingefallen, wie bösartig manche Menschen bei uns vor dem Laden stehen und selbst vor Ladenöffnung vorwurfsvoll auf die Uhr blicken. Manch eine Oma quetschte sich schon in akrobatischer Meisterleistung durch die kleinste Öffnung. „Sie haben wohl heute gar nicht auf?“ Wir Deutschen sind einfach nicht entspannt genug. Auch ich bin nicht mit viel Geduld gesegnet, im Supermarkt nach einer 2. Kasse schreien geht aber gar nicht!! Viele werden sicher nie entspannt sein. 17.15 Uhr geht dann die Tür auf und wir versorgen uns mit Proviant für den nächsten Tag. Kekse, Käse, Wurst oder Fisch, Oliven, Äpfel und Brot. Eigentlich fast immer das gleiche. Obwohl Brot mal wieder nur süßes Weißbrot in Form von Brötchen sind. Essen gibt es bei uns in der Herberge. Wieder eine kirchliche auf Spendenbasis. Abendessen für alle um 19.00 Uhr. Ähnlich wie in Carrion de los Condes, nur dass hier niemand etwas einkaufen sollte. Wieder sind es 12 Betten im Raum die auch alle belegt sind. Es gibt noch einen weiteren Raum der auch mit 12 Betten ausgestattet ist und sich langsam füllt. Wir hatten heute Sonnenschein und über 20 Grad. Für morgen ist laut Wetterbericht sogar mit Schnee zu rechnen. Na mal schauen. Wir planen morgen bis Reliegos und übermorgen Leon. Die eintönige Meseta haben wir fast durchlaufen.

Das Abendessen war wieder ein Genuss. Was aus einfachen Mitteln für ein Menü gezaubert werden kann… WOW! Gang eins war eine Kürbissuppe die fast an die von Antje herankommt. Wie gesagt, fast. 🙂 Gang zwei war Pasta mit Paprika-Tomatensoße. Gang drei waren Toritos. Kein frittierter Grießbrei wie angenommen, sondern Weißbrot mit Milch, Zucker, Zimt und Vanille eingeweicht. In einem Ei geschwenkt und dann frittiert. SAULECKER! Und sehr simpel. Dazu Rioja Rotwein auf den 2 langen Tischen. Auf 2 Tische aufgeteilt kommt man ins quatschen und lernt sich kennen. Uns gegenüber sitzen zwei Iren, Breath und Walther. Neben den beiden die Hospitalera Jenny aus Brasilien. Andere Tischseite wir beide, Joau aus Portugal und noch zwei weitere Portugiesen. Es sind die üblichen Camino Gespräche: Woher? Wo gestartet? Wohin morgen? Das „dem anderen die Heimatstadt erklären“ ist aber immer witzig. Achso – vor dem Essen hörten wir plötzlich Musik von draußen. Eine Spanierin (dachten wir da noch, denn sie ist aus Italien) hat eine Gitarre und spielt. Daneben ein Pilger aus einer anderen Herberge mit einer Ukulele und er stimmt mit ein. Bis er die Runde der Zuhörer herumfragt woher man kommt. Für jede Nationalität hat er ein Lied samt Text auf Lager und spielt. Selbst ein japanisches Lied hat er drauf und der mitklatschende Asiate in der Runde freut sich wie ein Kind zu Weihnachten. Als deutsches Lied spielte er „Heute hier, morgen dort“. Er kannte den Text – wir nicht. Peinlich. Sehr coole Stimmung vor dem Haus. Viele vom heutigen Abend werden wir noch bis Santiago und sogar bis Muxia wiedersehen. Der Schnellläufer Opi und eine Gruppe Spanier (auch die sind aus Italien) kannten wir ja schon. Morgen früh gibt es noch ein Frühstück für jeden der will. Wie gesagt, alles auf Spendenbasis! Gruppenfeeling inklusive. Die Nacht war sehr kalt. Ich habe trotz einer zusätzlichen Decke gefroren.  Akustisch dafür eher still. Das Wecken war hier ein Konzert der unterschiedlichsten Wecktöne. Meistens dann so, dass der Nachbar des weckerklingelnden Schläfers den Schlafenden weckte, damit dieser seinen Wecker ausschalten konnte. Trotz Gehörschutz haben 2 Wecker endlos gedudelt. In einem Fall hat dann die Erwachte den Wecker ausgeschaltet und weitergeschlafen. Naja … Hauptsache die anderen sind wach. Das Frühstück war, typisch spanisch, ausschließlich süß.

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 7

Sonntag – 21. April 2019 – Ostersonntag

Es war warm und stickig. Geschlafen habe ich trotzdem wieder gut. Nach einer herzlichen Verabschiedung mit einer Umarmung starten wir 6.45 Uhr in Richtung Ledigos. Als erstes liegen heute die berühmten und gefürchteten 18 Kilometer ohne Wasserstelle und ohne Bar vor uns. Wir wollten in Carrion de los Condes noch in einer Bar frühstücken, doch dafür waren wir 20 Minuten zu früh dran. Zum Warten zu lang sind wir direkt gestartet. Wir haben Brot und Käse im Gepäck für ein Frühstück unterwegs. Der Weg aus der Stadt führt uns über den Rio Carrion und vorbei an einem imposanten Nonnenkloster. Das Kloster San Zoilo wäre unsere zweite Wahl für die Nacht gewesen. Egal! Wir haben alles richtig gemacht. Der Tagesabschnitt heute führt fast schnurgeradeaus. Den „gefürchteten“ Abschnitt, auf einem sehr gut befestigten Feldweg, vor uns, der sich aber sehr gut laufen lässt. Hinter uns geht die Sonne auf und es wird endlich wärmer. Dieses Stück ist im Sommer, bei über 30 Grad im Schatten, sicher brutaler. Ich fand ihn aber sehr angenehm! Nach etwa der Hälfte konnten wir langsam ein Wohnmobil in der Ferne erkennen. Als wir näher kamen, sah ich von Weiten eine Frau auf dem Weg tanzen. Als wir nah genug waren, konnte man ein niederländisches Nummernschild erkennen. Ein Hippiepärchen, knapp über 60, hatte Obst, Kaffee und Kekse auf Spendenbasis vor ihrem Wohnmobil aufgebaut. Die beiden sind über Südspanien und Portugal einmal um die Iberische Halbinsel gefahren und nun am Jakobsweg angekommen. Sie stehen da schon den vierten Tag und helfen so den Pilgern. Sie stehen genau an der Stelle, an der sie selbst, vor ein paar Jahren, die größten Probleme beim Laufen hatten. Wann und wie sie weiterziehen, wussten sie noch nicht. Ein schönes Leben! Sogar einen eigenen kleinen Stempel (Eine Tulpe!) hatten sich die beiden versorgt um den Pilgerausweis stempeln zu können. Etwa 3 Kilometer vor dem Ende der „Durststrecke“ machen wir am Wegesrand unsere Pause. Die letzten Kilometer bis Calzadilla de la Cueza liefen etwas schleppend. Das erste Haus ist auch gleich die erste Bar des Ortes. Vermutlich wird sich der Wirt hier nicht um Gäste sorgen müssen. Alle, so auch wir, setzen uns und es gibt endlich einen Milchkaffee und einen Orangensaft. Gestärkt und erholt waren die letzten 6-7 Kilometer entlang einer Straße angenehm zu gehen. Es war ein schöner Weg NEBEN der Straße. Eine Straße entlanglaufen kann echt hässlich sein. Aber das kommt später. In Ledigos haben wir in unserer ausgesuchten Albergue auch noch eins der drei Doppelzimmer bekommen. Für nur 10 Euro p.P. ja wohl ein Muss. Der Ortsrundgang war schnell erledigt. Ledigos mit nichtmal 70 Einwohnern und zum Ostersonntag … fast ausgestorben. Auch hier gibt es wieder eine Jakobskirche. Allerdings auch hier, wie auch schon gestern in Carrion de los Condes (Jakobskirche), verschlossen. Schade, denn gerade von dieser hier schwärmte unser Reiseführer besonders. Das Leitungswasser in Ledigos riecht mal wieder besonders stark nach Chlor. Da merkt man erstmal wie gut in Deutschland das Leitungswasser ist. Jedes Dorf am Camino hat für die Pilger einen Trinkwasserbrunnen. Da hat man ab und zu Glück. Aus der Leitung schmeckt alles nach Pool. Auch nach dem Duschen riecht es wie im Schwimmbad. J Bemerkenswert finde ich mittlerweile auch, dass man nicht mehr weiß was wann wo war. Ich weiß noch genau was ich hier oder dort gegessen habe. Wie die Kirche oder der Ort überhaupt aussah und wie der Weg war. Ich weiß aber nicht mehr wie der Ort der letzten Übernachtung hieß. Zum Glück geht es anderen auch genauso. Die Zeiten, die Tage, wann man wo war, spielen keine Rolle. Selbst wenn man mit anderen darüber spricht wohin sie morgen gehen, hört man oft „We will see.“ als Antwort. Wir haben einen groben Plan für die Tage – dieser ist aber kein Gesetz! Die Pizzabestellung am Abend war etwas … mucho complicado!  >>>

Im TV läuft ein spanisches Fußballspiel und der Herr, der den ganzen Tag hinter der Bar stand, steht jetzt mit davor und schaut das Spiel. „Por favor dos Cervesas y dos Pizza 4 Quesos.“ (Bitte 2 Bier und 2 Pizzen 4-Käsesorten) Er bringt uns die Biere und läuft los um kurz darauf mit einer Tiefkühlpizza zurück zu sein. Antje geht nochmal zu ihm und erklärt nochmal dass wir 2 Stück davon wollten. Er läuft wieder los und kommt nach zwei/drei Minuten mit einer zweiten Pizza aus seinem Lager. (Scheint wohl um die Ecke zu sein) Daraufhin geht er erneut ein drittes Mal lachend an uns vorbei und deutet an, er hätte die falsche Pizza erwischt. Er geht auch noch ein viertes Mal und kommt danach an unseren Tisch um uns zu erklären dass er nur noch eine 4 Queso hat. Okay – null Problemo. Er lacht – wir lachen – alles gut. Eine 4-Käse und eine „andere“. Das klappt dann letztlich perfekt. Die Übernachtung in Ledigos ist in 2 Herbergen möglich. Eine einfache und preiswerte und eine de Luxe Version. Wir haben die preiswertere gewählt und uns dort aber ein Doppelzimmer gegönnt. Ohne Ohropax und bei geöffnetem Fenster schlafen. Am Morgen das Licht einschalten können und ganz normal seinen Rucksack packen. … Und so war es dann auch. Die Nacht war kühl und die Betten hart ABER (!!!) Doppelzimmer!