Etappe 6: Talhütte Zwieselstein – Moos in Passeier

Daten Etappe 6

Die Daten der 6. Etappe sagen einen langen Tag voraus. Von Zwieselstein (1.472 m ü.NN) aus geht es erstmal für knapp 10 Kilometer bergauf zum Timmelsjoch (2.474 m ü.NN). Dort überschreiten wir die Grenze nach Italien und steigen ab nach Moos im Passeiertal (1140 m ü.NN). Mit 25 Kilometern wieder ein längerer Tag.

Eine komplette Nacht bei offenem Fenster schlafen war ein Genuss. 😀 Dementsprechend gut haben wir geschlafen. Strahlend blauer Himmel macht die Laune noch besser. Für das Frühstück haben wir heute (Selbstversorgerhütte sei Dank) keinen Stress. Wir treffen uns in der Küche mit H und P. Mit jedem Kilometer Richtung Italien wurde bisher der Kaffee besser. Ein einfacher Filterkaffee zum Frühstück ist trotzdem ein Genuss! Seit gestern gehört auch die Tube Voltaren von H mit an jeden Tisch an den wir uns setzen. Fürs zweite Frühstück unterwegs sind sogar noch Brötchen übrig. H und P binden sich noch ihre Wanderschuhe zu und wir starten schonmal. Wir sind bis zur Meraner Hütte in den gleichen Unterkünften und sehen uns spätestens in Italien wieder. 1000 Höhenmeter auf einer Strecke von 10 Kilometern klingt für uns mittlerweile entspannt. Das war es auch! Bei schönstem Sonnenschein und noch angenehmer Morgenfrische geht es bergauf. Der Weg führt über felsige Wiesen. Die schneebedeckten Berge rund um uns herum bieten eine gute Ablenkung. Obwohl gloddsn (übersetzt: In die Ferne schauen) nicht geht während man weiterläuft. Um das Panorama anzusehen, bleibe ich stehen. „Lernen durch Schmerz“ denn anfangs bin ich oft genug abgerutscht oder umgeknickt beim laufen und gloddsn. 😀 Die Passstraße ist stets in Hörweite.

Schmugglerdenkmal

Wir kommen an das Schmugglerdenkmal und freuen uns, so schnell voran zu kommen. Der Pfad führt jetzt weg vom Timmelsbach und wir machen die letzten Meter zum höchsten Punkt des heutigen Tages. 9.30 Uhr verklebe ich eine Ente an der Markierung des höchsten Punktes. Ich gehe auch noch einmal runter zur Passstraße um eine Ente an das Passschild zu kleben. Wir genießen die ausgezeichnete Fernsicht an diesem Tag und machen eine etwas längere Fotopause. Wir sind in Italien! Wir haben keinen Schimmer was für ein Wochentag ist und unser Auto steht 5 Tagesmärsche weiter nördlich. FREIHEIT!

Passschild am Timmelsjoch. Na, wo ist die Ente? 😉

Die Touristen, die an der Passstraße kurz anhalten und aus den Autos steigen, wirken fast suspekt auf uns. Irgendwie sind wir „anders“. Wir haben noch nicht Halbzeit für diesen Tag und beginnen gut gelaunt den Abstieg.
(Bei „Halbzeit“ fällt mir ein: … Am ersten Abend, auf der Kemptner Hütte ist mir ein E5ler aufgefallen, der neben seinen Stöcken eine Deutschlandfahne rumgetragen hat. In der Skihütte Zams haben wir erfahren, dass Deutschland bei der Fußball WM ausgeschieden ist. Der Fahnenmann wird die Idee mittlerweile selbst bescheuert finden … oder das Stück Stoff samt „Fahnenmast“ heimlich entsorgt haben.) 😀
Nach dem ersten steilen Bergabstück kommen wir zum alten Zollhaus, was fast vom Schnee eingeschlossen ist. Die Ruine am Berg war lange mit Zöllnern besetzt die auf Schmugglerjagd waren. Heute führt der Europawanderweg E5 daran vorbei. Wie passend. Es geht etwas gemäßigter bergab durch eine Herde Ziegen und über ein weiteres großes Schneefeld. Kurzärmlig und in kurzen Hosen. Es ist sehr warm geworden mittlerweile und wir halten unsere Trinkflaschen immer schön gefüllt. Wir haben gelernt. 😉
11.30 Uhr teilen wir uns das 2. Frühstück und suchen auf der Karte nach einer Alm für die Mittagspause. Soviel Chancen kommen nicht mehr. Wir finden nur ein Gasthaus Hochfirst, wo wir gegen 13.00 Uhr am Tisch sitzen. Gerade in Italien angekommen und schon essen wir beide Pasta. 😀 Als wir weitergehen denken wir an H & P von denen wir den ganzen Tag noch nichts gesehen haben. Überhaupt haben wir den ganzen Tag noch keinen anderen Wanderer gesehen – seltsam wie ruhig der E5 plötzlich ohne Bergschulen ist.
Nach dem Gasthof führt der Weg Richtung Rabenstein durch einen Wald und wir entkommen der Sonne ein wenig. Interessant und kurzweilig machen die entlang der Route aufgestellten Tafeln. Hier erfährt man von Sagen und Geschichten aus dem Ort Rabenstein. Dort angekommen müssen wir für 3 Kilometer auf der Straße entlang. Die Hitze auf dem Asphalt ist durch die schweren Bergschuhe spürbar. Neidisch schauen wir auf die Wassersprüher rechts und links mit denen die Bauern ihre Wiesen bewässern. Wir merken auch an den Temperaturen dass wir in Südtirol angekommen sind.
Das letzte kurze Stück Strecke führt immer entlang der Passer bis nach Moos. Die imposante Kraft des Wassers kann man an den zahlreichen Staustufen sehen. Es wird hier versucht die großen Steinbrocken und Baumstämme zurückzuhalten, die sonst unkontrolliert ins Tal gerissen werden. Nach einem Steinbockgehege (vielleicht leben hier manchmal sogar welche – gesehen haben wir keinen) kommen wir 15.30 Uhr nach Moos. Ein italienisches Bergdorf wie man sich es vorstellt. Italienisches Eis, Pizza, Kirche und einer Einkaufsmöglichkeit – alles keine 100 Meter von unserer Unterkunft entfernt. In Moos haben wir keine Hütte oder Alpenvereinsunterkunft. Wir übernachten hier in einem Café mit dem Luxus eines Doppelzimmers. WC, Dusche, Wäscheservice und ein Balkon am Schlafzimmer. La dolce Vita! 😀
Wir sind etwa eine Stunde da und gerade auf dem Balkon Wäsche aufhängen als H & P ankommen. Wow! Soviel Vorsprung sollen wir uns erlaufen haben? Nicht ganz. H hat immer größere Probleme mit ihrem Knie. Zum Glück wird die nächste Etappe zur Pfandler Alm eine sehr entspannte. Auch C kommt nach kurzer Zeit an und die Runde ist komplett. Als alle geduscht haben, sitzen wir zu fünft vor dem Cafè Maria und gönnen uns das volle Programm. Kaffee, Kuchen, Eis und später Pizza mit Zielbieren und (auch hier) Hüttenschnaps. Wir lernen C besser kennen. Er ist ein Sportlehrer aus der Pfalz und er will den E5 sogar noch bis ans Ende nach Verona gehen. C feiert seine Alpenüberquerung mit relativ viel Weizenbier und Weißwein wie wir beobachten können.
Die nächste Etappe führt über St.Leonhard zur Pfandler Alm. Aufgrund der Knieprobleme von H planen wir durch die Passerschlucht nach St.Leonhard zu gehen. Von unserer Wirtin erfahren wir, dass der Weg dort angenehmer zu gehen ist. So wird die entspannte 7. Etappe noch entspannter. Wir verabreden uns zum Frühstück und planen morgen als 4er Gruppe gemeinsam zu laufen. Fortsetzung folgt

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Etappe 5: Braunschweiger Hütte – Talhütte Zwieselstein

Daten 5. Etappe

Es war eine unruhige Nacht in der Braunschweiger Hütte (2759 m ü.NN). Wir waren in einem Raum mit nur 7 Lagerplätzen und trotzdem war ich ständig wach. H war mit uns in diesem Raum und die 4er Leipzig/Erfurt Gruppe. Das Einschlafen war, wie immer, nicht schwer. Auch Ohropax habe ich in dieser Nacht keine gebraucht. Trotzdem war ich bei gefühlten 30 Grad Zimmertemperatur und geschlossenem Fenster ständig wach. Unser Plan war wieder, VOR allen anderen zu starten und als erste über`s Pitztaler Jöchl (2996 m) zu gehen. Für das Frühstück hatten wir uns das Gletscherrestaurant am Rettenbachgletscher ausgesucht. In der Nacht musste ich dummerweise auch noch 2 mal zur Toilette. Bei meinem ersten „durch die Hütte wandeln“ habe ich noch etwas ängstlich nach draußen geschaut ob es regnet oder schneit. Gar nix! Zum Glück! Als Erste starten, wenn alle Wegmarkierungen vom Schnee bedeckt sind, sowas hätten wir nicht geschafft. Bei meinem zweiten Gang habe ich sogar die Sterne funkeln sehen. Das hat mich dann noch mehr beruhigt. Mittlerweile sind wir schon geübt im lautlosen Schlaflagerverlassen. Der Besuch im Waschraum war wieder eine Katzenwäsche. Auf der Braunschweiger Hütte sind alle Wasserhähne mit Sparaufsätzen versehen die den Wasserstrahl fein zerstäuben. Es dauert ewig bis man zwei volle Hände mit Wasser aufgefangen hat. :-/
Wir staunen über den Trockenraum. Der hat es tatsächlich über Nacht geschafft, alle regennassen Klamotten aller Hüttengäste zu trocknen. TOP!

Braunschweiger Hütte

Wir starten kurz vor 6.00 Uhr. Die Leipzig/Erfurter gehen als Erste gerade zum Frühstück. Draußen erwartet uns ein blauer Himmel. Sonne sehen wir noch nicht, weil die Braunschweiger Hütte von Bergen eingerahmt ist. Das Panorama und die Gletscher wären sicher auch beim Aufstieg gestern eine gute Ablenkung gewesen. Naja … wenigstens scheint heute wieder die Sonne, auch wenn wir mit Handschuhen aufbrechen. Erstmal geht es noch rund 250 Höhenmeter aufwärts bevor es den Rest vom Tag bergab geht nach Zwieselstein (1472 m ü.NN) etwas südlich von Sölden.

Direkt hinter der Hütte stampfen wir schon das erste Mal durch ein Schneefeld. Durch den Schneeregen und die Kälte in der Nacht sind die Steine über die wir klettern alle mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Nur nicht ausrutschen! – Das hätte mächtig weh getan. Ich hatte wieder die „PRO & CONTRA Stöcke Liste“ im Kopf. Einzig auf den Schneefeldern hatte ich ein Gefühl, dass mir die Wanderstöcke mehr Sicherheit geben – sonst nicht. Die Meter hinauf zum Pitztaler Jöchl und dann hinab zum Gletscherrestaurant sind die letzten, die ich bei dieser Tour mit Stöcken gehe. Ich kann nicht sagen ob ich sie vermisst hätte wenn ich keine dabei gehabt hätte. Bei unserer nächsten Tour in Spanien bleiben sie zu Hause. Fakt!

Der Schnee wird tiefer, der Weg wird felsiger und steiler. Die letzten ca. 300 Meter vor dem Jöchl werden wieder zur Kletterpartie. Wieder fluche ich auf die Stöcke. Ein Joch oder Jöchl ist eine Bezeichnung für den niedrigsten Abschnitt des Kammes zwischen zwei Berggipfeln. Das Pitztaler Jöchl ist mit 2996 Metern über dem Meer nicht ganz auf 3000. Weil dieser Punkt das „Dach“ unserer Tour ist, klettern wir die paar Höhenmeter noch nach oben um die 3000 auf der Uhr zu haben. Wieder sind wir hier oben allein. Um 6.45 Uhr morgens. WIE GEIL!! Wir haben vergessen welcher Wochentag ist und was wir um diese Zeit eigentlich tun. Das hier beeindruckt uns. Dies werden wir nie im Leben vergessen können. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf über 3000 Meter! Es soll an diesem Tag noch sehr heiß werden, noch tragen wir aber Handschuhe. Wir machen kurz Pause und fotografieren einmal rundum und genießen das Panorama. Dann starten wir den Abstieg zum Gletscherrestaurant an der FIS Skiweltcupstrecke von Sölden. Trotz der Steilheit lässt es sich überraschend angenehm laufen. Wir finden einen Bergschuh mit einer daran befestigten Todesanzeige. Aus dem Text geht hervor, dass der Verunglückte im Winter hier abgestürzt ist. Das hält mir schlagartig vor Augen wie gefährlich dieser wunderschöne Ort sein kann. Man, was hatten wir bis jetzt für ein Glück gehabt! Das Wetter hat es immer sehr gut mit uns gemeint! Wir hätten hier auch 20cm Neuschnee haben können wie im August 2017.

Das letzte große Stück vor dem Gletscherrestaurant geht durchgängig über ein Dauerschneefeld. Für mich als Nichtwintersportler spektakulär! Eine Schneeballschlacht im Sommerurlaub. 😀 Serpentinähnlich geht es über den Schnee bergab. Der „Weg“ ist gut gespurt von den E5-lern vom Vortag. Nur ein/zwei cm Neuschnee darüber. Wir sind immernoch die Ersten an diesem Tag. Wenn man nach vorn blickt – ein herrliches Gefühl!

Abkürzung über das Schneefeld

Wie steil ist so ein Hang talwärts? … Keine Ahnung, ich bin ein mieser Schätzer. Gut abschätzen kann ich nur, dass man ordentlich Geschwindigkeit aufnimmt, wenn man hier abrutscht. Ich kann es gar nicht ganz glauben als ich Antje sitzen sehe und mitbekomme, dass sie runterrutschen will. Wie bitte?? Ist das ein Scherz?! … … und schon rutscht sie auf dem Hintern durch den Schnee talwärts. Un-fucking-fassbar! …und hat hörbar Spaß dabei. Geschwindigkeit und Distanz kann ich nicht schätzen. Es ist alles weiss und mir fehlt ein Anhaltspunkt. Vermutliche 400 Meter Luftlinie nach unten kommt sie, zurück auf dem Weg, zum stehen. Hm … und ich? Laufe die 3-4 Kehren oder rutsche in ihrer Spur hinterher? Ich mach SOWAS doch nicht. Das ist so steil – bremsen unmöglich. „Nicht nachdenken“ – „Nicht nachdenken“ sage ich mir mantraartig und eine halbe Minute später bin ich mit unten. Noch 15 Minuten dauert der Weg zur Gletscherstube und wir schauen durch die Fenster. Hier macht heut niemand Frühstück! Mit Sicherheit ist hier an der Skiweltcupstrecke im Winter die Hölle los. Im Sommer eher nicht. Wir nehmen unsere Notfall-Müsliriegel und schauen auf die Karte. Etwa 2-3 Stunden, dann kommt Alm an Alm. Also weiter. Der Zielbereich der Weltcupstrecke ist im Sommer mit das Hässlichste in der Natur was es gibt! Eine derartige Betonwüste mitten in den Alpen wirkt abartig und unwirklich zugleich. Wie sehen zu, hier weg zu kommen. Während wir starten, treffen wir die Leipzig/Erfurt Gruppe, die einen kürzeren Weg gegangen sind. Das heißt, wir treffen zwei davon. Der Rest würde folgen und einer müsse sogar kniebedingt heute abbrechen. Wir verabschieden uns im Glauben, sie wiederzutreffen. Leider nein.

Der Weg ins Tal bleibt so angenehm. Stetig bergab aber nie schmerzhaft. Große Teile entlang von Skipisten und wir passieren zahlreiche Schlepplifte. Kilometer für Kilometer ins Tal wird es auch wärmer. Eben noch in Handschuhen, jetzt kurze Hosen und kurzärmelig. Nur die geschlossenen Almen nerven uns langsam. Im Winter ist da sicher alles brechend voll. Für uns gibt es aber wieder kein Frühstück. Wir laufen durch einen Zirbenwald ohne zu wissen was Zirben sind. Vom Zirbenschnaps erfahren wir erst an diesem Abend. Wie dumm. 😀 10.45 Uhr erreichen wir endlich eine offene Alm zum frühstücken und ich eskaliere. Kässpatzen mit Salatteller und als 2. Portion einen Kaiserschmarrn mit Apfelmus. Die Augen größer als der Magen – ja, ja. Und nein ich hab es bei weitem nicht geschafft! Auch P lächelt amüsiert als die Kellnerin bei uns auftischte. P kam allein, kurze Zeit nach uns und machte hier ebenso eine Pause. C war schon vor uns da und bestellte noch ein Weizen nach als wir hier wieder aufbrachen. C war mir am Abend auf der Braunschweiger Hütte zum ersten Mal aufgefallen. Die 25-Mann-Seilschaft UND die Jojo-Seilschaft überholten uns hier und auch H war ein paar Meter vor uns. Die „Seilschaften“ haben wir hier zum letzten Mal gesehen. Die Bergschulen gehen ab dieser Etappe einen anderen Weg und nichtmehr auf dem E5. Im Ötztal angekommen gehen die letzten Meter parallel zu einer Straße. Obwohl es erst 13.30 Uhr ist, sind wir froh endlich am Ziel zu sein für heute. Auf 19 Kilometer und 7,5 Stunden Gehzeit sind wir dennoch gekommen. Als erstes wollten wir alle unsere Sachen waschen und zum trocknen aufhängen. Die Hütte war jedoch erst ab 15.00 Uhr besetzt. Kurzerhand haben wir im Gebirgsbach neben der Talhütte unsere Klamotten gewaschen. Wie alte Waschweiber, jeder auf einem Stein.

Die Talhütte Zwieselstein ist eine Selbstversorgerhütte des Alpenvereins im Tal. Warmes Duschwasser und Steckdosen sind ein kleiner Luxus. Wir haben ein Vierbettzimmer. Mit uns ist wieder H und P hier sowie C, mit dem wir aber erst morgen ins Gespräch kommen.

Hüttenstempel

Das Selbstversorgen macht uns zu einer 4er Gruppe. Mit dem Bus zum einkaufen nach Sölden, gemeinsam kochen und dann kommt ja noch das Zielbier und der Hüttenschnaps. 😉 An diesem Abend, ohne Seilschaften und ohne Zeitdruck, sitzen wir zum ersten mal entspannt zusammen und erzählen. Für unsere Verhältnisse sogar relativ lang – bei Bier, Schnaps und Voltaren. Unser Zusammentreffen jeden Abend war bisher rein zufällig. H & P laufen allein und ohne Reservierungen in den Hütten. Als Alpenvereinsmitglied hat man den Vorteil nicht abgewiesen zu werden. Anders gesagt: eine Garantie in der Hütte bleiben zu können und wenn es ein Notlager ist. Wir verabreden uns noch zum gemeinsamen Frühstück. Es geht am nächsten Morgen von Zwieselstein (1.472 m ü.NN) hoch zum Timmelsjoch (2.474 m ü.NN) , über die Grenze nach Italien bis nach Moos (1.007 m ü.NN). Mit 25 Kilometern eine längere Etappe.  =Fortsetzung folgt=

 

Etappe 4: Skihütte Zams – Braunschweiger Hütte

Geschlafen haben wir wieder vor 20 Uhr. Irgendwie ticken die Uhren auf den Hütten anders. So sind wir aber auch wieder vor 6.00 Uhr wach und startklar. Die Nacht war erholsam. Zum ersten Mal hatten wir 2er Boxen im Lager. So viel Privatsphäre waren wir schon gar nicht mehr gewohnt. Das Abendessen in der Skihütte Zams war das beste was wir bisher hatten auf der Tour. Vor- & Hauptspeise plus reichhaltige Salatauswahl. Die Skihütte Zams kann es definitiv mit einem Hotel aufnehmen ohne sich verstecken zu müssen! Frühstück gibt es um 7.00 Uhr. Das ist uns allen fast ein wenig zu spät für den langen, vor uns liegenden Tag.

Daten Etappe 4

Es startet trotzdem niemand früher weil die Seilbahn, die uns wieder auf den E5 Wanderweg zurückbringt, erst um 8.00 Uhr fährt. Naja was soll`s … lässt sich ja nicht ändern. Kurz vor 8 stehen wir alle an der Mittelstation der Venetbahn und warten. Die Gondel kommt und wir steigen ein.

Drama in der Gondel: 😀 Um die Türen der Gondel an der Mittelstation (ein Zwischenhalt der nicht bei jeder Fahrt bedient wird) öffnen zu können, muß der Gondelfahrer mit einem riesigen Stahlriegel die Gondel mit dem Mast der Zwischenstation verbinden. Erst dann hat die Gondel den richtigen Abstand zum Mast, so dass man ohne Stufe oder Spalt im Boden einsteigen kann. Wir stehen also alle in der Gondel. Der Fahrer der Venetbahn zieht den riesigen Stahlriegel und die Gondel hängt wieder frei. Er legt den Riegel auf den Boden, stellt sich darauf und wippt 5-6 mal darauf herum. Spätestens jetzt wird er von allen Fahrgästen aufmerksam beäugt. Ich schreibe immer von „DEM“ einen Fahrer. Es hätten auch glatt 2 in einem Körper sein können. Ein Bär von Mann, groß und breit. Macht ne Menge Schatten der Typ der trotzdem einen sehr sympathischen Eindruck macht! Als nächstes stellt er den Riegel weg. Achnee!! Er versucht ihnr irgendwo reinzustecken! Auf dem Riegel wippen, Versuch einzustecken, wippen, Versuch einzustecken, Versuch zu biegen, wippen, Versuch einzustecken. EWIG. Bis wir langsam begreifen: das Ding ist der „Zündschlüssel“.

Gondel der Venetbahn

Ohne diesen Riegel bzw Schlüssel geht die Tür nicht auf und lässt sich die Gondel nicht bewegen. Er müht sich sehr. Er hat unser aller Mitleid und alle drücken die Daumen dass er es hingebogen bekommt. 😀 Lust auf zusätzliche Kilometer hat keiner. OK das Sport-Wander-Paar vielleicht schon. Als nächstes verbindet der Gondelfahrer unsere Gondel wieder mit dem Mast. Er öffnet ein Fenster und versucht uns mit der Gondel zum schwingen zu bringen. Alles wortlos! Ob wir uns sorgen oder lachen sollen weiß gerade keiner mehr. Das ganze wirkt sehr planlos. Er bekommt den Schlüssel auch nur mit Mühe wieder aus dem Mast der Zwischenstation heraus. :-/ Er geht in seinen Führerstand steckt den „Zündschlüssel“ ein und Zack! Drin! Er lässt sich auf seinen Sitz fallen und piepst ein lautes Phuhh! Applaus in der Gondel!! Die Gondel fährt mit uns also los – nach unten. WAAAS?? Nach unten um dort noch die Jojo-Seilschaft einzuladen. AHHH!!! Wir haben das Gefühl, gar nicht los zu kommen heute. 😦 Oben ausgestiegen macht sich dort auch noch die 25-Mann-Seilschaft auf den Weg. Die Glanderspitze (2512 m ü.NN) ist im Nebel und ab 14.00 Uhr soll es Regen geben. 😦 8.30 Uhr laufen wir endlich weiter um 10 Minuten später hinter der langsamen 25-Mann Bergschule zu klemmen. Das wird mein Tiefpunkttag! Zur Krönung bemerke ich nicht wie ich ausversehen meine GPS Aufzeichnung an der Uhr pausiere. :-/ Mir fehlen mindestens 7 Kilometer in der Aufzeichnung. Wir haben uns für einen kleinen Umweg, um den Berg herum entschieden. Vom Gipfel sieht man an diesem Tag eh nix. Dadurch gehen wir eine längere Strecke, haben aber auch ein paar Höhenmeter eingespart. J kommt erst mit uns, nimmt dann aber doch einen anderen Weg zum Gipfel. Am Tag zuvor war sie mit in dem 30 Minuten Stau hinter dieser Gruppe.

 

Bergschule auf dem E5

Nach etwa einem Kilometer haben wir das große Glück, uns an der Bergschule vorbeizuschummeln. Der Bergführer erklärt etwas, was man in der Ferne sieht. Das hätte mich bestimmt interessiert aber in DIESEM Fall so gar nicht. NULL!! Hauptsache vorbei und Platz zum laufen. Aufgefädelt wie eine Perlenkette laufen die Lemminge … äh … Kunden des Bergführers hintereinander her. Kein rechts vorbei – kein links vorbei möglich. Mich wundert nicht, dass der Großteil der „Alleingänger“ nicht gerade erfreut ist in so einer Gruppe gefangen zu sein. Wir haben schnell so viel Vorsprung dass wir die Gruppe bald nicht mehr sehen können. Ab der Gogles Alm kommt sogar die Gute Laune zurück. Wir laufen größtenteils über felsige Wiesen vorbei an Pferden und Kühen. Ab der Gaflunhütte wird der Weg ein Wirtschaftsweg. Hier treffen wir wieder auf den E5 und es geht durch den Wald hinab nach Wenns (962 m).

Zwischen Wenns und Mittelberg geht der Fernwanderweg entlang einer Landstraße durch das Pitztal. Wir entschließen uns, dieses Stück Straße mit dem Postbus zu fahren. Hinter dem Pitztaler Hof in Wenns ist die Haltestelle. Wir kommen ca. 12.30 Uhr dort an und der Bus fährt vor. ;-D Perfektes Timing! Im Wartehäuschen sitzen außerdem H, P, der Kaltduscher von der Kemptner Hütte (mit Frau) und das Sport-Wander-Paar. Während der Fahrt beginnt es zu nieseln. In Mittelberg angekommen wollen wir noch kurz etwas essen um danach den letzten 3h Anstieg in Angriff zu nehmen. Im Berghof Steinbock kommen wir mit dem Nachbartisch ins Gespräch. „Ihr wollt zur Braunschweiger? Bei dem Wetter? Oh-Oh“ – „Und morgen übers Pitztaler Jöchl??“ – „Übermorgen wär da besser“ Gut dass wir nicht jedem Glauben schenken. 😀 Wir packen uns wetterfest ein und dann auf in den Kampf! Wenn man unter den Ersten auf der Braunschweiger Hütte wäre, hätte man noch warmes Duschwasser. 😀

Anstieg zur Braunschweiger Hütte 

Der Aufstieg beginnt erstmal verhalten. Die groben Felsbrocken sind glitschig vom Regen. Die Sicht wird immer schlecher. Wir sehen nichts talwärts und nach oben ebensowenig. „Bei der Kletterei vielleicht auch besser“ rede ich mir ein denn es geht wirklich extrem steil bergauf. Die Braunschweiger Hütte (2.759 m üNN) ist das höchstgelegene Etappenziel des Fernwanderweges Nr. 5. Wir orientieren uns hier wieder an den noch zu bewältigenden Höhenmetern und nicht an der Strecke. Die Zeit vergeht unbemerkt. Wir singen NDW Lieder und versuchen uns am bayrischen Dialekt. „I brauch ka grosse Welt, i will ham nach Fürstenfeld“ Höhenkoller? 😀

Nach einiger Zeit hören wir hinter uns ein keuchen im Nebel. Vor uns hören wir Stimmen. Sehen können wir niemand. Laut Uhr sind es keine 200 Höhenmeter mehr. Mit einem mal geht es dann sehr schnell und es kommt zu einem kleinen „Gipfel“treffen. H, P, und das Kaltduscherpaar vor uns die wir überholen und zwei der Leipzig/Erfurt Gruppe die uns alle zusammen überholen. Keine 10 Minuten später stehen wir plötzlich auf der Terrasse der Braunschweiger Hütte. ENDLICH!!!

Hüttenstempel

Schuhe zum trocknen, die regennassen Klamotten in den Trockenraum und erstmal unser Bett im Lager suchen. 7 Betten in einem Raum. Die 4er Leipzig/Erfurt-Gruppe, wir beide und H. Mir beginnt das langsam richtig Spaß zu machen. Man trifft sich jeden Abend auf der Hütte und tauscht sich über den Tag aus. Was für ein unbeschwertes Leben. Und es sollte noch besser werden! Wir sitzen beim Zielbier und erst jetzt fallen die Bergschulen ein. Aus dem Regen draußen wird nach und nach Schneeregen. Wir sitzen auf 2759 Metern Höhe und wollen morgen Früh auf über 3000. Bitte keinen Schnee!!