Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 5

Freitag – 19. April 2019 – Karfreitag

Nach einem kurzen Frühstück mit Kaffee und Keksen in der Albergue sind wir 7.20 Uhr gestartet. Zuvor sind wir noch mit einem Brasilianer ins Gespräch über seine Barfussschuhe gekommen. Die Gruppe um ihn ist am Abend als letztes angekommen. Einige schliefen schon in ihren Betten als diese Brasilianer sich ihre Betten suchten. Alles lief wortlos ab, außer einem „Hola!“ war mit keinem eine Unterhaltung zustande gekommen. Er sah mit den regennassen Haaren aus wie Jesus. Nach dem Duschen  und mit trockenen Haaren allerdings nicht mehr. Meine Meinung von ihm war nicht die Beste „Na da werden wir heute Nacht wohl auf unsere Wertsachen besonders aufpassen müssen.“ Dieser Gedanke und mein Schubladendenken tut mir heute Morgen leid. Peinlichst leid! Er zeigte sich als äußerst nett und hilfsbereit. Zum Abschied verneigte er sich vor uns mit gefalteten Händen und wünschte uns Buen Camino. Die wenigen Sätze mit ihm, aber trotzdem strahlte er eine große Herzlichkeit aus. Der Camino zeigt mir unmissverständlich eine meiner schlechtesten Angewohnheiten. Vorurteile. Ich habe eine Lektion gelernt und muss mit meinem schlechten Gewissen klar kommen.

Der erste Kilometer hinter Castrojeriz ist flach. Ein Berg stand im Weg und es ging für 1,2km steil bergauf. Auf einem Schild am Wegesrand hatte jemand geschrieben: „Who said that the Meseta was flat?“ Oben angekommen gibt es als Belohnung einen sehr schönen Blick zurück auf Castell Fritz. 😀 Ab hier geht es wieder flach weiter und da war er auch wieder – der Schlamm! In Itero de la Vega haben wir dann eine Frühstückspause gemacht. In genau der Bar, in der Antje vor 10 Jahren schon war. Ich war ein paar Meter voraus und habe vor dieser Bar ein paar Minuten gewartet. Da sprach mich ein Opi an der vorbei kam. Er wollte wissen ob ich Franzose bin. „No Aleman.“ Opi: „Mucho frio?“ Ich: „Si! Mucho frio.“ Hat er mir wohl angesehen. Opi: „No frio en alemania?“ Doch, doch! Das fehlte mir in meinem Wortschatz aber er hat es verstanden. Ein Bäckerauto kam gefahren, er bekam sein Baguette und ging. Nach unserer Pause saß er plötzlich auf der Bank auf der ich zuvor saß. Er lachte und ich sagte „No more frio now“ Schönes durcheinander aber er hat es verstanden. Das ist der Camino. Jeder spricht jeden an und auch ein Sprachenwirrwarr wird erstaunlicherweise verstanden. In Boadilla del Camino haben wir unser Brot und unseren Käse genüsslich auf einer Bank gegessen und kurz vor dem Ortsausgang noch einen Milchkaffee getrunken. Im TV lief eine Liveübertragung aus Burgos. Eine der vielen Osterprozessionen. Befremdlich und fast sogar gruselig sind die Leute mit ihren spitzen Hauben. Weder Gesicht noch die Augen kann man erkennen. Die letzten 6 Kilometer des Tages nach Fromista laufen entlang des Canal de Castilla. Der etwa 8 Meter breite Kanal wurde Ende des 18. Jahrhundert gebaut und war eine Meisterleistung dieser Zeit. Er diente zur Bewässerung der Getreidefelder im trockenen Sommer. Trieb Getreidemühlen an und erleichterte den Getreidetransport in die Hafenstädte Spaniens.

Die Albergue Municipal ist direkt neben der Kirche San Martin. Bei unserer Ankunft noch geschlossen steht sie also nach duschen und waschen als erstes auf unserem Plan. Wäsche waschen ist hier leider nur mit kaltem Wasser möglich. Naja, besser als gar nicht und wenigstens weht ja ein kräftiger Wind. So wird unsere Wäsche heute sicher trocken. Für die Kirche wollte man € 1,50 Eintritt pro Person. Da kommt der Geiz bei uns durch und wir begnügen uns mit dem äußeren von San Martin. Aus dem Jahr 1066 ist sie zwar noch nicht die älteste auf unserem Weg aber bisher die schönste Kirche! Besonders interessant sind die unzähligen Figuren an den Sparren und unter den Dachüberständen. Das Innere (habe ich im Nachhinein im Internet gefunden) sei eher reizlos, da keine Bemalungen oder anderer Schmuck die Wände ziert. Ziemlich deutsch finde ich es – außen Hui und um innen Pfui zu sehen, muss man erstmal 1,50 abgeben. Alles richtig gemacht.

Wir hatten ein leckeres Pilgermenü aus einem Salat, Lasagne und Kuchen. Ach – Wein natürlich noch. Zurück in unserer Herberge sind von den 12 Betten alle 12 belegt. Bei meiner Bettwahl am Nachmittag habe ich wohl die Niete gezogen. Eine Feder in der Matratze ist gebrochen und mit voller Spannkraft in den Rücken. Zu meinem Glück liegen auf jedem Bett zusätzliche Decken bereit und so kann ich mir mein Lager etwas erträglicher bauen. Deutsche haben wir heute wieder keine getroffen. Ich frage mich wo die alle sind. Amerikaner, Briten, Spanier (klar), Italiener und natürlich Asiaten. Meine Blase von gestern ist fast verheilt. Morgen zur Sicherheit noch einmal ein Blasenpflaster, das soll es dann gewesen sein. Meine Fersen sind auch heute wieder ohne Probleme durchgelaufen. Mein Wunder. 🙂

Matschweg

 

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Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 4

Donnerstag – 18. April 2019 – Gründonnerstag

 

Ich habe schon in der Nacht gehört, dass es schüttet wie aus Eimern. Auch am Morgen regnet es noch. Rob ist auch früh wach, bleibt aber noch etwas, da er heute nur einen kurzen Tag läuft. Wir starten und sind 7.30 Uhr in Hornillos del Camino. Ein Opa an der Bar macht uns einen Cafe con Leche und jeden ein Schokobrötchen aus der Mikrowelle. To-Go haben wir noch jeder einen seeehr alten Apfel mitgenommen für den Hunger zwischendurch. Der Weg bis dahin war schotterig aber OK. Von Hornillos geht es weiter nach Hontanas. Der Weg jetzt ist durch den Regen sehr schlammig und meine Laune wird dadurch nicht besser. Die Hippieherberge in San Bol hatte geschlossen und so gab es hier keine Kaffeepause. Der Regen hat zwischenzeitlich aufgehört aber der Schlamm nervt nach wie vor. Ich ziehe den Hut vor den Radpilgern die sich hier durch die Pampe quälen. Man kann zu Fuß nach Santiago pilgern, mit dem Fahrrad oder mit dem Pferd. Die Fußpilger sind aber klar in der Überzahl. Das Buen Camino, den „guten Weg“, wünscht man sich untereinander dennoch. Wir sind in der Meseta. Eine flache Hochebene wo man kilometerweit schauen kann. Von Hontanas ist immer noch nix zu sehen und Antje mag meine schlechter werdende Stimmung gar nicht. Ganz plötzlich führt der Weg bergab und der Kirchturm von Hontanas ist zu sehen. Keinen Kilometer mehr entfernt! Na das war eine Freude. Schließlich sind wir seit dem Mikrowellenfrühstück durchgelaufen und eine Mittagspause kommt zur rechten Zeit! Pasta & Bier gibt es für uns in dem schönen, mittelalterlichen Ort der hauptsächlich vom Camino lebt. Die 69 Einwohner (2018) werden zahlenmäßig sicher von den übernachtenden Pilgern übertroffen. Nach unserer Pause beginnt es wieder zu regnen. Poncho also wieder übergestreift und weiter geht’s. Als nächstes kommt das ehemalige Kloster Sankt  Anton. Das heute verlassene Kloster wurde im 14. Jahrhundert erbaut. Noch erhalten sind die Mauern der Kirche und der doppelte Spitzbogen, durch den heute wie früher der Jakobsweg und die Straße nach Castrojeriz führt. An der Straße, noch gut sichtbar, befindet sich eine Nische, in denen die Mönche Verpflegung für zu spät kommende oder kranke Pilger bereitstellten.

Von hier aus liegen noch 6 Kilometer nach Castrojeriz, unserem Tagesziel, vor uns. Kurz hinter der Klosterruine können wir den Ort schon sehen. Große Freude denn die 28 Regenkilometer für heute sind gleich überstanden. Die deutschen Pilger im Mittelalter konnten Castrojeriz nicht aussprechen und nannten es Castell Fritz. Das steht in meinem Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert. Witzig. Diese Tradition nehme ich scherzhaft gerne an. Wir laufen fast bis an das Ende von Castrojeriz um zur öffentlichen Pilgerherberge zu gelangen. 30 Betten sind in einem großen Raum verteilt. Duschen, Wäsche waschen und ab in die Bar um die nächste Etappe zu planen. An sich habe ich mich auf eine kurze Etappe gefreut. Um im „Plan“ zu bleiben, müssen es morgen aber wieder 26 km sein. Regen soll morgen keiner mehr fallen. Na mal schauen. Ach da fällt mir ein, meine Ferse zähle ich als mein 1. Wunder vom Jakobsweg. Am 1. Tag! Sie war absolut okay vom ersten Schritt an. Ich merke jetzt am Abend die Muskeln, aber das ist nichts was ich nicht aus den Alpen kenne. Vor 24 Stunden bin ich unter Schmerzen in die Herberge gehumpelt und den heutigen Tag, mit der doppelten Distanz überstehe ich völlig schmerzfrei. Ich habe einen guten „Engel des Weges“ bekommen! Gracias! Am linken Zeh habe ich plötzlich eine Blase. Egal. No Blisters – No Story!

In der Bar, in der ich dies hier gerade schreibe, läuft links ein Fernseher mit einer spanischen Soap und rechts von uns ein Lautsprecher mit Musik. Beides in Partylautstärke. Für das Abendessen haben wir uns im Ort etwas aus dem kleinen Markt geholt. Zufällig ebenso wie John aus England und Maria mit ihrer 10 jährigen Tochter Clara aus Köln. Spontan landen unser aller Einkäufe auf einem Tisch. So hatten wir ein reichhaltiges Abendmahl aus unterschiedlichem Käse, Fisch, Oliven, Chorizo und Brot. Marie läuft mit ihrer Tochter bei jeder Gelegenheit ein paar Etappen Richtung Santiago. Immer wenn Clara Ferien hat. Ich bin begeistert von dem Mut und von Claras Interesse am Camino. Mit nur 10 Jahren! Während den Osterferien wollen sie es bis Leon schaffen. Wir haben das coole Gespann nicht noch einmal wieder getroffen aber ich hoffe es hat alles nach ihren Plänen funktioniert. Buen Camino!

Auch John haben wir nicht wieder getroffen obwohl wir eigentlich immer damit gerechnet haben. Er war schon gestern Nacht in Rabe de la Calzadas, wir haben also einen ähnlichen Etappenplan. In der öffentlichen Herberge, in Castell Fritz, sind in dieser Nacht aber noch ein paar andere Pilger die wir noch öfter treffen werden. Ein Spanischer Opi den wir später „den Schnellläufer“ taufen. Er spricht leider nur spanisch, so dass größere Gespräche leider nicht möglich sind. Er läuft mit einem Tempo wo wir nicht mithalten können. Trotz 15 belegter Betten und Dank Ohropax war die Nacht aber angenehm. Gut geschlafen!

Unterwegs in der Meseta

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 3

Mittwoch – 17. April 2019

Der dritte Tag und wir sind noch immer nicht am Camino Frances, den Jakobsweg aus Frankreich, angekommen. ABER HEUTE! Den Wecker hätten wir an sich nicht gebraucht. Die französischen Pilger hier in der Herberge vom Nordweg sind früh wach und frühstücken. Wir packen unsere Sachen und schleichen uns raus. Erst Antje, dann ich, wünschen den anderen „Buen Camino“. Noch ungewohnt für mich aber klar, wir sind jetzt Pilger. Frühstück gibt es auf dem Busbahnhof. Hier gibt es für mich den ersten Cafe con Leche. Als Kaffee-schwarz-Trinker ungewohnt für mich, aber sehr lecker. Ich hatte erst geplant den Kaffee auch in Spanien „sin Leche“ also ohne Milch zu bestellen, den Plan habe ich hier sofort verworfen. 8.00 Uhr auf die Minute startet der Bus vom Busbahnhof Santander Richtung Burgos, wo wir 10.45 Uhr ankommen. Jetzt geht es endlich, richtig los. Burgos und die Kathedrale sind sicher sehr interessant aber wir wollen LAUFEN! Wir schauen uns die Kathedrale nur oberflächlich vom Vorplatz aus an und starten endlich. So sind die ersten Kilometer, heraus aus der Stadt, schon ziemlich aufregend für mich. „Buen Camino“ wünscht ein jeder den man trifft. Wer grüßt in Deutschland, noch dazu in einer Stadt, jemand Fremden? Jedes Buen Camino sagt mir auch „Jetzt geht es wirklich los. Jetzt bist du erkennbar als Pilger.“ Kurz hinter Burgos, auf dem ersten steinigen Weg beginnt meine rechte Ferse wieder zu schmerzen! Na klasse. Gerade einmal 5 Kilometer und schon befürchte ich humpeln zu müssen.

(Rückblick: 6 Wochen vor dem Camino – Frühjahrslauf im Leinawald. Die rechte Ferse beginnt zu zwicken. 5 Wochen vor dem Camino – Citylauf in Dresden. Erstes Humpeln nach dem Lauf. Überlastung. 4 Wochen vor dem Camino – Schneeglöckchenlauf in Ortrand. Nach schon 7 Kilometern stechende Schmerzen bei jedem Schritt. Überlastung. Krücken. Noch drei Wochen zum Auskurieren was an sich auch gelungen war da ich schmerzfrei war.) In Tardajos kaufen wir ersten Notproviant. Kekse, Nüsse und etwas Obst. Die Schmerzen auf den letzten Kilometern nach Rabe de la Calzadas kommen mir nun sehr bekannt vor. Vermutlich haben die 10 kg Zusatzgewicht durch den Rucksack ihren Teil dazu beigetragen. Ich bin froh, da zu sein und hoffe, dass sich meine Ferse schnell erholt. Verdammt! SO kann ich die fast 600 Kilometer nicht weiterlaufen. Ich habe schon im Hinterkopf ein Rad auszuleihen und so neben Antje herzufahren. Ich verbiete mir solche Gedanken so gut es geht. In Rabe de la Calzadas gibt es zwei Herbergen welche fast nebeneinander stehen. Die eine wäre „gruselig“ – die andere die „viel bessere“. Erst einmal duschen, waschen und einen Ortsrundgang. „Ortsbegehung“ haben das meine Eltern früher immer genannt. Kaum im Urlaubsort angekommen, als erstes den Ort erkunden. Das habe ich seitdem auch beibehalten. Der Ort hat nur wenig über 200 Einwohner und so ist der Rundgang schnell beendet. Ein schöner Brunnen in der Ortsmitte, eine Kirche die leider verschlossen ist und eine Bar. Die Bar von Jose. Wenn im Ort 2 Pilgerherbergen sind und dieser Ort nur eine Bar hat, wird Jose eine ganze Menge interessanter Gäste haben. Dies ist in der Bar auch nicht zu übersehen! Eine ganze Wand ist vollgesteckt mit Grüßen, Nachrichten, Wünschen oder Danksagungen anderer Pilger aus der ganzen Welt. Jede Menge Geldscheine der jeweiligen Länder sind mit einer Botschaft versehen und an die Wand gepint. Es gibt Unmengen zu entdecken und zu lesen. Wir stehen zwischendurch immer wieder an der Wand und lesen. Zwischen Cafe con Leche und ein/zwei Cervesas schreiben wir unsere Tagebucheinträge und stehen wieder und wieder auf, weil wir an der Wand etwas Neues entdeckt haben. Wir haben uns für den Camino ein grünes Band mit unseren Namen und der Jahreszahl 2019 bedrucken lassen. Ganze 25 Meter Band um einen Teil als „Wir waren hier“ am Weg zurück zu lassen. Das ist teilweise gang und gäbe. Vor allen an diesen Plätzen wie hier in der Bar von Jose. Seit dem 17. April hängt nun so ein grünes Band von uns mit an der Wand. An der Stelle wo die meisten Deutschen ihre Nachrichten hinterlassen haben. Zum Abschied bekommen wir beide eine kleine Kette mit einem Madonnenanhänger geschenkt. Die Madonna soll uns beschützen auf dem Weg nach Santiago. Ein kleines Geschenk was viel Freude bei mir auslöst. Ich fühle mich nicht so religiös dass ich ein Madonnenbildniss derart verehren würde. Ich habe in diesem Moment aber das Gefühl, dass ich einen Schutzengel bekommen hätte. So bekommt diese Kette einen Ehrenplatz und ich achte den ganzen Weg lang auf sie.

Zurück in der Albergue ist noch ein Bett in unserem Zimmer belegt. Rob. Ein US Amerikaner aus Southwest. Beim Pilgermenü, was die Hospitalera gekocht hat, sind wir aber fast allein. Nur zwei Engländer sitzen mit uns am Tisch. An der Flasche Wein hatten die beiden kein Interesse und so holt Antje Rob mit nach unten vor die Herberge um die Flasche zu leeren. Das angesagte Abendmahl, wofür die Hospitalera warb, haben wir nicht gefunden da es „not in church“ wäre.

Die Nacht war erholsam! Ich habe bequem und ruhig geschlafen. Einen sonderbaren Traum hatte ich in der Nacht der sehr blutig war. =Ich hatte Dornen in meiner Fingerkuppe am Zeigefinger. Nachdem ich die vielen Dornen einzeln herausgezogen hatte sah ich, dass in der Fingerkuppe ein Schneebesen eingewachsen war. Ich konnte die Drähte hin und her bewegen wie einen Ohrring. Ohne Wiederstand. Nur herausziehen war nicht möglich. Ich habe die Drähte einzeln durchgeschnitten und einen nach den anderen herausgefädelt. Dabei riss jeder Draht eine wenig Fleisch vom Finger. Mit jedem Draht blutete es mehr, bis am Ende das Blut aus meiner Fingerkuppe lief wie aus einem Wasserhahn. Traum Ende=

In der Bar von Jose

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 2

Dienstag – 16. April 2019

Gestern waren wir den ganzen Tag zu früh dran. Heute werden wir den ganzen Tag warten. Unser Flug geht erst 15.40 Uhr. Die Nacht haben wir gut geschlafen. Auch wenn es in Berlin ein klein wenig lauter ist als in Oberwiera. Trotzdem sind wir aufgrund der Aufregung schon um 7 Uhr wach. J hat ein äußerst leckeres Frühstück gemacht mit frischen Brötchen. Im TV läuft RTL. Die Nachrichten lassen uns „Privatfernsehen-Verweigerer“ nur den Kopf schütteln. „Schrecklich! Die Asiaten kaufen unser Grillfleisch weg! Kaum noch Schweinefleisch in den Läden. (Erst als Meldung Nummer zwei dass Notre-Dame in Paris gebrannt hat.) Dank unserer Ungeduld können wir RTL-Punkt 7 aber rechtzeitig entfliehen. Auf die S-Bahn nach Schönefeld müssen wir so gut wie gar nicht warten und so sind wir schon kurz nach 9.00 Uhr am Flughafen. „Nur“ noch 5 Stunden bis wir unser Gepäck aufgeben können. Wir laufen die Abfertigungshallen einmal auf und ab bevor wir uns draußen in die Sonne setzen. Während ich meinen ersten Tagebucheintrag mache werden wir von einer Dame angesprochen ob wir etwas über die Notlandung wüssten. Nee. Notlandung? Keine Ahnung! Kurzes googeln sagt uns, dass ein Regierungsflieger der Bundeswehr in Schönefeld notgelandet ist und mit den Tragflächen „Bodenkontakt“ hatte. Zurück in der Abflughalle zeigte sich das Ausmaß. Ankommende Flüge wurden nach Tegel umgeleitet. Die Abfertigung wurde eingestellt. Die ersten Flüge standen als Abgesagt an der Anzeigetafel. Nach kurzer Zeit stauten sich so viele Fluggäste dass die Halle übervoll war. Die Ansage im Flughafen lautete lediglich „Aus betrieblichen Gründen wurde die Abfertigung eingestellt.“ Beunruhigend! Wir wurden leicht panisch und suchten schon nach alternativen wie wir nun nach Spanien kommen könnten. Wären wir nicht viel zu zeitig am Flughafen gewesen, hätten wir die Aufregung gar nicht mitbekommen. Zur Zeit unserer Gepäckaufgabe lief alles wieder relativ normal und auch unser Flug war „laut Plan“ ausgewiesen. Das Boarding startete um 30 Minuten verspätet aber wir fliegen endlich Richtung Spanien! Die Landung in Santander war dann sogar fast schon wieder pünktlich. Mit dem Flughafenshuttle geht es in die Innenstadt und wir fallen fast verhungert in die erste Bar. Danach müssen wir uns etwas beeilen um 21.50 Uhr noch in die Pilgerherberge gelassen zu werden. Mein erstes Bild einer Herberge war ganz okay. Wir waren spät dran und somit konnten wir uns nur noch flüsternd unterhalten. Die Etagenbetten aus Holz haben fürchterlich geknarrt, so dass man nicht traut sich zu bewegen. Beim Einschlafen habe ich Musik aus der Stadt gehört. Musik von einer Prozession. Die Woche vor Ostern ist in Spanien Heilige Woche. Die schwermütigen Trompetenklänge bleiben mir noch tagelang im Ohr.

 

Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 1

Das erste Mal auf dem Jakobsweg war ich im Juni 2008. Seit 2008 bin ich fast täglich auf dem Weg nach Santiago de Compostela. An jedem Arbeitstag 100 Meter. Immer wieder dieselben 100 Meter – auf dem Weg zur Arbeit. Es ist ein Teil des sächsischen Jakobsweges der, wenn man ihn weiter ginge, über Oberfranken, Nürnberg, den Bodensee, durch Frankreich, letztendlich in Saint-Jean-Pied-de-Port auf den Camino Frances kommt. An jedem Arbeitstag 100 Meter von DEM Weg. Dumm nur, dass es täglich dieselben waren und ich Santiago so kein bisschen näher gekommen bin. Im Laufe der Zeit habe ich die Jakobsmuschel am Rand gar nicht mehr wahrgenommen. Antje, die den Camino vor „uns“ schon zwei Mal gegangen ist, hat immer geschwärmt von jeder Minute die man als Pilger verbringt. So ist mir auch ihr Satz „Ich mach das auch nochmal wenn…“ in bester Erinnerung. Naja und am 1. Oktober 2018 hat Antje dann zwei Flüge nach Spanien gebucht. Für Herrn und Frau Schwabe. 😀

Wir starten am 15. April von Berlin aus. Verbringen unsere erste Nacht in einer Pilgerherberge in Santander. Am nächsten Morgen geht es mit dem Bus nach Burgos und dann starten wir unseren gemeinsamen Jakobsweg. Vor uns liegen 600 Kilometer zu Fuß. Santiago de Compostela – danach noch weiter bis an das Ende der „alten“ Welt, an das Kap Finisterre. Einen Monat Zeit und keine weiteren Vorgaben. Keine gebuchten Unterkünfte, keine Pläne, keine Zwänge – der Weg ist das Ziel!

Goethe hat gesagt „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ Zu Shirley Maclaine hat man gesagt, dass man „als eine andere Person“ zurückkehren könnte. Mit verändertem Denken und anderen Eigenschaften. Hape Kerkeling sagte, dass seine „Worte nicht ausreichen um das Gefühl zu beschreiben“. Der Autor Paulo Coelho ist der Meinung dass man nach diesem Weg eine wichtige Entscheidung trifft für sein weiteres Leben. Jetzt bin ich gespannt, was der Camino für mich bereithält.

Den „Wandervirus“ muss ich wohl von meinen Eltern bekommen haben. Ich kann mich an sich nur an Wanderurlaube erinnern. Was mich damals kein bisschen gestört hat. Es waren schöne Urlaube mit reichlich wertvollen Kindheitserinnerungen. Auch wenn ich mich an viele Touren erinnern kann wo ich keinen Schritt mehr gehen wollte und dies auch deutlich gezeigt habe. Sehr deutlich und lautstark. Mit dem Verlassen des Elternhauses war natürlich Schluss mit dieser Art Urlaub zu machen. Als junger Jugendlicher will man natürlich PARTY!!!

Vom Jakobsweg gehört habe ich zum ersten Mal während der Schulzeit. Der Jakobsweg. Ein Pilgerweg zum Grab eines Apostels. Pft! Sowas machen doch nur gläubige Christen. Die aus der Christenlehre – mit Bibelstunden und Singekreis. Alle die „Uncoolen“. Und wieso fahren die da nicht hin? Ohne mich darüber zu informieren. Jakobsweg = Kirche. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass Hape Kerkeling diesen Weg gelaufen ist. „Oh DER?? Nanu?! Guck an. Hätte ich nicht gedacht.“

Gewandert oder gar eine Backpacker Tour hatte ich bis dahin nicht ein einziges Mal wieder. Grob überschlagen müssen es fast 20 Jahre gewesen sein, bis meine Eltern ihre Silberhochzeit hatten. Sie haben dazu eingeladen nach Südtirol. In die Alpen. Und es war mein erstes Mal in den Alpen. Leider war es damals nur ein kurzes Aufflammen. Denn danach lernte ich eine Lebensgefährtin kennen und unsere Urlaubsplanungen waren ab da anders ausgerichtet. Etwa zur gleichen Zeit, wie besagte Lebensabschnittsgefährtin, lernte ich Antje kennen, die in den folgenden Jahren gleich 2 Mal einen Jakobsweg ging. Das Anschauen ihrer Fotos und ihre Berichte brachten mich dazu, meine Meinung über den Camino noch einmal zu überdenken. Besser gesagt mich damit überhaupt zu beschäftigen. Ich staunte! Über die Leute die den Weg gehen, über die Landschaft, die Distanz und den Weg generell!

Dann sind wieder etwa 7 Jahre ohne weiteren Bezug. Ende 2016 sehe ich einen Bericht über eine Alpenüberquerung zu Fuß. (Besagte Überquerung über die ich schon berichtet habe.) Im Januar sitze ich bei einem Urbextreffen bei dem auch Antje wieder mit dabei ist. Das Thema kommt aufs Wandern durch diesen besagten Bericht. Antje sagt an diesem Abend, dass sie definitiv noch einmal den Camino gehen wird. Noch nix geplantes – aber irgendwann. Am nächsten Tag habe ich versucht meiner damaligen Freundin den Jakobsweg schönzureden. „Kannst du dir das nicht irgendwie vorstellen?“ Nein. Das Thema war wieder vom Tisch und aus dem Kopf.

Das Leben ist voll von Überraschungen. Mittlerweile ist Antje meine Frau. Im Winter 2017 planten wir unsere ersten Urlaube. (Plural deswegen, weil wir sofort Pläne für viele Jahre hatten)

Man hört ganz oft dass DER WEG einen ruft. Beim Abstimmen mit meinem Arbeitgeber, über den Zeitraum meiner Auszeit, war noch alles still. Beim Buchen des Fluges habe ich noch kein Rufen vernommen. Beim groben Planen unserer Tagesetappen habe ich es dann zum ersten Mal gehört. … Meine Vorbereitung füllte ab da ein größeres Buch als mein Tagebuch, welches ich mit auf den Weg nehmen werde. Wir starten am 15. April. Reichliche 100 Tage zuvor beginne ich die Tage zu zählen. In den ersten Apriltagen wird das Rufen fast unerträglich laut. Ich will los und meine eigenen Erfahrungen machen.

Ultreya!

 

Montag – 15. April 2019

Die gepackten Rucksäcke liegen schon seit einer ganzen Woche griffbereit im Schlafzimmer. Wir zählen noch viel länger den Countdown dass es endlich losgeht. Kurz vor 12 Uhr mittags fährt erst die Bahn die uns nach Leipzig bringt. Trotzdem sind wir schon kurz nach 8.00 Uhr fertig zur Abfahrt. Geduld ist nämlich genau das, was wir noch nie hatten. Wir werden von Antjes Papa zum Bahnhof gefahren. So gegen elf Uhr war ausgemacht. Wir schlagen etwas Zeit tot und beginnen kurz nach 10 uns anzuziehen. Viel, viel zu früh. „Wir laufen ihm ein Stück entgegen, so vergeht noch etwas Zeit.“ So dachten wir, denn in Wirklichkeit sind wir nicht zum Laufen gekommen. Wir starten also schon zu früh zum Bahnhof nach Gößnitz und sind so fast eine Stunde zu zeitig da. Aber egal … wenigstens geht es los und wir müssen nicht mehr zu Hause warten. Wir stehen noch gar nicht lang am Bahnsteig, da kommt der Zug. Häh?! – Naja die gleiche Bahn, nur eben eine vor „unserer“. Trotzdem nehmen wir diese – warten wir eben in Leipzig weiter. In der S-Bahn setzt sich neben uns eine Deutsche mit ihrer spanischen Freundin. Na so ein Zufall. Wir können gleich mal unsere erlernten Spanischkenntnisse testen. Die Deutsche spricht in einem Kauderwelsch an Sprachen mit ihrer Freundin. Englisch, Deutsch und Spanisch. Es geht um das gegenseitige Besuchen und dass sie es schwer hat, jemanden für ihren Hund zu finden. „ Mucho Complicado!“ Später fällt noch der Satz „ Ist no more dein Problem.“ Und Zack! – unsere ersten Camino-Runnig-Gags. Am Hauptbahnhof in Leipzig sind wir dann auch viel, viel zu früh. Der ICE nach Berlin ist gut gefüllt, wir bekommen nach kurzen suchen aber einen Platz. In Berlin finden wir schnell den Weg zu J und R bei denen wir nochmal übernachten dürfen bevor es dann morgen endlich nach Spanien geht. Als „Bezahlung“ holen wir im EDEKA um die Ecke noch paar Sixpacks Bier und sind dann viel, viel zu früh bei den beiden vor der Tür. Unsere Geduld halt.

Etappe 9: Meraner Hütte – Meran

Der letzte Tag unserer Alpenüberquerung zu Fuß führt uns nur noch hinab nach Meran. „Nur“ ist gut – es sind noch einmal fast 20 Kilometer und 5 Stunden Gehzeit. Wir starten bei 1960 m ü.NN und müssen runter auf 325 m über Null. Wehmut kommt auf, als wir zum Frühstück gehen.

Date Etappe 9

Die Rucksäcke stehen zum Aufbrechen bereit. H & P verabschieden wir nach dem Frühstück. Der Fernwanderweg E5 führt an der Meraner Hütte vorbei und geht hinab nach Bozen. Diesen Weg gehen H & P, um von Bozen aus mit dem Zug nach München zurück zu fahren. Wir verlassen die Hütte in die entgegengesetzte Richtung nach Meran. Auf uns wartet dort morgen früh ein Bus der uns nach Oberstdorf zurückbringt.
8.15 Uhr stehen wir vor der Meraner Hütte. Stolz auf das Geschaffte und traurig da wir den letzten Tagesabschnitt starten. Die Verabschiedung dauert etwas länger. Ein Wanderer, der uns angeboten hat uns zu fotografieren, bereut das Angebot schnell. 4 Personen die dieses Erinnerungsfoto gern hätten … das sind 4 Kameras und nochmal 4 Handys. 😀 Man sieht sich immer zweimal im Leben! :´-(

H, P, Antje und ich.

Eigentlich hätten Antje und ich es so einfach haben können. Die Bergstation des Meran 2000, eine supermoderne Bergbahn, ist nur 2 Kilometer von der Meraner Hütte entfernt. Wir sind in Oberstdorf zu Fuß gestartet, so wollen wir auch zu Fuß in Meran ankommen.

Zum ersten Mal müssen wir auf der Karte schauen wie wir ins Tal laufen könnten. Der Fernwanderweg E5 war durchgängig gleich ausgeschildert. Heute wechseln wir zwischen verschiedenen Wanderwegen um talwärts zu kommen. Der Weg führt uns entlang der Abfahrtspisten und der Schlepplifte, bis wir in den Wald kommen. Soweit ging es noch ganz entspannt abwärts. Wir kommen zum Schluss zur „Katzenleiter“ die noch einmal sehr steil wird. An deren Ende ist die Talstation der Meran 2000-Seilbahn auf 670 Meter ü.NN. Von hier aus ist das Stadtzentrum von Meran mit 1 Stunde ausgeschildert. Es wird mächtig heiß. Die Sonne brennt wieder und wir laufen entlang einer Straße. Vorbei an Apfelplantagen und sogar ein Pfirsich lässt sich stibitzen 😀
Das es heiß war, haben wir gespürt. Etwas erschrocken bin ich aber als wir an einem Thermometer vorbeikommen, was 38°C anzeigt. Entlang der Passerpromenade fallen wir mit unseren schweren Rucksäcken etwas auf. Der Großteil sind Einheimische und luftig gekleidete Flip-Flop-Touristen.
Es ist 13.00 Uhr. Wir wollen schnell zur Jugendherberge. Duschen, Pizza essen und einen Stadtrundgang machen. Wir sind heute schnell unterwegs gewesen. Klar, ging es ja fast nur bergab.

AM ZIEL IN MERAN!

Erfrischt und endlich auch in luftigen Klamotten geht es in die Stadt. Weit ist der Weg nicht. Die Jugendherberge ist nur 300/400 Meter vom Bahnhof entfernt. Da haben wir es morgen früh nicht weit. 😉 Eis, Pizza und etwas Sightseeing. Wir sind am Ziel!

Am nächsten Morgen stehen wir kurz vor 8 am Bahnhof. Der Bus, der E5 Wanderer zurück nach Oberstdorf fährt, ist schnell gefunden. Es ist ein Kleinbus und mit uns sind 12 .. 15 (?) E5ler auf dem Heimweg. Unser Fahrer ist ein Südtiroler der uns interessante Geschichten über seine Heimat berichtet. Wir fahren über den Reschenpass durchs Inntal und noch einmal vorbei an Zams. Mir blutet das Herz.
Das Allgäu und Oberstdorf empfängt uns so wie es uns verabschiedet hat. Es regnet. Der Bus hält nur 100 Meter von unserem Parkplatz entfernt. Wir haben doch gerade erst die Rucksäcke aus dem Kofferraum genommen und sind gestartet – und jetzt schon alles vorbei? Ich glaube je aufregender das Vorhaben, umso leerer die Zeit danach.

Wir sind einmal zu Fuß über die Alpen gegangen. Warum verbringt man seinen Urlaub so? Ich habe anfangs geschrieben, weil ich schon länger mal ein großes Stück Strecke zu Fuß zurücklegen wollte. Aber dafür über die Alpen? Den besagten TV Bericht, 2016, habe ich nur als einen Bericht gesehen. Ein Bericht über etwas völlig verrücktes, trotzdem ebenso spannendes. Damals standen derartige Vorhaben für mich nicht zur Debatte. Unvorstellbar. Nicht wegen der fehlenden Fitness oder Kondition, denn am Marathon war 2016 schon der Haken dran. Manche Urlaubsplanungen sind halt teilweise nicht denkbar. Trotzdem habe ich bei Freunden von diesem Bericht erzählt. „Das war spannend. Das war spektakulär. Das ist der Wahnsinn!“ Die Bedingungen haben sich seit 2016 geändert. Eine dieser Freunde, denen ich vorgeschwärmt habe, ist nun seit April meine Frau. Antje war es, die mich sofort daran erinnert hat, dass wir uns unsere Träume erfüllen wollen – wir uns gegenseitig zeigen wollen, wofür wir brennen. Nicht nachdenken! Machen! Und so war eine Alpenüberquerung das Vorhaben für unseren ersten, gemeinsam geplanten Urlaub. Antje hat den Stein ins Rollen gebracht und wenn ich auf 2019 vorausschaue, ist er nun nicht mehr zu stoppen. DANKE für das Erinnern an alte Träume! DANKE für das Wahrwerdenlassen! DANKE, dass ich dies mit dir erleben durfte und dass du bei mir bist! Wir haben viel Neues gesehen und erlebt. Nervenkitzel, Schmerzen, Freude und jetzt Stolz. So viele Erinnerungen die wir festhalten werden. Es war nicht nur landschaftlich sehenswert und es war auch mehr als nur eine Herausforderung an unsere Kondition. Es war ein Abenteuer wie wir es uns erträumt hatten! Wir fahren nach Hause um eigentlich schnell wieder das Nächste zu planen. Ich will nicht sagen, dass es die Sucht ist, etwas erleben zu wollen. Viel mehr das Gefühl von Freiheit! Frei von Tagesabläufen oder gesellschaftlichen Ordnungen zu sein. Das bzw. DIESES Leben ist ein ganz anderes Miteinander. Es hat nichts mit den Alpen oder den kennengelernten Leuten zu tun, trotzdem stell ich mir seitdem die Frage: Wozu sich für fremde Menschen mühen, wenn man von vornherein nur als Gegenstand gesehen wird. Ich hätte auf diesem Weg nichts getan, was ich nicht will. Wieso muss ich es dann zu Hause tun? Dieses Abenteuer ist beendet, dieser Weg ist gegangen und trotzdem – Fortsetzung folgt!

Etappe 8: Pfandler Alm – Meraner Hütte

Der Wecker klingelt kurz vor 5 Uhr. Es ist noch fast dunkel. Der letzte komplette Tag in den Alpen. Heute gehen wir über die Obere Hirzer Scharte zur Meraner Hütte. Noch einmal auf einer „schwarzen Route“, einmal „über den Wolken“ und ein letztes mal über den Berg. Ab der Meraner Hütte geht dann nur noch eine Etappe hinab nach Meran. 5.30 Uhr stehen H, P und wir vor der Pfandler Alm und marschieren los.

Daten Etappe 8

Langsam! Denn es geht sofort so steil weiter wie es gestern hier endete. Unser Plan, vor der Hitze der Sonne zu fliehen, war sicher richtig. Zwar ist noch alles im Nebel, aber davon war im Wetterbericht ja keine Rede. Wird schon gleich weg sein. Dachte ich, denn auch an der Hirzer Hütte zum Frühstück wird der Nebel noch nicht ganz weg sein. Trotzdem war es gut so früh zu starten. Denn mit 8 Stunden Gehzeit ist es noch einmal ein längerer Tag.
Bis zur Hirzer Hütte (1983 m ü.NN) müssen wir wieder reichlich 600 Höhenmeter aufsteigen. Der Weg dahin ist durch die eingeschränkte Sicht relativ langweilig. Ein reines Kilometer abspulen. Kurz vor der Gompm Alm beginnt sich der Nebel ganz langsam zu lichten. Es ist nun nicht mehr weit und wir warten hier bis wir wieder zu viert sind. An der Hirzer Hütte sind wir willkommene Frühstücksgäste. Schließlich sind die eigenen Übernachtungsgäste gerade fertig.

Weiter geht es mit dem Aufstieg über den „Gebirgsjägersteig“. Die ersten Meter sind noch locker, dann wir es steil. Es geht von Beginn an über Geröllfelder. Die Besteigung ist ab hier wieder eine alpine Unternehmung. 😀 Trittsicherheit, Orientierungsvermögen und Absturzgefahr finde ich bei der Nachlese im Internet. Die letzten 200 Meter haben es auch noch einmal in sich. Der Pfad an den Felskanten ist teilweise nur noch einen Fuß breit. Ohne Einsatz der Hände nicht machbar. Belohnt werden wir aber mit einem der besten Ausblicke unserer Alpenüberquerung. Wir haben endlich Sonne und blauen Himmel. Der Nebel wird ins Tal gedrückt und wir können über den Nebel hinweg die hinter uns liegenden, schneebedeckten Berggipfel sehen. Die Südseite des Hirzers ist nebelfrei. Wir genießen die Sonne hier oben während einer ausgiebigen Pause. Der Hirzer ist 2.781 Meter hoch. Die Obere Scharte liegt bei 2683 Meter Höhe. Auch hier kletter ich die paar Höhenmeter noch hoch um die 2700 noch einmal auf der Uhr zu haben. Tsja … geschafft, nun müssen wir nur noch runter. :´-( Die zweite Hälfte der Tagesetappe geht die ersten 3 Kilometer steil bergab. Wieder so ein schmerzhafter Abstieg über grobes Geröll. Es folgt ein flaches Stück, bis es danach immer im Uhrzeigersinn am Berg entlang geht.

Abkühlung im Kratzberger See

Im Vorfeld habe ich im Internet ein Foto gesehen. Es ging um die Alpenüberquerung auf dem E5. Ein Bericht wie dieser hier. Darin fand ich ein Foto von einem Wanderer der in einem kleinen Bergsee lag in dessen Umfeld Schnee lag. Am Rechner damals hab ich mir gesagt „so ein Foto will ich auch“. Gletscher- und Bergseen hatten wir unterwegs reichlich. Beim ersten war noch meine Ausrede „Ich hab doch gar kein Badetuch“. Dann war mal einer fast zugefroren. Kurz, ich hatte immer einen Grund gefunden, nicht in das kalte Wasser zu müssen. Auf der Karte zeigte sich dann mit dem Kratzberger See eine letzte Chance. „I think we should do this“ … unser Running Gag der Tour (einer davon 😀 ). Nun ist es im Vorfeld immer ein fester Wille gewesen, der dann beim Anblick der Seen verschwunden war. Also war ich wieder bei meiner „nicht nachdenken – nicht nachdenken – nicht nachdenken“ Mantratechnik die schon einmal funktioniert hat. Rucksack runter – Klamotten runter – Kamera bereit? – PLATSCH! REIN! – Foto! – raus! Am anderen Ufer lag noch Schnee, darum hatte ich es kälter erwartet. Nicht angenehm aber eine willkommene Erfrischung. Die letzten Riegel und Nüsse aus dem Notproviant werden noch verputzt und wir gehen weiter. In diesem Moment kommen auch P und H. Wir berichten davon und P ist von der Idee begeistert. Wir sind gerade am See vorbei … PLATSCH! P ist im See und H macht ein Foto. 😀 Die Berge um Meran sind ein begehrtes Skigebiet.

Abkühlung im Kratzberger See

Dementsprechend ist auch auf dem letzten Stück vor der Meraner Hütte alles mit Schlepp- und Sesselliften verbaut. Jetzt weiden hier Kühe und Pferde.
Dann ist es soweit. Unser letzter Check-In in einer Alpenvereinshütte. Der Weg zum Bett ist auf den Hütten etwas anders als in einem Hotel.
Man kommt durch den Schuhraum in die Hütte. Dort werden die Wanderstiefel ausgezogen und die Hüttenschuhe angezogen. Die Wanderschuhe werden zum trocknen in ein Regal gestellt. Meist grenzt an den Schuhraum gleich der Trockenraum. Regennasse oder gewaschene Kleidung wird ausschließlich hier (oder im Freien)getrocknet. Ein Raum, eine Box oder einfach nur Haken sind für die Stöcke vorgesehen. Dann geht es zur Anmeldung und man bekommt einen Schlafplatz zugewiesen. Die Schlafplätze sind alle nummeriert, also gab es nie Schwierigkeiten diese zu finden. Meist wird auf diese Schlafplatznummer am Abend dann abgerechnet. Alles was gegessen und getrunken wird, geht auf eine Karte. Nur Bargeld wird auf den Hütten zur Zahlung angenommen. Wie soll es auch sonst gehen ohne Telefon oder Internetverbindung. Wenn man ankommt, schreibt mann sich in das Hüttenbuch ein. Name, Tag der Ankunft, Tag der „Abreise“ und das Ziel der nächsten Etappe. Falls man auf der kommenden Etappe abstürtzt oder verloren geht, kann das Hüttenbuch eine Hilfe für die Bergretter sein.
Auf der Meraner Hütte ist es alles ebenfalls so. Geduscht und die nassen, gewaschenen Sachen beim Trocknen, setzen wir uns auf die Terasse und warten auf H & P die nur kurz nach uns fertig sind. Das ist unser letzter E5 Abend zusammen und wir wollen ein wenig feiern. Während wir beim Zielbier uns durch alle angebotenen Hüttenschnäpse probieren, beginnt es zu gewittern. Nun haben wir auch das noch miterlebt. Plötzlich Gewitter und Regen – eine halbe Stunde später alles vorbei als wäre nix gewesen. Wir vermissen C und vermuten, dass er an der Hirzer Hütte die Etappe geteilt hat und dort die Weizenbiere abbeißt. Wir genießen diese kleine Abschiedsfeier und verabreden uns zum Frühstück. H & P laufen morgen hinab nach Bozen und wir nach Meran. Fortsetzung folgt

Gesammelte Hüttenfotos: