Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 20

Samstag – 4. Mai 2019

Im Zimmer ist schon sehr früh Unruhe. Toilettengänge. Ein Spanier, der den gesamten Inhalt seines Rucksacks mit dem Handylicht durchsucht. Die meiste Unruhe verbreitet aber eine junge Asiatin. Sie liegt im Stockbett gegenüber neben mir. Nachts sehe ich sie mehrmals im Bett sitzend mit ihrem Handy. Zwischen 5.00 – 5.30 Uhr beginnt sie damit ihre Wäsche vom Vortag zu sammeln und verlässt das Zimmer. (Vermutlich um die Waschmaschine zu befüllen) Sie kommt zurück und spielt weiter an ihrem Handy. Später verschwindet sie erst im Bad, kommt zurück und verlässt wieder den Schlafraum. Vermutlich war die Waschmaschine fertig und sie hat alles in den Trockner umgeladen. Zurück im Zimmer beginnt sie auf dem Bett sitzend ihren Schlafsack einzurollen. Jetzt verlässt der im Rucksack suchende Spanier, mit all seinen Sachen, den Schlafraum. Wir liegen direkt neben der Tür und schauen uns genervt an und tun das gleiche. Mit schlafen wird das hier eh nix mehr. Bis zu unserem Wecker wäre noch eine dreiviertel Stunde gewesen. Was solls, da können wir auch gleich starten. Als wir uns im Aufenthaltsraum fertig machen, kommt die Asiatin erneut und räumt den Wäschetrockner leer. Also okay, sie kam sehr spät hier an. ICH hätte an ihrer Stelle aber lieber um 20.00 Uhr noch schnell gewaschen als hier ALLE wach zu machen! Gleiches gilt für den Spanier. WENN ich mir schon jedes Kleidungsstück einzeln in eine Folietüte wickeln muss, suche ich mir aber am ABEND noch zusammen was ich für den nächsten Tag brauche. Sind die alle in Sarria gestartet oder wo kommen plötzlich solche Pilger her? Ja – ich bin genervt.

Wir starten also etwas früher als üblich. Frühstück wird es erst 1 – 2 Orte weiter geben. Die spanischen Bars öffnen zeitig – soo zeitig aber nun auch nicht. Nach 800 Metern sind wir am 100 Kilometer Stein. Zeitiges Kommen sichert gute Plätze. 😉 Wir müssen nicht anstehen für das Foto mit dem Stein. Weiter geht’s und es wird nebliger. Nach einer reichlichen Stunde gibt es dann Frühstück. Bis Portomarin ist es nicht mehr weit. Portomarin ist eine „umgezogene“ Stadt. Ursprünglich lag sie etwa 200 – 300 Meter tiefer. Bei der Anlage des Belesar-Stausees 1956 wurde der Ort weiter oben am Hang neu errichtet. Die Staumauer des Sees ist 40 Kilometer entfernt und trotzdem wurde der Ort überflutet. Die Kirche, die das heutige Stadtzentrum markiert, wurde Stein für Stein abgetragen und hier wieder aufgebaut. Man sieht an den einzelnen Steinblöcken sogar noch die Nummerierungen. Abgesehen von den Touristenpilgern die gerade aus ihren Hotels strömen, ist aber auch Portomarin wie ausgekehrt. Kein Markt oder Bäcker hat offen. Nix vom touristischen Trubel zu spüren. Im letzten Jahr war der Wasserstand der Talsperre so weit gesunken, dass die alte Brücke und weitere alte Gebäude von Portomarin zum Vorschein kamen. Ein gruseliges Bild was ich im Internet gesehen hatte und jetzt im Kopf habe als wir über die neue Brücke laufen. Das ruhige schwarze Wasser unter uns und das Wissen, dass etwa 20 Meter unter der Wasseroberfläche noch eine Brücke ist. Uhhhnheimlich!!!

Wir verlassen die Stadt ohne größeren Stop. Nach dem Ortsausgang geht es von 380 Metern über NN wieder hoch auf reichlich 700. Auf dieser Strecke werden unsere Nerven schon wieder auf die Probe gestellt. Gefühlte 100 Touristenpilger laufen vor uns. Wir sehen so gut wie keine anderen Pilger mehr. Das ‚Buen Camino‘ wird, wenn überhaupt, nur noch halbherzig hingeschmettert. Gern auch mal eine halbe Minute später, weil man ja erstmal sein Gespräch weiter führen will. Na wenn das so weiter geht …

Vermutlich ist schon mehreren hier der Kragen geplatzt. Viele zynische Kommentare am Wegesrand die uns etwas aufheitern. „Buen Camino Tourigrino!“ oder „Jesus dont use Jacotrans“. Gut war auch: „Where is your Backpack Tourigrino?” 🙂 Es kam auch heute den ganzen Tag über kein Trinkwasserbrunnen am Weg. In die erste Bar, 8 Km nach Portomarin, sind natürlich dann fast alle eingefallen. Die Spanier (aus Italien) saßen auch schon. Endlich bekannte Gesichter und große Rucksäcke. Für uns gab es ein Bocadillo (belegtes Brötchen) und einen Cafe con Leche. Nach weiteren 4 Kilometern sind wir schon an unserem geplanten Ziel. …kurz nach 12.00 Uhr. Wir motivieren uns mit einem Bier und gehen weiter. Bis Palas del Rei ist es definitiv zu weit. 7 Kilometer bis Eirexe sind aber noch drin. Dort kommen wir 14.30 Uhr an. Öffentliche galicische Herberge mit einer Bar gegenüber – Passt!

Noch 100 Kilometer bis Santiago

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 19

Freitag – 3. Mai 2019

Die Nacht war kühl aber ich habe nicht gefroren. Voll eingekleidet im Schlafsack. Ja, ich lerne. 🙂 Wir sind die Ersten die unsere Herberge im Kloster verlassen. Vor Sonnenaufgang ist es wieder kalt. Aber seit gestern habe ich Handschuhe! Antje hat in Fonfria, in der Lost & Found Kiste, Handschuhe für mich gefunden. Der erste Tagesabschnitt heute führt von Samos nach Sarria. Dort treffen wir nach 11 Kilometern wieder auf den Camino Frances, den wir gestern in Triacastela verlassen haben. Torben und Gerhard sind mit Sicherheit schon durch. Ansich soll Sarria ja sehr touristisch sein. Viel habe ich davon aber nicht bemerkt. Wir sind kurz vor 10 Uhr in der Stadt und fast alles hat geschlossen. Na wer weiß. Auf einem Straßenschild hat jemand geschrieben: „Never start your Camino at Sarria!“ Ich muss lachen. Auf den nächsten Kilometern hinter Sarria können wir sie dann selbst sehen. Touristenpilger die erst hier starten und deren Gepäck schon im nächsten Hotel wartet. Unübersehbar mit ihren kleinen Stoffbeutelrucksäcken. Das schwerste Gepäckstück ist die Trinkflasche. Auf 10 Leichtgewichtpilger kommt ein „richtiger“. Zum Teil sind wir mit unseren Trekkingrucksäcken trotzdem noch schneller. In der Iglesia de San Salvador werden wir nochmals ausdrücklich auf die 2 Stempel Regel hingewiesen. Die Kilometer hinter Sarria gefallen mir Landschaftlich bisher am besten. Alte Hohlwege oder Waldwege die mit Natursteinen eingefasst sind. Wie lange es gedauert hat diese langen Mauern aufzustapeln. Wow! Zum Teil laufen wir hier sogar noch auf den alten Römerstraßen. Seit 1000 Jahren gehen die Jakobspilger hier über diese Steine, auf diesem Weg durch Galicien. Wenn diese Steine sprechen könnten … Am Wegesrand stehen bis zu 800 Jahre alte Bäume. Was diese Bäume schon gesehen haben obwohl sie immer nur am gleichen Platz stehen. So viele Pilger, die vor 1000 Jahren aus ganz anderen Gründen wie wir nach Santiago aufgebrochen sind und Jahre unterwegs gewesen sind. Beim Grab des Apostels, oder am Ende der Welt angekommen, konnten sie sich nicht in ein Flugzeug setzen und nach Hause fliegen. Der Heimweg führte über dieselben beschwerlichen Straßen zurück in die Heimat. Soviel Geschichte und so viele Geschichten sind hier regelrecht greifbar. Die Landschaft ist leicht hügelig. Vorwiegend – nein fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt. Schafe, Ziegen und Rinder. Ohne die alten Mauern und Bäume könnte man meinen, man sei im Bayrischen Wald unterwegs. Unser Tagesziel Ferreiros erreichen wir exakt 14.00 Uhr. Punktlandung! Bars und Geschäfte waren seit Sarria spärlich gesät. Selbst Trinkwasserbrunnen habe ich keinen gefunden. Meine Trinkflaschen habe ich mir an den Wäschebecken einer Herberge füllen müssen. In Ferreiros mache ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer offiziellen galicischen Einheitsherberge. Sie sind recht schick. Sie haben viel Ähnlichkeiten mit den modernen Jugendherbergen bei uns in Deutschland. Sehr gut ausgestattet mit Waschmaschine und Trockner. (Handwäschebecken natürlich auch) Im Vergleich zur letzten Nacht in Samos fast ein wenig Luxus. Eine Top Küche ist in jeder Herberge, aber NULL Geschirr! Kein Teller, Topf und nichtmal ein Löffel. Der Ort Ferreiros ist recht klein. 1-2 Bauern, eine Kirche, 2 Bars und 2 Herbergen. Mehr gab es beim Ortsrundgang nicht zu entdecken. Oh halt … relativ große, grüne Eidechsen. Hoffentlich schaffe ich es, die nochmal auf ein Foto zu bekommen. Auf ein Foto bekommen würde ich auch gern mal noch die Gruppe Spanier (Italiener) die wir schon länger kennen. Beim Abendessen kam auch Gerhard mit dazu. Wir hatten ihn heute tagsüber schon einmal getroffen. Ein schönes Gespräch in der Bar über die nächsten Tage und Etappen. Schön zu sehen, dass ich mit meinem Schulenglisch so gut mit einem Engländer plaudern kann, und wir sogar gemeinsam über Witze lachen. (Danke Herr Kunz! 🙂 ) Morgen passieren wir auf den ersten Metern den magischen 100 KM Stein. Freudig und stolz aus das Geschaffte, traurig über das nahende Ende durch das Starten des Countdowns. Seit wir in Galicien sind, wird die Distanz nach Santiago auf jeder Wegmarke mit angezeigt. Meine Erkältung ist so gut wie überstanden. Beim Abendessen mit Gerhard ist uns wieder klar geworden, dass in Spanien eine Flasche Wasser wertlich das gleiche ist, wie eine Flasche Wein. Zum Pilgermenü ist immer dieselbe Frage. Wasser oder Wein? Egal ob wir 1 Liter Wasser oder 1 Liter Wein bekommen – der Preis ist der gleiche. Einheimische trinken ihre Flasche nichtmal leer. Salute!

Touristenpilger mit kleinem Gepäck