Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 23

Dienstag – 7. Mai 2019

Auch hier hat wieder jemand sehr früh begonnen, mit einer Stirnlampe zu packen. Die beiden etwas älteren Spanier (Paar) sowie wir beide sind danach auch mit aufgestanden. Was soll man sich wegen 30 – 40 Minuten nochmal mühen einzuschlafen. Es hat nicht mehr geregnet aber die Straße war nass. Nach 100 Metern kommt die einzige Bar des Ortes. Frühstück. Auf unserem Tagesplan stehen heute 23 Kilometer. Der KM-Stein vor unserer Albergue steht auf 28km. Wir wollen 5 km vor Santiago noch einmal übernachten. Auf dem Monte do Gozo, auf dem Berg der Freude. Die Pilger im Mittelalter vergaben den Namen, da man von hier oben zu ersten Mal die Kathedrale von Santiago sieht. Bis dahin ist es aber erstmal noch ein langer … ehm langweiliger Weg. Kurz nach unserer Frühstückspause trifft uns ein kurzer Schauer. Aus Angst um Kamera und Rucksack ziehe ich mir den Poncho über. Ansich war es schon beim Überwerfen überflüssig. Es ist kurz vor halb 8 als wir an einem alten Kornspeicher vorbeikommen, der mir ganz plötzlich sehr bekannt vorkommt. Ich trage seit einem Monat ein ausgedrucktes Bild von Hapes „Ich bin dann mal weg“ Buchcover mit mir herum. Ich hatte gehofft, genau diesen Ort zu finden, wo dieses Titelfoto entstanden ist. Dutzende Male habe ich das Bild schon herausgezogen und festgestellt dass irgendetwas nicht passt. Hier ist es auf einmal! Der Kornspeicher, das Haus dahinter, die Mauer und die Einfahrt. Hier hat er gestanden und dann sind Hunderttausende losgepilgert. Naja, ich ja auch. Obwohl ich ausdrücklich sagen will, dass ich nicht wegen Hape hier bin. Wenn ich überhaupt auf Spurensuche bin, dann nach denen von Marcus Poschlod. Viel mehr aber nach den Orten, die ich in Antjes Berichten gesehen hab. Dazu brauche ich auch kein ausgedrucktes Bild. Dafür habe ich den besten Guide direkt an meiner Seite.

Ein komisches Gefühl ist es dennoch. Genau dort zu stehen wo der Herr Kerkeling stand. Ja ich weiß, dies ist wie „jemanden kennt, der wen kennt, der wen kennt“. Ich meine vielmehr, dass dieser Ort millionenfach als Foto verkauft worden ist ohne dass er im Mittelpunkt stand. Viele haben das Buch selbst im Schrank stehen oder kennen das Cover. Dieses Bauernhaus, was lediglich als Kulisse diente, sieht man auf dem Einband und nimmt es doch nicht wahr. Da ich gezielt danach gesucht hatte, habe ich mir viele Details eingeprägt die das Erkennen leichter machen sollten. Wie als eine „Strafe“ ist die Zeit hier natürlich nicht stehengeblieben. Das bekannte Bild vom Cover und jetzt erkenne ich die großen Veränderungen der letzten 18 Jahren. Wie das wahre Leben. Wie eine zweite Wirklichkeit. Ja, dieser Vergleich ist gut! Wenn du nur das Titelfoto kennst und dieses Bild deine Wirklichkeit ist. Du dann plötzlich vor dem Original stehst, wo die Zeit selbstverständlich weitergegangen ist. Dieses Gefühl meine ich. Dieser kleine Schock. Ich bin jetzt hier und mir wird schlagartig bewusst „Nichts bleibt wie es war!“

Nach ein paar Kilometern holen wir uns an der Bar an der 18km Marke unseren ersten Stempel. Danach passieren wir den Flughafen von Santiago. Das klingt nach „gleich da“ aber der Flughafen liegt ein großes Stück vor Santiago. Danach kommt der Ortseingangsstein. Auch hier kann man nicht von „gleich da“ sprechen. Vor dem Stein haben sich auch schon Angela Merkel und der damalige spanische Ministerpräsident Rajoy fotografieren lassen. Am 24.08.2014 war sie einer Einladung Rajoys gefolgt und die beiden sind ein paar Kilometer des Jakobsweges gewandert. In Lavacolla sind wir schön platt und wir müssen uns eine Pause gönnen. Es geht nochmal ganz schön bergauf und bergab. Das habe ich so nicht erwartet. Nach Lavacolla fließen zwei Bäche zusammen. Hier haben sich die Pilger im Mittelalter noch einmal gründlich gewaschen bevor sie die Stadt erreichten. Ein paar tun dies symbolisch auch heute noch. An den Ufern sieht man Stellen um einfacher in das Wasser zu kommen. Viele nehmen diesen Ort hier gar nicht wahr. An sich ist es eine schöne Tradition die ich bei wärmerem Wetter gern mitgenommen hätte. So muss es eine kurze Katzenwäsche (Hände & Gesicht) auch tun. Die letzten Kilometer ziehen sich. Vorbei an der Fernsehstation des galicischen Fernsehens. Dann folgt der Campingplatz von Santiago der schon zum Vorort San Marcos gehört. Noch 1-2-3 90 Grad Kurven und dann sehen wir das Denkmal auf dem Monte do Gozo. Papst Johannes Paul der 2. ist den Jakobsweg 1982 gepilgert und hat für das Wiederaufleben des Pilgerns geworben. Eine riesige Herberge liegt hier am Hang. In mehreren Häusern stehen hier 3000 Betten zur Verfügung. Daneben ist ein polnisches Pilgerzentrum was nach dem Besuch des Papstes hier errichtet wurde. Hier gibt es nochmal 70 Betten in 2 Schlafsälen und dazu noch 26 Doppelzimmer. Und darauf haben wir es abgesehen! Ein polnischer Opa führt uns zum Zimmer. Er bemerkt, dass wir Deutsche sind und erklärt uns, dass sein Bruder im Ruhrgebiet gelebt hat. Auf Polnisch. Ich staune wiedermal, wie leicht es sein kann sich zu verständigen. Auch wenn man die Sprache nicht kann. Das Pilgermenü war reichlich. Auch die Nacht war gut, trotz der Aufregung vor dem kommenden Tag. Es war eine regnerische und stürmische Nacht mit Böen bis 90 km/h (laut Wetterapp). Am Morgen war der Spuk vorbei und auf dem Niederschlagsradar auch kein Regen mehr in Sicht.

Hapes Coverfoto aus dem Jahr 2001

Rajoy und Angela Merkel im Jahr 2014

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 22

Montag – 6. Mai 2019

Am Morgen sind wir so zeitig wach wie noch nie. Um 5.00 Uhr beginnt eine Gruppe Franzosen den Schlafraum zu verlassen. Alle der ca 10 Personen (um die 60 Jahre) tun dies natürlich einzeln und begrüßen sich draußen, auf dem Gang, als hätten sie sich ein halbes Leben lang nicht gesehen. Die Tür wird auch nicht mehr geschlossen. Es kann ja gern jeder hören was sie für eine lustige, lachende Gruppe sind. So viel Unhöflichkeit und Unachtsamkeit auf einen Haufen. Da sagt man immer „die Jugend“ kann sich nicht benehmen. Ne – wenn wir die nochmal in einer Herberge treffen, gehen wir lieber weiter. Da sind mir die dauerfeiernden Spanier (die eigentlich aus Italien sind) 1000 Mal lieber als diese Franzosen from Hell. Wir stehen also 5.30 Uhr mit auf, machen uns fertig und frühstücken. Gestartet sind wir 6.30 Uhr. Nicht als die Ersten, denn der halbe – nein der ganze Schlafraum war durch die französischen Tyrannen mit wach. Diese sitzen bei unserem Start immernoch barfuß im Aufenthaltsraum und machen Lärm.

Zeitiger als sonst. Natürlich auch dunkler als sonst, haben wir erstmal Mühe die gelben Pfeile zu finden die uns den Weg weisen. Der Camino geht so weiter wie er gestern aufgehört hat. Optisch sind wir in einem deutschen Mittelgebirge. Eben die Eukalyptusbäume passen nicht ins Bild. Ab und zu sehen wir mittlerweile auch Feigenbäume. Selbst ein Kiwibaum und Zitronen haben wir schon gesehen. Große weiße Callas wachsen wie Unkraut im Straßengraben. In Arzua machen wir einen größeren Einkauf. Sowas wie gestern Abend soll uns heute nicht nochmal passieren. Der Tag heute scheint auch nicht enden zu wollen. Bars oder Rastplätze sind sehr rar in Galicien. Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es ist hier im Hochsommer laufen zu müssen. Wir laufen und laufen und laufen und … plötzlich taucht ein Biergarten auf! Man bekommt sein Bier in einer Flasche und einen Wasserfesten Stift dazu. Wenn diese leer getrunken ist kann man diese nach Belieben verzieren. Diese Flaschen werden dann im Gelände auf Sprossen gesteckt, so dass jeder Pilger seinen persönlichen Gruß hinterlassen kann. Ich bin ein schlechter Schätzer aber 1000 Flaschen sind hier mindestens schon verteilt. Genial und außergewöhnlich! Wenn man nach den Kilometersteinen geht, sind wir heute 30 Kilometer gelaufen. Das würde auch zum nicht enden wollenden Tag passen, auch wenn der Reiseführer nur 25 km nach A Salceda angesagt hat. Poschie (Markus Poschlod) hat in seinem Hörbuch eine coole Bar in A Salceda erwähnt, wo man mit einem Stift, Grüße oder Gedanken an der Wand hinterlassen kann. Dementsprechend verrückt hätte es da drin auch ausgesehen. Über Google hatte ich die „Casa Verde“ vor unserer Reise gefunden und mir die Adresse notiert. Nun der „Schock“ – die Casa Verde hatte geschlossen und ein neuer Besitzer hat die Wände alle überstrichen. Poschies Gruß ist verschwunden. Unsere Albergue hier ist mit nur 10 Betten klein aber fein. Eine neue Gruppenbelärmung wie letzte Nacht wird es hier nicht geben. Wieder keine Deutschen. Diese Hoffnung habe ich schon länger aufgegeben. Gerhard ist dafür mit hier. Wir haben kurz unseren Tag und die nächste Etappe besprochen und ein Bier zusammen getrunken. Auf den letzten Kilometern hier her hat jemand die Müllkübel (ca alle 600 Meter) beschriftet. Auf der ersten Tonne stand: „Imagine all the people. Living life in peace.” Auf der Tonne Nummer zwei: “Yo oo oo ou, you may say I’m a dreamer.” Auf der Nächsten: “But I’m not the only one” Du ahnst es – auf nummer vier: „I hope someday you will join us” Und letztlich: “And the world will be as one!” Der Text von John Lennon, der zu jeder Zeit aktuell zu sein scheint, verteilt auf mehrere Kilometer. Man erwartet die nächste Zeile und hat die Zeit zum Nachdenken, „Living life in peace“ das ist alles! So einfach! Fast alle kennen den Text. Viele vergessen es aber tagtäglich.

Am Abend kommen wir in unser 10 Bett Zimmer und es riecht abartig! Ja, es stinkt als wäre hier drin ein Tier gestorben. …vor Wochen! Es riecht so sehr nach Fuß und Schweiß, dass wir Angst haben unsere Sachen könnten den Geruch annehmen. Beißend aggressiv wie fauliges Fleisch und Essig. In unserem Ausschlussverfahren sind wir dem Verursacher fast auf die Schliche gekommen. Spekulieren darf jeder selbst. 🙂 🙂

Bekannter (noch nie gerochen) Geduscht Wäsche gewaschen
Antje X X X
Ronny X X X
Gerhard X
Spanier Mann X X
Spanier Frau X X
Asiate X
Amerikaner X X
Junge Frau X
einzelner Spanier
unbekannte Frau Kam erst sehr spät.

Der coolste Biergarten am Camino!

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 21

Sonntag – 5. Mai 2019

Es war eine ruhige und erholsame Nacht bei offenem (!!!) Fenster! Wir starten wie immer pünktlich Richtung Palas de Rei. Abgesehen von den alten Brücken und Kirchen ist der Weg heute recht unspektakulär. In der Stadt geht auch unser Plan mit einem Stempel aus der Kirche und einem Frühstück auf. Dann führt uns der Camino weiter durch kleine Dörfer die unseren kleinen Dörfern zu Hause ähneln. Bis auf die Eukalyptuswälder ab und an, könnte man glauben in Deutschland unterwegs zu sein. Außergewöhnlich sind auch immer wieder die Hórreos. Am Rande des Camino fallen uns jetzt immer wieder Kornspeicher auf. In Galicien werden diese, oft mit Kreuzen versehenen Gebäude, traditionell für die Lagerung von Getreide und Mais genutzt. Charakteristisch für die Kornspeicher ist die frei stehende Lage und der Unterbau mit steinernen Pfeilern. Auch wenn heute nur noch wenige Kornspeicher als solche genutzt werden, bleiben sie doch erhalten. So erfreue ich mich an den Bauten die von Ort zu Ort immer wieder anders aussehen und dadurch auch immer sehenswert sind. Wir sind heute ein wenig fauler als sonst, deswegen machen wir bei jeder Gelegenheit Pause. Selbst am Ortseingang von Melide kommt nochmal eine Pause dazu. Unterwegs haben wir den Chanel Pilger wiedergetroffen als wir eine Kaffeepause machten. Diesmal ist kein Auto aufs Dach gefallen. Dann haben wir bei einer weiteren Bierpause unsere Schnabbel wiedergetroffen. Ganz plötzlich saßen sie im selben Biergarten. „Mariaaah?! Gehen wir uns noch einen Stempel holen???“ In Melide war Markttag. Endlich mal eine Stadt wo was los ist! Wir haben auch sofort den Pulpo probiert. Ein gekochter Krake der kleingeschnitten serviert wird. Ohne Schnickschnack – nur mit Öl, Salz und Paprika. Von der Konsistenz her wie Schrimps. Geschmacklich zwischen Kochfisch und Brathähnchen. Optisch etwas ungewöhnlich aber nicht schlecht! Unsere Albergue ist wieder eine öffentliche, galicische wie auch schon die letzten beiden Nächte. Heute nur etwas größer da sie mitten in der Stadt ist. Wir kommen heute etwas spät an und somit bleibt uns nicht viel Auswahl beim Wählen unseres Bettes. Uns bleiben nur noch zwei Betten in der hintersten Ecke des Zimmers. Naja – nützt ja nix. Bei unserem Stadtrundgang, etwa 60 Minuten nach unserem Ankommen, ist auch Melide wie ausgekehrt. Langsam bin ich etwas gernervt davon. Klar, es ist Siesta. Allerdings ist diese gleich vorbei und es war auch vor einer Stunde schon Siesta! Hunderte Menschen waren in den Gassen auf den Beinen. Die Straßen waren verstopft mit Autos und LKW. Wo vor etwa 60 Minuten noch Markthändler ihre Stände hatten, ist jetzt nur noch zurückgelassener Müll und keine Menschenseele mehr! Schade, da hatte ich mich wohl zu früh gefreut. Zum Glück haben wir noch eine Flasche Rotwein im Rucksack. Diese gönnen wir uns nach der Rückkehr in unsere Herberge. Einen Apfel als Abendessen und nach der Flasche Wein sind wir reichlich bettschwer.

Pulpo in Melide

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 20

Samstag – 4. Mai 2019

Im Zimmer ist schon sehr früh Unruhe. Toilettengänge. Ein Spanier, der den gesamten Inhalt seines Rucksacks mit dem Handylicht durchsucht. Die meiste Unruhe verbreitet aber eine junge Asiatin. Sie liegt im Stockbett gegenüber neben mir. Nachts sehe ich sie mehrmals im Bett sitzend mit ihrem Handy. Zwischen 5.00 – 5.30 Uhr beginnt sie damit ihre Wäsche vom Vortag zu sammeln und verlässt das Zimmer. (Vermutlich um die Waschmaschine zu befüllen) Sie kommt zurück und spielt weiter an ihrem Handy. Später verschwindet sie erst im Bad, kommt zurück und verlässt wieder den Schlafraum. Vermutlich war die Waschmaschine fertig und sie hat alles in den Trockner umgeladen. Zurück im Zimmer beginnt sie auf dem Bett sitzend ihren Schlafsack einzurollen. Jetzt verlässt der im Rucksack suchende Spanier, mit all seinen Sachen, den Schlafraum. Wir liegen direkt neben der Tür und schauen uns genervt an und tun das gleiche. Mit schlafen wird das hier eh nix mehr. Bis zu unserem Wecker wäre noch eine dreiviertel Stunde gewesen. Was solls, da können wir auch gleich starten. Als wir uns im Aufenthaltsraum fertig machen, kommt die Asiatin erneut und räumt den Wäschetrockner leer. Also okay, sie kam sehr spät hier an. ICH hätte an ihrer Stelle aber lieber um 20.00 Uhr noch schnell gewaschen als hier ALLE wach zu machen! Gleiches gilt für den Spanier. WENN ich mir schon jedes Kleidungsstück einzeln in eine Folietüte wickeln muss, suche ich mir aber am ABEND noch zusammen was ich für den nächsten Tag brauche. Sind die alle in Sarria gestartet oder wo kommen plötzlich solche Pilger her? Ja – ich bin genervt.

Wir starten also etwas früher als üblich. Frühstück wird es erst 1 – 2 Orte weiter geben. Die spanischen Bars öffnen zeitig – soo zeitig aber nun auch nicht. Nach 800 Metern sind wir am 100 Kilometer Stein. Zeitiges Kommen sichert gute Plätze. 😉 Wir müssen nicht anstehen für das Foto mit dem Stein. Weiter geht’s und es wird nebliger. Nach einer reichlichen Stunde gibt es dann Frühstück. Bis Portomarin ist es nicht mehr weit. Portomarin ist eine „umgezogene“ Stadt. Ursprünglich lag sie etwa 200 – 300 Meter tiefer. Bei der Anlage des Belesar-Stausees 1956 wurde der Ort weiter oben am Hang neu errichtet. Die Staumauer des Sees ist 40 Kilometer entfernt und trotzdem wurde der Ort überflutet. Die Kirche, die das heutige Stadtzentrum markiert, wurde Stein für Stein abgetragen und hier wieder aufgebaut. Man sieht an den einzelnen Steinblöcken sogar noch die Nummerierungen. Abgesehen von den Touristenpilgern die gerade aus ihren Hotels strömen, ist aber auch Portomarin wie ausgekehrt. Kein Markt oder Bäcker hat offen. Nix vom touristischen Trubel zu spüren. Im letzten Jahr war der Wasserstand der Talsperre so weit gesunken, dass die alte Brücke und weitere alte Gebäude von Portomarin zum Vorschein kamen. Ein gruseliges Bild was ich im Internet gesehen hatte und jetzt im Kopf habe als wir über die neue Brücke laufen. Das ruhige schwarze Wasser unter uns und das Wissen, dass etwa 20 Meter unter der Wasseroberfläche noch eine Brücke ist. Uhhhnheimlich!!!

Wir verlassen die Stadt ohne größeren Stop. Nach dem Ortsausgang geht es von 380 Metern über NN wieder hoch auf reichlich 700. Auf dieser Strecke werden unsere Nerven schon wieder auf die Probe gestellt. Gefühlte 100 Touristenpilger laufen vor uns. Wir sehen so gut wie keine anderen Pilger mehr. Das ‚Buen Camino‘ wird, wenn überhaupt, nur noch halbherzig hingeschmettert. Gern auch mal eine halbe Minute später, weil man ja erstmal sein Gespräch weiter führen will. Na wenn das so weiter geht …

Vermutlich ist schon mehreren hier der Kragen geplatzt. Viele zynische Kommentare am Wegesrand die uns etwas aufheitern. „Buen Camino Tourigrino!“ oder „Jesus dont use Jacotrans“. Gut war auch: „Where is your Backpack Tourigrino?” 🙂 Es kam auch heute den ganzen Tag über kein Trinkwasserbrunnen am Weg. In die erste Bar, 8 Km nach Portomarin, sind natürlich dann fast alle eingefallen. Die Spanier (aus Italien) saßen auch schon. Endlich bekannte Gesichter und große Rucksäcke. Für uns gab es ein Bocadillo (belegtes Brötchen) und einen Cafe con Leche. Nach weiteren 4 Kilometern sind wir schon an unserem geplanten Ziel. …kurz nach 12.00 Uhr. Wir motivieren uns mit einem Bier und gehen weiter. Bis Palas del Rei ist es definitiv zu weit. 7 Kilometer bis Eirexe sind aber noch drin. Dort kommen wir 14.30 Uhr an. Öffentliche galicische Herberge mit einer Bar gegenüber – Passt!

Noch 100 Kilometer bis Santiago

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 19

Freitag – 3. Mai 2019

Die Nacht war kühl aber ich habe nicht gefroren. Voll eingekleidet im Schlafsack. Ja, ich lerne. 🙂 Wir sind die Ersten die unsere Herberge im Kloster verlassen. Vor Sonnenaufgang ist es wieder kalt. Aber seit gestern habe ich Handschuhe! Antje hat in Fonfria, in der Lost & Found Kiste, Handschuhe für mich gefunden. Der erste Tagesabschnitt heute führt von Samos nach Sarria. Dort treffen wir nach 11 Kilometern wieder auf den Camino Frances, den wir gestern in Triacastela verlassen haben. Torben und Gerhard sind mit Sicherheit schon durch. Ansich soll Sarria ja sehr touristisch sein. Viel habe ich davon aber nicht bemerkt. Wir sind kurz vor 10 Uhr in der Stadt und fast alles hat geschlossen. Na wer weiß. Auf einem Straßenschild hat jemand geschrieben: „Never start your Camino at Sarria!“ Ich muss lachen. Auf den nächsten Kilometern hinter Sarria können wir sie dann selbst sehen. Touristenpilger die erst hier starten und deren Gepäck schon im nächsten Hotel wartet. Unübersehbar mit ihren kleinen Stoffbeutelrucksäcken. Das schwerste Gepäckstück ist die Trinkflasche. Auf 10 Leichtgewichtpilger kommt ein „richtiger“. Zum Teil sind wir mit unseren Trekkingrucksäcken trotzdem noch schneller. In der Iglesia de San Salvador werden wir nochmals ausdrücklich auf die 2 Stempel Regel hingewiesen. Die Kilometer hinter Sarria gefallen mir Landschaftlich bisher am besten. Alte Hohlwege oder Waldwege die mit Natursteinen eingefasst sind. Wie lange es gedauert hat diese langen Mauern aufzustapeln. Wow! Zum Teil laufen wir hier sogar noch auf den alten Römerstraßen. Seit 1000 Jahren gehen die Jakobspilger hier über diese Steine, auf diesem Weg durch Galicien. Wenn diese Steine sprechen könnten … Am Wegesrand stehen bis zu 800 Jahre alte Bäume. Was diese Bäume schon gesehen haben obwohl sie immer nur am gleichen Platz stehen. So viele Pilger, die vor 1000 Jahren aus ganz anderen Gründen wie wir nach Santiago aufgebrochen sind und Jahre unterwegs gewesen sind. Beim Grab des Apostels, oder am Ende der Welt angekommen, konnten sie sich nicht in ein Flugzeug setzen und nach Hause fliegen. Der Heimweg führte über dieselben beschwerlichen Straßen zurück in die Heimat. Soviel Geschichte und so viele Geschichten sind hier regelrecht greifbar. Die Landschaft ist leicht hügelig. Vorwiegend – nein fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt. Schafe, Ziegen und Rinder. Ohne die alten Mauern und Bäume könnte man meinen, man sei im Bayrischen Wald unterwegs. Unser Tagesziel Ferreiros erreichen wir exakt 14.00 Uhr. Punktlandung! Bars und Geschäfte waren seit Sarria spärlich gesät. Selbst Trinkwasserbrunnen habe ich keinen gefunden. Meine Trinkflaschen habe ich mir an den Wäschebecken einer Herberge füllen müssen. In Ferreiros mache ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer offiziellen galicischen Einheitsherberge. Sie sind recht schick. Sie haben viel Ähnlichkeiten mit den modernen Jugendherbergen bei uns in Deutschland. Sehr gut ausgestattet mit Waschmaschine und Trockner. (Handwäschebecken natürlich auch) Im Vergleich zur letzten Nacht in Samos fast ein wenig Luxus. Eine Top Küche ist in jeder Herberge, aber NULL Geschirr! Kein Teller, Topf und nichtmal ein Löffel. Der Ort Ferreiros ist recht klein. 1-2 Bauern, eine Kirche, 2 Bars und 2 Herbergen. Mehr gab es beim Ortsrundgang nicht zu entdecken. Oh halt … relativ große, grüne Eidechsen. Hoffentlich schaffe ich es, die nochmal auf ein Foto zu bekommen. Auf ein Foto bekommen würde ich auch gern mal noch die Gruppe Spanier (Italiener) die wir schon länger kennen. Beim Abendessen kam auch Gerhard mit dazu. Wir hatten ihn heute tagsüber schon einmal getroffen. Ein schönes Gespräch in der Bar über die nächsten Tage und Etappen. Schön zu sehen, dass ich mit meinem Schulenglisch so gut mit einem Engländer plaudern kann, und wir sogar gemeinsam über Witze lachen. (Danke Herr Kunz! 🙂 ) Morgen passieren wir auf den ersten Metern den magischen 100 KM Stein. Freudig und stolz aus das Geschaffte, traurig über das nahende Ende durch das Starten des Countdowns. Seit wir in Galicien sind, wird die Distanz nach Santiago auf jeder Wegmarke mit angezeigt. Meine Erkältung ist so gut wie überstanden. Beim Abendessen mit Gerhard ist uns wieder klar geworden, dass in Spanien eine Flasche Wasser wertlich das gleiche ist, wie eine Flasche Wein. Zum Pilgermenü ist immer dieselbe Frage. Wasser oder Wein? Egal ob wir 1 Liter Wasser oder 1 Liter Wein bekommen – der Preis ist der gleiche. Einheimische trinken ihre Flasche nichtmal leer. Salute!

Touristenpilger mit kleinem Gepäck

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 18

Donnerstag – 2. Mai 2019

Heute wird ein kurzer Tag. Wir gehen von Fonfria nach Samos. Die ersten 5 Kilometer des Tages laufen wir zusammen mit Torben. Über das Kloster Samos ist eine alternative Strecke und nicht der direkte Weg nach Santiago. Beide Wege sind mit der Muschel und mit gelben Pfeilen markiert. Torben will den direkten Weg nehmen und wir die längere Route über Samos. Antje und ich nehmen die erste Bar zum Frühstück, unser Begleiter will erstmal schnell vorankommen und so verabschieden wir uns auf hoffentlich später. Das weiß man ja nie auf dem Jakobsweg. Jeder Abschied könnte für immer sein – oder nur für ein paar Minuten. Torben haben wir leider nie wieder gesehen. In Triacastela haben wir uns einen Leimstift gekauft. 😅 In unseren Pilgerausweisen sind keine weißen Seiten mehr für Stempel. Jeden Tag muss mindestens ein Stempel in die Credential kommen um nachzuweisen, dass man auch tatsächlich die ganze Strecke unterwegs war. Sonst könnte man ja vom Startort aus mit dem Bus nach Santiago und sich die Compostela ausstellen lassen. Ab Sarria morgen müssen es sogar 2 Stempel am Tag sein. Sarria ist der letzte große Ort bevor die letzten 100 Kilometer beginnen. Hier zu starten ist die letzte Möglichkeit die Pilgerurkunde zu bekommen. Da die Touristenpilger, die nur die letzten 100 Kilometer zu Fuß gehen, meist mit dem Bus in Hotels gebracht werden, wurde die 2-Stempel Regel eingeführt. Ich hätte einfach die Distanz auf mindestens 250 Kilometer erhöht. Ich würde auch alle Rucksacktransporte für gesunde Pilger verbieten. Diese Transporte werden reichlich genutzt. So buhlen in jeder Albergue die verschiedenen Anbieter um Kunden. Die ausliegenden Umschläge werden mit der nächsten Wunschherberge und den eigenen Daten beschriftet, mit 5 Euro gefüllt und am Rucksack angebracht. Schon kann man frei von jeder Last losspazieren wie ein junges Reh. In Triacastela besorgen wir uns also Leim um ein paar neue, weiße Seiten einzukleben. Zwar kann man auch einen zweiten Ausweis nachkaufen aber wir hätten lieber alle Stempel in einem. Die Jakobskirche in Triacastela ist offen! Dass es sogar in der Kirche einen Stempel gibt, ist mir die Erwähnung wert. Am Ortsausgang folgen wir den Ausschilderungen Richtung Samos. Erst ein paar Kilometer entlang einer Straße, dann durch herrlich grüne Wälder und Wiesen. Die Landschaft hat sich verändert und auch die kleinen Ortschaften sehen anders aus. Das Kloster Samos ist schon zur Mittagszeit erreicht. Wir entspannen in der Sonne und schreiben Tagebuch nach. Man vergisst sehr schnell. Orte gehen vergessen wenn ich nicht alles aufschreibe. Ich weiß immer welche Orte wir heute durchlaufen haben, wo wir vor 2 Tagen geschlafen haben ist dagegen wie ausradiert. Erst beim Nachlesen wird es wieder klar. Unsere Albergue im Kloster Samos ist einfach. Sie ist eine „Donativo“, also auf Spendenbasis. Hinter den dicken Mauern ist es recht kalt. Eine Küche zum kochen gibt es keine. Da das Wetter aber wieder schön sommerlich ist, haben wir im angrenzenden Park unsere Einkäufe aus dem Supermarkt verspeist. Hier im Park direkt vor uns steht eine kleine Kapelle aus dem 9. Jahrhundert. Daneben steht eine spektakuläre Zypresse, die der Kapelle ihren Namen gab und deren Höhe überraschend ist. Es wird gesagt, dass sie ungefähr 1000 Jahre alt sein soll. Der Guide aus der Kapelle ist nämlich auch unser Hospitalero den wir nur durch Zufall hier gefunden haben. 19.30 Uhr waren wir noch zur Pilgermesse im Kloster. Die Messe wurde von 5 Mönchen gehalten. Jeder durfte einmal ans Mikro. Wir waren 12 Pilger, darunter auch das Bonner Geschwisterpaar. Gestern Abend Pilger Party – heute Pilger Messe.

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 17

Mittwoch – 1. Mai 2019

Gute Nacht = gut erholt. Wie es aussieht wird es heute wieder heiß. Wir starten wieder vor dem Sonnenaufgang in Ambasmestas. Fürs Frühstück ausgesucht hatten wir uns Vega de Valcarce nach nur 2 Kilometern. Eine Paneteria (Bäckerei) war schon offen und sah sehr einladend aus. Der Bäcker grüßte aus der Backstube und kurz darauf stand seine Frau im Laden. Habe ich schon geschrieben dass der Cafe con Leche in Spanien exzellent ist? 🙂 Ja? Nein? 🙂 Ist er! Ich muss wirklich aufpassen, dass ich mir das nicht angewöhne. Dazu hatten wir 1x Tarta de Queso (Käsekuchen) und 1x Tarta de …hm … einen leckeren Kuchen der nach Karamell schmeckt. Allerfeinste Sahne! Saulecker! Danach geht es Richtung O Cebreiro, wo die älteste Kirche am Jakobsweg auf uns wartet. 5 Kilometer waren noch flach, dann ging es bergauf. Im letzten Dorf vor dem Berg war am Wegesrand ein Baum mit tausenden kleinen Papierröllchen an den Zweigen. Nanu?! Als wir näher kommen steht unter dem Baum ein Tisch mit Stiften und Zetteln. Man sollte seine Wünsche niederschreiben und mit am Wunschbaum aufhängen. Die Sonne stieg höher und nachdem auch wir die ersten Höhenmeter machen, musste ich mich meiner Hosenbeine und der Jacke entledigen. Sonnencreme natürlich noch drauf und weiter. La Faba ist noch nicht ganz der halbe Weg zum Gipfel aber eine coole Bar mit Smoothies und frisch gepressten Orangensaft war zu einladend um weiter zu gehen. Auf den nächsten Kilometern sahen wir, dass wir den Gipfel …nicht sahen. Nebel! Als Antje vor 10 Jahren hier war, ist es wohl ganz genauso gewesen. Ihre Fotos von hier sind alle im Nebel aufgenommen. In Laguna de Castilla sehen wir einen sehr noblen Pilger mit weißem Hemd, als würde er in der Bank arbeiten, und eingehüllt in eine undurchdringliche Parfümwolke. Er bekommt später den Spitznamen Chanel Pilger oder Unglückspilger. Unglückspilger weil er in diesem Moment, als wir ihn überholen, ein Taxi anhält und mit dem Fahrer spricht. Wir sind keine 30 Meter an denen vorbei, hören wir ein ungutes knallen und scheppern. Die Geräusche eines Autounfalls hört man selten (zum Glück) weiß aber sofort, dass es Klänge eines Unfalls sind. Wir drehen uns um und plötzlich liegt an der Stelle an der eben noch das Taxi stand ein anderer  PKW auf dem Dach. Einer dieser Momente wo man seinen Augen nicht traut. Eine Straße, die gerade so breit ist das ein Auto fahren kann. Selbst ein aneinander Vorbeifahren wäre hier nicht möglich gewesen. Wo der wirklich herkam können wir nur vermuten. >>Der Chanel Pilger stoppt das Taxi und fragt nach irgendwas. Ein PKW kommt entgegen und sieht die versperrte Straße. Aus Eile versucht er über den Hang um das Taxi herumzufahren was damit endet dass der Hang zu steil wird und der PKW eine Rolle zur Seite macht.<< Wir eilen mit hin. Der Chanel Pilger spricht mit dem Fahrer der zwar scheinbar unverletzt, aber trotzdem eingesperrt scheint. Die Beifahrertür lässt sich nur mit Gewalt öffnen. Der betagte Fahrer ist zu eingeklemmt um nach draußen zu kriechen. Der Chanel Pilger zieht und ich versuche den Fahrer von der Hintertür aus zu schieben. Das gelingt und die Spanier kümmern sich. Im Gehen gibt mir jemand zu verstehen, dass der Motor noch läuft. Ich will den Motor also noch abstellen doch mittlerweile sind so viele Helfer um das Auto, dass man nicht mehr ran kommt. Der Motor geht auch gerade aus. „Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gekriegt.“ Hätte der Chanel Pilger das Taxi nicht angehalten, wäre der ältere Herr nicht auf dem Dach gelandet. Unglückspilger ist nun wohl verständlich was?!

Kurz hinter Laguna de Castilla war es dann aus. Zu kalt für Kurzarm. Das war aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Noch vor Cebreiro war der Nebel so dicht, dass es begann von den Bäumen zu tropfen. Ein riesiger Wegstein zeigt uns an, dass wir Galicien erreicht haben. Eine autonome Gemeinschaft die aus einer Gruppe keltisch beeinflusster Völker entstand. Und tatsächlich sehen die galicischen Dörfer ganz anders aus als die spanischen bis jetzt. Ich habe mir mittlerweile meine Windjacke wieder übergezogen. Schonmal 5 Kilometer vorgegriffen habe ich dann auch meine Hosenbeine wieder verlängert und meinen Kopf eingepackt wie im Winter. Von 25 Grad und Sonne zu 7 Grad und Winter. Unfassbar. Aber nochman kurz zu O Cebreiro. Der keltische Ort ist sehr touristisch. In der ältesten Kirche am Camino wird der Heilige Grahl von Galicien aufbewahrt. Es soll im 13. Jahrhundert ein frommer Bauer trotz Sturm den Berg hinauf gekommen sein zur heiligen Messe, die ein an Gott zweifelnder Mönch zelebriert. Er macht sich insgeheim lustig über den Bauern. Während der Messe wandelt sich jedoch tatsächlich Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi. In der Kirche kann man den Kelch mit dem eingetrockneten Blut und den Hostienteller mit dem Fleich (das bisschen was halt noch übrig ist) besichtigen. Das „Wunder von O Cebreiro“ ist ein durch die katholische Kirche offiziell anerkanntes Hostienwunder. Der Ort selbst macht auch einiges her. Wäre das Wetter besser gewesen, hätten wir ihn sicher noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Bis zum Alto de San Roque geht es weiter durch den Nebel. Die Pilgerstatue, die den höchsten Punkt markiert, taucht wie aus dem Nichts vor uns auf. Sichtweite unter 100 Meter würde bei uns im Verkehrsfunk gemeldet werden. Kurze Zeit später erreichen wir den Alto di Pojo. Ansich wollten wir hier übernachten. Bei Tortillas und Bier beschließen wir noch einen Ort weiter zu gehen. Morgen verlassen wir die Nebelsuppe und sind dann eben etwas zeitiger in Samos. Bei sommerlichen Temperaturen. J So unser Plan. Die Albergue in Fonfria ist neu und sehr modern. Ein Holzbau mit großem Relaxbereich und vielen bequemen Sofas. Wir haben uns etwas spät(er), nach dem Check in, überlegt doch noch am Pilgermenü teilzunehmen. Ich bin zur Anmeldung mit „Por favor dos Personas para 19.00 Uhr Dinner.“ Daraufhin bekam ich 2 Essenmarken rübergeschoben. Ich habe mir noch den Weg erklären lassen, denn das Dinner war in einem Nachbargebäude. Geld wollte er keins. Nanu?? Vielleicht am Abend. Kurz vor 19.00 Uhr kommen wir zu dem runden Holzbau. Eine kleine Bar am Eingang und fast mittig ein Kamin. Die Chefin kommt tanzend aus der Küche, fordert uns auf mitzutanzen aber bittet uns dann doch, am Tisch Platz zunehmen. Eine lange Tafel für über 40 Personen gedeckt. Kommen echt so viele zum Essen? Mir gegenüber sitzt Torben aus Deutschland. Neben ihm (von mir gesehen rechts) sitzt John aus England. Er war schon letzte Nacht mit in Ambasmestas und er hat uns heute wiedererkannt. Von mir aus gesehen links neben Torben sitzt das Bonner Geschwisterpaar. Links neben mir Antje. Neben ihr Gustav aus Schweden und dann Gerhard aus England, den wir nun schon länger kennen. Das ist so die Gesprächsrunde die sich bildet. Die Vorspeise war ein galicischer Gemüseeintopf. Als wir die große Schüssel vor uns geleert haben, kommt prompt ein neuer Topf auf den Tisch. Bei der Hauptspeise lesen Antje und Torben aus unserem Reiseführer vor, dass hier ab 10 interessierten Personen nach dem Essen eine Queimada kostenlos geboten wird. Eine Queimada ist ein Brauch um ein alkoholisches Heißgetränk der galicischen Küche. Dem Ritual werden heilende Kräfte und der Schutz vor bösen Geistern zugeschrieben. Als Nachtisch gab es Mandelkuchen und wir hatten bis dahin schon mehrere Flaschen Wein geleert. Der Bonner schenkte allen kräftig nach. „Komm min Jung, ich schütt dir noma einen ein.“ Die Gespräche und die Party kam ins laufen. War eine Flasche Wein leer, kam eine neue nach. Torben wollte letztendlich die Chefin nach der Queimada fragen, doch beim Aufklappen des Outdoor-Führers wusste sie sofort Bescheid und winkte eigentlich lachend ab „Es sei heute kein Feuer da“. Nachdem immer mehr Wein getrunken und alle fertig gegessen hatten, ging die Show dann dennoch los. Ein großer Kessel wurde aufgebaut und mit mehreren Flaschen Hochprozentigem gefüllt. Dazu kamen eine große Hand voll Kaffeebohnen, eine Orangenschale sowie ein Apfel in Streifen geschnitten und Zucker. Dann wurde der Kessel angezündet. Unter rühren und schöpfen des brennenden Alkohols wurden gute Geister beschworen. „Mouchos! Coruxas! Sapos e bruxas!  E Lume!“ Ein Spektakel! Ein paar von uns sollten nach vorn kommen und selbst rühren. Dabei sollte laut gesagt werden was man gern verbrennen würde. Torben wollte alle schlechten Gedanken verbrennen „E Lume!“  und Gerhard den Brexit „E Lume!“. Plötzlich war noch ein Spanier am Kessel der mit einer kräftigen Opernstimme ein Lied zum Besten gab. Wahnsinn! Ich war noch nie in der Oper. So eine Stimme aus zwei/drei Metern Entfernung zu hören ist unglaublich. So viel Kraft. Es gab zu recht jubelnden Applaus. Nach 10 Minuten wurde das Feuer gelöscht. Alkohol war trotzdem noch reichlich vorhanden. Es schmeckte süßlich, fruchtig und vor allem nach Kaffee. Das für 19.00 Uhr angesetzte Dinner hat so mal kurz bis 22.00 Uhr gedauert. Laute spanische Musik und die Hälfte tanzte. Was für ein Abend! Das Geld für das Essen wollte übrigens auch am Abend keiner. „E Lume!“

 

 

Torben mit der Queimada