Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 9

Dienstag – 23. April 2019 – Unser Hochzeitstag

Beim Frühstück hat es noch geregnet. Der Einklatscher aus Asien startet mit Poncho. Darum bin auch ich in voller Regenkleidung vor die Tür. Gerade in diesem Augenblick scheint es aufzuhören. Noch 300 – 400 Meter Nieselregen, ab da wird mein Poncho heute nicht mehr nass. Es weht ein kräftiger Wind darum behalte ich alles noch an. Es schützt auch gut gegen kalten Wind. Viel passiert heute nicht. Wir sind seit einer Woche in der Meseta unterwegs also ist immer noch alles flach. Viele Orte passieren wir heute auch nicht. Von Calzada del Coto sind es 9 Kilometer bis nach El Burgo. Es ist noch vor 9.00 Uhr und da wir ja schon gefrühstückt haben, gehen wir weiter. Bis Reliegos sind es 12,5 Kilometer. Unterwegs haben wir windgeschützt gerastet und ich habe endlich meine Regenklamotten weggepackt. 11.30 Uhr kommen wir in Reliegos an. Die Bar Elvis (müsste man eigentlich gesehen haben) hatte leider geschlossen. Die irrste Bar vom irrsten Typ am Camino. (alles positiv gemeint) Habe ich vorher darüber gelesen. Wir brauchen dringend eine Pause zum Aufwärmen. Es ist noch zu früh um für heute Schluss zu machen. Wir gehen also noch nach Mansilla de las Mulas. Das sind noch 6,5 km und die Lust zu laufen fehlt etwas. Aber um diese Zeit bekommen wir noch keine Unterkunft. Vor 13 Uhr geht da nix und das ist auch gut so. Der ganze Tag verläuft entlang einer Straße. Viel Verkehr ist hier nicht, trotzdem viel Langeweile. So zieht sich die letzte Strecke des Tages und wir fallen in den Pilgerkoller. „Alberguo und Camino Power mit ihrem Hit Municipal (Felicita)“ 🙂

Die Städtische Herberge erreicht bekommen wir unsere Betten in einem 6 Bett Zimmer. In Mansilla de las Mulas wäre heute ein Fest. „DAS“ Fest! Darum würde auch der Markt in der Stadt und die Geschäfte dann schließen. Wir sind gespannt! Beim Ortsrundgang hatte endlich mal eine Kirche geöffnet. Im Inneren standen noch alle Requisiten der Osterprozession. Oder für „DAS Fest“?!

Ein Pilgermenü haben wir uns in einem Mittelalterrestaurant gegönnt. Sehr nobel! Es ist noch nichtmal 16.00 Uhr und außer uns sind nur 3 andere Pilger zum Essen hier. Die Spanier haben Siesta und in Deutschland würden wir gerade Kaffee trinken. Der Tagesablauf als Pilger ist eben anders. Morgen haben wir bis Leon nur noch 18 Kilometer. Um noch genug von der Stadt sehen zu können, ist es gut so zeitig wie möglich anzukommen. Im einzigen noch offenen Laden haben wir eingekauft und unseren Proviant aufgefüllt. Die Siesta war vorbei und die Stadt war leer. Ja, hatte der Hospitalero ja angedroht wegen „DAS Fest“. Der Abend in Mansilla de las Mulas kam mir wie Zeit vertreiben vor. Ein Fest war nirgends zu sehen oder zu hören. Wir entschlossen uns nochmal für die Bar gegenüber unserer Albergue. Hier liefen 2 Fernseher. Einmal mit einem Fußballspiel, im anderen eine Soap. Beides natürlich mit Ton und um das Rummelplatzfeeling noch perfekt zu machen, lief auch noch das Radio. Nach Wein und Bier haben wir für Leon ein Doppelzimmer vorgebucht. Das einzige mal in 4 Wochen Camino haben wir reserviert. Um in der Großstadt nicht nach der Albergue suchen zu müssen und um so zentrumsnah wie möglich zu sein. Danach war es plötzlich schon kurz vor 20.00 Uhr. Da ist laut Aushang in der Kirche eine Messe. Mit guter Bierlaune ging es nochmal die 100 Meter rüber zur Kirche. Als wir ankamen waren da ca. 10 Einheimische und keine Pilger. Antje versteht es, mir vor Lachen die Tränen in die Augen zu treiben. „Schweinefleisch“ oder „Einen Fuffie wenn …“ reicht da schon. Ein paar Omis setzten sich direkt vor uns in die Reihe und auch 2 weitere Pilger verirrten sich noch auf der Suche nach „DAS Fest“. Insgesamt waren jetzt 40 Leute in der Messe. Es kann sehr gut sein, dass ich reichlich 25 Jahre nicht bei einem normalen Gottesdienst war. Taufe oder die Hochzeit meiner Schwester klammer ich da mal aus. Die Kirchgänger in Mittelbach waren für mich alles andere als aufrichtig. Ich würde einen Teil sogar als Verräter an den christlichen Werten betiteln. In der CDU gewesen und besonders fleißig in der Kirche – dann aber AfD-Parolen auf das eigene Auto kleben. Nächstenliebe habe ich nicht als herkunftsabhängig verstanden. Das soll aber jetzt kein politischer Vortrag werden. Gott und den Glauben an Gott will ich auf keinen Fall werten! Für mich ist spirituell alles denkbar. Ein Gott ist denkbarer als ein Abstammen des Menschen von einem Wesen was aus dem Meer gekrochen ist.

Zurück in die Kirche! Trinke jedenfalls niemals wenn du danach noch in eine Messe gehst und du die Sprache nicht verstehst. Aber diesen „Fehler“ werden wir noch einmal begehen. Wenn du nicht lachen darfst …oh-oh.

Ich bilde mir ein, die Segnung, das Vaterunser usw. auch auf Spanisch erkannt zu haben. Zum Abendmahl gehe ich mutig mit nach vorn. Als letzter in der Reihe. Nach 25 Jahren. Antje wusste nicht ob sie mit vorkommen soll zum Abendmahl. Eigentlich ja nicht aber warum denn eigentlich nicht? Wer sagt denn das? Die Taufe? Kommunion? Konfirmation? Wenn wir uns auch nicht als Gläubige bezeichnen, dann doch als Suchende. Wenn ich suchend bin, will ich nicht ausgeschlossen werden. Scheiß auf einen rituellen Zwang. Gerade hier am Jakobsweg. Morgen in Leon will sie mitkommen. Abends im Bett war wieder dieses dankbare Gefühl was ich kurz vor Sahagun schon einmal hatte. Dankbar das alles von Antje gezeigt zu bekommen. Dankbar das erleben zu dürfen. Dankbar hier zu sein. Dankbar für die Möglichkeit und diese genutzt zu haben!

Ein Kommentar zu “Zusammen bis ans Ende der Welt – Teil 9

  1. Hallo Ronny,

    ich bin ja eher der Typ „stiller Mitleser“, aber in dem Fall muss ich einfach kommentieren! „Alberguo und Camino Power mit ihrem Hit Municipal“ – GROSS-AR-TIG! Der hat das Zeug zum Klassiker 🤣

    Vielen Dank fürs Teilen Deiner Erfahrungen! Weiterhin Buen Camino (auch wenn Du schon wieder daheim bist), Grüße
    Stefan

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