Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 21

Sonntag – 5. Mai 2019

Es war eine ruhige und erholsame Nacht bei offenem (!!!) Fenster! Wir starten wie immer pünktlich Richtung Palas de Rei. Abgesehen von den alten Brücken und Kirchen ist der Weg heute recht unspektakulär. In der Stadt geht auch unser Plan mit einem Stempel aus der Kirche und einem Frühstück auf. Dann führt uns der Camino weiter durch kleine Dörfer die unseren kleinen Dörfern zu Hause ähneln. Bis auf die Eukalyptuswälder ab und an, könnte man glauben in Deutschland unterwegs zu sein. Außergewöhnlich sind auch immer wieder die Hórreos. Am Rande des Camino fallen uns jetzt immer wieder Kornspeicher auf. In Galicien werden diese, oft mit Kreuzen versehenen Gebäude, traditionell für die Lagerung von Getreide und Mais genutzt. Charakteristisch für die Kornspeicher ist die frei stehende Lage und der Unterbau mit steinernen Pfeilern. Auch wenn heute nur noch wenige Kornspeicher als solche genutzt werden, bleiben sie doch erhalten. So erfreue ich mich an den Bauten die von Ort zu Ort immer wieder anders aussehen und dadurch auch immer sehenswert sind. Wir sind heute ein wenig fauler als sonst, deswegen machen wir bei jeder Gelegenheit Pause. Selbst am Ortseingang von Melide kommt nochmal eine Pause dazu. Unterwegs haben wir den Chanel Pilger wiedergetroffen als wir eine Kaffeepause machten. Diesmal ist kein Auto aufs Dach gefallen. Dann haben wir bei einer weiteren Bierpause unsere Schnabbel wiedergetroffen. Ganz plötzlich saßen sie im selben Biergarten. „Mariaaah?! Gehen wir uns noch einen Stempel holen???“ In Melide war Markttag. Endlich mal eine Stadt wo was los ist! Wir haben auch sofort den Pulpo probiert. Ein gekochter Krake der kleingeschnitten serviert wird. Ohne Schnickschnack – nur mit Öl, Salz und Paprika. Von der Konsistenz her wie Schrimps. Geschmacklich zwischen Kochfisch und Brathähnchen. Optisch etwas ungewöhnlich aber nicht schlecht! Unsere Albergue ist wieder eine öffentliche, galicische wie auch schon die letzten beiden Nächte. Heute nur etwas größer da sie mitten in der Stadt ist. Wir kommen heute etwas spät an und somit bleibt uns nicht viel Auswahl beim Wählen unseres Bettes. Uns bleiben nur noch zwei Betten in der hintersten Ecke des Zimmers. Naja – nützt ja nix. Bei unserem Stadtrundgang, etwa 60 Minuten nach unserem Ankommen, ist auch Melide wie ausgekehrt. Langsam bin ich etwas gernervt davon. Klar, es ist Siesta. Allerdings ist diese gleich vorbei und es war auch vor einer Stunde schon Siesta! Hunderte Menschen waren in den Gassen auf den Beinen. Die Straßen waren verstopft mit Autos und LKW. Wo vor etwa 60 Minuten noch Markthändler ihre Stände hatten, ist jetzt nur noch zurückgelassener Müll und keine Menschenseele mehr! Schade, da hatte ich mich wohl zu früh gefreut. Zum Glück haben wir noch eine Flasche Rotwein im Rucksack. Diese gönnen wir uns nach der Rückkehr in unsere Herberge. Einen Apfel als Abendessen und nach der Flasche Wein sind wir reichlich bettschwer.

Pulpo in Melide

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 20

Samstag – 4. Mai 2019

Im Zimmer ist schon sehr früh Unruhe. Toilettengänge. Ein Spanier, der den gesamten Inhalt seines Rucksacks mit dem Handylicht durchsucht. Die meiste Unruhe verbreitet aber eine junge Asiatin. Sie liegt im Stockbett gegenüber neben mir. Nachts sehe ich sie mehrmals im Bett sitzend mit ihrem Handy. Zwischen 5.00 – 5.30 Uhr beginnt sie damit ihre Wäsche vom Vortag zu sammeln und verlässt das Zimmer. (Vermutlich um die Waschmaschine zu befüllen) Sie kommt zurück und spielt weiter an ihrem Handy. Später verschwindet sie erst im Bad, kommt zurück und verlässt wieder den Schlafraum. Vermutlich war die Waschmaschine fertig und sie hat alles in den Trockner umgeladen. Zurück im Zimmer beginnt sie auf dem Bett sitzend ihren Schlafsack einzurollen. Jetzt verlässt der im Rucksack suchende Spanier, mit all seinen Sachen, den Schlafraum. Wir liegen direkt neben der Tür und schauen uns genervt an und tun das gleiche. Mit schlafen wird das hier eh nix mehr. Bis zu unserem Wecker wäre noch eine dreiviertel Stunde gewesen. Was solls, da können wir auch gleich starten. Als wir uns im Aufenthaltsraum fertig machen, kommt die Asiatin erneut und räumt den Wäschetrockner leer. Also okay, sie kam sehr spät hier an. ICH hätte an ihrer Stelle aber lieber um 20.00 Uhr noch schnell gewaschen als hier ALLE wach zu machen! Gleiches gilt für den Spanier. WENN ich mir schon jedes Kleidungsstück einzeln in eine Folietüte wickeln muss, suche ich mir aber am ABEND noch zusammen was ich für den nächsten Tag brauche. Sind die alle in Sarria gestartet oder wo kommen plötzlich solche Pilger her? Ja – ich bin genervt.

Wir starten also etwas früher als üblich. Frühstück wird es erst 1 – 2 Orte weiter geben. Die spanischen Bars öffnen zeitig – soo zeitig aber nun auch nicht. Nach 800 Metern sind wir am 100 Kilometer Stein. Zeitiges Kommen sichert gute Plätze. 😉 Wir müssen nicht anstehen für das Foto mit dem Stein. Weiter geht’s und es wird nebliger. Nach einer reichlichen Stunde gibt es dann Frühstück. Bis Portomarin ist es nicht mehr weit. Portomarin ist eine „umgezogene“ Stadt. Ursprünglich lag sie etwa 200 – 300 Meter tiefer. Bei der Anlage des Belesar-Stausees 1956 wurde der Ort weiter oben am Hang neu errichtet. Die Staumauer des Sees ist 40 Kilometer entfernt und trotzdem wurde der Ort überflutet. Die Kirche, die das heutige Stadtzentrum markiert, wurde Stein für Stein abgetragen und hier wieder aufgebaut. Man sieht an den einzelnen Steinblöcken sogar noch die Nummerierungen. Abgesehen von den Touristenpilgern die gerade aus ihren Hotels strömen, ist aber auch Portomarin wie ausgekehrt. Kein Markt oder Bäcker hat offen. Nix vom touristischen Trubel zu spüren. Im letzten Jahr war der Wasserstand der Talsperre so weit gesunken, dass die alte Brücke und weitere alte Gebäude von Portomarin zum Vorschein kamen. Ein gruseliges Bild was ich im Internet gesehen hatte und jetzt im Kopf habe als wir über die neue Brücke laufen. Das ruhige schwarze Wasser unter uns und das Wissen, dass etwa 20 Meter unter der Wasseroberfläche noch eine Brücke ist. Uhhhnheimlich!!!

Wir verlassen die Stadt ohne größeren Stop. Nach dem Ortsausgang geht es von 380 Metern über NN wieder hoch auf reichlich 700. Auf dieser Strecke werden unsere Nerven schon wieder auf die Probe gestellt. Gefühlte 100 Touristenpilger laufen vor uns. Wir sehen so gut wie keine anderen Pilger mehr. Das ‚Buen Camino‘ wird, wenn überhaupt, nur noch halbherzig hingeschmettert. Gern auch mal eine halbe Minute später, weil man ja erstmal sein Gespräch weiter führen will. Na wenn das so weiter geht …

Vermutlich ist schon mehreren hier der Kragen geplatzt. Viele zynische Kommentare am Wegesrand die uns etwas aufheitern. „Buen Camino Tourigrino!“ oder „Jesus dont use Jacotrans“. Gut war auch: „Where is your Backpack Tourigrino?” 🙂 Es kam auch heute den ganzen Tag über kein Trinkwasserbrunnen am Weg. In die erste Bar, 8 Km nach Portomarin, sind natürlich dann fast alle eingefallen. Die Spanier (aus Italien) saßen auch schon. Endlich bekannte Gesichter und große Rucksäcke. Für uns gab es ein Bocadillo (belegtes Brötchen) und einen Cafe con Leche. Nach weiteren 4 Kilometern sind wir schon an unserem geplanten Ziel. …kurz nach 12.00 Uhr. Wir motivieren uns mit einem Bier und gehen weiter. Bis Palas del Rei ist es definitiv zu weit. 7 Kilometer bis Eirexe sind aber noch drin. Dort kommen wir 14.30 Uhr an. Öffentliche galicische Herberge mit einer Bar gegenüber – Passt!

Noch 100 Kilometer bis Santiago