Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 12

Freitag – 26. April 2019

Der Influenza Lutz war der Erste der wach war. Die beiden Asiaten und wir sind dafür die Ersten die aufbrechen. Ein Frühstück mit getoastetem Brot und aufgewärmten Kaffee vom Vortag sind besser als nix. 7.00 Uhr laufen wir wieder Richtung Westen. 6 Kilometer geht es nochmal entlang der Schnellstraße, bis der Weg endlich wieder sehenswert wird. Und wie! Wir kommen nach einem Tag Großstadt und 2 Tagen Schnellstraße nach Hospital de Orbigo. Bekannt wurde die mittelalterliche Stadt im Jahr 1434. Über den Rio Orbigo führt eine lange Brücke. Der sogenannten Paso Honroso des Ritters Suero de Quinones. Dieser soll zwischen dem 10. Juli und dem 9. August 1434 auf der Brücke von Hospital de Orbigo alle nach Santiago de Compostela pilgernden Ritter herausfordert haben. Es heißt, Don Suero habe 300 Lanzen gebrochen und keinen Zweikampf verloren. Nach Abschluss des Turniers sollen Herausforderer und Gegner gemeinsam nach Santiago de Compostela zum Schrein des Apostels Jakobus gezogen sein. Diese Brücke machte mächtig Eindruck auf mich. Wir waren sehr früh dort und wir hatten die ganze Brücke für uns allein. Das 350 Meter lange Bauwerk führt nicht gerade über den Fluss und auch nicht in einer Höhe. In einem leichen Linksbogen und mehreren auf und ab überquert man am Ende den eigentlich recht schmalen Rio Orbigo. Im Licht der aufgehenden Sonne ist die Brücke uns ein tolles Fotomotiv. Ansich wollten wir hier eine Kaffeepause machen. Abgesehen von den 3-4 Pilgern, die sich auf den Weg machten, schlief die Stadt noch. Kein Bäcker und keine Bar. Der Mikrowellenkaffee von heute Morgen war geschmacklich abscheulich und von der Konsistenz her eher ein Kaffeekonzentrat. 3 Kilometer weiter konnten wir unsere Kaffeepause aber dann schon nachholen, Um es landschaftlich etwas uriger zu haben sind wir ab Villares de Orbigo eine Camino Alternative gegangen. Durch kleine Dörfer führte der Weg wo jetzt mehr und mehr Tierhaltung zu finden ist. Jetzt wo wir die Meseta verlassen haben, wird der Boden immer karger und steiniger. Die Erde sieht aus wie Ton mit Unmengen kleiner Steine. Es geht auch mittlerweile wieder etwas hügeliger zu. Unterwegs denke ich an Shirley Maclaine, die diese Region beschreibt und sich hier irgendwo zum Schlafen unter einen Baum gelegt hat. Die flachen Bäume laden auch dazu ein und ich kann mir diese Szene sehr gut bildlich vorstellen. Leider ist es für einen Mittagsschlaf ein wenig zu kalt. Eine Mittagspause mit Käse, Brot und Oliven ist aber allemal drin. Auf einem Berg, 5 Kilometer vor Astorga, sitzt ein Mann mit einer Gitarre und spielt für jeden Pilger ein Lied. Er empfiehlt uns die Albergue Municipal St. Maria. Eine klasse Werbung wie wir finden! Viel besser als diese Handzettel die unterwegs unter irgendwelchen Steinen liegen. Das ehemalige Kloster haben wir uns aber eh schon vorher ausgesucht. Astorga hat touristisch einiges zu bieten. Einen Bischofspalast der 1887 von Antoni Gaudi gebaut wurde. (Ja, der von dem auch die Sagrada Família in Barcelona ist) Direkt daneben die Kathedrale Santa María die das Stadtbild dominiert. Astorga war zur Zeit der Römer der nördlichste Endpunkt der römischen Straße Via de la Plata. Das Pilgermuseum im Gaudipalast haben wir uns gespart. Mit unseren Pilgerausweisen haben wir in der Kathedrale einen vergünstigten Eintritt bekommen. Statt 5,00 Euro pro Person nur noch 3,50. Die Kathedrale hat mich mehr interessiert als der Bischofspalast. Sie hat (im Vergleich zu Leon) äußerlich mehr mit Jakobus und dem Pilgern zu tun. Dinge, die man auch als Laie findet. Die Herstellung von Schokolade hat in Astorga eine lange Tradition. Zahlreiche Geschäfte und sogar ein Schokoladenmuseum hat die Stadt. Zum Mittag haben wir uns ein Pilgermenü gegönnt und für den Abend den Supermercado genutzt. Inklusive einer weiteren Flasche Wein. Dumm nur, dass direkt danach in unserer kirchlichen Herberge eine Pilgermesse stattfinden sollte. Na endlich, dachten wir. Die Messe war nur für die Pilger. Schonmal gut. „Wenn wir die Einzigen sind, gehen wir aber wieder.“ Sage ich und kurz darauf sind wir die ersten beiden die zur Messe in einem kleinen, sagen wir mal „Wohnzimmer mit 3 Reihen Holzklappstühlen, kommen. Vor uns steht ein ca. 90-jähriger Pfarrer in einem weißen Umhang. Dieser freut sich sichtlich als wir ihn mit „Ola buenos dias“ begrüßen. Wir stellen fest, DASS wir die einzigen sind und ich traue mich trotzdem, oder besser wegen des Opipfarrers, nicht,wieder zu gehen. Zum Glück kommt direkt noch ein Amerikaner dazu. Dann kommt einer nach dem anderen. Zwei Spanier, zwei Asiaten und einer der Spanier, die eigentlich Italiener sind. Der verwirrt wirkende Geistliche versucht jeden ein Textheft in seiner Landessprache zu geben. Manche haben 2 Texthefte, andere keins in ihrer Sprache bekommen. Der Pfarrer kann leider nur Spanisch und gibt sich trotzdem große Mühe, dass jeder etwas versteht. Erst wurde gesungen. Dann musste Antje etwas aus ihrem deutschen Textheft vorlesen. Danach ist eine Kerze entzündet worden. Diese sollte herumgegeben werden und jeder, der die Kerze in Händen hielt, sollte in Gedanken einen Wunsch aussprechen. So hatte ich es verstanden. Ich war Nummer 2 in der Reihe. Meinen Wunsch „Gesund in Santiago anzukommen“ hatte ich in still „gesprochen“. Danach wollte ich die Kerze wieder loswerden bzw. weitergeben. Ich sah den Pfarrer an, er mich auch, und nichts passierte. Er schloss die Augen und ich saß mit meiner Kerze da. Dann hörte ich Antjes Kichern. – Ab hier war es nur sehr schwer möglich einem Lachanfall zu entgehen. In unserer Weinlaune eine kleine Qual. Gefühlte Ewigkeiten hat es gedauert bis ich von dem Pfarrer erlöst wurde und die Kerze an Antje übergeben durfte. Das war allerdings noch keine Lachflashentwarnung. Antje und alle anderen mussten ja noch „wünschen“. Ca.5-6 Minuten oder eine gefühlte Stunde nicht lachen. Ohje! Das war nur mit äußerster Anstrengung zu meistern. Am Ende sind wir für den weiteren Weg gesegnet worden. Der 4. Segen in 48 Stunden – wenn das nichts ist. In Mittelbach war ich, soweit ich mich erinnere, nach der Konfirmation noch ein einziges Mal in der Kirche. Egal. Oder … schließlich sind wir auf dem Jakobsweg. Die Temperaturen sind inzwischen auch fast sommerlich. So sitzen wir noch nach der Messe im Freien und leeren den Rest unserer Weinflasche und lachen bis die Tränen kommen. In der großen Albergue haben wir ein 4 Bett Zimmer. Mit uns im Zimmer ist wieder der Schnellläufer Opi. Schaut also nach einer entspannten Nacht aus. Amen! 🙏

Gaudi Palast

 

Unser „Opi-Pfarrer“ in Astorga

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