Harzer-Hexen-Stieg

Prolog:
Wir hatten wieder große Lust zu Laufen! Nach der Radtour an die Nordsee im Sommerurlaub haben wir das Wandern schon etwas vermisst. Deswegen haben wir bei der Planung der Herbstferien nach einem Fernwanderweg Ausschau gehalten. Nach unserer positiven Erfahrung bei der  Alpenüberquerung zu Fuß, auch gern wieder über ein Gebirge. Der Rennsteig hatte sich schnell erledigt weil wir die Distanz in einer Woche nicht schaffen werden. Der Flyer vom Harzer-Hexen-Stieg liegt schon ein Jahr in unserer „To-do-Kiste“ und ist mit seinen zirka 100 Kilometern wie gemacht für 5 Tage Abenteuer. Nach einem anfänglichen Versuch uns selbst Etappen zu suchen und Hotels zu buchen (Es war uns leider nie möglich in jedem Etappenort ein Hotelzimmer zu bekommen. Nacht 1 und 2 war zugesagt – Nacht 3 war kein Platz für uns – Also alles stornieren und von Neuem planen?!) haben wir uns entschlossen das den Profis zu überlassen. „Wandern im Harz“ hatte ein Paket im Angebot was uns sehr zusagte. 5 Tage, 4 Etappen, inklusive Brockenübernachtung, Verpflegungspaketen und Rücktransport. Der Harzer-Hexen-Stieg führt von Osterode aus über den Brocken bis nach Thale. Leider gibt es von Thale aus keine einfache Möglichkeit zurück nach Osterode zu kommen. Der Harzer Tourismusverband hat auf meine Anfrage per Mail einfach nicht reagiert. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, reichlich drei Stunden Fahrzeit und 4-mal umsteigen, wäre die Antwort auch keine Werbung gewesen. Sehr wertvoll war es also den Rücktransport gleich mit inklusive zu haben. Alles war gebucht und bestätigt – die Rucksäcke gepackt und die Vorfreude groß! Dann kam die 2. Corona Welle. Anfang Oktober verhängten die ersten Bundesländer ein Beherbergungsverbot für Gäste aus so genannten Risikogebieten. Zum Risikogebiet wird ein Landkreis wenn es in den vergangenen 7 Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern mit dem Corona-Virus gegeben hat. Ab ca. 10. Oktober stieg diese 7-Tage-Inzidenz für den Landkreis Zwickau sprungartig an, bis wir am 15. Oktober die Schwelle von 50 überschritten hatten. Unsere Laune war im Keller und die Panik war groß! In drei Tagen wollen wir loslaufen und nun steht plötzlich alles auf der Kippe. Zwar hat das Land Niedersachsen das Beherbergungsverbot gerichtlich gekippt, aber Sachsen-Anhalt war dafür umso strenger. Telefonate mit „Wandern im Harz“ konnten uns nicht wirklich beruhigen, denn die eindeutige Antwort die wir uns erhofften war stets ein Vielleicht. Am 16. Oktober war der 7-Tage Wert wieder bei 49 – am 17. Oktober bei 42. Am Samstag, dem 18. 10. starten wir Richtung Harz bei einer 7-Tage-Inzidenz von 34. Alles sieht erstmal sicher aus. Man könnte meinen wir haben nochmal Glück gehabt.

 1. Etappe – Von Osterode nach Altenau:
Wir verlassen kurz vor 9.00 Uhr das Hotel. Mit unseren Wanderrucksäcken und den Wanderschuhen steigen wir ins Auto. Das fühlt sich ganz schön dämlich an. Aber wir fahren nur bis zum großen Wanderparkplatz der am Startpunkt vom Harzer-Hexen-Stieg ist. Mitten in Osterode und sogar kostenfrei! Am Infopavillon machen wir das obligatorische Startfoto und ab gehts. Auf unserer Uhr stehen 227 Meter über Null. Direkt gegenüber des Startpunktes geht es sofort bergauf. Gleich nach den letzten Wohnhäusern von Osterode führt der Weg  in den Wald. Abgesehen von unseren Übernachtungsorten werden wir in den kommenden Tagen nur wenige Orte passieren – und wir bleiben fast durchgängig im Wald. Wir sind unterwegs zum Eselsplatz aber als Erstes begrüßt uns eine Holzfigur am Wegesrand. Im Prinzip eine Infostation zu den Kiepenfrauen. Die Kiepenfrauen waren der Paketdienst des Harzes. Ab dem 16. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert transportierten die Frauen in ihrer Kiepe verschiedene Waren zwischen den Harzorten. Die Arbeit war nicht leicht, denn bis zu 40kg trugen die Frauen durch die Berge. Auf unseren Schultern sind gerademal ca 10kg und das reicht mir schon. Am Eselsplatz ist die erste Stempelstelle für unsere Wanderpässe. Entlang des Hexen-Stiegs sind eine Vielzahl an Stempelpunkten verteilt. Ähnlich wie auf dem Jakobsweg gibt es am Ende eine Urkunde und einen Pin als kleine Auszeichnung. Das hat mir auf dem Camino eigentlich immer Spaß gemacht und darum freue ich mich auf das Stempel sammeln. Das Stempelheft ist schließlich auch ein besonderes und informatives Andenken an den Weg. Abgesehen davon kann man im gesamten Harz Stempel sammeln für eine Wandernadel. Eine sehr gute Idee! Nicht nur der Hexen-Stieg als Sonderpass sondern die Stempelpässe für die Wandernadeln sind ein besonderer Anreiz den Harz wieder und wieder zu besuchen!
Der Weg von Osterode hier hinauf soll bereits im 13. Jahrhundert entstanden sein. Er war bis ins Hochmittelalter die Verbindung zwischen Osterode und Harzburg. Der Weg diente als Heerstraße zur Harzburg, als Versorgungsstraße in den Harz und auch als Erztransportweg. Im Harzer-Korn-Magazin in Osterode wurde das Getreide für die Bergleute im Harz gespeichert. Von hier aus zogen tagtäglich Eselskarawanen um die Bergleute mit Lebensmitteln zu versorgen. Es geht weiter bergan und wir merken langsam, dass wir im nördlichsten Mittelgebirge unterwegs sind. Die Wege sind durch den Regen der letzten Tage mal mehr, mal weniger matschig. Auch der Nebel wird ab und zu dichter und ist kurz darauf wieder komplett verschwunden. Das passt prima als mystische Einstimmung auf unsere Harz-Tour. Wir passieren ein paar größere Teiche und den Entensumpf. Dazwischen immermal wieder eine Stempelstelle. Die Teiche sind schon ein Teil des Oberharzer Wasserregals. Ein Regal war im Mittelalter kein Möbelstück, sondern ein königliches Hoheitsrecht. In diesem Fall das Recht, die Wasserquellen im Oberharz zu nutzen. Meine Fresse, das nenne ich ja mal lehrreich für den ersten Tag! Das Oberharzer Wasserregal ist ein hauptsächlich im 16. bis 19. Jahrhundert geschaffenes System zur Umleitung und Speicherung von Wasser, das Wasserräder in den Bergwerken des Harzer Bergbaus antrieb. Es gilt als das weltweit bedeutendste vorindustrielle Wasserwirtschaftssystem des Bergbaus. Sie erstrecken sich über ein Gebiet von rund 200 Quadratkilometern. Den Rest des Tages sind wir dann auch neben einem Wasserlauf hergelaufen. Er hat den poetischen Namen “Dammgraben“. Er war immer da. Wenn man ihn einmal nicht gesehen hat, verlief er unterirdisch. An der Oker verlassen wir den Hexen-Stieg für heute. In Altenau endet unsere erste Etappe. Nach reichlichen 7 Stunden Gehzeit und fast 29 Kilometern stoppen wir unsere Uhren. Im Landhaus am Kunstberg beziehen wir unser Zimmer und feiern im Kaminrestaurant „Kleine“ Oker unsere erste Etappe.

 

2. Etappe – Von Altenau auf den Brocken
Nach den ersten Schritten am Morgen spüren wir schon ein wenig die Kilometer vom Vortag. Heute geht es auf den Brocken. Die Strecke ist zwar etwas kürzer, führt dafür aber stetig bergauf. Ausgerüstet mit einem neuen Lunchpaket verlassen wir Altenau. Vorbei am Waldbad geht es wieder hinauf zum Dammgraben. Dieser bekleidet uns fast noch den halben Tag. Der Weg wird zwischendurch sogar richtig spektakulär. Eine kleine Umleitung führt uns steil einen Hang hinunter und ich komme mir vor wie in den Alpen. Zum ersten Mal fallen mir heute die großen Flächen abgeholzter Wälder auf. Dazu will ich später noch etwas mehr sagen. Wir laufen einen Skihang hoch und wir kommen nach Torfhaus. Der Ort kommt wie bestellt denn es bahnt sich ein Regenschauer an. Den sitzen wir hier bei Kaiserschmarren und heißer Schokolade mit Rum aus. In Torfhaus gibt es einen der wenigen Geldautomaten am Hexenstieg, was ich auch vorsichtshalber nochmal nutze. Außerdem brauchen wir auch noch eine Füllung für unseren Wander-Flachmann. Gefühlt trage ich den ständig nur leer durch die Gegend, egal wo wir den dabei haben. Eine Flasche roten Gin habe ich ausgewählt und einen Kaffeelikör. Beides ansich Flaschen, die als Mitbringsel oder Souvenir gekauft werden. Als die Verkäuferin fragt, ob sie die Flaschen etwas in Papier einschlagen soll, liegt mir ein „Wozu??“ auf den Lippen. Mit einem „Ja gern“ komme ich dann mit zwei neutral verpackten Flaschen aus dem Laden. Ich komme mir schon etwas vor wie ein Trinker. 🙂 Dann geht es weiter Richtung Brocken. Kaum wieder im Wald kommen wir zum Torfhausmoor. Ein Holzsteg führt hier direkt darüber hinweg. Das Moor liegt in rund 800 Metern Höhe zwischen Torfhaus und dem östlich gelegenen Brocken in einem besonders niederschlagsreichen Gebiet. Es hat eine rund 10.000 Jahre alte, über fünf Meter dicke Torfschicht. Dann wird es voll auf dem Weg. Von weitem hören wir schon die Brockenbahn. Mit jedem Kilometer wird der Weg voller. Immer mehr Wanderer und Touristen strömen Richtung Gipfel. Dazwischen Leute mit Hunden, Kinderwagen und Mountainbiker. Der Weg wird immer dann frei wenn die Harzer Schmalspurbahn vorbeikommt. Denn dann stehen alle am Rand und machen Fotos. Wir natürlich auch und im Grunde sind wir ebenso nur Touristen. Es nervt nur ein wenig die Unachtsamkeit die einige an den Tag legen. Oben angekommen wird es schlagartig kalt und windig. Die Stempelstelle für unsere Wanderpässe muß man hier auf dem Brockenplateau regelrecht suchen. Nach dem Stempel und dem typischen Foto vor dem Schild was den höchsten Punkt markiert, gehen wir ins Hotel. Unser Zimmer im Brockenhotel ist der Hammer! In der dritten Etage erwartet uns ein großes Zimmer (304) mit einer riesigen Fensterfront und einem gigantischen Ausblick! Unser Zimmerschlüssel passt zudem an der Tür zur Aussichtsplattform in der 8. Etage. Als Hotelgäste sind für uns automatisch Plätze im Restaurant reserviert. Wir gehen zwischendurch immer wieder raus um Fotos zu machen. Viele, viele, viele, viele Fotos. Das Zimmer hat einen Fernseher – aber bei diesem Ausblick schaut man lieber aus dem Fenster. (und macht selbst dabei wieder viele, viele, viele Fotos) Je später der Abend umso weniger Leute sind zu sehen. Spätestens nach der Abfahrt der letzten Bahn sind nur noch die paar Hotelgäste hier. Wir gehen zum Sonnenuntergang schon wieder raus um Fotos zu machen. Der Nebel, der anfangs nur kurze Lücken zum Fotografieren hatte, ist jetzt fast komplett verschwunden. Mal ein paar Fakten zum höchsten Berg Norddeutschlands: Er ist kalt (3 Grad im Jahresschnitt), absolut kahl (oberhalb der Baumgrenze) und nie zu sehen (306 Nebeltage pro Jahr!). Wahrscheinlich haben sich deswegen Mythen um diesen vernebelten Berg gerankt. Wenn die Sonne scheint, soll man sogar seinen eigenen Schatten im Nebel sehen können, das sogenannte Brockengespenst. Dass also der Nebel jetzt zum Sonnenuntergang verschwindet und später sogar der Sternenhimmel zu sehen ist, ist für uns sensationell. In der Nacht werde ich zweimal wach und gehe zum Fenster. Ich sehe die Sterne und die Lichter von Ilsenburg.  Die Übernachtung im Brockenhotel war ein Erlebnis!

 

 

3. Etappe – Vom Brocken nach Rübeland
Bei der Verabschiedung im Hotel wird mir nochmal bestätigt, dass wir ziemliches Glück hatten mit dieser Aussicht. Draußen stürmt es und wir sehen zu, dass wir schnell vom Gipfel runter kommen. Die ersten Kilometer laufen wir auf der Brockenstraße. Die abgestorbenen Wälder werden hier wieder sehr deutlich. Was mir fast jeden Tag aufgefallen ist wirkt hier fast ein wenig beängstigend. Ich kann mich gut an Jahre zurückliegende Wanderungen im Harz erinnern. Egal ob 5-6 Jahre zurück oder noch früher, mit meinen Eltern in meiner Kindheit, ich kenne den Harz nur mit dichten, dunklen Wald. Wenn man durch den Harz läuft, ist es nicht zu übersehen, der Wald stirbt oder ist schon längst gestorben. Die Ursachen sind wohl recht einfach. Als im Harz noch der Bergbau regierte, war Holz ein knappes Gut. Also wurde der Großteil der Fläche mit schnellwachsenden Fichten als Monokultur bestellt. Doch leider sind diese Fichten nicht sehr resistent, was Wasserknappheit angeht. In heißen und trockenen Sommern verlieren sie ihre Kraft. Kommt dann ein Borkenkäfer um die Ecke, haben sie keine Chance. Ganze Berge wären kahl wenn die abgestorbenen Stämme nicht stehen würden. Mein erster Gedanke ist panisch.  Auf der der anderen Seite werden vermutlich neue Arten den Harz in Besitz nehmen, zuerst Birken, später dann Eichen, Linden oder Buchen. Der Harz verändert sich halt. Später in Thale ist es sehr deutlich zu sehen – den Laubwäldern geht es wesentlich besser. Aber es ist  schon bedenklich, dass der Mensch diese Veränderungen provoziert. Nicht nur, dass er Monokulturen anbaut und sich wundert, dass sie eingehen.  Nein – durch seinen täglichen Lebenswandel verändert er das Klima nachhaltig. Der Klimawandel ist hier im Harz kein fernes Konstrukt sondern sehr nah und sehr konkret. Der Wald stirbt. Wir verändern diesen Planeten nachhaltig. Wenn man hier wandert, kann man das nur noch schwer übersehen. Der Nationalpark Harz gibt sich große Mühe diesen „Wandel“ zu erklären. Auf zahlreichen Infotafeln und in Flyern wird erklärt, dass tote Bäume auch neuer Lebensraum bedeutet. Auf rund 60% der Waldfläche im Harz greift der Mensch schon heute nicht mehr ein. Bis zum Jahr 2022 sollen es sogar 75% sein. Ich hoffe dass der „Wandel im Wald zur neuen Wildnis“  nicht nur eine Ausrede für die Touristen ist! Schließlich gehören inzwischen auch bei uns zu Hause tote Nadelbäume ins Bild wenn man an Wald denkt. Aber jetzt weiter auf dem Harzer-Hexen-Stieg. Wir laufen weiter, vorbei an Schierke nach 3 Annen Hohne. Ich erkenne auf diesen Kilometern so viele Orte wieder an denen ich als Kind mit meinen Eltern war. Orte wie der „Trudenstein“, die „Spinne“ oder die „Steinerne Renne“. Ohje – ich glaube ich habe damals viel gejammert wenn ich mit meinen Eltern wandern war. Es tut mir bei dem Gedanken jetzt regelrecht Leid. Schließlich müssen es diese Wanderungen gewesen sein, die den „Virus“ bei mir gepflanzt haben. Danke Mutti und Vati!
Wir sammeln weiter Stempel ein und hinter 3 Annen Hohne machen wir Mittagspause mit unseren Lunchpaketen vom Brockenwirt (die Besten unserer Tour!). Danach wird der Weg etwas eintöniger. Orte wie der Königshütter Wasserfall können uns nur kurz begeistern. Zwischen Susenburg und Rübeland spulen wir nur noch Kilometer ab. Der Blick geht immer wieder auf die GPS Uhr – wie viele Kilometer sind es noch? Das Hotel in Rübeland ist schnell gefunden und wir kommen nach rund 6,5 Stunden und 28 Kilometern endlich an.

 

4. Etappe – Von Rübeland nach Thale
Die Nacht in Rübeland war auffällig laut. Zum ersten Mal war das Hotel an einer viel befahrenen Straße und die vorbeirauschenden LKW weckten uns hin und wieder auf in der Nacht. Das Frühstück war Okay und unser Lunchpaket für den heutigen Tag bekamen wir in einer Folietüte vom Fleischer auf den Tisch gesetzt. Unsere Brote konnten wir uns selbst schmieren und somit konnten wir als Vegetarier sogar darüber lachen. Anstelle vom Wirt hätte ich das genauso gemacht! 🙂 An unserem letzten Tag bin ich hochmotiviert. Noch einmal die letzten Kilometer laufen und genießen. Wir wandern den ganzen Tag entlang der Bode. Der Wald hat sich verändert und wir gehen heute Hauptsächlich durch Laubwälder aus Buchen, Linden und Eichen. Dementsprechend herbstlich bunt ist es um uns herum. An der Wendefurther Talsperre sammeln wir einen weiteren Stempel ein und beobachten jemanden beim Wallrunning. Cool! – Aber heute sind wir zum Wandern hier und nicht wegen dem Adrenalin. Wir passieren Altenbrak und kommen überreif für eine Pause in Treseburg an. Ein Eisbecher und ein Bier als Stärkung für den letzten Abschnitt Richtung Thale. Leider ist das Bodetal ab hier gesperrt und der Hexen-Stieg wird umgeleitet. Der Harzer-Hexen-Stieg gilt als Qualitätswanderweg und ist wirklich hervorragend ausgeschildert! Ähnlich wie der Jakobsweg mit seinen gelben Pfeilen ist auch der Hexen-Stieg unübersehbar gekennzeichnet mit einer Hexe. Selbst der Weg an der Talsperre hatte eine fest ausgeschilderte Hochwasserumgehung „nur für den Fall“. Ebenso gut ist die Wegbeschreibung die wir von „Wandern im Harz“ mit auf die Reise bekommen haben. Beides zusammen macht ein Verlaufen nahezu unmöglich. Selbst für Umleitungen wie diese, haben wir in Osterode noch eine aktuelle und detaillierte Wegbeschreibung bekommen. Hinter Treseburg geht es nochmal steil bergauf. Fast 200 Höhenmeter! Ohje! Leider sind die Stempelstellen ab hier nicht mit in unserem Wanderpass aufgeführt. Ansich führt der Weg ja durch das Bodetal. Ich suche mir jede freie Stelle in meinem Pass um trotzdem alles zu sammeln. Die Stecke führt über Wirtschaftswege bis zum Tierpark am Hexentanzplatz. Danach geht es über Serpentinen steil bergab. 11 Kehren zähle ich bis wir auf dem steinigen Pfad unten, an der Bode ankommen. Ab der Jugendherberge Thale kennen wir uns fast aus. Dies sind jetzt tatsächlich die letzten Meter. Glücklich, ein wenig stolz, aber auch ganz schön fertig kommen wir nach fast 8 Stunden Gehzeit am Hotel an. Reichlich 32 Tageskilometer und 108 insgesamt – meine Fresse! Im Hotel bekommen wir unsere Urkunden und das Abzeichen in einem Umschlag überreicht. Ebenso wie die Uhrzeit für den Rücktransport nach Osterode. Wir feiern ein klein wenig und fallen müde ins Bett. Die Rückfahrt am nächsten Morgen verläuft problemlos. Die Buchung über „Wandern im Harz“ war aus der Not heraus, allerdings im Nachhinein betrachtet das Beste was uns passieren konnte! Unvergesslich die Nacht auf dem Brocken und die Wanderung durch den herbstlichen, mystischen Harz. Wir haben beide etwas Muskelkater in den Beinen, ich wäre aber sehr gern noch ein paar Tage weiter gewandert. So stellen wir uns Urlaub vor! Urlaubn-Urlaubn-Urlaubn (insider).
Übrigens überschreitet der Landkreis Zwickau am Tag unserer Abreise wieder die 50 bei der 7-Tage-Inzidenz. Es hätte nicht einen Tag früher passieren dürfen. Wir haben Glück gehabt!

Elberadweg Teil 2 – Mit dem Rad ans Meer

…. Teil 2

Samstag, der 25. 07. 2020 – Hamburg > Abbenfleth. Wir stehen heute etwas später auf da wir gestern nicht ganz so zeitig zum Schlafen gekommen sind. Frühstück haben wir nicht mit gebucht also setzen wir uns zum Kiezbäcker gegenüber. Die Räder sind bepackt und lehnen ein paar Meter weiter an der Wand. Überall liegen Scherben und Schnapsleichen von der letzten Nacht. Ein typischer Reeperbahnanblick, allerdings fühle ich mich ziemlich beunruhigt. Ich bin so „unlocker“ dass ich mich selbst nicht leiden kann. Nach dem Frühstück rollen wir Richtung Fischmarkt um zur Fähre 61 zu kommen. Der Elberadweg ist hier nicht ausgeschildert. Unsere Karte zeigt uns, dass wir auf die andere Seite der Elbe müssen. Ein Vorschlag unserer Radkarte führt weiter ab Finkenwerder. Genau da steigen wir aus der Fähre die hier im Linienverkehr ihre Runden dreht. Ich frage mich, warum Leute eine Hafenrundfahrt für über 20 Euro pro Person buchen, wenn man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unter 5 Euro die Runde rumkommt. In Finkenwerder ist es etwas schwierig den richtigen Weg zu finden. Am Airbus Gelände finden wir die Elberadweg Ausschilderung wieder. An der hauseigenen Start- und Landebahn des Airbus Werkes ist eine Besucherplattform mit ein paar Infotafeln. Sich fast 500 Fußballfelder aneinandergereiht vorzustellen, fällt schwer. Die großen Hallen sind sehr weitläufig verteilt. Auf den Infotafeln ist aber gut erklärt was in welcher Halle gemacht wird. Jetzt müssen wir aber endlich Meter machen denn es ist schon nach 12 Uhr. Kurze Pausen in Jork an der Mühle, in Gründendeich und noch zwei Mal unterwegs. In Stade haben wir unsere Taschen mit Wasser und Lebensmitteln aufgefüllt für das Abendessen und unser Frühstück. Weiter fahren wir Richtung Krautsand immer durchs alte Land. Wir stoppen in Abbenfleth an einem Spielplatz. Dieser ist zwar im Moment noch gut besucht, hat aber einen schönen überdachten Grillplatz für unsere Hängematten. Der Wetterbericht droht gegen Morgen mit Regen. Deswegen ist uns ein überdachter Schlafplatz heute wichtig und Campingplätze sowie günstige Unterkünfte sind inzwischen rar. Etwa 18.00 Uhr gibt es bei uns Abendessen. Spielende Kinder sind zwar keine mehr da, dafür aber ein türkisches Paar was grillt. Seit Stunden! Sie sitzt und rührt keinen Finger. Er grillt und verpackt das fertig Gegrillte wieder. Im Wind und Regen! So geht es über Stunden. Als die beiden in der beginnenden Dämmerung endlich aufbrechen und wir uns erleichtert unser Nachtlager bauen,  kommt eine Gruppe Jugendliche aus dem Nahen Osten mit Wasserpfeifen. Laut lärmend nehmen sie den Platz in Beschlag.  Na die bleiben für länger. Ich habe keine Lust auf 10 halbstarke Schreihälse. Vor allem nicht, wenn ich am liebsten schon schlafen wöllte. Vorsorglich ziehen wir ab. Umsonst die lange Warterei. So kommt es zu einer ungeplanten Verlängerung unserer heutigen Etappe, dennoch radeln wir ziemlich gut gelaunt im Halbdunkeln weiter und ziehen fast jede Scheune, jedes Carport unterwegs kurz als Nachtlager in Betracht. Wir finden dann kurz vor Krautsand ein perfektes Rasthäuschen am Elberadweg. Überdacht und windgeschützt mit Blick auf die Elbe und zwei ankernde Schiffe direkt vor uns. Gefällt mir SEHR! Wie Fledermäuse hängen wir mit unseren Hängematten unter dem Dach und weit über den klebrigen Holzbänken unter denen sich die leeren Alkoholflaschen einer vergangenen Party stapelten . Gute Nacht!

Tageskilometer:                              71,5 km
Gesamtkilometer:                           559 km
Fahrzeit:                                          3.40 (ohne Verlängerung)
Untergrund:                                    Nur noch wild verbundene Gehwege, Feldwege, Straßen.
Ausschilderung:                              Quasi nicht vorhanden. Nur noch sehr selten und klein.
Besonderheit des Tages:                Erstens kommt es anders als man zweitens denkt.

Sonntag, der 26. 07. 2020 – Krautsand > Cuxhaven. Ich schlafe sehr gut! Besser als im Zelt. Gegen Morgen beginnt es zu regnen und es wird auch windiger. Wir schlafen bis 8.00 Uhr und als wir uns aus den Schlafsäcken pellen, regnet es immernoch sehr stark. Auch beim Frühstück schüttet es ordentlich. Wir packen zusammen und ziehen uns wasserdicht an. Regenhosen, Poncho und über die Schuhe ziehen wir Hundekottüten die wir gestern mitgenommen haben. Dezent in schwarz sieht das fast nach einem Überschuh aus. J 9.15 Uhr fahren wir los. Nach zirka 120 Sekunden hört es auf zu regnen. Klasse Timing. Der Radweg  ist noch voller Wasser und wir fahren erstmal so weiter. Krautsand bis zum Sperrwerk Wischhafen. Dieses  grenzt die Wischhafener Süderelbe von der Elbe ab. Das Sperrwerk wird erst 10 Uhr für Fußgänger und Radfahrer heruntergelassen. Wir haben noch fast 20 Minuten und nutzen diese zum Ablegen der Regenklamotten. Während des Wartens kommen wir mit einem älteren Radler ins Gespräch, der uns eine Weisheit mitgibt. „ Wenn du beim Radeln nass wirst, hast du dir keine Zeit genommen.“  Wer Zeit hat, sitzt den Regen aus. Das haben wir (bis auf ein paar wenige Augenblicke) auch getan. Gleich hinter dem Sperrwerk geht es dann nach Freiburg an der Elbe. Ab hier folgt ein weiteres Stück Elberadweg from Hell! Ab dem  Kernkraftwerk Brokdorf fahren wir 20 Kilometer auf Lanwirtschaftswegen gegen den Wind. Nach dem Ostesperrwerk fahren wir auf schlechten Straßen bis Otterndorf. Hier ein Restaurant zu finden wo wir etwas zum Mittag bekommen, lässt uns fast verzweifeln. Gestrandet in einem Dönerimbiss beschließen wir bis Cuxhaven weiterzufahren. Gleich heute noch! Ansich wollten wir in Otterndorf übernachten aber zum einen ist es noch etwas zeitig um Feierabend zu machen und zum anderen wirkt diese Kleinstadt nicht gerade gastfreundlich. Wir buchen über Booking die billigste Unterkunft in Cuxhaven und radeln weiter. Es ist wieder sommerlich heiß bei strahlend blauem Himmel. Es sind nur noch 10 Kilometer aber der Gegenwind wird immer schlimmer. Wir sind wohl tatsächlich fast an der Nordsee. Die vielen Schafsherden, die mitten auf dem Radweg stehen, lenken etwas ab. Auch die Breite der Elbe lässt mich staunen. Seit Hamburg ist der Fluss immer breiter geworden. Die andere Uferseite kann man hier, kurz vor Cuxhaven, fast nicht mehr sehen. Außerdem hat durch den Nord- Ostseekanal der Schiffsverkehr nochmal enorm zugenommen. Durch den starken Wind und die Flut kommen die Wellen schon recht nah an den Radweg. Ab dem Ortseingang von Cuxhaven beginnt die beste Radwegemarkierung des gesamten Elberadweges! Groß, in weiß und blau, ist auf dem Boden aufgemalt wo man entlang fahren muss. In beide Richtungen mit einem riesigem Pfeil! Ganz klasse! Hier kann sich manche Stadt ein Beispiel nehmen! Wir rollen ins Zentrum und kommen ziemlich ausgepowert im Hotel an. Für das wenige Geld ganz okay. Sauberer als in Hamburg. Nach dem Duschen gehen wir zu Fuß zum Hafen. Das spektakulärste an Cuxhaven ist natürlich der Hafen. Dort zieht es uns hin und wir Landeier staunen über die Schiffe und die riesigen Pötte die auf der Elbe Richtung Hamburg fahren. Der Wind am Abend hat etwas nachgelassen aber die Wellen klatschen unter der „Alten Liebe“ geräuschvoll an die Uferbefestigung. Die Alte Liebe ist eine ehemalige Pier im Hafen von Cuxhaven, die heute als Aussichtsplattform dient. Noch ein zwei Fotorunden beim Sonnenuntergang und dann ab ins Bett. Morgen kommen wir ans offizielle Ende des Elberadwegs. Dort wo die Elbe in die Nordsee fließt. Morgen können wir das Ziel feiern!

Tageskilometer:                              77,5 km
Gesamtkilometer:                           636,5 km
Fahrzeit:                                          5.16 h
Untergrund:                                    Asphalt
Ausschilderung:                              Wenn, dann winzig. In Cuxhaven selbst perfekt.
Besonderheit des Tages:                Wer beim Radeln nass wird, hat sich keine Zeit genommen.

Montag, der 27. 07. 2020 – Cuxhaven > Cuxhaven Sahlenburg. Wir werden gegen 8.00 Uhr wach. Unsere gewaschenen Sachen vom Vortag sind noch nicht ganz trocken. Wir duschen, packen und fahren 2 Straßen weiter zur Bäckerei Itjen zum Frühstück. Danach geht es noch einmal durch den Hafen und wir fahren die letzten Kilometer zur Kugelbake. Das ist ein aus Holz errichtetes Seezeichen und kennzeichnet die seewärtige Begrenzung der Elbe, also das Ende der Elbe. Ein Vorgängerbauwerk diente noch als Leuchtturm, heute wird die Kugelbake nur noch nachts als Touristenattraktion angestrahlt. Die Elbmündung hat auf Höhe der Kugelbake eine Breite von etwa 18 km. 18 Kilometer! Wahnsinn! Man sieht, wenn man auf die Nordsee blickt, die Elbe sogar „fließen“. Besser gesagt man erkennt an der Strömung der Elbe die Mündung ins Meer. Das Erinnerungsfoto, mit den Rädern an der Kugelbake, ist nicht so einfach. Vor den Zugängen zu den Stränden sitzen Strandwärter und verlangen 3,00 Euro Eintritt. Außerdem sind Fahrräder am Strand und ganz besonders an der Kugelbake verboten. Nach einem kurzen Bitten und Erklären, warum wir hier unbedingt ein Foto mit unseren Rädern wollen, lässt uns der nette Strandwärter mit Rädern passieren. Allerdings nur in Bekleidung seines Kollegen. Allzuweit geht er aber gar nicht zur Kugelbake hin. Dadurch ist der Markierungspunkt nicht so groß wie wir uns das gewünscht hätten. Dafür haben wir aber Glück, dass gerade ein Containerschiff in Richtung Hamburg fährt und auch mit auf dem Foto landet. Na wenigstens ein kleiner Trost. Danach müssen die Räder raus. Wir gehen erst zur Elbmündung und danach an den Nordseestrand. Alles innerhalb weniger Meter. (Eine kleine Rückblende) Vorgestern, während einer Pause zwischen Hamburg und Cuxhaven, zieht sich Antje die Schuhe aus und patscht durch den Elbeschlamm. Ab Hamburg kann man die Gezeiten der Nordsee auch schon ganz deutlich an der Elbe sehen. Heute hier an der Nordsee ist ebenfalls gerade Ebbe und jetzt stellt Antje fest, dass vorgestern der Schlamm gar kein Watt war. Zweimal am Tag gibt die Nordsee bei Ebbe den Meeresboden frei – vor Cuxhaven sogar 20 km weit in die Nordsee hinein. Im Jahr 2009 hat das Welterbe-Komitee das Wattenmeer zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt. Wir laufen durchs Watt und entdecken viele Muscheln und Krebse im Sand. Wir staunen über die Bojen die jetzt auf dem Sandboden liegen. Naja … vielmehr staunen wir über das lange Seil mit dem die Boje im Meeresboden Verankert ist. Für mich ein etwas gruseliger Gedanke, dass in ein paar Stunden hier 2 Meter Wasser sind. Nach unserer ersten Wattwanderung fahren wir den Weser-Radweg an der Nordsee entlang. Der Weserradweg endet ebenfalls an der Kugelbake in Cuxhaven. Bis nach Bremerhaven sind es nur 56 Kilometer. Ich denke kurz darüber nach – schließlich haben wir 3 Tage Vorsprung – verwerfe das Vorhaben aber dann. Wir wollen doch heute feiern, dass wir am Ziel sind. Am Meer. Mit unseren Rädern ans Meer und ohne Komplikationen. Wir sind zusammen zu Fuß über die Alpen. Gemeinsam, quer durch Spanien an das „Ende der Welt“ gelaufen und jetzt mit unseren Fahrrädern an die Nordsee. Darum fallen wir gleich in die nächste Strandbar. Zwei Flensburger, zwei Küstenkräuter und dann schaun wir mal. PROST! AUF UNS!!1!!
Wir suchen uns auf der Karte einen Zeltplatz aus auf dem wir ca 14.00 Uhr den letzten freien Stellplatz bekommen. Glück muss man haben. Wieder steht unser Raumwunder ganz einsam auf einem großen Wohnmobilstellplatz. Rechts ein Camper, links ein großer Wohnwagen und dazwischen unser kleines Zelt. Der Campingplatz in Strahlenburg ist so verwinkelt und verschlungen, dass wir beim Anmelden einen Stadt- ähhm Platzplan bekommen. Zu den Toiletten fahren wir mit den Rädern – das sagt alles oder?! Seit Tesperhude sehen wir ständig kleine wilde Kaninchen. Hier in Cuxhaven fällt uns das nochmal besonders auf. Antje kann die kleinen wilden Kaninchen hier fast aus der Hand füttern. Wir fahren nochmal kurz ein paar Lebensmittel fürs Abendbrot einkaufen bevor wir nochmal auf ein paar Meter ins Watt gehen. Die nächste Flut ist gegen 18 Uhr und das Wasser ist jetzt schon deutlich näher am Strand. Bei ein/zwei Bier (wir feiern!) planen wir, was wir mit unseren 3 Tagen Vorsprung im Zeitplan anstellen.  Unsre Plan schaut so aus: Wir sind 2 Tage in Cuxhaven gewesen, also haben wir morgen Früh nur noch 2 Tage Vorsprung. Eine Tagesetappe bis Freiburg an der Elbe. Am nächsten Tag rechtselbig weiter bis Kollmar und am Tag darauf nach Hamburg wo wir nochmal übernachten können bis am Freitag unser Zug nach Leipzig fährt. Soweit der Plan. Wenn ich das heute so schreibe muss ich jetzt schon lachen.

Tageskilometer:                              22,5 km
Gesamtkilometer:                           659 km
Fahrzeit:                                          1.31 h
Untergrund:                                    Asphalt
Ausschilderung:                              Alles heute war Gebiet Cuxhaven – also perfekt.
Besonderheit des Tages:                Astra vom Faß – Watt für een Bier.

Dienstag, der 28. 07. 2020 – Sahlenburg > Kollmar. Wir sind mit die Ersten die wach sind auf dem Campingplatz. Es ist noch nichtmal 7 Uhr als wir zusammenpacken. Laut Niederschlagsradar soll um 8.00 Uhr ein kurzer Schauer kommen. Den wollen wir beim Frühstück aussitzen. Zwischen Zeltplatz und Bäcker sind nur 2,5 Kilometer und unser Plan geht auf. In aller Ruhe gibt es Kaffee und ein Frühstück. In der Stadt Cuxhaven kommen wir wieder auf den Elberadweg. Gleich hinter der Stadt spüren wir wieder den heftigen Wind. Dieses Mal aber nicht von vorn sondern als angenehmer Rückenwind. Im Nu sind wir in Otterndorf und Neuhaus. Auf dem 20 Kilometer Stück, was wir vorgestern durch Gegenwind in Schrittgeschwindigkeit fuhren, fliegen wir mit über 30 km/h förmlich nach Freiburg an der Elbe. Es ist noch nichtmal Mittag und wir wären schon am Ziel für heute? Nee. Wir fahren erstmal weiter. Kurz nach 12 sind wir auf der Fähre nach Glückstadt. Hier nehmen wir uns Zeit für eine lange Mittagspause am Fährhafen-Imbiss Happytown. In der Stadt füllen wir unsere Taschen mit Proviant sowie Getränken und fahren weiter. Immernoch 1A Rückenwind schiebt uns Richtung Hamburg. Um 16.00 Uhr fahren wir auf den Elbdeich-Campingplatz in Kollmar. Zeitlich wie immer beenden wir eine Etappe, die eigentlich zwei sein sollten. Dank des Gegenwindes hatten wir heute mit Abstand die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit. Wir verbummeln uns extra einen Tag in Cuxhaven um ihn am nächsten Tag wieder herauszufahren. Ich finde uns klasse. 🙂
Der Campingplatz hier in Kollmar ist sehr familiär und ruhig. Wir sind rechtselbig und hier sind die  Langstreckenradler vermutlich die größte Abwechslung an Gästen. Für einen Stempel in unseren Radwanderpässen gehe ich später noch einmal zum Inhaber des Platzes. Er drückt mir den Stempel in den Pass und erzählt mir eine interessante Geschichte. Auf dem Zeltplatz-Stempel ist die Elbe angedeutet und ein Schiff. Er habe als Jugendlicher, im Jahr 1963, an der Elbe gesessen und auf dieses Schiff gewartet was hier in Richtung Hamburg vorbeikommen sollte. Das Schiff auf dem Stempel wäre die USS Liberty. Auf diesem Schiff wäre im Juni 1963 John F. Kennedy nach Hamburg gefahren bevor er nach Berlin reiste für seine bekannte Rede („Ich bin ein Berliner“). Damit war die Geschichte noch nicht vorbei. Der Zeltplatzchef Johann zeigte mir dann ein Foto von ihm und einem weiteren Mann. Erkennbar vor dem Eingangstor zum Zeltplatz. Dieser Mann neben Johann war ein Gast aus Amerika. So erzählte er weiter. Dieser Herr hätte „sein“ Schiff auf dem Stempel erkannt und interessiert nachgefragt. Er wäre Bootsmann gewesen und 1963 mit Kennedy auf diesem Schiff nach Hamburg gefahren. Eine interessante kleine Geschichte am Rande des Radweges. Ungläubig wie ich bin habe ich das alles gegoogelt und die Liberty tatsächlich bei der US Navy gefunden. Wir kommen wohl morgen Mittag in Hamburg an. Mit 3 Tagen Vorsprung! Am Abend buchen wir das Hostel auf der Reeperbahn noch einmal für 2 Nächte. Dann machen wir eben noch etwas Touri-Programm in Hamburg. Ich freue mich!

Tageskilometer:                              95,5 km
Gesamtkilometer:                           754,5 km
Fahrzeit:                                          4.30 h
Untergrund:                                    Asphalt
Ausschilderung:                              Befriedigend
Besonderheit des Tages:                 USS Liberty und J.F.K.

Mittwoch, der 29. 07. 2020 – Kollmar > Hamburg St.Pauli. Ein sehr kalter Morgen. Die Nacht war mild aber jetzt hat es sehr abgekühlt. Mit uns sind nur Bikepacker als Zeltgäste hier. Ein älteres Paar aus München. Ein jüngeres Paar aus der Schweiz, was bis nach Norwegen radeln will! Eine alleinfahrende junge Frau und zwei ältere Herren die sich aber gestern Abend hier auch zum ersten Mal gesehen haben. Gestern haben sie sich gegenseitig ordentlich die Taschen gefüllt. Wer die unglaublichste Geschichte erzählt, gewinnt oder „ich hab die meiste Erfahrung von allen“. Diese beiden Herren sind die ersten die wach sind und sie haben auch schon alles auf ihren Rädern verstaut als wir aus dem Raumwunder schlüpfen. Wir gehen zum Bad, machen Kaffee und Frühstück und packen danach auch zusammen. Das Seniorenduo steht immernoch in der Gegend herum und schaut auf die Karte. Dann stellen sie sich spontan an einem Imbiss an und besorgen sich ebenfalls Kaffee und Frühstück. Na da haben sich zwei beste Freunde gefunden. Nach einem kurzen Nieselschauer starten wir als erste vom Campingplatz. Rechtselbig in südlicher Richtung. Bis zum Ortseingangsschild von Hamburg sind es etwa 20 Kilometer. Wir hatten aber auch wieder Glück und alle Sperrwerke waren offen für uns. So sind wir ohne Umwege schnell vorangekommen. In Wedel, kurz vor dem Ortsschild „Hamburg“, machen wir am Vormittag ein zweites Frühstück. Ein kleiner Familienbetrieb hat sich hier spezialisiert auf türkisches Frühstück. Was für eine kreative Auswahl! Schade,dass wir nur einmal hier essen können. Ab der Stadtgrenze ist dann die Ausschilderung wieder verschwunden. Klar – wir sind ja wieder in Hamburg. Wir fahren nach Gefühl und sehen später den Radweg, parallel zu uns, etwa 20 Höhenmeter unter uns am Elbufer.  Mit unseren schweren Rädern schleppen wir uns eine Treppe runter und sind wieder auf dem richtigen Weg. Am Campingplatz „ElbeCamp“ machen wir schon die nächste Pause. Wir sind am Falkensteiner Ufer und schon gleich in Blankenese. Wir müssen noch etwas Zeit rumbringen bevor wir in das Hostel können. Das ElbeCamp ist sehr natürlich, mit viel Holz gebaut. Alles ist bunt und durch ein paar Zirkuszelte wirkt hier alles etwas alternativ. Sein Zelt baut man direkt in den Sand vom Elbstrand. Das unterstützt das besondere Feeling hier. Gestern hatten wir hier wegen einer Übernachtung angefragt. Leider waren alle Plätze bereits vergeben. Man hat halt nicht immer Glück. Die Elbe fließt hier direkt am Campingplatz vorbei. Die Fahrrinne der Containerschiffe ist durch die Insel Neßsand nicht weit vom Ufer entfern. Hier sehen wir die großen Pötte so nah wie noch nie. Ab hier wird es voll auf dem Radweg. Touristen, Spaziergänger, Radler und Einheimische wollen alle auf dem Radweg Platz haben. Wobei man hier nicht sagen kann ob die Fußgänger auf dem Radweg laufen oder wir Radler auf den Gehwegen fahren. Blankenese > Othmarschen (gegenüber, in Finkenwerder, sind wir vor 4 Tagen aus der Fähre gestiegen) > Altona > St.Pauli > Reeperbahn. Nach dem Check-in erstmal ein kurzer Mittagsschlaf bevor wir gegen 17.00 Uhr zu Fuß ins Schanzenviertel aufbrechen. Hier fühlen wir uns gleich wohl. Das Schanzenviertel ist ein Szeneviertel wie Dresden Neustadt oder Leipzig Connewitz. Antje hat hier in der Schanze ein vietnamesisches Restaurant gefunden, welches wir ansteuern. Das Essen hier ist tatsächlich erste Klasse. Ein kleiner 2 Personen Tisch ist mit Plexiglasscheiben, die von der Decke hängen, von den umliegenden Tischen abgeschirmt. Corona Bestimmung eben. Man kommt sich vor, als esse man in einer Telefonzelle. Auf dem Rückweg kaufen wir uns in Späties Bier und Schnaps. Ein erstes Outdoor-Konzert finden wir noch und sind dann zur blauen Stunde am Hafen. Hinter der Jugendherberge ist ein Teil des Parks abgesperrt. Wir schleichen uns um den Zaun herum und stehen auf einer verlassenen Terrasse mit Blick auf Fischmarkt und Landungsbrücken. Für den Rückweg zur Reeperbahn leihen wir uns einen E-Scooter. Mit einer App auf dem Handy entsperrt, kommt man mit ordentlichem Tempo schnell voran. Zu zweit auf einem Roller (Geiz ist geil), wird der Weg zu einem kleinen Abenteuer. Seltsam ist dann auch nochmal das Abstellen des E-Scooters. Geparkt werden darf nur in gekennzeichneten Parkflächen. Dies sind meist Orte mit viel Tourismus oder reichlich Potenzial an Fußgängern. Ich stelle den Scooter am Spielbudenplatz ab und wir setzen uns in eine Pizzeria auf einen kleinen Snack. Auf dem Handy sehe ich, dass die Zeit in der E-Scooter App noch immer läuft. Hm … … Google weiß Rat. Der kleine Ständer ist nicht ganz ausgeklappt. Ein kurzer Lauf zurück zum Abstellplatz und alles ist gut. Wir laufen noch über die nächtliche Reeperbahn. Große Freiheit, Beatles Platz, Ritze, Herbertstraße Davidwache und die Alte Liebe. Soviel loswie vergangenen Freitag, ist diesmal aber nicht.Wir sind kurz nach Mitternacht im Hostel und ich freue mich auf zwei weitere Tage in Hamburg.

Tageskilometer:                              50,5 km
Gesamtkilometer:                           805 km
Fahrzeit:                                          3.08 h
Untergrund:                                    Asphalt, in HH z.T. Splitt
Ausschilderung:                              Notdürftig, ab HH keine
Besonderheit des Tages:                Lime macht Mobil 🙂

Donnerstag, der 30. 07. 2020 – Hamburg. Frühstück gibt es wieder beim Kiezbäcker gegenüber. Wenn man nicht ständig nach den Rädern schauen muss, ist das auch wesentlich entspannter. Gestern Nachmittag haben wir uns einen Besuch in der Panik City gebucht. Hier auf der Reeperbahn ist ein Museum von Udo Lindenberg. Wobei Museum nicht annähernd das beschreibt, was es hier auf der Reeperbahn zu sehen gibt. Durch Corona werden die Gruppen für den Rundgang recht klein gehalten. Wir sind 9 Personen und unser Guide Micha achtet ganz genau darauf, dass auch bei jedem die Maske richtig sitzt. Das bleibt hier nicht die einzige Maskierung: Es gibt dann noch Augenmasken für die 3D Brillen und Ohrenmasken für die Kopfhörer….. Der Rundgang ist ein multimediales Feuerwerk über das Leben und die Arbeit von Udo Lindenberg. Er ist nicht persönlich dabei aber auf riesigen Bildschirmen erklärt er uns wie wir mit Likören malen sollen oder in seinem Tonstudio mit ihm einen Song einspielen. Das alles ist noch viel spannender als es hier klingt! Das Highlight ist ein Konzert am Ende. Mit einer 3D Brille standen wir mit Udo auf der Bühne. Ich hätte Lust gehabt gleich nochmal rein zu gehen! Virtuell haben wir von Udo noch einen Eierlikör bekommen. Der war aber echt und den gab es unten an der Bar in der „Alten Liebe“. Funfakt: In Udos Bar stand Meeraner Pfefferminzlikör. 🙂
Nach dieser Vorstellung war das Mittagessen schon überfällig. Als wir gestern mit dem Rad hier angekommen sind haben wir zahlreiche Fischgroßhändler passiert. Nicht die bekannte Fischauktionshalle, sondern die Fischgroßhändler selbst. Viele verarbeiten scheinbar einen Teil ihrer Ware direkt hier im Hafen. Nahezu neben jeder Lieferantenrampe war ein Verkauf, teilweise sogar ein Imbiss oder eine Gaststätte. Dort wollten wir nochmal hin. Zu Fuß immer an der Elbe entlang. Kaffee, Wein, Holz … was hier alles gehandelt oder gelagert wird … ich staune. Vor allem das hier kaum noch Touristen unterwegs sind. Landungsbrücken > Fischmarkt > Holzhafen > Kreuzfahrtanleger > Fischhafen. Auf der Vorbeifahrt haben wir sehr günstige Gerichte gesehen. Ganz so günstig war es dann hier aber nicht. Wer weiß was wir beide (unabhängig voneinander) Preiswertes hier gesehen haben wollen. Dieses Mittagessen für 56,00 Euro war mit Abstand das teuerste unseres Elberadweges. Okay wir haben es auch krachen lassen mit Nachtisch usw. Vor lauter Schreck haben wir aber dann sehr preiswert Getränke bei Lidl gekauft. Kaffee, Wasser und Wein für den letzten Abend an den Landungsbrücken. (Zusammen übrigens unter 5 Euro. Das gleicht das Essen wieder aus. J )Als wir an den Landungsbrücken ankommen, baut eine Band gerade ihr Equipment auf. Durch Corona dürfen in den Clubs keine Konzerte stattfinden. Die Künstler und Musiker haben sich also etwas einfallen lassen. Sie spielen, wie Straßenmusiker, mit einem Hut vor sich. Das haben wir bei unserer ersten Hamburg-Durchfahrt schon erlebt und auch gestern Abend im Schanzenviertel. Hier spricht uns eine junge Frau an die uns diese Hafenkonzerte so erklärt. Als die Band spielt, versammelt sich rasch eine große Traube Menschen um die Musiker. Gespielt werden vor allem bekannte Lieder – Oldies, Nr.1 Hits und aus den aktuellen Charts. Es gibt gut Applaus und es wird mitgesungen und geklatscht. Alles wie auf einem richtigen Konzert. Schon bei dieser Band wird unsere Literflasche Wein leer. Ganz zufällig oder vielmehr ganz bewusst spielt die Band neben einem Getränkekiosk. Astra vom Fass. Ein Zuschauer, anfangs noch harmlose und witzige Zwischenrufe abgebend, trinkt ausschließlich ähm … Eistee. Später singt er Playback mit, tanzt und performt. Das letzte was wir später sehen ist, wie er liegend in einen Rettungswagen gebracht wird. War vermutlich doch kein Eistee?! Ein, zwei, drei Astra später beginnt es dunkel zu werden und es gibt eine kleine Umbaupause. Als dann die zweite Musikgruppe spielt, rückt die Polizei an. Kurze Diskussion – dann die Durchsage: Sie dürften weiterspielen, allerdings ohne Verstärker. Das geht aber mal gar nicht. Darum ist leider Schluss für Heute. Gefolgt von einem „Die Beamten können auch nix dafür – jemand hat sich beschwert“. Was ist typisch Deutsch?? Ach egal. Wir laufen zurück zur Reeperbahn – geht die Party eben dort weiter. Tatsächlich sitzt in der „Alten Liebe“ der Schlagzeuger von vorhin im Schaufenster und spielt Lieder auf der Gitarre. Es ist ein milder Abend. Wir setzen und an den Straßenrand und hören hier weiter zu. Fast unbemerkt setzt sich eine junge Frau neben uns mit 2-3 großen Tüten und einem Katzenkorb. Ich unterhalte mich mit Antje und zwischendurch beginnt die Frau Fragen zu stellen. Smaltalk. Coole Musik. Wie weit die Reeperbahn geht. Wir erfahren, dass sie eben mit der U-Bahn angekommen ist. Sie heißt Steffi und ihre Katzen Lilly und Victoria. Steffi ist gebürtig aus Mannheim, ist aber nirgends richtig zu Hause. Sie kommt viel rum und kennt auch Leipzig. Eine Freundin studiert dort. Steffi hat aber keinen festen Wohnsitz, macht aber nicht den Eindruck eine Obdachlose zu sein. Sie ist auf der Suche nach einem Kloster was hier direkt an der Reeperbahn sein soll. Eine Art Frauenhaus wo sie übernachten will. Antje googelt das „Kloster“ und findet es sogar. Allerdings sind Haustiere ausdrücklich verboten. Hm. Wir googeln weiter und suchen ob bei uns im Hoste Haustiere willkommen sind. In der Tat. Online wird gebucht und wir werden das schon irgendwie hinbekommen. Wir haben ein Bett in einem 6 Bett Zimmer bekommen. Zur Sicherheit nehme ich Lilly und Victoria erstmal mit in unser Zimmer während Antje mit zur Anmeldung geht um mit Steffi einzuchecken. Zeitlich etwas verzögert geht das alles seinen Gang. Im Mehrbettzimmer ist nur noch ein einziges weiteres Bett belegt. Leider ist der andere Gast nicht auf dem Zimmer. Was ja immernoch möglich ist, dass die andere Person eine Katzenallergie hat. Nützt ja nix. Steffi holt ihre Sachen und die beiden illegalen  Katzen (haben wir aus Geiz dann bei der Anmeldung doch verheimlicht). Für den Notfall geben wir noch Antjes Handynummer mit. Außerdem weiß Steffi ja wo unser Zimmer ist falls etwas schief geht. Wir haben Steffi aus Mannheim aber nicht wieder gesehen.

Tageskilometer:                              0 km
Gesamtkilometer:                           805 km
Fahrzeit:                                          0
Untergrund:                                    –
Ausschilderung:                              –
Besonderheit des Tages:                Jeden Tag eine gute Tat.

Freitag, der 31. 07. 2020 – Hamburg > Haselbacher See. Um 10 Uhr müssen wir aus dem Zimmer raus. Das nutzen wir auch fast auf die Minute aus. Wir beladen unsere Räder und fahren nochmal in das Schanzenviertel zum Frühstück. 15 Uhr fährt unser Zug nach Leipzig. Wir haben also noch genug Zeit totzuschlagen bis wir zum Hauptbahnhof fahren. Quer durch die Stadt, nochmal vorbei am Rathaus, fahren wir an die Alster. Kurz nach 11.00 Uhr sitzen wir in der Sonne und ich schreibe hier mein Tagebuch nach. Irgendwann wird es dann aber zu warm (und zu langweilig) und wir fahren einmal um die Alster herum. Später am Hauptbahnhof wird es dann stressig. Sehr viele Fahrgäste strömen durch das Bahnhofsgebäude. Wir mit unseren schweren Rädern sind sehr schwerfällig für dieses Gewusel. Den Bahnsteig haben wir gefunden aber vor „unserem“ fährt erst noch ein anderer ICE von diesem Gleis. Auf dem Bahnsteig ist kaum ein Durchkommen. Wir stehen oben … achja … um auf den Bahnsteig zu kommen muss man Treppen hinunter! Es gibt zwar einen Lift allerdings passt da nur ein Rad rein. Wir stehen also oben und schauen uns das Chaos dort unten an. Ich werde langsam panisch, da unser Zug noch nicht ausgeschrieben ist. Wir haben weit im Voraus unsere Tickets gebucht. Das große Problem waren die Fahrradkarten. Im ICE ist es nicht so einfach mit dem Rad zu reisen wie in der Leipziger S-Bahn. Die Räder werden nur mit separaten Ticket mitgenommen. Alle anderen Züge am Samstag und Sonntag waren für Räder bereits ausgebucht. Deswegen die Rückreise am Freitagnachmittag zur Rush Hour. Ich laufe bestimmt vier, fünf Mal zurück in die große Eingangshalle zur Anzeigetafel, um nachzusehen ob unser Zug endlich mal ausgeschrieben steht und auf welchem Gleis. Endlich! 15.00 Uhr auf Gleis 8 und der Zug kommt pünktlich. Wir haben noch 15 Minuten und wir stellen uns am Lift an. Unten angekommen, suchen wir den Abschnitt wo unser Wagon für Fahrradmitnahme halten wird. Eine andere junge Frau mit voll bepacktem Rad finden wir noch – sonst sieht es gut aus. Der ganze Bahnsteig macht schon lange Hälse wo denn der Zug nun bleibt, als uns eine Durchsage in Panik ausbrechen lässt. „Der ICE nach München hält heute auf Gleis 11.“ Es ist 14.53 Uhr und alle (ALLE!) rennen los. Unsere Räder sind eigentlich viel zu schwer um sie zu tragen. Ich habe mein Gepäck im Vorfeld gewogen und bin auf 20 Kilogramm Zuladung gekommen. Plus Wasser und Verpflegung sowie das Eigengewicht des Rades. Antje und die andere Frau mit dem Rad stellen sich am Lift an während ich versuche mein Rad die Stufen hinaufzuwuchten. Oben angekommen geht es etwa 100 Meter gerade bevor es die Stufen wieder hinunter geht. Antje ist trotz warten am Lift fast zeitgleich mit mir auf Gleis 11 angekommen. Nicht nur das Gleis ist plötzlich geändert, sondern auch die Reihenfolge der Wagen. Am richtigen Wagon angekommen dann der nächste kleine Schock. Um ins Fahrradabteil zu gelangen, müssen die Räder 2 enge Stufen nach ober getragen werden. Der gesamte ICE, der einmal direkt durch ganz Deutschland fährt, hat genau drei – DREI – 3 DREI!!!1!!!! Fahrradplätze. Wir beide und die junge Frau. DREI!! Wie ärmlich für die Deutsche Bahn! Einen Sitzplatz können wir uns eh abschminken und so nehmen wir direkt im Gang, neben unseren Rädern, auf dem Fußboden Platz. Ist ja auch nicht all zu lang. In Hannover steigen wir nochmal um. Räder wieder raus, anderen Bahnsteig suchen (der diesmal tatsächlich stimmt), in den anderen Zug rein. Erst jetzt werde ich wieder etwas ruhiger. Jetzt haben wir sogar einen Sitzplatz. Auf dem Weg nach Leipzig hält der ICE noch einmal in Magdeburg. Wir fahren nochmal relativ nah am Stadtzentrum vorbei und ich schaue schon etwas wehmütig auf die Türme vom Dom. Gerade einmal 11 Tage ist es her, dass wir dort im Schatten gesessen haben und ein Eis verspeisten. Damals einen noch unüberblickbar weiten Weg vor uns und jetzt sitzen wir schon wieder im Zug zurück zum Alltag. Der Zug fährt relativ elbnah bis Schönebeck wo ich die Brücke beim Restaurant Weltrad wiedererkenne. Das ist dann das letzte was mir aus dem Zug heraus bekannt vorkommt. In Leipzig müssen wir jetzt unbedingt unseren Proviant auffüllen. Wir sammeln im Bahnhof ein paar Flaschen Wasser, Brötchen und ein Glas Brotaufstrich zusammen und steigen noch ein letztes Mal in einen Zug. Die S-Bahn fährt uns bis Regis Breitingen. Die Sonne geht gleich unter und wir müssen uns etwas beeilen. Zum einen wollen wir noch den Sonnenuntergang am Haselbacher See sehen, zum anderen brauchen wir noch einen Platz für unsere Hängematten bevor das Tageslicht verschwunden ist. Wir haben hier am Haselbacher See schon ein paar Mal übernachtet in den Hängematten und es war hier nie einfach einen schönen Platz zu finden (Wenig geeignete Bäume, viele Leute mit der gleichen Idee). Auch heute wird es schwierig. Antje hängt etwa 20 Meter von mir entfernt. Irgendwo am Ufer feiern Kids bei lauter Musik. Zum feierlichen Abschluss fehlt nun nur noch die Mutter von Niki Lauda. Ich bin aber zu schnell eingeschlafen um noch mitbekommen zu haben.

Tageskilometer:                              28,5 km
Gesamtkilometer:                           833,5 km
Fahrzeit:                                          1.40 h
Untergrund:                                    Asphalt, Waldweg
Ausschilderung:                              –
Besonderheit des Tages:                Ein Hoch auf die Bahn.

Samstag, der 1. August 2020 – Haselbacher See > Röhrsdorf. Wir werden schon kurz nach halb 8 Uhr geweckt. Irgendwer labert sehr laut. Emil soll seine Sachen besser hier hinlegen, Ihr Mann Dietmar soll dies machen, das tun und schnell noch die Decke nochmal anders legen.  Außerdem „Morgenstund hat Gold im Mund.  Jetzt machen wir erstmal schön Frühstück. Nor? Schön wenn man hier Früh noch seine Ruhe hat?“ Alles im schönsten Assi-Sachsen-Slang. Die Frau, Ursula, hat dazu noch eine besonders laute Stimme. Bestimmt war sie mal eine Lehrerin. Ihr Enkel Emil wird auch dementsprechend beschäftigt oder angestellt. Wir werden durch die Ursel-Show wach und frühstücken auch. Die drei haben vermutlich nichtmal bemerkt, dass wir hier in den Bäumen hingen und alles gehört haben. Ursel mackert ununterbrochen an Dietmar herum. Er hätte gar nichts für Harmonie übrig und überhaupt würde er immer nur negativ denken.  Sein „Vergehen“ war zu erwähnen, dass die Luftmatratze beim letzten Mal schon kaputt war und sie ja auch sehr billig war. Antje und ich wir freuen uns über ein Entenpaar was über uns hinwegfliegt und Ursula kommentiert: „Das war so eine Art Möwe.“ Dietmar wird weiter beschimpft, dass einzige was er könne wäre Bier trinken mit dem Nachbarn. Emil wird zum Ball spielen und Schwimmen genötigt. Irgendwann hören wir gar nicht mehr hin. Nach einer Stunde Ursel ist es nämlich nicht mehr so lustig. Es wird mittlerweile auch voll an unserem wilden Strand. Trotz dem äußerst sparsamen Umgang mit unseren 2 Litern Trinkwasser, sind unsere Wasserflaschen trocken als wir 12.00 Uhr starten. Erstmal zurück nach Regis Breitingen und dann auf den Pleiße Radweg. In der Nähe von Pahna wollen wir an einem Imbiss etwas zum Mittag essen und unsere Flaschen auffüllen. Bei den Preisen vergeht es mir aber gründlich. 0,2 Liter Wasser für 2,00 Euro! Eine Portion Pommes für 6,00 Euro!! Pommes mit einer lauen Bratwurst für 13,90 Euro!!! Verbrecher! Ich bin mir sicher, dass es in Cuxhaven, am Nordseestrand, preiswerter war! In Erinnerung von dort und somit direkt vergleichen, kann ich nur Bier 🙂 . Cuxhaven für 0,5 Liter Astra vom Fass für 2,50€ gegen 3,20€ für ne Flasche hier im Wald. Antje kauft sich eine Caprisonne und das ist unsere Genehmigung auf die Toilette gehen zu können um die Trinkflaschen zu füllen. Mit 35° ist es der wärmste Fahrtag unserer Reise. Was uns auch auffällt – plötzlich ist es wieder bergig. Ziemlich genau um 15.00 Uhr rollen wir in Röhrsdorf die Einfahrt hoch und stoppen den Kilometerzähler.

Tageskilometer:                              36,5 km
Gesamtkilometer:                           870 km
Fahrzeit:                                          2,15 h
Untergrund:                                    Asphalt, Wald- und Feldwege
Ausschilderung:                              –
Besonderheit des Tages:                Imbiss „Am Stausee“ Fockendorf – Wer wird Millionär?

Fazit:

Wie auch schon in Spanien ist es schwierig, alles in Gedanken zu ordnen. Wann wir wo übernachtet haben, rechte oder linke Elbseite oder wo wir Pausen gemacht haben. Ohne Notizen nicht möglich. Wandern oder Radfahren in Etappen machen da keinen Unterschied. Ebenso reichhaltig sind auch die Eindrücke die man mitnimmt. Viele schöne Erinnerungen und bleibende Bilder. Ich bin im Vorfeld die Strecke per Google Maps „abgegangen“. Jetzt, nach der Tour, habe ich plötzlich viele Blickwinkel vor Augen wenn ich von oben auf Havelberg oder Tangermünde (zB) schaue. Ich würde sogar sagen, das muss man gemacht haben um es zu verstehen. Ich bin voll und ganz begeistert und sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit für diese Tour bekommen habe. Zudem noch mit einer Frau, die dieses vermeintlich unstrukturierte Leben genauso liebt! Es war kein ganzer Monat wie im letzten Jahr aber es waren zwei Wochen die ich nicht vergessen werde. Für den „Am besten ausgebauten Radweg“ nimmt die Qualität stetig ab. Untergrund und Ausschilderung werden mit jeder Etappe Richtung Nordsee schwieriger. In den größeren Städten ist es am schlechtesten beschildert aber das ist ja schon bei kleineren Radwegen der Fall. Die schlimmsten Stücke vom Untergrund her sind eindeutig die Abschnitte um Rüterberg und der Abschnitt zwischen Lauenburg und Tesperhude. Der Weg taugt dort gut als Wanderweg, aber für das Rad (vor allem mit schweren Gepäcktaschen) sind diese Stücke eine Materialprobe. Mit einer Radwegkarte kommt man gut voran. Selbst wenn der Weg plötzlich gesperrt ist oder mal schnell eine Abkürzung her muss. Unterkünfte waren trotz Corona kein Problem. Die Verpflegung mit Getränken und Lebensmitteln ist ab Wittenberge aber schwierig. Vor allem entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze gibt es kaum Möglichkeiten einzukaufen. Etwas Weitsicht bei der Etappenplanung ist hier von Vorteil. Der Radweg ist entlang der Touristenhochburgen relativ voll. Ein Schaulaufen der E-Biker. Abseits der Städte sieht man größtenteils Radler die größere Strecken, über mehrere Etappen fahren. Für ein „Walking Village“  ist der Elberadweg aber zu leer. Man trifft sich ein, maximal zwei Mal wieder – dann gehen die Etappen meistens auseinander. Das Zelt hatten wir nicht nur als Notlösung dabei, sondern es war auch fest geplant. Wild campen ist vom Gewissen her schwer. Im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe wird es auch gleich richtig teuer wenn man hier erwischt wird. Um hier mit etwas mehr Ruhe wild zu campen, bedarf es sicher ein paar Nächte an Erfahrung mehr. Schließlich sieht man recht oft wild aufgestellte Zelte am Elbufer. Eine gelbe Karte bekommt die Bahn für die unmögliche Art mit Bikern umzugehen. In den Leipziger S-Bahnen sind Räder kostenlos und man hat ausreichend Plätze für Fahrräder. Selbst in der Rush Hour war es kein Problem. Für einen ICE der einmal von Nord nach Süd durch Deutschland fährt, DREI Stellplätze für Räder bereitzustellen ist unter aller Sau! Selbst die Deutsche Bahn sollte wissen, dass in Hamburg zahlreiche Biker über den Elberadweg ankommen und irgendwie wieder nach Hause müssen. Die Landschaft entlang des Elberadweges ist sehr vielseitig und kann einen zu jeder Zeit ablenken. So spult man Kilometer ab ohne es zu bemerken. Mit mehr Zeit könnte man den Städten etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen. Viele Orte hätten sicher noch etwas Interessantes zu bieten. Manches haben wir durch Zufall gefunden – vieles aber sicher übersehen. Umleitungen auf dem Elberadweg sind relativ selten. Allerdings gibt es ein paar unverständliche Dauerbaustellen. Der Radwanderpass für den Elberadweg ist zwar nett als Souvenir, mehr hat man aber von den gesammelten Stempeln nicht. Es wäre doch etwas Einfaches für (zB) die Stadt Cuxhaven, eine Urkunde auszudrucken. Dafür hätten wir ganz sicher auch ein Paar Euro ausgegeben. Man kann fast durchgängig auf beiden Elbseiten fahren. Es ist also nicht immer die Hauptroute gewesen die wir gefahren sind. Wenn man es auf dem Weg noch etwas einsamer haben möchte, kann man die Touristenzentren meiden. An die Corona bedingten Masken haben wir uns bis zum Schluss nicht richtig gewöhnt. Vor allem auf den Campingplätzen habe ich oft auf dem Weg zur Toilette oder zum Bad die Maske vergessen. In den Städten und beim Einkauf unterwegs war das schon geläufiger.

Antje jeder Kilometer mit dir – ob zu Fuß oder mit dem Rad – ist so einmalig dass ich es nie vergessen werde. Danke für diese vielen, vielen Speicherpunkte an die ich gedanklich zurückkehren kann! Danke für diese Zufriedenheit und danke, dass du mit mir solchen Scheiß machst! Ich will mit dir noch soviele Wege gehen!

Gesamtkilometer:                           870 km
Gesamtfahrzeit:                              54:34 h:min
Durchschnittsgeschwindigkeit:      15,96 km/h
Pace (Durchschnitt):                       3:45 min für 1 Kilometer

 

Elberadweg Teil 1 – Mit dem Rad ans Meer

Freitag, der  17. 07. 2020 – Dessau > Aken. Etwa 500 Meter vom Hauptbahnhof Dessau entfernt, stehen wir an dem Punkt wo der Mulderadweg auf den Elberadweg trifft – ziemlich zentrumsnah. Weder von der Mulde noch von der Elbe ist etwas zu sehen. Wir sind auf der Suche nach dem Zusammenfluss. Ich finde es ganz schön schwach, dass man auf beiden Radwegen an diesem Punkt nicht vorbeigeführt wird. Wird verlassen also den Mulderadweg und lassen auch den Elberadweg erstmal links liegen. Auf eigene Faust und von Google navigiert, fahren wir die B184 entlang. Die Google Navigation passt mir gar nicht aber ohne die hätten wir den Zusammenfluss vermutlich nicht gefunden. Gesehen haben wir auch nur die Mulde. Der Punkt wo Mulde und Elbe zusammentreffen ist so verwachsen mit Dornengestrüpp und mannshohen Disteln, dass die letzten 10 Meter unüberwindbar bleiben. Ich verstehe ja, dass die Tourismusbeauftragten der Stadt Dessau ihr Bauhausgedöhns präsentieren müssen, wenn zwei so bekannte Radwege hier zusammentreffen könnte man das aber auch besser lösen. Wie es besser gemacht werden könnte, werden wir in ein paar Tagen in Havelberg sehen. Genug gemeckert. Nach einem letzten Foto von der Muldenbrücke fahren wir zurück Richtung Stadt um endlich auf dem Elberadweg zu fahren. Den Radweg, der mit einem blauen „e“ markiert ist, fahren wir einen Kilometer bis wir die Elbe zum ersten Mal sehen. Dass exakt hier ein Biergarten ist, kann doch kein Zufall sein 😉 Also machen wir eine Pause und die ersten Fotos von der Elbe. Wir stoßen an auf eine pannenfreie Fahrt und rechnen schonmal aus wie weit wir heute noch kommen. Wir fahren linkselbisch. In den nächsten 2 Wochen werden wir die Seite noch öfter wechseln. Je nachdem wie wir die Orte interessanter finden oder der Weg schöner ist. Von Dessau aus fahren wir noch etwa 15 Kilometer bis Aken. Hier kaufen wir uns Proviant für ein Abendessen und ein Frühstück. Es ist kurz nach 19 Uhr. Wir wollen nicht mehr allzuweit weiterfahren und uns kurz hinter Aken ein Plätzchen für unser Zelt suchen. Auch wenn es hier mit der Fähre eine Möglichkeit gäbe auf die andere Seite zu kommen, bleiben wir vorerst linkselbisch. Der Elberadweg bietet immer auf beiden Seiten eine Variante zum fahren. Hinter einem Schöpfwerk finden wir einen Platz für unser Zelt. Hier sind wir fast unsichtbar versteckt vor Leuten die noch auf dem Radweg unterwegs sind. Wir bauen unser kleines 2 Personen Zelt zum ersten Mal auf. Uns war wichtig, dass wir ein möglichst kleines Packmaß haben, um das Zelt am Oberrohr meines Fahrradrahmens anzupappen. Klein – aber trotzdem groß genug für uns zwei und sogar die Gepäcktaschen bekommen wir mit verstaut. Der Name „Raumwunder“ wird zum Running Gag. Apropos Running Gag … Ein paar hundert Meter vor unserem Lagerplatz sind wir an einem alten Herrenhaus vorbeigefahren. Der Elberadweg führt viele Touristen hier vorbei und somit sichert sich das „Gut Lorf“ als Fahrradstop viele Übernachtungsgäste. Bett und Bike mit Frühstück. Eine große Elberadweg Fahne am Eingang und vermutlich desöfteren eine Party. Anfangs fand ich die leisen Oldies, die man von dort hören konnte sehr angenehm. Beim Einschlafen im Zelt wurde es mit den ersten Schlagern schon etwas nervig. Stufe drei der Stimmungsrakete weckte uns dann immer einmal wieder auf. Alle Ballermannhits in voller Lautstärke. Mehrfach kam Mama Lauda und Johnny Depp Depp Depp. Wie kam ich gleich darauf? Ach ja – unsere Running Gag Sammlung hat nach einem Tag Elberadweg schon drei Einträge. 😀

Tageskilometer:                              37 km
Gesamtkilometer:                           37 km
Fahrzeit:                                          3.00 h
Untergrund:                                    Plattenwege oder Asphalt
Ausschilderung:                              sehr gut
Besonderheit des Tages:                Wie heißt die Mutter von Niki Lauda?

 

Samstag, der 18. 07. 2020 – Aken > Magdeburg. Es war eine relativ kühle Nacht. Als erstes mussten wir unser Zelt von innen trocknen. Heute wird es warm und deswegen haben die ersten Sonnenstrahlen schon genug Kraft das Raumwunder zu trocknen. Wir sitzen schon kurz nach 7 Uhr auf den Rädern. Nach ein paar Kilometern machen wir am Radweg Frühstückspause. Kocher raus zum Kaffee kochen, Brötchen, Käse und Honig in der Sonne am Wegesrand. Ein schönes Leben was ich ein ganzes Jahr vermisst habe. In Breitenhagen haben wir Gelegenheit zum Trinkflaschen auffüllen. An der Fähre gibt es ein Restaurant in Form eines Schiffes. Die Außentoiletten stehen offen und wir füllen unsere leeren Flaschen. Weiter geht es jetzt rechtselbig. Eigentlich nur wegen dem kleinen Ort Ronney, der auf der rechten Seite der Elbe liegt. Wir wählen die Elbfähre Barby ab. Zum einen wollen wir uns das Geld sparen und zum anderen ist ein paar Kilometer eine Brücke eingezeichnet. Zwar ist der Weg nicht ausgewiesen aber wer weiß.
Die Elbebrücke bei Barby ist eine 757 m lange Eisenbahnbrücke aus dem Jahr 1870 mit einem Steg für Fußgänger. Ja – für Fußgänger. Unsere Räder mit den Gepäcktaschen sind fast so breit wie der Steg. 2 mal haben wir Gegenverkehr. Ebenfalls Räder mit Gepäcktaschen. Man kommt schon irgendwie aneinander vorbei, fahren kann man dabei aber nicht. 2004 wurde hier der Bahnbetrieb eingestellt. Die Stadt Barby schloss im mit der Deutschen Bahn einen Vertrag über die Nutzung des Fußweges auf der Elbbrücke, welcher sich seit 1953 bis heute mit einer sechsmonatigen Kündigungsfrist automatisch um ein weiteres Jahr verlängert. In Barby füllen wir wieder unsere Wasserflaschen und weiter geht’s Richtung Pömmelte. Wir verlassen hier den Elberadweg kurz um uns das Ringheiligtum anzusehen. Hier bei Pömmelte entdeckten Archäologen 2006 die Überreste eines mehr als 4.000 Jahre alten Kultortes.  Unweit der Elbe wurde die Kreisgrabenanlage am originalen Fundort rekonstruiert. In Größe, Aufbau und Funktion gleicht das Ringheiligtum Pömmelte dem englischen Stonehenge. Der Bau in Pömmelte bestand jedoch nicht aus großen Steinen, sondern aus Tausenden von Holzpfählen. Beide Anlagen entstanden am Ende der Steinzeit.
13.00 Uhr machen wir Mittagspause in Schönebeck. Im Biergarten des Restaurants WELTRAD manufactur (hier werden tatsächlich seit 1885 Fahrräder mit dem Markennamen WELTRAD hergestellt) Nobel aber Lecker!(Heute gönnen wir uns mal was!) Ein Blick auf die Karte zeigt uns dass wir nur noch 15 Kilometer bis Magdeburg haben. Na schaun wir mal …
Kurz vor dem Stadtrand Magdeburg geht Antje in die Elbe schwimmen. Verglichen mit Dresden ist die Elbe hier nur ein wenig breiter. Vermutlich aber um einiges tiefer. Ich bin hier echt zu feige. Man sieht wie die Strömung in den Buchten kreiselt. Auch wenn es wirklich bestes Badewetter ist, ich bleibe aus Respekt vor der Strömung draußen sitzen. Es sind nur noch wenige Kilometer bis wir von Weitem den Magdeburger Dom sehen können. Beim Mückenwirt, ein Biergarten am Elberadweg, machen wir Rast. Mit einem kühlen Bier verstecken wir uns im Schatten. Es sind nur noch 2-3 Kilometer bis in die Altstadt von Magdeburg. Es ist noch nichtmal 16 Uhr und wir haben schon an unserem 2. Tag auf dem Radweg eine Etappe rausgefahren. Beim Mückenwirt suchen wir nach einer Unterkunft. Die Jugendherberge liegt so zentrumsnah das wir uns schnell entschieden haben. Vor dem Dom gibt es noch ein Eis bevor wir 17 Uhr in der Jugendherberge einchecken. Die Räder stehen im Fahrradkeller und wir gehen noch eine kurze Runde zu Fuß durch die Stadt. Wir suchen eine unserer Enten die wir hier 2018 verklebt haben, leider ohne Erfolg.

Tageskilometer:                              70 km
Gesamtkilometer:                           107 km
Fahrzeit:                                          4.40 h
Untergrund:                                    bis Barby top- dann Kies, Schotter z.T. Straße
Ausschilderung:                              in den Städten saumäßig
Besonderheit des Tages:                 Antje schwimmt in der Elbe

Sonntag, der 19. 07. 2020 – Magdeburg > Bittkau. Das Frühstück in der Jugendherberge war Dank Corona ein wenig abenteuerlich. In den „Frühstückssaal“ kommt man nur durch ein bestimmtes Treppenhaus. Wir stellen unsere Gepäcktaschen vor der Tür ab und gehen rein. Drinnen stellen wir fest, dass es ein Einbahnstraßensystem im Frühstücksraum gibt. Wir werden den Saal also durch eine andere Tür, in ein anderes Treppenhaus verlassen müssen. Brötchen, Kaffee und Eier werden uns auf den Teller gelegt – keine Selbstbedienung wie sonst. Vor den Käse- und Wurstplatten steht eine Box mit sauberen Gabeln und eine weitere mit dreckigen. Jeder hat so seine eigene Gabel am Buffet und diese wird auch gleich wieder „entsorgt“. Wir mussten uns bei der Anreise für eine exakte Zeit zum Frühstück anmelden. Jeder hat dadurch einen 6er Tisch für sich. Als wir fertig sind, bekommen wir eine Diskussion eines anderen Gastes mit, der das mit der Zeit nicht ganz kapiert hatte und nun keinen Tisch hat. Den kleinen Streit nutzen wir um durch die Eingangstür den Saal zu verlassen. Klappt! Mit bepackten Rädern starten wir in einen weiteren heißen Sommertag. Vorbei am Hundertwasserhaus und über die Anna Ebert Brücke. Den Weg kennen wir beide mittlerweile ganz gut vom Silvesterlauf 2018. Wir fahren dann weiter über das Messegelände, vorbei am Jahrtausendturm, am Herrenkrug und in den Elbauenpark. Auch diese Strecke kenne ich gut vom Marathon 2015. Auf dem Weg zum Wasserstraßenkreuz erkenne ich vieles wieder. Kurz vor Hohenwarte kommt eine Umleitung des Elberadweges. Mit 500 Metern ist diese überschaubar, es sollen da aber schon noch ein paar elendig lange Umleitungen kommen. Nach einem kurzen Stop in der Jakobskirche Hohenwarte kommen wir zur Trogbrücke des Wasserstraßenkreuzes.  Es ist die Überquerung des Mittellandkanals über die Elbe. 2003 wurde diese Kanalbrücke Magdeburg über die Elbe fertiggestellt. Ich staune wie schon 2015 Bauklötze beim Anblick dieses Bauwerks und der Schleuse. Wir fahren rechtselbig weiter. In Niegripp finden wir einen Kiosk der 365 Tage im Jahr offen hat um unsere Trinkflaschen nachzufüllen. Der Besitzer fragt uns nach dem Ziel unserer Tour und sagt dann: „Ja. In Cuxhaven war ich auch schonmal mit dem Fahrrad. Ich wollte mal sehen wo der Weg endet. Ich bin aber nur die letzten 10 Kilometer mit dem Rad gefahren. Das hab ich dort geliehen.“  Netter Typ! 365 Tage im Jahr steht er in seinem Kiosk. Respekt! Nicht beneidenswert aber: Respekt! In Rogärtz geht es mit der Fähre auf die linke Elbseite. Es ist mittlerweile so heiß, dass Antje im Bikini fährt. Wir machen Halt am Campingplatz „Sandkrug“. An zwei Seen (Nord- und Südsee) kann hier gecampt werden. Seltsam ist, dass hier überall Baden verboten ist. Wir kühlen uns trotzdem In dem sauberen Wasser ab und sehen jetzt auch den Grund des Badeverbotes. Dichte Schlingpflanzen die das Schwimmen unmöglich machen. Auf dem Campingplatz gibt es nix zum Essen und die sanitären Einrichtungen sind lediglich Dixitoiletten. Nach 5 Kilometern Weiterfahrt auf dem Elberadweg kommt das Hotel „La Porte“. Schon wieder ein zu nobles Mittagessen für uns. Ab morgen sollten wir sparsamer Mittag machen. 😀 Es folgt eine sehr schöne Strecke entlang mehrerer Minidörfer. So wie man sich den Elberadweg vorstellt. Die Elbe immer in Sicht und Wiesen mit Schafen und Kühen. Der Weg selbst ist auf der linken Elbseite aber eher mau. Unzählige Wurzeln die den Asphalt anheben. Ich komme mir vor wie beim Rodeo. In Bittkau kommt ein Campingplatz an einem kleinen See. Das Family Camp Kellerwiehl haben wir uns ausgesucht für die Übernachtung. 15.30 Uhr kommen wir dort an und sind noch die ersten Radler auf diesem Platz. Unser Zelt stellen wir zwischen 3 Bäumen auf. Die kommende Nacht wird sehr warm und darum lautet der Plan „Hängematte“. Das Zelt steht nur als Alibi und für die Gepäcktaschen. Nach einer Abkühlung im See gibt es Kaffee und Mohnkuchen. Zwischenzeitlich sind auch viele Zelte hinzugekommen. Fast ausschließlich Radler mit schweren Gepäcktaschen wie wir. Ein Pärchen fährt die Elbe mit aufblasbaren Kanus ab. Ein Rentnerpaar stellt ihren Wohnwagen mitten auf die Zeltwiese … es gibt viel zu sehen. Außerdem vergeben wir gut gelaunt Spitznamen für die anderen Camper um uns.

Tageskilometer:                              61 km
Gesamtkilometer:                           168 km
Fahrzeit:                                          3.55 h
Untergrund:                                    bis Hohenwarte top- dann Schotter oder Wurzeln zwischen Asphalt
Ausschilderung:                              Umleitungen fraglich sonst ausreichend
Besonderheit des Tages:                 Wir sollten sparsamer essen.

 

Montag, der 20. 07. 2020 – Bittkau > Havelberg. Die Nacht in den Hängematten war gegen morgen doch etwas frisch. Antje hat sich ins Zelt gerettet, ich war zu faul. „Geht schon noch. Wird bestimmt gleich hell.“ Tatsächlich werde ich bald von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Das ist einer der vielen Vorteile wenn man in der Hängematte schläft – man erlebt die Nacht und den Sonnenaufgang viel intensiver. Um uns herum hört man schon jede Menge Zeltreißverschlüsse. Während viele schon umherwuseln, dösen wir immernoch vor uns hin. Brötchen konnten wir vorbestellen. Kaffee kochen wir mit dem Gaskocher. Gegen 9.00 Uhr sind unsere Räder beladen und wir starten. Es ist bewölkt und nicht mehr so warm wie die letzten Tage. Gegen Mittag soll es sogar regnen. Wir sind gut gelaunt und kommen schnell voran. In Tangermünde machen wir auf dem Marktplatz ein zweites Frühstück. Die Kaiser- und Hansestadt Tangermünde ist eine sehr interessante und gut erhaltene Stadt. Hier hätte man sicher einen ganzen Tag verbringen können. In der Altstadt, mit den vielen Fachwerk- und Backsteinbauten schnappe ich die Geschichte der Grete Minde auf. Im September 1617 brannte die Stadt fast vollständig ab. Die Schuld daran gab man – zu Unrecht – der Grete Minde, die aus Rache für das ihr vorenthaltene Erbe gehandelt haben soll. Sie wurde zum Tode verurteilt und 1619 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Figur der Grete Minde steht heute als Erinnerung vor dem Rathaus. Als wir Tangermünde wieder verlassen, zieht ein kurzer Schauer über uns hinweg. Auf den nächsten 15 Kilometern betrachten wir etwas besorgt das Niederschlagsradar. Na kommt ein größerer Schauer auf uns zu. In Arneburg füllen wir unseren Proviant auf und wollen den Schauer hier aussitzen. Auf dem Parkplatz vom Lebensmittelmarkt sitzen wir geschützt vor dem Regen und machen 13.00 Uhr Mittagspause. Ungeduldig wie wir immer sind fahren wir auch viel zu früh weiter. Nach ungefähr 10 Kilometern wird der Regen noch einmal zum Wolkenbruch. Diesmal nutzen wir einen Baum als Wetterschutz. Bei Sandau wollen wir mit der Fähre über die Elbe um dann dort irgendwo zu übernachten. Nur ein paar wenige Kilometer vor der Fährstelle steht, dass die Fähre „vorrübergehend außer Betrieb“ ist. Na klasse. Bis zur nächsten Fähre über die Elbe sind zwar nur 6 Kilometer, aber der Elberadweg dorthin wird umgeleitet. So werden aus 6 km reichliche 18! Ne! Meine Laune ist (vorsichtig gesagt)nicht die Beste. Antje googelt einen „anderen Weg“ der uns recht fix zur Fähre Werben bringt. Sogar sehr komfortabel auf 1A Betonplatten und nicht wie befürchtet durch Schlamm und Schmodder. Nun sind wir schon so weit, jetzt können wir auch noch bis Havelberg fahren. Die Regenwolken sind mittlerweile alle verschwunden und die Sonne scheint wieder mit voller Kraft. Kurz vor der Stadt treffen gleich sechs Radwege aufeinander. Jeder mit seinem eigenen Symbol markiert stehen wir am Radwegekreuz. Vor Havelberg, eigentlich in der Havel, liegt die Stadtinsel mit dem Großteil der Altstadt und daneben die Campinginsel. Ein Campingplatz auf einer Insel. Wie geil ist das denn bitte? Wir fragen spontan an und haben Glück. Die Touristenrunde durch die Stadt machen wir ohne die Gepäcktaschen an den Rädern. Es fährt sich gleich viel leichter. Auch wenn Havelberg tatsächlich einen giftigen BERG zu bieten hat. Satt und froh sitzen wir zum Sonnenuntergang an der Havel. Die Nacht wird wieder eine kühle. Gut, dass wir bis hierher gefahren sind und auf dem Zeltplatz untergekommen sind. Kurz nach uns wurden die ersten Radtouristen weitergeschickt. Wegen dem Corona Virus wird der Platz nicht voll belegt. Das werden wir in den kommenden Tagen noch öfter sehen.

Tageskilometer:                              70 km
Gesamtkilometer:                           238 km
Fahrzeit:                                          4.31 h
Untergrund:                                    Schotter, Verbundpflaster und welliger Asphalt
Ausschilderung:                              trotz der Baustellen ganz gut
Besonderheit des Tages:                Wir brauchen Schnaps für Regenpausen!

Dienstag, der 21. 07. 2020 – Havelberg > Cumlosen. Das wird heute der nervigste Tag. Aber wir starten morgens bei Sonnenschein und Super Laune. Noch nichtmal auf dem Radweg bemerkt Antje, dass sie am Hinterrad fast einen Platten hat. Da ich gestern meine Sonnenbrille verloren habe, hole ich mir schnell Nachschub und dann pumpen wir Antjes Reifen erstmal auf. Den Schlauch wechseln will ich nicht bei voll bepackten Rädern auf dem Rossmann-Parkplatz. Wir beide hoffen, die Luft hält erstmal. Den ganzen Tag bleiben wir heute auf der rechten Elbseite. Gleich zu Beginn müssen wir auf eine 13 Kilometer Umleitung entlang einer Bundesstraße, da der Elberadweg seit 2018 gesperrt ist wegen Bauarbeiten. Die Umleitung ist grauenhaft. Welliger Asphalt. Gefühlt gehen 12 der 13 Kilometer bergauf und der Ausblick reicht vom Industriegebiet bis zum Militärgelände. Zurück an der Elbe wird der Gegenwind immer stärker. Der erste Ort den wir seit langem passieren ist Rühstädt. Das Dorf hat gerade einmal 240 Einwohner. Rühstädt ist aber der storchenreichste Ort Deutschlands. In den letzten Jahren brüteten dort bis zu 40 Storchenpaare – hinzu kommen noch zahlreiche einzelne Störche. Vor jedem Nest ist eine Tafel mit Daten angebracht. Wann die Störche in welchem Jahr angekommen sind, wieviel Jungtiere und wann sie dann wieder Richtung Süden abgeflogen sind. Deswegen kommen jedes Jahr zwischen 55.000 und 65.000 Touristen den Ort. Der Störchereichtum ist damit auch ein Wirtschaftsfaktor. Wikipedia sagt, dass etwa 130 Arbeitsplätze in Gastronomie und Hotellerie den Störchen zu verdanken sind. Von wegen! Kein einziges Restaurant, Café oder Imbiss hatte geöffnet. Nach einer weiteren Stunde Gegenwind ist die nächste Umleitung ausgeschildert. Ein netter Opi am Wegesrand sagte uns aber, dass der Radweg am Vortag noch frei war. Toll! Wenigstens was. Außerdem ist hier ein offenes Bauerncafé im Ort!  Im Garten von Scherfs Bauernhof sind Tische und Stühle aufgestellt und aus einem Fenster werden selbstgebackener Kuchen und frisch gekochte Gerichte verkauft. Und Bier! J Das hat uns ein wenig unsere Stimmung gerettet. Gut gestärkt geht es weiter nach Wittenberge. Gedanklich noch die schönen Städte Tangermünde oder Havelberg im Kopf, folgt ein kleiner Kulturschock als wir Wittenberge näherkommen. Bahngleise, Baustellen, ein Industriegebiet und der (historisch geglaubte) Uhrenturm ist aus dem Jahr 1929. Quadratisch, praktisch, nicht gut. L Der Elberadweg führt uns auch schnell an der Stadt vorbei. Noch bevor wir in den nächsten Ort kommen, beschließen wir den Tag zu beenden. Ein kurzer Blick auf die Karte zeigt uns in der nächsten Ortschaft einen Landgasthof mit einer Pension. Wir versuchen es dort auf gut Glück aber diesmal werden wir weiter geschickt. Vielmehr ein paar Meter zurück. Dort ist eine private Zimmervermietung. Gesagt, getan. Aber auch diese Dame will uns weiterschicken da sie nix frei hat. Höchstens … naja … in der Werkstatt hätte sie noch ein Notbett. Die so genannte Werkstatt ist eine 1A schicke Wohnküche mit separatem Badezimmer. Na da brauchen wir nicht zu überlegen. Wir bleiben hier und für diese „Notlösung“ bekommen wir sogar noch einen Sonderpreis. Einen Fuffi für uns zwei inklusive Frühstück. Bingo! Als erstes will ich mich gleich noch um Antjes Hinterrad kümmern. Die Luft hat zwar gehalten aber ich will auf Nummer sicher gehen. Die Vermieterin hat in der ehemaligen (vermutlich KFZ) Werkstatt sogar einen Kompressor. Das spart mir das leidige Luft aufpumpen mit der Minipumpe. Die Wäsche wird uns gewaschen und sogar vorgetrocknet. Dann entschuldigt sich die Dame, sie müsse noch etwas machen. „Morgen bekommen wir so einen Automower. Das Grundstück ist mir langsam zuuuu groß um dauernd den Rasen zu mähen.“  Automower wird sogleich in die imaginäre Running-Gag-Liste eingetragen und wir gehen in den Landgasthof Essen. Auch dort die nächste positive Überraschung. Meine fleischlos umbestellte Portion Bandnudeln mit Hühnchen – also ohne Hühnchen – wird wegen dem „ohne Hühnchen“  vom Preis halbiert. Sehr nett! Scheint als ob der Ort Cumlosen den verkorksten Tag wieder gut machen will.

Tageskilometer:                              56,5 km
Gesamtkilometer:                           294,5 km
Fahrzeit:                                          4.05 h
Untergrund:                                    schlechte Straßen, schlechte Plattenwege, Kopfsteinpflaster
Ausschilderung:                              fast nicht vorhanden
Besonderheit des Tages:                Cumlosen rettet den Tag.

Mittwoch, der 22. 07. 2020 – Cumlosen > Bitter. Der Elberadweg und die Elbe sind Thema am Radler Frühstückstisch. Wir beide, ein älteres Radlerpaar und ein Bauarbeiter. Das ältere Paar will Freitag am Timmendorfer Strand sein. Wir staunen. Fast 250 Kilometer. Später rasen die beiden auf ihren E-Bikes an uns vorbei. Überhaupt nimmt unsere Wut auf E-Biker langsam hassähnliche Züge an. Später mehr.
Wir starten bei strahlend blauem Himmel und ohne Wind. Wir fahren heute entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Wir bleiben rechtselbig auf der DDR Seite. Ab Schnackenburg stehen noch zahlreiche NVA Grenztürme. Einige davon sind begehbar. Wir pausieren an fast jedem Turm. Wir fahren an vielen kleinen Orten in kurzer Folge vorbei. Jeder Ort hat am Elberadweg ein eigenes Ortsein- und Ausgangsschild in blauer Farbe. Dömitz ist mit 3000 Einwohnern der größte Ort am heutigen Tag. Die einzige Chance Lebensmittel einzukaufen (inkl. Notfallschnäpse). Mit voll bepackten Taschen geht es weiter entlang der alten innerdeutschen Grenze. Der Radweg wird immer schlimmer. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt. Kurz vor Rüterberg ist der „beliebteste Radfernweg Deutschlands“ nur noch ein Waldweg. Bekannt wurde die Gemeinde durch den 1989 von ihren Einwohnern ausgerufenen Status der Dorfrepublik Rüterberg. Das Dorf war zwischen zwei Grenzzäunen eingeschlossen und selbst vom Gebiet der DDR abgeschnitten. Nur durch ein bewachtes Tor konnten die Bewohner ihr Dorf nach Vorlage des Passierscheins verlassen oder betreten. Besucher konnten nicht empfangen werden. Als Protest gegen die durch die Isolierung bestehende Situation riefen die Bewohner am 8. November 1989 die Dorfrepublik Rüterberg aus. Bereits einen Tag später fiel die Berliner Mauer und Rüterberg war seit dem 10. November 1989 frei zugänglich. Ein geschichtlich sehr interessanter Ort der touristisch noch einiges machen könnte. Es folgen wieder viele kleine Orte. Ein kleiner Biergarten direkt am Weg lädt uns nochmal zu einer kurzen Pause ein. Der Biergarten sitzt voll mit Radlern. Die Bedienung scheint Küche und Bar allein zu stemmen. So dauert unser Bier bis zur Bezahlung fast eine Stunde. Genügend Zeit die Karte zu studieren. Wir wollen heute sparsamer übernachten. Unser Zelt wieder irgendwo im Grünen aufstellen. Wir sind an der Elbe und fast überall erstreckt sich das UNESCO-Biosphärenreservat. Illegales Campen kann hier schnell teuer werden. Aber selbst wenn wir noch 20 Kilometer weiter fahren kommt keine Übernachtungsmöglichkeit. Kurz hinter dem Dorf Bitter ist ein Rastplatz direkt am Weg. Hier machen wir uns erstmal breit bevor wir, einmal über den Deich, unser Zelt am Ufer und unter einem Baum aufstellen. Es ist fast dunkel beim Aufbau also sollten wir erstmal sicher sein. Die Nacht schlafe ich trotzdem sehr unruhig. Ich glaube Schritte zu hören, andere Radfahrer oder sogar eine Autotür.

Tageskilometer:                              67 km
Gesamtkilometer:                           361,5 km
Fahrzeit:                                          4.20 h
Untergrund:                                    angenehmer Plattenweg, um Rüterberg einer der argsten Abschnitte
Ausschilderung:                              befriedigend
Besonderheit des Tages:                 Viele Pausen – viele Kilometer.

Donnerstag, der 23. 07. 2020 – Bitter > Tesperhude. Die „Schlafenszeit“ habe ich nicht so gut genutzt. Wenig geschlafen und wenn, dann nur leicht. Am Morgen waren wir ziemlich schnell beim Zeltabbau. Zurück an dem Rastplatz vom Vorabend. Nach dem Frühstück sind wir schon um 8.00 Uhr wieder im Sattel. Wild gecampt haben wir schon unzählige Male, aber hier habe ich mich zum ersten Mal nicht so wohl gefühlt dabei. Die erste Pause machen wir in Darchau an der Fähre. Auch hier steht wieder ein alter NVA Turm der erkundet werden kann. Unsere Trinkflaschen sind alle leer. Nach 2-3 Kilometern hat ein Bauer seine Scheune zu einem kleinen Museum umgebaut. Es geht um die Grenze, NVA und die DDR generell. Antje findet am Zaun einen Gartenschlauch. Hastig füllen wir alles auf was wir an den Rädern haben. Immerhin 5 Liter auf beide Räder verteilt. Nach wiederum etwa 2-3 km die nächste Pause. Ein offener Selbstbedienungswagen. Getränke & Snacks für 1 oder 2 Euro mit Kasse des Vertrauens. Die gekühlten Getränke sind zu verlockend. Das ehemalige Grenzgebiet ist nicht gerade üppig ausgebaut in Sachen Versorgungspunkten. Diese gute Idee wollen wir gern nutzen. Jetzt sollten wir aber mal paar Kilometer machen. Bis Boizenburg ziehen wir durch. Hier genehmigen wir uns ein zweites Frühstück bei einer netten Bäckerin die uns stolz erzählt, dass ihr Mann alles selbst macht und keine fertigen Backmischungen aus dem Großhandel nimmt. Was wir probieren schmeckt auch tatsächlich besonders. Nicht so süß und „alles gleich“ wie bei den Fillialbäckern die man in Einkaufscentern findet. Nach der Stadt geht es steil bergauf zum Elbbergmuseum (Ein-Fluss-Reich). Ein Freilichtmuseum über die Elbe, ihre Hochwasser und natürliche Flußläufe. Ein cooles Mitmachmuseum wo man vieles selbst ausprobieren kann. Ein interessantes Thema und unter normalen Umständen hätten wir hier länger zugebracht. An dem Aussichtsturm, mit Blick auf die Elbe, legen wir einen Travel-Bug ab den wir am Viaduktradweg aufgenommen hatten. Gute Weiterreise! Ebenfalls auf dem Elbberg ist ein ehemaliger Grenzpunkt zwischen BRD und DDR. Checkpoint Harry. Eine rekonstruierte Grenzanlage die ein heruntergekommenes Restaurant beherbergt. Für einen Stempel in unserem Radwanderpass trinken wir aber trotzdem noch ein kühles Bier. Dann geht es weiter entlang einer Bundesstraße. Ebenso steil bergab wie zuvor hinauf. Der gut ausgebaute Radweg rollt gut und so sind wir schnell in Lauenburg. In Lauenburg erwartet und grässliches Kopfsteinpflaster. Die Stadt mit Werft und Hafen ist sehr sehenswert. Die Elbe wird jetzt sichtlich breiter und der Radverkehr nimmt deutlich zu. Hinter Lauenburg erwartet uns ein Stück Elberadweg was den Namen Radweg nicht verdient hat! Ein staubiger Waldweg, der so steil nach oben geht, dass wir unsere Räder fast nicht schieben können. Wir kommen ordentlich ins Schwitzen UND Fluchen! Die dann folgenden 15 Kilometer entlang des Hochufers, rauben mir den letzten Nerv. Ständiges auf und ab und das auf einem ausgewaschenen Waldweg. Unfahrbar! Unser Etappenziel in Tesperhude erreichen wir mit dem letzten Körnchen Energie. Spontan – wie immer – fragen wir beim Campingplatz Hohes Elbufer an und haben wieder Glück. Ab hier bekommen wir auf jedem Campingplatz einen Wohnmobilstellpatz zugeteilt. Aufgrund der Corona Pandemie werden die Zeltwiesen nicht vergeben. So kann der Mindestabstand ohne Kontrolle eingehalten bzw. kontrolliert werden. Unser Raumwunder steht oft verloren in einer Ecke des Stellplatzes. Ein lustiger Anblick. Der Campingplatz in Tesperhude liegt direkt an der Elbe und hat sogar mehrere Badestellen im Fluss. Trotz dass die Elbe hier schon von größeren Schiffen befahren wird. Uiuiui! Antje springt sofort wieder hinein. Der gesamte Tag war wieder sonnig und heiß. Die ersehnte Abkühlung vor Augen lasse ich all meine Bedenken links liegen und bin auch, das erste und einzige Mal, in der Elbe zum Schwimmen. Aber nur kurz. J Die Feigheit kommt dann doch wieder. Außerdem finde ich die Elbe riecht …. speziell. Definitiv sauber aber ganz anders als ein Teich oder gar ein See. Den Geruch wird man aber nur beim Duschen los. Apropos Duschen – die Duschen und Toiletten sind nur mit Mundschutz zu betreten und in manchen Duschen wird abgezählt wieviel Personen rein dürfen. Heute haben wir den ganzen Tag über die Fahrräder gezählt, die uns entgegen gekommen sind. Wir hatten längst die Befürchtung, dass mehr E-Bikes unterwegs sind als „normale“. So kam es zu der Idee unserer Volks- … ähm Radzählung. Antje zählte die E-Biker und ich die Normalos. And the Winner is >>> die Elektroniker! Über 50 Prozent elektrische Räder. Auch sportliche, junge Leute. Ein wenig unverständlich für uns und wir hoffen, dass sich dieser Trend nicht gar so lang hält. Wie die digitalen Bilderrahmen die mittlerweile wieder verschwunden sind. Morgen geht es schon nach Hamburg! Oh! Ein kurzer Tag mit nur 45 Kilometern, dafür mehr Tourizeit in der Hansestadt. Unser Hotel ist direkt auf der Reeperbahn. Die Vorfreude ist groß 🙂 !

Tageskilometer:                              73,5 km
Gesamtkilometer:                           435 km
Fahrzeit:                                          4.45 h
Untergrund:                                    Plattenweg, fester Split und abartiger Waldweg
Ausschilderung:                              winzige Schilder – gerade noch OK
Besonderheit des Tages:                 Trotz großer Schiffe in der Elbe gebaden.

Freitag, der 24. 07. 2020 – Tesperhude > Hamburg. 8.00 Uhr ist inzwischen unsere gewohnte Startzeit. Am Morgen liegen überall tote Mücken. In den Toiletten, Duschen und an den Waschplätzen im Freien – alles ist mit einer schwarzen Schicht bedeckt. Der Zeltplatz schläft noch als wir winkend am Platzwart vorbeifahren. Es ist bewölkt und daher auch nicht so heiß wie die letzten Tage. Die Kilometer hinter Tesperhude sind um Welten besser als die davor. Es geht flach und auf festem Splitt an der Elbe entlang nach Gessthach. Außer einer gewaltigen Schleuse hat die Stadt aber nichts Außergewöhnliches zu bieten. Bei Altengamme verlieren wir den Elberadweg. Wir irren erst etwas hin und her bis wir begreifen, dass wir mit den Rädern über einen Friedhof müssen. Die Ausschilderung wird jetzt mit jedem Kilometer schlimmer. Wir sind  mit dem Elberadweg auch nicht mehr an der Elbe. So kurz vor Hamburg fahren wir auf langen Geraden über Wiesen und Felder. Es trifft uns auch noch ein Regenschauer und wir packen uns kurz wetterfest ein. Ab Ochsenwerder wird es sehr schnell städtischer und wir sehen zum ersten Mal die bekannten Türme der Kirchen und des Rathauses. Plötzlich sind wir in der Speicherstadt und wir wechseln schnell in den Tourimodus. Fotos vor der Speicherstadt, dem Rathaus, den Landungsbrücken und dem Hafen. Natürlich immer mit dem Rad. Eine Woche sind wir jetzt unterwegs und sind schon in Hamburg angekommen. Es ist 14.00 Uhr und es ist jetzt wieder sonnig. Wir beziehen unser Zimmer im A&O Hostel auf der Reeperbahn. Die Räder müssen leider draußen bleiben. Wir duschen und dann gehen wir zu Fuß noch einmal in die Stadt. Am Ende versacken wir beim Essen und Bier auf der Reeperbahn. Trotz Corona ist hier ziemlich viel los und wir feiern etwas unser Etappenziel Hamburg. An den Bars und Kneipen der Umgebung schallte durch die offenen Türen verschiedenste Musik, auf einem Platz spielte eine Liveband –Reeperbahn Freitagnacht – wunderbar!  Wir sind bald wieder hier, also habe ich später noch Gelegenheit etwas mehr von Hamburg zu berichten.

Tageskilometer:                              52,5 km
Gesamtkilometer:                           487,5 km
Fahrzeit:                                          3.28 h
Untergrund:                                    Plattenweg, Straßen und Gehwege
Ausschilderung:                              so gut wie keine
Besonderheit des Tages:                 Auf der Reeperbahn nachts um halb eins …

…ENDE TEIL 1

Etappe 9: Meraner Hütte – Meran

Der letzte Tag unserer Alpenüberquerung zu Fuß führt uns nur noch hinab nach Meran. „Nur“ ist gut – es sind noch einmal fast 20 Kilometer und 5 Stunden Gehzeit. Wir starten bei 1960 m ü.NN und müssen runter auf 325 m über Null. Wehmut kommt auf, als wir zum Frühstück gehen.

Date Etappe 9

Die Rucksäcke stehen zum Aufbrechen bereit. H & P verabschieden wir nach dem Frühstück. Der Fernwanderweg E5 führt an der Meraner Hütte vorbei und geht hinab nach Bozen. Diesen Weg gehen H & P, um von Bozen aus mit dem Zug nach München zurück zu fahren. Wir verlassen die Hütte in die entgegengesetzte Richtung nach Meran. Auf uns wartet dort morgen früh ein Bus der uns nach Oberstdorf zurückbringt.
8.15 Uhr stehen wir vor der Meraner Hütte. Stolz auf das Geschaffte und traurig da wir den letzten Tagesabschnitt starten. Die Verabschiedung dauert etwas länger. Ein Wanderer, der uns angeboten hat uns zu fotografieren, bereut das Angebot schnell. 4 Personen die dieses Erinnerungsfoto gern hätten … das sind 4 Kameras und nochmal 4 Handys. 😀 Man sieht sich immer zweimal im Leben! :´-(

H, P, Antje und ich.

Eigentlich hätten Antje und ich es so einfach haben können. Die Bergstation des Meran 2000, eine supermoderne Bergbahn, ist nur 2 Kilometer von der Meraner Hütte entfernt. Wir sind in Oberstdorf zu Fuß gestartet, so wollen wir auch zu Fuß in Meran ankommen.

Zum ersten Mal müssen wir auf der Karte schauen wie wir ins Tal laufen könnten. Der Fernwanderweg E5 war durchgängig gleich ausgeschildert. Heute wechseln wir zwischen verschiedenen Wanderwegen um talwärts zu kommen. Der Weg führt uns entlang der Abfahrtspisten und der Schlepplifte, bis wir in den Wald kommen. Soweit ging es noch ganz entspannt abwärts. Wir kommen zum Schluss zur „Katzenleiter“ die noch einmal sehr steil wird. An deren Ende ist die Talstation der Meran 2000-Seilbahn auf 670 Meter ü.NN. Von hier aus ist das Stadtzentrum von Meran mit 1 Stunde ausgeschildert. Es wird mächtig heiß. Die Sonne brennt wieder und wir laufen entlang einer Straße. Vorbei an Apfelplantagen und sogar ein Pfirsich lässt sich stibitzen 😀
Das es heiß war, haben wir gespürt. Etwas erschrocken bin ich aber als wir an einem Thermometer vorbeikommen, was 38°C anzeigt. Entlang der Passerpromenade fallen wir mit unseren schweren Rucksäcken etwas auf. Der Großteil sind Einheimische und luftig gekleidete Flip-Flop-Touristen.
Es ist 13.00 Uhr. Wir wollen schnell zur Jugendherberge. Duschen, Pizza essen und einen Stadtrundgang machen. Wir sind heute schnell unterwegs gewesen. Klar, ging es ja fast nur bergab.

AM ZIEL IN MERAN!

Erfrischt und endlich auch in luftigen Klamotten geht es in die Stadt. Weit ist der Weg nicht. Die Jugendherberge ist nur 300/400 Meter vom Bahnhof entfernt. Da haben wir es morgen früh nicht weit. 😉 Eis, Pizza und etwas Sightseeing. Wir sind am Ziel!

Am nächsten Morgen stehen wir kurz vor 8 am Bahnhof. Der Bus, der E5 Wanderer zurück nach Oberstdorf fährt, ist schnell gefunden. Es ist ein Kleinbus und mit uns sind 12 .. 15 (?) E5ler auf dem Heimweg. Unser Fahrer ist ein Südtiroler der uns interessante Geschichten über seine Heimat berichtet. Wir fahren über den Reschenpass durchs Inntal und noch einmal vorbei an Zams. Mir blutet das Herz.
Das Allgäu und Oberstdorf empfängt uns so wie es uns verabschiedet hat. Es regnet. Der Bus hält nur 100 Meter von unserem Parkplatz entfernt. Wir haben doch gerade erst die Rucksäcke aus dem Kofferraum genommen und sind gestartet – und jetzt schon alles vorbei? Ich glaube je aufregender das Vorhaben, umso leerer die Zeit danach.

Wir sind einmal zu Fuß über die Alpen gegangen. Warum verbringt man seinen Urlaub so? Ich habe anfangs geschrieben, weil ich schon länger mal ein großes Stück Strecke zu Fuß zurücklegen wollte. Aber dafür über die Alpen? Den besagten TV Bericht, 2016, habe ich nur als einen Bericht gesehen. Ein Bericht über etwas völlig verrücktes, trotzdem ebenso spannendes. Damals standen derartige Vorhaben für mich nicht zur Debatte. Unvorstellbar. Nicht wegen der fehlenden Fitness oder Kondition, denn am Marathon war 2016 schon der Haken dran. Manche Urlaubsplanungen sind halt teilweise nicht denkbar. Trotzdem habe ich bei Freunden von diesem Bericht erzählt. „Das war spannend. Das war spektakulär. Das ist der Wahnsinn!“ Die Bedingungen haben sich seit 2016 geändert. Eine dieser Freunde, denen ich vorgeschwärmt habe, ist nun seit April meine Frau. Antje war es, die mich sofort daran erinnert hat, dass wir uns unsere Träume erfüllen wollen – wir uns gegenseitig zeigen wollen, wofür wir brennen. Nicht nachdenken! Machen! Und so war eine Alpenüberquerung das Vorhaben für unseren ersten, gemeinsam geplanten Urlaub. Antje hat den Stein ins Rollen gebracht und wenn ich auf 2019 vorausschaue, ist er nun nicht mehr zu stoppen. DANKE für das Erinnern an alte Träume! DANKE für das Wahrwerdenlassen! DANKE, dass ich dies mit dir erleben durfte und dass du bei mir bist! Wir haben viel Neues gesehen und erlebt. Nervenkitzel, Schmerzen, Freude und jetzt Stolz. So viele Erinnerungen die wir festhalten werden. Es war nicht nur landschaftlich sehenswert und es war auch mehr als nur eine Herausforderung an unsere Kondition. Es war ein Abenteuer wie wir es uns erträumt hatten! Wir fahren nach Hause um eigentlich schnell wieder das Nächste zu planen. Ich will nicht sagen, dass es die Sucht ist, etwas erleben zu wollen. Viel mehr das Gefühl von Freiheit! Frei von Tagesabläufen oder gesellschaftlichen Ordnungen zu sein. Das bzw. DIESES Leben ist ein ganz anderes Miteinander. Es hat nichts mit den Alpen oder den kennengelernten Leuten zu tun, trotzdem stell ich mir seitdem die Frage: Wozu sich für fremde Menschen mühen, wenn man von vornherein nur als Gegenstand gesehen wird. Ich hätte auf diesem Weg nichts getan, was ich nicht will. Wieso muss ich es dann zu Hause tun? Dieses Abenteuer ist beendet, dieser Weg ist gegangen und trotzdem – Fortsetzung folgt!

Etappe 8: Pfandler Alm – Meraner Hütte

Der Wecker klingelt kurz vor 5 Uhr. Es ist noch fast dunkel. Der letzte komplette Tag in den Alpen. Heute gehen wir über die Obere Hirzer Scharte zur Meraner Hütte. Noch einmal auf einer „schwarzen Route“, einmal „über den Wolken“ und ein letztes mal über den Berg. Ab der Meraner Hütte geht dann nur noch eine Etappe hinab nach Meran. 5.30 Uhr stehen H, P und wir vor der Pfandler Alm und marschieren los.

Daten Etappe 8

Langsam! Denn es geht sofort so steil weiter wie es gestern hier endete. Unser Plan, vor der Hitze der Sonne zu fliehen, war sicher richtig. Zwar ist noch alles im Nebel, aber davon war im Wetterbericht ja keine Rede. Wird schon gleich weg sein. Dachte ich, denn auch an der Hirzer Hütte zum Frühstück wird der Nebel noch nicht ganz weg sein. Trotzdem war es gut so früh zu starten. Denn mit 8 Stunden Gehzeit ist es noch einmal ein längerer Tag.
Bis zur Hirzer Hütte (1983 m ü.NN) müssen wir wieder reichlich 600 Höhenmeter aufsteigen. Der Weg dahin ist durch die eingeschränkte Sicht relativ langweilig. Ein reines Kilometer abspulen. Kurz vor der Gompm Alm beginnt sich der Nebel ganz langsam zu lichten. Es ist nun nicht mehr weit und wir warten hier bis wir wieder zu viert sind. An der Hirzer Hütte sind wir willkommene Frühstücksgäste. Schließlich sind die eigenen Übernachtungsgäste gerade fertig.

Weiter geht es mit dem Aufstieg über den „Gebirgsjägersteig“. Die ersten Meter sind noch locker, dann wir es steil. Es geht von Beginn an über Geröllfelder. Die Besteigung ist ab hier wieder eine alpine Unternehmung. 😀 Trittsicherheit, Orientierungsvermögen und Absturzgefahr finde ich bei der Nachlese im Internet. Die letzten 200 Meter haben es auch noch einmal in sich. Der Pfad an den Felskanten ist teilweise nur noch einen Fuß breit. Ohne Einsatz der Hände nicht machbar. Belohnt werden wir aber mit einem der besten Ausblicke unserer Alpenüberquerung. Wir haben endlich Sonne und blauen Himmel. Der Nebel wird ins Tal gedrückt und wir können über den Nebel hinweg die hinter uns liegenden, schneebedeckten Berggipfel sehen. Die Südseite des Hirzers ist nebelfrei. Wir genießen die Sonne hier oben während einer ausgiebigen Pause. Der Hirzer ist 2.781 Meter hoch. Die Obere Scharte liegt bei 2683 Meter Höhe. Auch hier kletter ich die paar Höhenmeter noch hoch um die 2700 noch einmal auf der Uhr zu haben. Tsja … geschafft, nun müssen wir nur noch runter. :´-( Die zweite Hälfte der Tagesetappe geht die ersten 3 Kilometer steil bergab. Wieder so ein schmerzhafter Abstieg über grobes Geröll. Es folgt ein flaches Stück, bis es danach immer im Uhrzeigersinn am Berg entlang geht.

Abkühlung im Kratzberger See

Im Vorfeld habe ich im Internet ein Foto gesehen. Es ging um die Alpenüberquerung auf dem E5. Ein Bericht wie dieser hier. Darin fand ich ein Foto von einem Wanderer der in einem kleinen Bergsee lag in dessen Umfeld Schnee lag. Am Rechner damals hab ich mir gesagt „so ein Foto will ich auch“. Gletscher- und Bergseen hatten wir unterwegs reichlich. Beim ersten war noch meine Ausrede „Ich hab doch gar kein Badetuch“. Dann war mal einer fast zugefroren. Kurz, ich hatte immer einen Grund gefunden, nicht in das kalte Wasser zu müssen. Auf der Karte zeigte sich dann mit dem Kratzberger See eine letzte Chance. „I think we should do this“ … unser Running Gag der Tour (einer davon 😀 ). Nun ist es im Vorfeld immer ein fester Wille gewesen, der dann beim Anblick der Seen verschwunden war. Also war ich wieder bei meiner „nicht nachdenken – nicht nachdenken – nicht nachdenken“ Mantratechnik die schon einmal funktioniert hat. Rucksack runter – Klamotten runter – Kamera bereit? – PLATSCH! REIN! – Foto! – raus! Am anderen Ufer lag noch Schnee, darum hatte ich es kälter erwartet. Nicht angenehm aber eine willkommene Erfrischung. Die letzten Riegel und Nüsse aus dem Notproviant werden noch verputzt und wir gehen weiter. In diesem Moment kommen auch P und H. Wir berichten davon und P ist von der Idee begeistert. Wir sind gerade am See vorbei … PLATSCH! P ist im See und H macht ein Foto. 😀 Die Berge um Meran sind ein begehrtes Skigebiet.

Abkühlung im Kratzberger See

Dementsprechend ist auch auf dem letzten Stück vor der Meraner Hütte alles mit Schlepp- und Sesselliften verbaut. Jetzt weiden hier Kühe und Pferde.
Dann ist es soweit. Unser letzter Check-In in einer Alpenvereinshütte. Der Weg zum Bett ist auf den Hütten etwas anders als in einem Hotel.
Man kommt durch den Schuhraum in die Hütte. Dort werden die Wanderstiefel ausgezogen und die Hüttenschuhe angezogen. Die Wanderschuhe werden zum trocknen in ein Regal gestellt. Meist grenzt an den Schuhraum gleich der Trockenraum. Regennasse oder gewaschene Kleidung wird ausschließlich hier (oder im Freien)getrocknet. Ein Raum, eine Box oder einfach nur Haken sind für die Stöcke vorgesehen. Dann geht es zur Anmeldung und man bekommt einen Schlafplatz zugewiesen. Die Schlafplätze sind alle nummeriert, also gab es nie Schwierigkeiten diese zu finden. Meist wird auf diese Schlafplatznummer am Abend dann abgerechnet. Alles was gegessen und getrunken wird, geht auf eine Karte. Nur Bargeld wird auf den Hütten zur Zahlung angenommen. Wie soll es auch sonst gehen ohne Telefon oder Internetverbindung. Wenn man ankommt, schreibt mann sich in das Hüttenbuch ein. Name, Tag der Ankunft, Tag der „Abreise“ und das Ziel der nächsten Etappe. Falls man auf der kommenden Etappe abstürtzt oder verloren geht, kann das Hüttenbuch eine Hilfe für die Bergretter sein.
Auf der Meraner Hütte ist es alles ebenfalls so. Geduscht und die nassen, gewaschenen Sachen beim Trocknen, setzen wir uns auf die Terasse und warten auf H & P die nur kurz nach uns fertig sind. Das ist unser letzter E5 Abend zusammen und wir wollen ein wenig feiern. Während wir beim Zielbier uns durch alle angebotenen Hüttenschnäpse probieren, beginnt es zu gewittern. Nun haben wir auch das noch miterlebt. Plötzlich Gewitter und Regen – eine halbe Stunde später alles vorbei als wäre nix gewesen. Wir vermissen C und vermuten, dass er an der Hirzer Hütte die Etappe geteilt hat und dort die Weizenbiere abbeißt. Wir genießen diese kleine Abschiedsfeier und verabreden uns zum Frühstück. H & P laufen morgen hinab nach Bozen und wir nach Meran. Fortsetzung folgt

Gesammelte Hüttenfotos:

Etappe 7: Moos – Pfandler Alm

Wir kommen unserem Ziel in Meran näher. Die Passer, die auch durch Meran fließt, ist in Moos fast in Hörweite. Luftlinie sind es ca. 25 Kilometer bis Meran. Wir holen aber noch einmal aus und kommen quasi von hinten nach Meran. Zum Glück, denn eigentlich würden wir alle noch wochenlang weiterlaufen wollen.

Daten Etappe 7

Der 7. Tag ist mit knapp über 3 Stunden Gehzeit ein Tag zum Erholen. Wir starten in Moos in Passeier (1140 m ü.NN) entlang der Passerschlucht nach St. Leonhard in Passeier (689 m ü.NN). Von dort an geht es nochmal nach oben zur Pfandler Alm auf 1.350 m über dem Meeresspiegel. Also auch anhand der Zahlen ein „Ruhetag“.

… morgens um 9 in Südtirol ;-D

Wir starten zu viert, nach einem gemütlichen Frühstück, vom Café Maria aus zur Passerschlucht. Die Schlucht wurde vor nicht allzulanger Zeit begehbar gemacht. Über Treppen und Stahlstege geht es durch die Schlucht. Wenn man den ungebändigten Fluss hier sieht, versteht man die monströsen Staustufen, die wir am Vortag gesehen haben. Die Sonne gibt schon am Vormittag ihr Bestes. Auf unserem Weg entlang der Passer haben wir es noch angenehm kühl und teilweise schattig. An einem ehemaligen Kraftwerk machen wir eine Pause und trinken unser mitgenommenes italienisches Dosenbier… früh um 9 😀 .  Fast kommt sogar Partystimmung auf. Wir vier passen gut zusammen haben wir festgestellt. Wirklich schade, dass wir morgen schon zur Meraner Hütte laufen.

St. Leonhard ist schnell passiert. Ein Brunnen schenkt etwas Abkühlung und wir füllen nochmal unsere Trinkflaschen nach. Es ist warm. Vor allem unter dem Rucksack. Mit meinen 10 Kilo Gepäck bin ich etwas über dem Durchschnitt. Der Großteil hat 8 bis 10kg auf dem Rücken. Ein paar wenige sogar bis 12kg. Man sagt als grobe Formel 10% des eigenen Körpergewichts. Danach bin ich überladen. Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht wieder einpacken würde. Thermoklamotten oder einen Regenponcho (zusätzlich zur Regenjacke) hätte ich mir sparen können. Nicht benötigt aber trotzdem nicht überflüssig sind Blasenpflaster oder die Gamaschen. Der „normale“ Schlafsack wäre nicht unbedingt nötig. Ein Hüttenschlafsack (ein „ungefütterter Schlafsack der einem einfachen Bettbezug ähnelt) hätte gereicht. Pro Person ein Kissen und 2 Decken hat man in jedem Schlaflager. Ein Hüttenschlafsack, der weniger als ein Viertel eines normalen Schlafsacks an Platz braucht, ist lediglich aus Hygienegründen Pflicht. Schwer aber sinnvoll war auch die Solarpowerbank. Uhren haben wir täglich nachgeladen und die wenigen Steckdosen auf einer Hütte sind heiß begehrt. …Musst du dein Handy laden, musst du darum kämpfen… ;-D Über Sinn oder Unsinn der Stöcke habe ich ja schon berichtet.

Etwa 4 Kilometer nach St.Leonhard kommen wir zur Hofschenke Pfeiftal. Etwas früh für die Mittagspause aber weit ist es nicht mehr. 3 Kilometer sind es noch bis zur Pfandler Alm. Allerdings auch noch reichlich 600 Höhenmeter. Es wird also noch einmal steil.
Der Weg von St.Leonhard zur Pfandler Alm ist nicht nur der E5 sondern auch Teil des Andreas Hofer Rundwegs. Auf Tafeln am Wegrand erhält man Informationen zu den wichtigsten Häusern und Orten die mit dem bekannten Freiheitskämpfer Tirols in Verbindung stehen. Die Pfandler Alm ist die letzte Zufluchtsstätte des Freiheitskämpfers Andreas Hofer. Dieser hatte sich dort versteckt um der Gefangenschaft durch Napoleon zu entgehen. Er wurde jedoch verraten und im Januar 1810 von den Franzosen gefasst und kurz danach in Mantua hingerichtet. Auch seine dramatischen letzten Wochen werden entlang des Weges beschrieben.

Das letzte Versteck Andreas Hofers

Gestärkt und mit vollen Wasserflaschen nehmen wir den Schlussanstieg in Angriff. Schon nach wenigen Metern läuft der Schweiß über die Stirn. Zwischendurch geht der Weg immer wieder über Felder. Kein Schatten, kein Lüftchen und trockene Hitze wie im Backofen. Die Steigung ist wie Treppensteigen. Anstrengend. Jeder läuft und keuchte für sich den Berg hoch. Ab und zu bleibe ich stehen um auf Antje zu warten. Sie ist im Gesicht so rot wie im Ziel vom Oberelbe Marathon. Auch ich muss mehrfach mein Stirnband auswringen. Ich musste hier an C denken, der heute nicht nur zur Pfandler Alm will, sondern sogar noch zur Hirzer Hütte. Das sind noch einmal 3 Stunden Gehzeit! Mit dem letzten Tropfen Wasser in den Trinkflaschen kommen wir kurz vor 14.00 Uhr zur Pfandler Alm. Die Sonnenterasse begrüßt uns sehr einladend. Trotzdem setzen wir uns in die kühle Gaststube und bestellen ein gut gekühltes Radler. Ein Genuss!! Gleich hinter uns kommen H & P und wir checken ein. Ein 4 Bett Zimmer. Warmes Duschwasser und Steckdosen. 😀

Frisch geduscht gibts Kaffee und Kuchen. Es gibt keinen Wäscheservice und so werden die verschwitzten Klamotten kurzerhand im Waschbecken der Gaststubentoilette gewaschen. Fragende Blicke der Gäste inklusive. 😀 Der Nachmittag wird extrem gechillt. Auch C kommt mit hochrotem Kopf und geht nicht weiter. Alles andere wäre auch unvernünftig gewesen. C setzt sich auf die Sonnenterrasse und chillt ebenfalls mit einem Weizen … zwei Weizen … drei … auch die Gespräche werden „seltsamer“.

Hüttenstempel Pfandler Alm

Als Übernachtungsgäste der Alm dürfen wir abends „à la carte“ bestellen. Außerdem gibt es auch unser Zielbier UND den Hüttenschnaps. Übrigens war der Zirbenschnaps auf der Pfandler Alm der beste unserer Tour bzw Hüttenschnäpse. C sehen wir an den nächsten 2 Tagen nicht wieder. Ich hoffe er ist gut in Verona angekommen. Als es langsam dunkel wird, planen wir den kommenden Tag. Es geht gleich erstmal weiter steil nach oben. Von 1.350 m ü.NN zur Hirzer Hütte (1983 m ü.NN) und weiter nach oben über den „Gebirgsjägersteig“ zur oberen Hirzer Scharte (2683 m ü.NN). Von dort an geht es etwas talwärts zur Meraner Hütte (1960 m ü.NN) Bei den angesagten Temperaturen streichen wir uns das Frühstück. 5.30 Uhr wollen wir ein wenig Vorsprung vor der Sonne haben und an der Hirzer Hütte frühstücken. Soweit unser Plan. Fortsetzung folgt

 

Etappe 6: Talhütte Zwieselstein – Moos in Passeier

Daten Etappe 6

Die Daten der 6. Etappe sagen einen langen Tag voraus. Von Zwieselstein (1.472 m ü.NN) aus geht es erstmal für knapp 10 Kilometer bergauf zum Timmelsjoch (2.474 m ü.NN). Dort überschreiten wir die Grenze nach Italien und steigen ab nach Moos im Passeiertal (1140 m ü.NN). Mit 25 Kilometern wieder ein längerer Tag.

Eine komplette Nacht bei offenem Fenster schlafen war ein Genuss. 😀 Dementsprechend gut haben wir geschlafen. Strahlend blauer Himmel macht die Laune noch besser. Für das Frühstück haben wir heute (Selbstversorgerhütte sei Dank) keinen Stress. Wir treffen uns in der Küche mit H und P. Mit jedem Kilometer Richtung Italien wurde bisher der Kaffee besser. Ein einfacher Filterkaffee zum Frühstück ist trotzdem ein Genuss! Seit gestern gehört auch die Tube Voltaren von H mit an jeden Tisch an den wir uns setzen. Fürs zweite Frühstück unterwegs sind sogar noch Brötchen übrig. H und P binden sich noch ihre Wanderschuhe zu und wir starten schonmal. Wir sind bis zur Meraner Hütte in den gleichen Unterkünften und sehen uns spätestens in Italien wieder. 1000 Höhenmeter auf einer Strecke von 10 Kilometern klingt für uns mittlerweile entspannt. Das war es auch! Bei schönstem Sonnenschein und noch angenehmer Morgenfrische geht es bergauf. Der Weg führt über felsige Wiesen. Die schneebedeckten Berge rund um uns herum bieten eine gute Ablenkung. Obwohl gloddsn (übersetzt: In die Ferne schauen) nicht geht während man weiterläuft. Um das Panorama anzusehen, bleibe ich stehen. „Lernen durch Schmerz“ denn anfangs bin ich oft genug abgerutscht oder umgeknickt beim laufen und gloddsn. 😀 Die Passstraße ist stets in Hörweite.

Schmugglerdenkmal

Wir kommen an das Schmugglerdenkmal und freuen uns, so schnell voran zu kommen. Der Pfad führt jetzt weg vom Timmelsbach und wir machen die letzten Meter zum höchsten Punkt des heutigen Tages. 9.30 Uhr verklebe ich eine Ente an der Markierung des höchsten Punktes. Ich gehe auch noch einmal runter zur Passstraße um eine Ente an das Passschild zu kleben. Wir genießen die ausgezeichnete Fernsicht an diesem Tag und machen eine etwas längere Fotopause. Wir sind in Italien! Wir haben keinen Schimmer was für ein Wochentag ist und unser Auto steht 5 Tagesmärsche weiter nördlich. FREIHEIT!

Passschild am Timmelsjoch. Na, wo ist die Ente? 😉

Die Touristen, die an der Passstraße kurz anhalten und aus den Autos steigen, wirken fast suspekt auf uns. Irgendwie sind wir „anders“. Wir haben noch nicht Halbzeit für diesen Tag und beginnen gut gelaunt den Abstieg.
(Bei „Halbzeit“ fällt mir ein: … Am ersten Abend, auf der Kemptner Hütte ist mir ein E5ler aufgefallen, der neben seinen Stöcken eine Deutschlandfahne rumgetragen hat. In der Skihütte Zams haben wir erfahren, dass Deutschland bei der Fußball WM ausgeschieden ist. Der Fahnenmann wird die Idee mittlerweile selbst bescheuert finden … oder das Stück Stoff samt „Fahnenmast“ heimlich entsorgt haben.) 😀
Nach dem ersten steilen Bergabstück kommen wir zum alten Zollhaus, was fast vom Schnee eingeschlossen ist. Die Ruine am Berg war lange mit Zöllnern besetzt die auf Schmugglerjagd waren. Heute führt der Europawanderweg E5 daran vorbei. Wie passend. Es geht etwas gemäßigter bergab durch eine Herde Ziegen und über ein weiteres großes Schneefeld. Kurzärmlig und in kurzen Hosen. Es ist sehr warm geworden mittlerweile und wir halten unsere Trinkflaschen immer schön gefüllt. Wir haben gelernt. 😉
11.30 Uhr teilen wir uns das 2. Frühstück und suchen auf der Karte nach einer Alm für die Mittagspause. Soviel Chancen kommen nicht mehr. Wir finden nur ein Gasthaus Hochfirst, wo wir gegen 13.00 Uhr am Tisch sitzen. Gerade in Italien angekommen und schon essen wir beide Pasta. 😀 Als wir weitergehen denken wir an H & P von denen wir den ganzen Tag noch nichts gesehen haben. Überhaupt haben wir den ganzen Tag noch keinen anderen Wanderer gesehen – seltsam wie ruhig der E5 plötzlich ohne Bergschulen ist.
Nach dem Gasthof führt der Weg Richtung Rabenstein durch einen Wald und wir entkommen der Sonne ein wenig. Interessant und kurzweilig machen die entlang der Route aufgestellten Tafeln. Hier erfährt man von Sagen und Geschichten aus dem Ort Rabenstein. Dort angekommen müssen wir für 3 Kilometer auf der Straße entlang. Die Hitze auf dem Asphalt ist durch die schweren Bergschuhe spürbar. Neidisch schauen wir auf die Wassersprüher rechts und links mit denen die Bauern ihre Wiesen bewässern. Wir merken auch an den Temperaturen dass wir in Südtirol angekommen sind.
Das letzte kurze Stück Strecke führt immer entlang der Passer bis nach Moos. Die imposante Kraft des Wassers kann man an den zahlreichen Staustufen sehen. Es wird hier versucht die großen Steinbrocken und Baumstämme zurückzuhalten, die sonst unkontrolliert ins Tal gerissen werden. Nach einem Steinbockgehege (vielleicht leben hier manchmal sogar welche – gesehen haben wir keinen) kommen wir 15.30 Uhr nach Moos. Ein italienisches Bergdorf wie man sich es vorstellt. Italienisches Eis, Pizza, Kirche und einer Einkaufsmöglichkeit – alles keine 100 Meter von unserer Unterkunft entfernt. In Moos haben wir keine Hütte oder Alpenvereinsunterkunft. Wir übernachten hier in einem Café mit dem Luxus eines Doppelzimmers. WC, Dusche, Wäscheservice und ein Balkon am Schlafzimmer. La dolce Vita! 😀
Wir sind etwa eine Stunde da und gerade auf dem Balkon Wäsche aufhängen als H & P ankommen. Wow! Soviel Vorsprung sollen wir uns erlaufen haben? Nicht ganz. H hat immer größere Probleme mit ihrem Knie. Zum Glück wird die nächste Etappe zur Pfandler Alm eine sehr entspannte. Auch C kommt nach kurzer Zeit an und die Runde ist komplett. Als alle geduscht haben, sitzen wir zu fünft vor dem Cafè Maria und gönnen uns das volle Programm. Kaffee, Kuchen, Eis und später Pizza mit Zielbieren und (auch hier) Hüttenschnaps. Wir lernen C besser kennen. Er ist ein Sportlehrer aus der Pfalz und er will den E5 sogar noch bis ans Ende nach Verona gehen. C feiert seine Alpenüberquerung mit relativ viel Weizenbier und Weißwein wie wir beobachten können.
Die nächste Etappe führt über St.Leonhard zur Pfandler Alm. Aufgrund der Knieprobleme von H planen wir durch die Passerschlucht nach St.Leonhard zu gehen. Von unserer Wirtin erfahren wir, dass der Weg dort angenehmer zu gehen ist. So wird die entspannte 7. Etappe noch entspannter. Wir verabreden uns zum Frühstück und planen morgen als 4er Gruppe gemeinsam zu laufen. Fortsetzung folgt

Etappe 5: Braunschweiger Hütte – Talhütte Zwieselstein

Daten 5. Etappe

Es war eine unruhige Nacht in der Braunschweiger Hütte (2759 m ü.NN). Wir waren in einem Raum mit nur 7 Lagerplätzen und trotzdem war ich ständig wach. H war mit uns in diesem Raum und die 4er Leipzig/Erfurt Gruppe. Das Einschlafen war, wie immer, nicht schwer. Auch Ohropax habe ich in dieser Nacht keine gebraucht. Trotzdem war ich bei gefühlten 30 Grad Zimmertemperatur und geschlossenem Fenster ständig wach. Unser Plan war wieder, VOR allen anderen zu starten und als erste über`s Pitztaler Jöchl (2996 m) zu gehen. Für das Frühstück hatten wir uns das Gletscherrestaurant am Rettenbachgletscher ausgesucht. In der Nacht musste ich dummerweise auch noch 2 mal zur Toilette. Bei meinem ersten „durch die Hütte wandeln“ habe ich noch etwas ängstlich nach draußen geschaut ob es regnet oder schneit. Gar nix! Zum Glück! Als Erste starten, wenn alle Wegmarkierungen vom Schnee bedeckt sind, sowas hätten wir nicht geschafft. Bei meinem zweiten Gang habe ich sogar die Sterne funkeln sehen. Das hat mich dann noch mehr beruhigt. Mittlerweile sind wir schon geübt im lautlosen Schlaflagerverlassen. Der Besuch im Waschraum war wieder eine Katzenwäsche. Auf der Braunschweiger Hütte sind alle Wasserhähne mit Sparaufsätzen versehen die den Wasserstrahl fein zerstäuben. Es dauert ewig bis man zwei volle Hände mit Wasser aufgefangen hat. :-/
Wir staunen über den Trockenraum. Der hat es tatsächlich über Nacht geschafft, alle regennassen Klamotten aller Hüttengäste zu trocknen. TOP!

Braunschweiger Hütte

Wir starten kurz vor 6.00 Uhr. Die Leipzig/Erfurter gehen als Erste gerade zum Frühstück. Draußen erwartet uns ein blauer Himmel. Sonne sehen wir noch nicht, weil die Braunschweiger Hütte von Bergen eingerahmt ist. Das Panorama und die Gletscher wären sicher auch beim Aufstieg gestern eine gute Ablenkung gewesen. Naja … wenigstens scheint heute wieder die Sonne, auch wenn wir mit Handschuhen aufbrechen. Erstmal geht es noch rund 250 Höhenmeter aufwärts bevor es den Rest vom Tag bergab geht nach Zwieselstein (1472 m ü.NN) etwas südlich von Sölden.

Direkt hinter der Hütte stampfen wir schon das erste Mal durch ein Schneefeld. Durch den Schneeregen und die Kälte in der Nacht sind die Steine über die wir klettern alle mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Nur nicht ausrutschen! – Das hätte mächtig weh getan. Ich hatte wieder die „PRO & CONTRA Stöcke Liste“ im Kopf. Einzig auf den Schneefeldern hatte ich ein Gefühl, dass mir die Wanderstöcke mehr Sicherheit geben – sonst nicht. Die Meter hinauf zum Pitztaler Jöchl und dann hinab zum Gletscherrestaurant sind die letzten, die ich bei dieser Tour mit Stöcken gehe. Ich kann nicht sagen ob ich sie vermisst hätte wenn ich keine dabei gehabt hätte. Bei unserer nächsten Tour in Spanien bleiben sie zu Hause. Fakt!

Der Schnee wird tiefer, der Weg wird felsiger und steiler. Die letzten ca. 300 Meter vor dem Jöchl werden wieder zur Kletterpartie. Wieder fluche ich auf die Stöcke. Ein Joch oder Jöchl ist eine Bezeichnung für den niedrigsten Abschnitt des Kammes zwischen zwei Berggipfeln. Das Pitztaler Jöchl ist mit 2996 Metern über dem Meer nicht ganz auf 3000. Weil dieser Punkt das „Dach“ unserer Tour ist, klettern wir die paar Höhenmeter noch nach oben um die 3000 auf der Uhr zu haben. Wieder sind wir hier oben allein. Um 6.45 Uhr morgens. WIE GEIL!! Wir haben vergessen welcher Wochentag ist und was wir um diese Zeit eigentlich tun. Das hier beeindruckt uns. Dies werden wir nie im Leben vergessen können. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf über 3000 Meter! Es soll an diesem Tag noch sehr heiß werden, noch tragen wir aber Handschuhe. Wir machen kurz Pause und fotografieren einmal rundum und genießen das Panorama. Dann starten wir den Abstieg zum Gletscherrestaurant an der FIS Skiweltcupstrecke von Sölden. Trotz der Steilheit lässt es sich überraschend angenehm laufen. Wir finden einen Bergschuh mit einer daran befestigten Todesanzeige. Aus dem Text geht hervor, dass der Verunglückte im Winter hier abgestürzt ist. Das hält mir schlagartig vor Augen wie gefährlich dieser wunderschöne Ort sein kann. Man, was hatten wir bis jetzt für ein Glück gehabt! Das Wetter hat es immer sehr gut mit uns gemeint! Wir hätten hier auch 20cm Neuschnee haben können wie im August 2017.

Das letzte große Stück vor dem Gletscherrestaurant geht durchgängig über ein Dauerschneefeld. Für mich als Nichtwintersportler spektakulär! Eine Schneeballschlacht im Sommerurlaub. 😀 Serpentinähnlich geht es über den Schnee bergab. Der „Weg“ ist gut gespurt von den E5-lern vom Vortag. Nur ein/zwei cm Neuschnee darüber. Wir sind immernoch die Ersten an diesem Tag. Wenn man nach vorn blickt – ein herrliches Gefühl!

Abkürzung über das Schneefeld

Wie steil ist so ein Hang talwärts? … Keine Ahnung, ich bin ein mieser Schätzer. Gut abschätzen kann ich nur, dass man ordentlich Geschwindigkeit aufnimmt, wenn man hier abrutscht. Ich kann es gar nicht ganz glauben als ich Antje sitzen sehe und mitbekomme, dass sie runterrutschen will. Wie bitte?? Ist das ein Scherz?! … … und schon rutscht sie auf dem Hintern durch den Schnee talwärts. Un-fucking-fassbar! …und hat hörbar Spaß dabei. Geschwindigkeit und Distanz kann ich nicht schätzen. Es ist alles weiss und mir fehlt ein Anhaltspunkt. Vermutliche 400 Meter Luftlinie nach unten kommt sie, zurück auf dem Weg, zum stehen. Hm … und ich? Laufe die 3-4 Kehren oder rutsche in ihrer Spur hinterher? Ich mach SOWAS doch nicht. Das ist so steil – bremsen unmöglich. „Nicht nachdenken“ – „Nicht nachdenken“ sage ich mir mantraartig und eine halbe Minute später bin ich mit unten. Noch 15 Minuten dauert der Weg zur Gletscherstube und wir schauen durch die Fenster. Hier macht heut niemand Frühstück! Mit Sicherheit ist hier an der Skiweltcupstrecke im Winter die Hölle los. Im Sommer eher nicht. Wir nehmen unsere Notfall-Müsliriegel und schauen auf die Karte. Etwa 2-3 Stunden, dann kommt Alm an Alm. Also weiter. Der Zielbereich der Weltcupstrecke ist im Sommer mit das Hässlichste in der Natur was es gibt! Eine derartige Betonwüste mitten in den Alpen wirkt abartig und unwirklich zugleich. Wie sehen zu, hier weg zu kommen. Während wir starten, treffen wir die Leipzig/Erfurt Gruppe, die einen kürzeren Weg gegangen sind. Das heißt, wir treffen zwei davon. Der Rest würde folgen und einer müsse sogar kniebedingt heute abbrechen. Wir verabschieden uns im Glauben, sie wiederzutreffen. Leider nein.

Der Weg ins Tal bleibt so angenehm. Stetig bergab aber nie schmerzhaft. Große Teile entlang von Skipisten und wir passieren zahlreiche Schlepplifte. Kilometer für Kilometer ins Tal wird es auch wärmer. Eben noch in Handschuhen, jetzt kurze Hosen und kurzärmelig. Nur die geschlossenen Almen nerven uns langsam. Im Winter ist da sicher alles brechend voll. Für uns gibt es aber wieder kein Frühstück. Wir laufen durch einen Zirbenwald ohne zu wissen was Zirben sind. Vom Zirbenschnaps erfahren wir erst an diesem Abend. Wie dumm. 😀 10.45 Uhr erreichen wir endlich eine offene Alm zum frühstücken und ich eskaliere. Kässpatzen mit Salatteller und als 2. Portion einen Kaiserschmarrn mit Apfelmus. Die Augen größer als der Magen – ja, ja. Und nein ich hab es bei weitem nicht geschafft! Auch P lächelt amüsiert als die Kellnerin bei uns auftischte. P kam allein, kurze Zeit nach uns und machte hier ebenso eine Pause. C war schon vor uns da und bestellte noch ein Weizen nach als wir hier wieder aufbrachen. C war mir am Abend auf der Braunschweiger Hütte zum ersten Mal aufgefallen. Die 25-Mann-Seilschaft UND die Jojo-Seilschaft überholten uns hier und auch H war ein paar Meter vor uns. Die „Seilschaften“ haben wir hier zum letzten Mal gesehen. Die Bergschulen gehen ab dieser Etappe einen anderen Weg und nichtmehr auf dem E5. Im Ötztal angekommen gehen die letzten Meter parallel zu einer Straße. Obwohl es erst 13.30 Uhr ist, sind wir froh endlich am Ziel zu sein für heute. Auf 19 Kilometer und 7,5 Stunden Gehzeit sind wir dennoch gekommen. Als erstes wollten wir alle unsere Sachen waschen und zum trocknen aufhängen. Die Hütte war jedoch erst ab 15.00 Uhr besetzt. Kurzerhand haben wir im Gebirgsbach neben der Talhütte unsere Klamotten gewaschen. Wie alte Waschweiber, jeder auf einem Stein.

Die Talhütte Zwieselstein ist eine Selbstversorgerhütte des Alpenvereins im Tal. Warmes Duschwasser und Steckdosen sind ein kleiner Luxus. Wir haben ein Vierbettzimmer. Mit uns ist wieder H und P hier sowie C, mit dem wir aber erst morgen ins Gespräch kommen.

Hüttenstempel

Das Selbstversorgen macht uns zu einer 4er Gruppe. Mit dem Bus zum einkaufen nach Sölden, gemeinsam kochen und dann kommt ja noch das Zielbier und der Hüttenschnaps. 😉 An diesem Abend, ohne Seilschaften und ohne Zeitdruck, sitzen wir zum ersten mal entspannt zusammen und erzählen. Für unsere Verhältnisse sogar relativ lang – bei Bier, Schnaps und Voltaren. Unser Zusammentreffen jeden Abend war bisher rein zufällig. H & P laufen allein und ohne Reservierungen in den Hütten. Als Alpenvereinsmitglied hat man den Vorteil nicht abgewiesen zu werden. Anders gesagt: eine Garantie in der Hütte bleiben zu können und wenn es ein Notlager ist. Wir verabreden uns noch zum gemeinsamen Frühstück. Es geht am nächsten Morgen von Zwieselstein (1.472 m ü.NN) hoch zum Timmelsjoch (2.474 m ü.NN) , über die Grenze nach Italien bis nach Moos (1.007 m ü.NN). Mit 25 Kilometern eine längere Etappe.  =Fortsetzung folgt=

 

Etappe 4: Skihütte Zams – Braunschweiger Hütte

Geschlafen haben wir wieder vor 20 Uhr. Irgendwie ticken die Uhren auf den Hütten anders. So sind wir aber auch wieder vor 6.00 Uhr wach und startklar. Die Nacht war erholsam. Zum ersten Mal hatten wir 2er Boxen im Lager. So viel Privatsphäre waren wir schon gar nicht mehr gewohnt. Das Abendessen in der Skihütte Zams war das beste was wir bisher hatten auf der Tour. Vor- & Hauptspeise plus reichhaltige Salatauswahl. Die Skihütte Zams kann es definitiv mit einem Hotel aufnehmen ohne sich verstecken zu müssen! Frühstück gibt es um 7.00 Uhr. Das ist uns allen fast ein wenig zu spät für den langen, vor uns liegenden Tag.

Daten Etappe 4

Es startet trotzdem niemand früher weil die Seilbahn, die uns wieder auf den E5 Wanderweg zurückbringt, erst um 8.00 Uhr fährt. Naja was soll`s … lässt sich ja nicht ändern. Kurz vor 8 stehen wir alle an der Mittelstation der Venetbahn und warten. Die Gondel kommt und wir steigen ein.

Drama in der Gondel: 😀 Um die Türen der Gondel an der Mittelstation (ein Zwischenhalt der nicht bei jeder Fahrt bedient wird) öffnen zu können, muß der Gondelfahrer mit einem riesigen Stahlriegel die Gondel mit dem Mast der Zwischenstation verbinden. Erst dann hat die Gondel den richtigen Abstand zum Mast, so dass man ohne Stufe oder Spalt im Boden einsteigen kann. Wir stehen also alle in der Gondel. Der Fahrer der Venetbahn zieht den riesigen Stahlriegel und die Gondel hängt wieder frei. Er legt den Riegel auf den Boden, stellt sich darauf und wippt 5-6 mal darauf herum. Spätestens jetzt wird er von allen Fahrgästen aufmerksam beäugt. Ich schreibe immer von „DEM“ einen Fahrer. Es hätten auch glatt 2 in einem Körper sein können. Ein Bär von Mann, groß und breit. Macht ne Menge Schatten der Typ der trotzdem einen sehr sympathischen Eindruck macht! Als nächstes stellt er den Riegel weg. Achnee!! Er versucht ihnr irgendwo reinzustecken! Auf dem Riegel wippen, Versuch einzustecken, wippen, Versuch einzustecken, Versuch zu biegen, wippen, Versuch einzustecken. EWIG. Bis wir langsam begreifen: das Ding ist der „Zündschlüssel“.

Gondel der Venetbahn

Ohne diesen Riegel bzw Schlüssel geht die Tür nicht auf und lässt sich die Gondel nicht bewegen. Er müht sich sehr. Er hat unser aller Mitleid und alle drücken die Daumen dass er es hingebogen bekommt. 😀 Lust auf zusätzliche Kilometer hat keiner. OK das Sport-Wander-Paar vielleicht schon. Als nächstes verbindet der Gondelfahrer unsere Gondel wieder mit dem Mast. Er öffnet ein Fenster und versucht uns mit der Gondel zum schwingen zu bringen. Alles wortlos! Ob wir uns sorgen oder lachen sollen weiß gerade keiner mehr. Das ganze wirkt sehr planlos. Er bekommt den Schlüssel auch nur mit Mühe wieder aus dem Mast der Zwischenstation heraus. :-/ Er geht in seinen Führerstand steckt den „Zündschlüssel“ ein und Zack! Drin! Er lässt sich auf seinen Sitz fallen und piepst ein lautes Phuhh! Applaus in der Gondel!! Die Gondel fährt mit uns also los – nach unten. WAAAS?? Nach unten um dort noch die Jojo-Seilschaft einzuladen. AHHH!!! Wir haben das Gefühl, gar nicht los zu kommen heute. 😦 Oben ausgestiegen macht sich dort auch noch die 25-Mann-Seilschaft auf den Weg. Die Glanderspitze (2512 m ü.NN) ist im Nebel und ab 14.00 Uhr soll es Regen geben. 😦 8.30 Uhr laufen wir endlich weiter um 10 Minuten später hinter der langsamen 25-Mann Bergschule zu klemmen. Das wird mein Tiefpunkttag! Zur Krönung bemerke ich nicht wie ich ausversehen meine GPS Aufzeichnung an der Uhr pausiere. :-/ Mir fehlen mindestens 7 Kilometer in der Aufzeichnung. Wir haben uns für einen kleinen Umweg, um den Berg herum entschieden. Vom Gipfel sieht man an diesem Tag eh nix. Dadurch gehen wir eine längere Strecke, haben aber auch ein paar Höhenmeter eingespart. J kommt erst mit uns, nimmt dann aber doch einen anderen Weg zum Gipfel. Am Tag zuvor war sie mit in dem 30 Minuten Stau hinter dieser Gruppe.

 

Bergschule auf dem E5

Nach etwa einem Kilometer haben wir das große Glück, uns an der Bergschule vorbeizuschummeln. Der Bergführer erklärt etwas, was man in der Ferne sieht. Das hätte mich bestimmt interessiert aber in DIESEM Fall so gar nicht. NULL!! Hauptsache vorbei und Platz zum laufen. Aufgefädelt wie eine Perlenkette laufen die Lemminge … äh … Kunden des Bergführers hintereinander her. Kein rechts vorbei – kein links vorbei möglich. Mich wundert nicht, dass der Großteil der „Alleingänger“ nicht gerade erfreut ist in so einer Gruppe gefangen zu sein. Wir haben schnell so viel Vorsprung dass wir die Gruppe bald nicht mehr sehen können. Ab der Gogles Alm kommt sogar die Gute Laune zurück. Wir laufen größtenteils über felsige Wiesen vorbei an Pferden und Kühen. Ab der Gaflunhütte wird der Weg ein Wirtschaftsweg. Hier treffen wir wieder auf den E5 und es geht durch den Wald hinab nach Wenns (962 m).

Zwischen Wenns und Mittelberg geht der Fernwanderweg entlang einer Landstraße durch das Pitztal. Wir entschließen uns, dieses Stück Straße mit dem Postbus zu fahren. Hinter dem Pitztaler Hof in Wenns ist die Haltestelle. Wir kommen ca. 12.30 Uhr dort an und der Bus fährt vor. ;-D Perfektes Timing! Im Wartehäuschen sitzen außerdem H, P, der Kaltduscher von der Kemptner Hütte (mit Frau) und das Sport-Wander-Paar. Während der Fahrt beginnt es zu nieseln. In Mittelberg angekommen wollen wir noch kurz etwas essen um danach den letzten 3h Anstieg in Angriff zu nehmen. Im Berghof Steinbock kommen wir mit dem Nachbartisch ins Gespräch. „Ihr wollt zur Braunschweiger? Bei dem Wetter? Oh-Oh“ – „Und morgen übers Pitztaler Jöchl??“ – „Übermorgen wär da besser“ Gut dass wir nicht jedem Glauben schenken. 😀 Wir packen uns wetterfest ein und dann auf in den Kampf! Wenn man unter den Ersten auf der Braunschweiger Hütte wäre, hätte man noch warmes Duschwasser. 😀

Anstieg zur Braunschweiger Hütte 

Der Aufstieg beginnt erstmal verhalten. Die groben Felsbrocken sind glitschig vom Regen. Die Sicht wird immer schlecher. Wir sehen nichts talwärts und nach oben ebensowenig. „Bei der Kletterei vielleicht auch besser“ rede ich mir ein denn es geht wirklich extrem steil bergauf. Die Braunschweiger Hütte (2.759 m üNN) ist das höchstgelegene Etappenziel des Fernwanderweges Nr. 5. Wir orientieren uns hier wieder an den noch zu bewältigenden Höhenmetern und nicht an der Strecke. Die Zeit vergeht unbemerkt. Wir singen NDW Lieder und versuchen uns am bayrischen Dialekt. „I brauch ka grosse Welt, i will ham nach Fürstenfeld“ Höhenkoller? 😀

Nach einiger Zeit hören wir hinter uns ein keuchen im Nebel. Vor uns hören wir Stimmen. Sehen können wir niemand. Laut Uhr sind es keine 200 Höhenmeter mehr. Mit einem mal geht es dann sehr schnell und es kommt zu einem kleinen „Gipfel“treffen. H, P, und das Kaltduscherpaar vor uns die wir überholen und zwei der Leipzig/Erfurt Gruppe die uns alle zusammen überholen. Keine 10 Minuten später stehen wir plötzlich auf der Terrasse der Braunschweiger Hütte. ENDLICH!!!

Hüttenstempel

Schuhe zum trocknen, die regennassen Klamotten in den Trockenraum und erstmal unser Bett im Lager suchen. 7 Betten in einem Raum. Die 4er Leipzig/Erfurt-Gruppe, wir beide und H. Mir beginnt das langsam richtig Spaß zu machen. Man trifft sich jeden Abend auf der Hütte und tauscht sich über den Tag aus. Was für ein unbeschwertes Leben. Und es sollte noch besser werden! Wir sitzen beim Zielbier und erst jetzt fallen die Bergschulen ein. Aus dem Regen draußen wird nach und nach Schneeregen. Wir sitzen auf 2759 Metern Höhe und wollen morgen Früh auf über 3000. Bitte keinen Schnee!!

 

 

 

 

Etappe 3: Memminger Hütte – Skihütte Zams

Kurz nach 5.30 Uhr stehen wir vor der Memminger Hütte (2242 m ü.NN) und brechen auf. Mit einem Apfel und Müsliriegel als Ersatzfrühstück zwischendurch.

Daten Etappe 3

Der Weg bis zur Seescharte (2599 m ü.NN) wird unsere erste abenteuerliche Erfahrung bei dieser Alpenüberquerung. Wir freuen uns und auch das Wetter verspricht wieder einen sonnigen Tag. Mein erster Sonnenaufgang so weit oben in den Alpen. Die Sonne scheint auf die Bergspitzen und lässt diese in einem warmen Goldton strahlen. Während die Bergschulen zum Frühstück gehen, sind wir die Ersten die an diesem Morgen starten.

Der Weg wird heute steiler. Erst felsig, dann über Schnee und Geröllfelder. Auf einem schmalen Pfad geht es am Berg entlang. Links Geröll nach oben, rechts nach unten. Wenn ich weiter nach oben blicke, sehe ich eigentlich nur Felsen. HM … ich dachte der E5 Wanderweg hat keine Kletterpassagen?! Ein traumhafter Blick zurück zur Memminger Hütte. Am Fels angekommen kann man anhand der Markierungen den zu gehenden Weg langsam erkennen. „Weg“ ist ansich der völlig falsche Begriff. Die Route trifft es besser. An Stahlseilen entlang und immer weniger Platz zum gehen. Konzentriert kommen wir der Scharte immer näher. Die Stöcke sind hier nur im Weg und ich überlege ob es überhaupt sinnvoll ist mit Stöcken zu gehen wenn es so steil wird. Ja! Das ist steil und genau das was ich mir vorgestellt habe. Es werden noch anspruchsvollere Stücke kommen, aber dieser erste Abschnitt ist schon das was unsere Abenteuerlust erfüllt. Die Scharte ist eng aber man kommt gut durch. Sich für ein Foto nochmal umzudrehen, wird mit dem Rucksack aber schwierig. Wir machen trotz der Enge reichlich Fotos. Der erste Blick in das nächste Tal ist für mich vergleichbar mit dem ersten Blick in ein Geschenk. Leider ist sowas auf Fotos nicht festzuhalten – sowas kann man nur erleben. Durch unseren zeitigen Aufbruch sind wir hier oben ganz allein! Um 7.00 Uhr morgens! Verdammt geiler Scheiß!

Route über die Seescharte

Es folgt der anstrengendste Abstieg der Tour, über 1800 Höhenmeter nach unten Richtung Zams (767 m ü.NN). Die meisten Abbrecher geben in Zams auf, erfahren wir später. Der Weg nach unten beginnt ebenso steil wie der Aufstieg zuvor. Über Geröll und so große Absätze, dass ein normaler Schritt nicht ausreicht. Hier finde ich meine Stöcke auf einmal ganz sinnvoll, denn so kann ich mich wenigstens etwas auf die Stöcke stützen und muss nicht mein ganzes Gewicht auf meine Knie übertragen. Nach einer Stunde sind wir immer noch in dem endlos scheinenden Zickzack über Geröll. Eine Alm können wir schon länger sehen aber kommen nur äußerst langsam näher.

An der Lochbachalm endlich angekommen geht es angenehmer weiter. Immer entlang des Bachs über Wiesen und später auch durch Wald. Rechts und links vom Lochbach geht es steil bergauf. Die Schneisen, die von den Lawinen ins Tal gerissen werden, zeigen beeindruckend die Kraft der Natur. Kurz nach halb 10 kommen wir endlich zur ersten (und einzigen) Jausestation vor Zams. ENDLICH Frühstück! Käsebrote, Kaffee und ein Bier … morgens halb 10 in Österreich. ;-D Kurz bevor wir weiter gehen, kommt die 4er Gruppe von der Spielmannsau und lässt sich ebenfalls nieder.
Unsere Trinkflaschen sind noch fast voll, deswegen verpassen wir, sie noch einmal aufzufüllen. Auf den kommenden 2,5 Stunden haben wir keine Möglichkeit mehr dazu. Auf dem Fernwanderweg E5 geht das Wasser eigentlich nie aus. Man muss keine großen Vorräte mit sich schleppen um versorgt zu sein. Wie gesagt: eigentlich. Der Weg geht erstmal so entspannt weiter. Man bleibt sogar fast auf gleicher Höhe während der Lochbach eine tiefe Schlucht in das Tal schneidet. Später sehen wir Landeck. Zams muss also gleich um die Ecke sein. Ja – gleich um die Ecke und noch mal 700 Höhenmeter runter? Ja! Es wird noch einmal abartig steil und langsam schmerzhaft in den Knien. Eigentlich sieht man ja den Gipfel und kommt einfach nicht näher – hier sehen wir das Tal und kommen nicht näher. Etwa 150 Höhenmeter vor Zams (ja, Distanzen haben wir nur noch mit Höhenmetern gesehen 😀 )  müssen wir noch einmal Pausieren. Sie Sonne tut ihr Übriges. Aber nein, lieber Hitze und Sonne als Regen!!

Lochbach

Die 4-Kerle-Gruppe überholt uns hier. Endlich unten angekommen stehen wir vor der Bäuerinnenkapelle und feiern den Trinkbrunnen davor. Die Kirche in Zams ist das Wahrzeichen des Ortes. Der Kirchturm steht nicht bei der Kirche selbst, sondern ein paar Meter entfernt. Die Ursache dafür liegt in einem Brand, der 1911 die Kirche in Asche legte und die alte Bausubstanz zerstörte. Der Turm blieb erhalten, während die Kirche etwa 50 Meter entfernt neu errichtet wurde. Wir setzen uns in den Schatten und gönnen uns ein Eis von der Tankstelle. Denn ansich sind wir am Ziel. Zur Skihütte Zams (1.780 m ü.NN), in der wir übernachten, bringt uns eine Seilbahn. Bis dahin haben wir noch fast eine Stunde Zeit.

Nach und nach kommt ein bekanntes Gesicht nach dem anderen. P, J, H, W, eine gemischte 4er Gruppe aus Leipzig/Erfurt die wir auch schon von der Kemptner Hütte kennen und das Sport-Wander-Paar.

Hüttenstempel

15.30 Uhr sind wir auf der Hütte. Warmes Duschwasser für alle, Steckdosen am Bett(!), WLAN (!!!) und WÄSCHESERVICE (!!!!11!1) 😀 alles kostenlos. Auf die unterschiedlichen Wäschewaschaktionen werde ich später noch eingehen können. Wir haben Zeit zum entspannen, rasieren und für das Zielbier.

Wir sind alle glücklich diesen Tag gut überstanden zu haben und kommen hier, wo wir „unter uns“ sind, erstmals ins Gespräch. Für die Bergschulen scheint die Hütte zu teuer da sie keine Alpenvereinshütte ist. Wir hören erstaunt von über einer halben Stunde Rückstau vor der Seescharte. Eigentlich nicht verwunderlich wenn ein Bergführer 25 Leute da durch führen soll. Wie die Lemminge, das werden wir am nächsten Tag live sehen. Die nächste Etappe geht über Wenns (962 m ü.NN) hoch zur Braunschweiger Hütte (2759 m ü.NN). Der Wetterbericht droht ab 14.00 Uhr mit Regen. 😦 Fortsetzung folgt.