Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 24

Mittwoch – 8. Mai 2019 – Tag 1 Santiago de Compostela

Berg der Freude. Von hier ab gingen die Pilger früher barhäuptig und barfuß, Pferde wurden am Zügel geführt. In der aktuellen Pilgerpraxis ist das weitestgehend unüblich. Antje will aber ohne Schuhe in Santiago ankommen. Alles andere würde mich auch verwundern. Wir starten aber erst noch mit Wanderschuhen da es am Morgen wieder recht frisch ist. Die Richtung ist klar. Trotzdem glauben wir schon nach den ersten Metern uns verlaufen zu haben. Wo sind nur die gelben Pfeile? Oder bin ich zu aufgeregt? Denn das bin ich. Wir laufen nun fast einen Monat, Tag für Tag, mit dem Ziel Santiago. Ja man sagt der Weg ist das Ziel. Das stimmt ja auch. Ich bin mir trotzdem nicht sicher ob es noch genauso ist, wenn wir weitergehen nach Finisterre. Das Große was in Erinnerung bleibt, ist doch Santiago. Die Stadt die man mit dem Jakobsweg verbindet. Die Stadt über die man fast täglich nachdenkt unterwegs. Die Stadt zu der ich „hin gehe“ um das zu sehen was mich erwartet. Was genau? Ja, ich sagte doch … ich bin aufgeregt – was es sein wird. Noch 4 Kilometer. Wir kommen an die Stadtgrenze und das erste Bild ist eine 8-spurige Autobahn und Gewerbegebiete. Dann kommen wir zum Ortseingangsschild. Hier zieht Antje ihre Schuhe aus und geht barfuß weiter. Mir Mimose ist es zu kalt und ich bin zu feige. Noch 3 Kilometer. Kaum sind die Schuhe aus, zieht ein Regenschauer durch. Mist wo kommt der denn bitte her? Kurz. Nur 10 Minuten aber so reichlich, dass alles wieder klatschnass ist. Wir warten unter einem kleinen Vordach bis der Regen weg ist und gehen weiter. Noch 2 Kilometer. Die ersten Bars und Geschäfte. Leute die zur Arbeit aufbrechen oder auf den Bus warten. Ein Wegweiser sagt: noch 800 Meter bis zum Seminario Menor (unsere ausgesuchte Albergue). Von da aus sind es ebenfalls nochmal 800 Meter bis zur Kathedrale. Noch 1 Kilometer. Nach einer Linkskurve sehe ich zum ersten Mal die Türme der Kathedrale aus kurzer Distanz. Ich erschrecke fast wie nah wir schon sind. Es ist nicht mehr weit! Plötzlich sind auch viele Pilger unterwegs. Bis hierher habe ich geglaubt ich bin mit Antje allein unterwegs. Der letzte Fußgängerüberweg und wir kommen in die Altstadt. Enge Gassen versperren jetzt die weite Sicht. Autos dürfen hier nicht fahren. Die Gassen sind noch nass und die Geschäfte und Bars sind alle … geschlossen! Ich bin etwas verwirrt. Soll Santiago auch so ausgekehrt sein wie alle anderen Städte bisher? Aus lauter Aufregung biege ich sogar nochmal falsch ab. Andere Pilger bemerken das sofort und fragen wo wir hin wollen. „Zur Kathedrale?! – Da lang? – Oh ja danke!“ Wir gehen durch den bekannten Torbogen und stehen auf dem Platz vor der Kathedrale. Es ist geschafft! Als erstes bin ich überwältigt von dem beeindruckenden Bauwerk. Dann schaue ich über den Vorplatz der Kathedrale, den Praza do Obradoiro. Eingerahmt vom Amtsgebäude mit dem Polizeipräsidium und vom Parador, der ehemaligen Pilgerherberge und heutigem Nobelhotel. Etwas windig und noch nicht so richtig hell machen wir die ersten Fotos von uns und der Kathedrale. Das „wir waren hier Foto“ ist mir persönlich hier besonders wichtig. Es werden an diesem Tag noch hunderte folgen. J Wie nun weiter? Was tun wir als Erstes? Pilgerbüro? Albergue? Kathedrale? Stadtrundgang? Frühstück? Einen brauchbaren Plan können wir beide gerade nicht aufstellen. Okay, wir stehen vor der Kathedrale also gehen wir zuerst da rein. Am Eingang steht ein Schild „no backpack!“. Stimmt. Das haben wir gewusst, nur nicht daran gedacht. Es beginnt wieder zu regnen. Nein es schüttet nochmal aus Eimern. Also vernünftigerweise erstmal Frühstück. Dabei können wir in Ruhe planen. Zu dem bekommen wir hier zufällig, von einem Pilger der heute abreist, einen Stadtplan geschenkt. Eine große Hilfe! Nach dem Frühstück gehen wir ins Pilgerbüro unsere Compostela holen. Außerdem kann man im Pilgerbüro seine Rucksäcke abgeben. Etwa 3-4 Pilger stehen vor uns in der Schlange. Wir haben gerade so viel Zeit um zu verstehen wie es weiter abläuft. Ein Bildschirm zeigt eine Nummer. Dies ist die Schalternummer des Bearbeiters zu dem ich jetzt gehen muss. „Hello! Congratulation. Where do you start?“ – „Ähm – äh in Burgos.” Danach schaut sich der Herr alle Stempel und vor allem die Daten in der Credential an. Es ist natürlich lückenlos. Trotzdem bin ich angespannt wie bei einer Prüfung. „Which day you start in Burgos?“ Der Stempel aus Santander scheint ihn zu verwirren. „At the 17th of April“ – „Ah Okay, thanks.“ Das Datum brauchte er nur für die Pilgerurkunde. Und dann lag sie gleich vor mit. Die Urkunde der Pilgerschaft von Ronaldum Schwabe. Die Compostela ist traditionsgemäß in Latein. So habe ich meinen Namen auch noch nie gesehen. Wir packen uns ein „kleines Gepäck“ und gehen mit einem Sicherheitsmann in einen Raum wo die Rucksäcke eingeschlossen werden. Stolz und glücklich gehen wir wieder zur Kathedrale. Ich bin immernoch aufgeregt und wieder dankbar. Antje hat es möglich gemacht, dass wir den Camino gehen konnten. Sie zeigt mir all die besonderen Plätze, die sie schon kennt. All das was sooo Besonders ist. Wir hätten an vielen Orten „spektakulär“ wandern können aber das HIER ist fürs Herz. Das öffnet die Augen und verändert das Denken. Das ist Lebenserfahrung die man niemals ergoogeln kann. Ich bin so dankbar, dass ich dies mit Antje erleben darf. Da ist wieder dieses Glück! Ich bin jetzt der Meinung, dass wir in unserer Zeit, in unseren Leben, nie echtes Glück empfinden. Wir können alles haben, können alles kaufen und können überall hinfahren wo wir wollen. Was wir für Glück halten ist das, was uns unsere Konsumgesellschaft als Glück verkauft. Scheiße verpackt mit Schleife und einem falschen Lächeln. Hier auf diesem Weg war ich jetzt schon öfters plötzlich glücklich. Ohne einen festen Grund. Weil das Wetter so schön ist oder weil ich genau jetzt hier bin. Hier haben alle die gleichen Sachen in ihren Rucksäcken (nur das nötigste). Alle essen und trinken annähernd dieselben Dinge (meist einfach und unkompliziert). Dennoch (oder gerade deswegen) sind fast alle glücklich hier! Ich hoffe den Blick dieses Glück sehen zu können, mit nach Hause nehmen zu können.

Auf dem Weg zur Kathedrale sehen wir mehrere MSC-Reisegruppen in verschiedenen Sprachen durch die Stadt ziehen. Das Durchschnittsalter liegt um die 70 Jahre. Als Gruppe laufend stehen sie überall im Weg und drängeln sich vor. Diese Gruppen verstopfen meist um die Mittagszeit die Stadt. Sie werden vom Schiff in den Bus gesetzt, durch Santiago getrieben und dann aber schnell zurück zum Schiff. Täglich aufs Neue und ca 14.00 Uhr ist der Spuk immer vorbei. Danach gehört die Stadt wieder den ankommenden Pilgern. Besonders unangenehm sind uns hier wieder die Deutschen aufgefallen. Die selbstbewussten Damen und Herren aus Deutschland geben sich meist große Mühe, auch die letzten, peinlichen Vorurteile zu bestätigen. Auch hier unterhalte ich mich das eine oder andere Mal auf Englisch mit Antje, um nicht als Deutscher aufzufallen.

Vor der Kathedrale stehen wir nur kurz an. Im Inneren stehen große Baugerüste, so dass es mir nicht möglich ist, ein wirkliches Bild vom gesamten Innenraum zu bekommen. Auch einen ungehinderten Blick zum Altar hat man nicht. Die Kathedrale wird das ganze Jahr 2019 über im Inneren restauriert. Immer wenn der Namenstag des Apostels Jakobus, am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, feiern die Spanier ein Heiliges Jahr. Das nächste ist 2021 und dann soll alles wieder hübsch sein. Leider werde ich dadurch auch den berühmten Botafumeiro, den 80 kg schweren Weihrauchkessel, nicht fliegen sehen. Ich muss wohl irgendwann zurückkommen! Zum Glück ist aber der Zugang zum Apostel frei. Wir gehen in mitten einer MSC Gruppe die Stufen hinter dem Altar hoch. Die MSC Lemminge gehen einfach an der Statue vorbei und drüben wieder runter. Häh?? Wissen die gar nicht … egal! … so hat erst Antje, danach ich, ausreichend Zeit die Jakobusstatue im Altar zu umarmen. Wie es seit jeher Brauch ist, halte ich kurz inne während ich die lebensgroße Figur umarme. Es ist ein besonderes Gefühl was ich nicht beschreiben kann. Ich fühle mich gut. Sehr gut! Der Apostel fühlt sich irgendwie … wohlig an. Obwohl die Oberfläche des Mantels mit Metall und kleinen Perlen verziert ist, habe ich den Eindruck, dass die Statue „weich“ ist. Ja. Klingt blöd. Aber wie gesagt – ich kann es nicht anders beschreiben. Danach geht es die Stufen auf der anderen Seite wieder hinab. Ein paar Schritte weiter und danach nochmals unter dem Altar hindurch. Hier geht es vorbei an dem goldenen Sarkophag, in dem die Gebeine des Apostels liegen sollen. Auch hier haben wir wieder ausreichend Zeit, da die MSC Senioren einfach vorbeigehen. Wir haben sogar genug Ruhe um eines unserer grünen Bänder, durch die Absperrgitter, in Richtung Sarkophag zu werfen. Danach können wie die Kathedrale verlassen. Wenn das Ziel unseres Weges auch das Ende der Welt in Finisterre ist, so ist das Ziel des Pilgerweges ja das Grab des Jakobus. So viele verschiedene Gefühle die es erst noch zu verarbeiten gibt. Und schonmal vorgegriffen, bin ich auch 2 Monate später noch mitten drin.

Als nächstes wollen wir um 12.00 Uhr zu unserer Pilgermesse, bei der alle an diesem Tag angekommenen Pilger begrüßt werden. Aufgrund der Bauarbeiten findet auch die Messe nicht in der Kathedrale statt, sondern in der Iglesia St. Francisco. Auf dem Weg dorthin treffen wir Gerhard. Dessen Flug wurde abgesagt und er muss nun umplanen. Wir zeigen ihm kurz den Weg zum Pilgerbüro und zur Kirche und verabschieden uns erstmal. Er wollte vermutlich noch an diesem Tag mit dem Zug nach Madrid fahren.

Die Kirche ist zur Pilgermesse reichlich voll. Nur Pilger und keine Touristen. Wenn auch ein paar Touristen-Pilger, die erst in Sarria gestartet sind, mit hier sitzen. Plötzlich, so habe ich das Gefühl, hört man nur noch deutsche Stimmen. Wo waren die alle bisher? Sind die alle erst in Sarria gestartet? Die Messe war wirklich für Pilger gemacht und die Atmosphäre außergewöhnlich. An die glasklare Stimme der singenden Nonne werde ich mich immer zurückerinnern.

Nach der Messe holen wir unsere Rucksäcke wieder ab. Wir staunen, wie viele Pilger jetzt im Pilgerbüro anstehen. Wir hören später, dass man jetzt 2 Stunden Wartezeit in Kauf nehmen muss. Meine Fresse hatten wir da Glück! 1120 Pilger werden heute hier ankommen. Wir gehen Richtung Seminario Menor (die größte Albergue in der Stadt) mit einem Plan. In Santiago darf man ausnahmsweise mehrere Nächte in den Herbergen verbringen. Ich bestelle mir ein Einzelzimmer für 2 Nächte. (Una Habitacion de una Persona para dos Noches por favor.) Und als ich raus bin geht Antje sich ein Bett im Schlafsaal bestellen. So können wir etwas preiswerter im Zimmer schlafen. 😉 Der Plan geht auf und wir beziehen unser Bett mit dem gewohnten Einwegbezug. Wir packen wieder unser „kleines Gepäck“ und gehen wieder in die Stadt. Es ist gleich 15.00 Uhr und wir haben langsam Hunger. Eine leckere Pizza vom Italiener hilft. Danach durchstreifen wir die Gassen und ein paar Souvenirläden. Am Platz vor der Kathedrale wird es voll. Die Kreuzfahrer sind weg und überall liegen Pilger auf dem Boden. Die Sonne scheint und wir machen es uns mit einer Flasche Wein und Keksen gemütlich. Jetzt bei Sonnenschein macht das „Angekommenfoto“ nochmal mehr Spaß. Wir treffen auch Bekannte wieder, die gerade ankommen. Auch die Koreaner (Mutter und Tochter) fallen uns quasi vor die Füße. Plötzlich wirft jemand seinen Rucksack, direkt vor uns, auf den Kathedralsplatz. Die ältere Koreanerin legt sich daneben, Arme und Beine von sich, und bleibt regungslos liegen. Die Tochter erklärt, dass ihre Mutter wütend sei, da sie 2 Stunden im Pilgerbüro anstehen musste. So sieht es also aus wenn man in Korea wütend ist. Davon können wir alle lernen. 😉 Wir schwatzen kurz und machen gemeinsame Erinnerungsfotos. Wer weiß ob man sich nochmal über den Weg läuft. Einige gehen morgen schon weiter nach Finisterre, andere fliegen nach Hause. Wir bleiben noch einen Tag in Santiago und wollen morgen noch einmal schauen wer noch ankommt. Außerdem soll es regnerisch werden und das sitzen wir hier lieber aus. Abendessen gibt es aus dem Supermarkt in unserem Zimmer.

Vor der Kathedrale

Gerhard 😆

Unsere „Lieblingskoreaner“ 😆

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