Etappe 9: Meraner Hütte – Meran

Der letzte Tag unserer Alpenüberquerung zu Fuß führt uns nur noch hinab nach Meran. „Nur“ ist gut – es sind noch einmal fast 20 Kilometer und 5 Stunden Gehzeit. Wir starten bei 1960 m ü.NN und müssen runter auf 325 m über Null. Wehmut kommt auf, als wir zum Frühstück gehen.

Date Etappe 9

Die Rucksäcke stehen zum Aufbrechen bereit. H & P verabschieden wir nach dem Frühstück. Der Fernwanderweg E5 führt an der Meraner Hütte vorbei und geht hinab nach Bozen. Diesen Weg gehen H & P, um von Bozen aus mit dem Zug nach München zurück zu fahren. Wir verlassen die Hütte in die entgegengesetzte Richtung nach Meran. Auf uns wartet dort morgen früh ein Bus der uns nach Oberstdorf zurückbringt.
8.15 Uhr stehen wir vor der Meraner Hütte. Stolz auf das Geschaffte und traurig da wir den letzten Tagesabschnitt starten. Die Verabschiedung dauert etwas länger. Ein Wanderer, der uns angeboten hat uns zu fotografieren, bereut das Angebot schnell. 4 Personen die dieses Erinnerungsfoto gern hätten … das sind 4 Kameras und nochmal 4 Handys. 😀 Man sieht sich immer zweimal im Leben! :´-(

H, P, Antje und ich.

Eigentlich hätten Antje und ich es so einfach haben können. Die Bergstation des Meran 2000, eine supermoderne Bergbahn, ist nur 2 Kilometer von der Meraner Hütte entfernt. Wir sind in Oberstdorf zu Fuß gestartet, so wollen wir auch zu Fuß in Meran ankommen.

Zum ersten Mal müssen wir auf der Karte schauen wie wir ins Tal laufen könnten. Der Fernwanderweg E5 war durchgängig gleich ausgeschildert. Heute wechseln wir zwischen verschiedenen Wanderwegen um talwärts zu kommen. Der Weg führt uns entlang der Abfahrtspisten und der Schlepplifte, bis wir in den Wald kommen. Soweit ging es noch ganz entspannt abwärts. Wir kommen zum Schluss zur „Katzenleiter“ die noch einmal sehr steil wird. An deren Ende ist die Talstation der Meran 2000-Seilbahn auf 670 Meter ü.NN. Von hier aus ist das Stadtzentrum von Meran mit 1 Stunde ausgeschildert. Es wird mächtig heiß. Die Sonne brennt wieder und wir laufen entlang einer Straße. Vorbei an Apfelplantagen und sogar ein Pfirsich lässt sich stibitzen 😀
Das es heiß war, haben wir gespürt. Etwas erschrocken bin ich aber als wir an einem Thermometer vorbeikommen, was 38°C anzeigt. Entlang der Passerpromenade fallen wir mit unseren schweren Rucksäcken etwas auf. Der Großteil sind Einheimische und luftig gekleidete Flip-Flop-Touristen.
Es ist 13.00 Uhr. Wir wollen schnell zur Jugendherberge. Duschen, Pizza essen und einen Stadtrundgang machen. Wir sind heute schnell unterwegs gewesen. Klar, ging es ja fast nur bergab.

AM ZIEL IN MERAN!

Erfrischt und endlich auch in luftigen Klamotten geht es in die Stadt. Weit ist der Weg nicht. Die Jugendherberge ist nur 300/400 Meter vom Bahnhof entfernt. Da haben wir es morgen früh nicht weit. 😉 Eis, Pizza und etwas Sightseeing. Wir sind am Ziel!

Am nächsten Morgen stehen wir kurz vor 8 am Bahnhof. Der Bus, der E5 Wanderer zurück nach Oberstdorf fährt, ist schnell gefunden. Es ist ein Kleinbus und mit uns sind 12 .. 15 (?) E5ler auf dem Heimweg. Unser Fahrer ist ein Südtiroler der uns interessante Geschichten über seine Heimat berichtet. Wir fahren über den Reschenpass durchs Inntal und noch einmal vorbei an Zams. Mir blutet das Herz.
Das Allgäu und Oberstdorf empfängt uns so wie es uns verabschiedet hat. Es regnet. Der Bus hält nur 100 Meter von unserem Parkplatz entfernt. Wir haben doch gerade erst die Rucksäcke aus dem Kofferraum genommen und sind gestartet – und jetzt schon alles vorbei? Ich glaube je aufregender das Vorhaben, umso leerer die Zeit danach.

Wir sind einmal zu Fuß über die Alpen gegangen. Warum verbringt man seinen Urlaub so? Ich habe anfangs geschrieben, weil ich schon länger mal ein großes Stück Strecke zu Fuß zurücklegen wollte. Aber dafür über die Alpen? Den besagten TV Bericht, 2016, habe ich nur als einen Bericht gesehen. Ein Bericht über etwas völlig verrücktes, trotzdem ebenso spannendes. Damals standen derartige Vorhaben für mich nicht zur Debatte. Unvorstellbar. Nicht wegen der fehlenden Fitness oder Kondition, denn am Marathon war 2016 schon der Haken dran. Manche Urlaubsplanungen sind halt teilweise nicht denkbar. Trotzdem habe ich bei Freunden von diesem Bericht erzählt. „Das war spannend. Das war spektakulär. Das ist der Wahnsinn!“ Die Bedingungen haben sich seit 2016 geändert. Eine dieser Freunde, denen ich vorgeschwärmt habe, ist nun seit April meine Frau. Antje war es, die mich sofort daran erinnert hat, dass wir uns unsere Träume erfüllen wollen – wir uns gegenseitig zeigen wollen, wofür wir brennen. Nicht nachdenken! Machen! Und so war eine Alpenüberquerung das Vorhaben für unseren ersten, gemeinsam geplanten Urlaub. Antje hat den Stein ins Rollen gebracht und wenn ich auf 2019 vorausschaue, ist er nun nicht mehr zu stoppen. DANKE für das Erinnern an alte Träume! DANKE für das Wahrwerdenlassen! DANKE, dass ich dies mit dir erleben durfte und dass du bei mir bist! Wir haben viel Neues gesehen und erlebt. Nervenkitzel, Schmerzen, Freude und jetzt Stolz. So viele Erinnerungen die wir festhalten werden. Es war nicht nur landschaftlich sehenswert und es war auch mehr als nur eine Herausforderung an unsere Kondition. Es war ein Abenteuer wie wir es uns erträumt hatten! Wir fahren nach Hause um eigentlich schnell wieder das Nächste zu planen. Ich will nicht sagen, dass es die Sucht ist, etwas erleben zu wollen. Viel mehr das Gefühl von Freiheit! Frei von Tagesabläufen oder gesellschaftlichen Ordnungen zu sein. Das bzw. DIESES Leben ist ein ganz anderes Miteinander. Es hat nichts mit den Alpen oder den kennengelernten Leuten zu tun, trotzdem stell ich mir seitdem die Frage: Wozu sich für fremde Menschen mühen, wenn man von vornherein nur als Gegenstand gesehen wird. Ich hätte auf diesem Weg nichts getan, was ich nicht will. Wieso muss ich es dann zu Hause tun? Dieses Abenteuer ist beendet, dieser Weg ist gegangen und trotzdem – Fortsetzung folgt!