Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 14

Sonntag 28. April 2019

 

Das Bett und die Nacht waren eigentlich bestens. Trotzdem bin ich am Morgen noch hundemüde. Müde, Kopfschmerzen und ist da ein Kratzen im Hals???

Beim Frühstück waren wir, wie so oft, die Ersten. Auch die Ausgangstür wurde gerade erst aufgeschlossen als wir starten. Nach Kaffee und Brot geht es pünktlich 7.00 Uhr los. Kurz vor Sonnenaufgang (7.15 Uhr) und wieder wolkenlosen Himmel in Richtung Foncebadon. Vor dem Ort zog kurzzeitig Nebel auf. Das macht den mystischen Ort noch geheimnisvoller. Den Meisten wird Foncebadon durch das Buch von Hape Kerkeling bekannt vorkommen. Ein Ruinendorf wo es wilde Hunde geben soll. Im Vergleich zu Antjes Fotos von vor 10 Jahren hat sich der Ort aber ziemlich verändert. Die Straße in den Ort ist plötzlich asphaltiert. Recht viele Gebäude sind mittlerweile restauriert und wieder aufgebaut. Viele Pilgerherbergen und Bars. Der sagenumwobene Ort Foncebadon hat etwas von seinem Zauber verloren. Es ist eigentlich ja gar nicht schlimm wenn ein verlassenes Dorf wiederbelebt werden kann. Der markante Wegpunkt am Camino verliert aber langsam seine „Sonderstellung“. In den verbleibenden Ruinen ist das Geheimnisvolle von Foncebadon aber noch am Leben. Hier im Ort sehe ich auch zum ersten Mal die Touristenpilger. Sie werden mit einem Kleinbus an die letzte mögliche Stelle gebracht um von dort loszulaufen. Binden sich gegenseitig aber noch Jakobsmuscheln an ihre Minirucksäcke die zeigen sollen, dass sie pilgern. Im Stechschritt geht es dann in der Gruppe los. Ich weiß nicht wie weit sie an diesem Tag laufen werden. Vermutlich nur übers Cruz de Ferro und nach El Acebo, wo die Busse wieder halten können. Egal! Wir erreichen kurz nach Foncebadon das Eisenkreuz, ohne irgendeinen Hund gesehen zu haben. Der 4 Meter hohe Steinhaufen am Fuße des Kreuzes ist noch fast ohne Pilger. Wir treffen hier Tim, der aus Berlin kommt und einen 3 monatigen Urlaub zum Pilgern nutzt. Er kam über den Via de la Plata aus dem Süden Spaniens, geht jetzt den Frances und ab Santiago den Portugues dann rückwärts. Ihm geben wir Kamera und Handy um ein Foto von uns beiden zu bekommen. Dann nehme ich mir Zeit für das Ablegen meiner Steine. Ich habe mir vor dem Jakobsweg viele Gedanken gemacht. Was will ich an Sorgen hier abladen? Der Brauch ist, dass jeder Pilger einen Stein, symbolisch für die Last die er mit sich herumträgt, hier ablegt. Im Mittelalter sollte die Last des Steins die Wage beim jüngsten Gericht zu Gunsten des Pilgers beeinflussen. Mein Leben hat sich in den letzten Jahren schon recht auffällig verändert. Wo wäre ich jetzt, wenn mein Schicksal ein ganz klein wenig anders gelaufen wäre. Hätte ich aufgehört zu rauchen wenn ich nicht mit meiner Schwester gewettet hätte? Wäre ich dann auch zum Laufsport gekommen? Wäre ich einen Marathon gelaufen? Geheiratet? Umgezogen? Zu Fuß über die Alpen? Mein Leben gefällt mir! Wie es sich zufällig entwickelt hat oder irgendwo schon fest vorgezeichnet ist. So sollte auch mein ganzes Leben mit auf diese Reise kommen. Ich habe einen Stein aus Oberlungwitz geholt. Die erste Wohnung an die ich mich erinnern kann. Ich war dort an diesem Ort und habe einen Stein mitgenommen der vielleicht vor 40 Jahren schon dort war und über den ich als kleines Kind schon gegangen bin. Stein Nummer 2 ist aus Mittelbach – Hofer Straße 38. Der zweite Ort den ich von Herzen als Zuhause bezeichnet habe. Kindheit, Lehrzeit und „Erwachsenwerden“. Alle Kindergarten und Schulfreunde habe ich hier kennengelernt und deswegen bezeichne ich mich als „Mittelbacher“ – egal wo ich wohne. Der nächste Ort und Stein Nummer 3 ist Grüna – Bergstraße 3. Wirklich gewohnt habe ich dort nur kurz als Übergangslösung. Aber meine Eltern wohnen hier und ich weiß, mir wird hier immer geholfen wenn es notwendig wäre. Stein Nummer 4 ist wieder aus Mittelbach – Hofer Straße 99. Eigentlich der Stein aus dem Lebensabschnitt, den ich eben erst abgelegt habe und somit vielleicht der Wichtigste. Ich habe auch noch einen fünften Stein im Gepäck, den ich aber hier nicht ablegen werde. Ein Stein aus Oberwiera. Am Cruz de Ferro bleiben also nur Steine aus meinem ganzen vergangenen Leben. Jeder beschriftet mit einer ungeliebten Eigenschaft von mir. Ich habe mir Zeit gelassen einen Platz für meine „Last“ zu finden. Ich habe sie abgelegt und noch einmal an all das gedacht.  Danach habe ich mir die beschrifteten Steine der anderen Pilger angesehen. Gänsehautfeeling wenn man diesen 4 Meter hohen Berg an „Lasten“ sieht. Lasten, Trauer, Wünsche, Gedanken – jeder Stein Schicksal – jeder Stein eine Geschichte. Auf meine eigenen Gedanken an diesem Ort möchte ich hier im Blog nicht näher eingehen. Der persönlichste Ort auf jedem Fall! Was ich mir hier vornehme, werde ich als erstes in Angriff nehmen sobald wir wieder zu Hause sind.

Der Rest des Tages geht nur noch bergab. Zuerst recht angenehm bis Manjarin, was fast genauso viele verlassene Ruinen hat wie Foncebadon. Tomás, der sich in der Nachfolge der Tempelritter sieht, gründete in Manjarín in den 90er Jahren eine einfache Pilgerherberge, die mit der Fahne der Tempelritter beflaggt ist und zu den sehr besonderen Unterkünften am Jakobswegs zählt. Danach wird der Weg steiler. Es erinnert mich an die Alpenabstiege vom letzten Jahr. Die schneebedeckten Berge ringsum machen das Bild perfekt. Nach reichlichen 7 Kilometern ist El Acebo erreicht. Zeit für eine Stärkung. Am Ortsausgang erinnert ein modernes Denkmal aus Bewehrungsstahl an den Tod des deutschen Fahrradpilgers Heinrich Krause, der hier am 13. August 1987 zu Tode kam. Am Wegesrand stehen so einige Kreuze von hier verstorbenen Pilgern. Man vergisst schnell, dass es auch Strapazen für den Körper sind. Tag für Tag bei Regen, Schnee oder wie heute bei Hitze. Bis zu unserem Etappenziel in Molinaseca wird es nicht mehr flach. Stetig und steil bergab. Treppensteigend gleichend. Heute waren es somit 26 Kilometer. Wer Hapes Buch „Ich bin dann mal weg“ kennt, kennt auch Schnabbel. Wir haben seit gestern auch eine Schnabbel. Gestern, als wir in Rabanal vor der Herberge warteten kamen 2 Deutsche Frauen mit quiekend lauten Stimmen an uns vorbei und suchten den kleinen Laden dort im Ort. Wir waren erst froh, endlich Deutsche zu treffen. Die nervige Art und Weise und das laute unterhalten der beiden, hat uns dort schweigen lassen. Heute am Cruz de Ferro kam der zweite Auftritt der beiden Sirenen als wir mit Tim sprachen. Auf dem weiteren Weg haben wir sie dann überholt. Nur schnell weg! Gehört haben wir die beiden noch eine Weile hinter uns. Nach dem Wäsche waschen, sitzen wir jetzt im Garten unserer Albergue und wen hören wir einchecken? Die beiden lautesten Rheinländerinnen, Sylvia und Maria. Kurz vor den beiden angekommen sind Heidrun und Margret aus Thüringen. Heidrun lässt sich nach dem duschen vom Hospitalero einen Fön geben. Sylvia entgeht dies nicht und schreit durch das Treppenhaus ihre Freundin in der 1. Etage an: „Mariiaaahh die haben hier nen Haaaaartrockner!“ Maria von oben: „Waaaas??“ Sylvia:“Nen Haaaaartrockner!“ Heidrun aus Thüringen kann das natürlich nicht überhört haben und schaut mich mit einem allessagenden Blick an. Wir verstehen uns stumm. 🙂

Die Thüringerinnen, beide Rentner, sind seit Pamplona auf dem Camino. Das ausgewiesene Menü del Dia (Tagesmenü für Pilger) findet nicht statt, weil der Hospitalero wohl den Koch nicht telefonisch erreichen kann. Was er uns aber macht ist eine Pizza. Selbstgemacht und mal nicht aus der Mikrowelle. Der Schlafraum hat 10 Betten. Wir beide, die zwei Koreanerinnen von gestern, zwei Niederländer, ein Südafrikaner und der Rest Spanier. Einer davon im Anzug und Stoffschuhen. Wie wir später erfahren ist er nach der Arbeit einfach losgelaufen um sich klar zu werden was er in Zukunft tun möchte. Respekt! Klasse Schritt! Mutig! Er wird mir in Nachgang ein Vorbild sein. Aber dazu später mehr.

Das Kratzen im Hals ist noch da. Ich hoffe mal auf ein Wunder. Ein Zweites.

Cruz de Ferro

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